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30.7.2004
Letzter Flug
Die Spuren des Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry
Von Christoph Vormweg

Antoine de Saint-Exupéry im Jahr 1936 (Bild: AP Archiv)
Antoine de Saint-Exupéry im Jahr 1936 (Bild: AP Archiv)
Als der Autor des berühmten "Kleinen Prinzen", der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry am 31. Juli 1944 von einem Aufklärungsflug nicht zurückkehrte, begannen die Legenden und Mythen um ihn. Im Frühjahr nun wurde das Wrack des Flugzeuges, mit dem Saint-Exupéry seinen letzten Auftrag unternahm und das 60 Jahre im Meer lag, gefunden und geborgen. Jetzt soll die Ligthning P 38 im Luftfahrmuseum Le Bourget bei Paris ausgestellt werden. Ein Andenken für alle Liebhaber des "Kleinen Prinzen".

Saint-Exupéry begreift sich ganz und gar nicht als Held. Pilot zu sein, Kriegspilot, schreibt er in Flug nach Arras, "ist meine Pflicht, mein Beruf, meine Arbeit, die ich so gut erfülle wie eben möglich." Anders als viele Jagdflieger, die für jeden abgeschossenen Feind ein Kreuz auf ihrer Maschine markieren, hat er - als Aufklärungsflieger - kein heroisches Ziel, keine heroische Vision im Kopf.

Wenn ich zwischen den Sternen fliege, sehe ich manchmal in der Ferne ein Licht, von dem ich nicht weiß, ob es ein Stern ist oder eine Laterne auf der Erde, die mir ein Signal gibt. Dann sage ich mir, dass dies meine kleine Consuelo ist, die mich ruft, um mir Geschichten zu erzählen. Und ich versichere dir, dass ich auf diesen Lichtpunkt zuhalte. Sie wurzeln in mir wie die Pflanzen in der Erde. Sie, mein wertvollster Schatz, Sie, meine Welt.

Liebesbezeugungen von Consuelo und Antoine de Saint-Exupéry: Seit 16 Monaten schon kreuzen sie den Atlantik, zwischen ihrem New Yorker Exil und seinen wechselnden Flugbasen in Algier und Neapel, auf Sardinien und Korsika. Eigentlich ist Tonio, wie ihn seine aus El Salvador stammende Ehefrau nennt, mit 44 Jahren viel zu alt für Flugeinsätze. Doch der Schriftsteller und begeisterte Flugpionier hat seine Beziehungen spielen lassen. Er will seinen Teil zur Befreiung Frankreichs von den Nazi-Besatzern beitragen.

Ich ziehe in den Krieg. Ich kann es nicht ertragen, fern von denen zu sein, die Hunger leiden. Ich ziehe nicht los, um zu sterben. Ich ziehe los, um zu leiden und so den Meinen nah zu sein.

Ja, ich habe gewusst, dass Sie gehen würden. Sie wollten sich läutern, Sie wollten sich in diesem Fluss aus Kugeln und Maschinengewehrfeuer reinwaschen.

François Gerber: Saint-Exupéry betrachtet das französische Volk als Geisel Nazi-Deutschlands. Und er sieht seine Rolle an der Seite der Geiseln. Daher sein "Brief an einen Ausgelieferten", den er seinem Freund Léon Werth widmet, einem Juden und Flüchtling. Saint-Exupérys Schreiben ist politisch, kämpferisch. Meine Biographie ist jedoch die erste, die das zur Sprache bringt. Sein Schreiben rückt Saint-Exupéry in die Nähe Vercors', ist aber noch viel direkter.

Vercors, die Gallionsfigur des intellektuellen Widerstandes, so François Gerber, hat 1941 den Untergrundverlag "Les Editions de Minuit" gegründet; Saint-Exupéry, der schon zu Beginn des Zweiten Weltkriegs im Einsatz war, als Hitlers Truppen von Norden aus in Frankreich einfielen, schließt sich den alliierten Streitkräften an. Das intellektuelle Engagement ist ihm zu wenig.

Die Nacht vom 30. auf den 31. Juli 1944 ist feuchtfröhlich. Saint-Exupéry durchzecht sie mit den Piloten seiner amerikanischen Aufklärungsstaffel. Und er schreibt seinen letzten Brief:

Falls ich abgeschossen werden sollte, verschwinde ich, ohne das zu bedauern. Mir graust vor einer Zukunft der Menschheit als Termitenhügel. Ich hasse ihre Roboter-Tugenden.

Am 31. Juli 1944, morgens um viertel vor neun, hebt Saint-Exupérys unbewaffnete Lightning P 38 von Korsika aus zu einem Aufklärungsflug nordwärts in Richtung Alpen ab. Die Alliierten bereiten ihre Landung in der Provence vor. Saint-Ex, wie ihn seine Freunde nennen, soll Fotos schießen. Auf dem Rückflug entlang des Rhône-Tals jedoch verschwindet sein Flugzeug von den Radarschirmen. François Gerber, sein Biograph:

Übrigens wissen wir immer noch nicht, was die unmittelbare Ursache für sein Verschwinden war. Ist er von einem deutschen Flugzeug abgeschossen worden? Oder war das Material seiner amerikanischen Lightning P38 fehlerhaft? Zwar waren das die schnellsten Jagdflugzeuge damals. Doch sie wurden am Fließband hergestellt und waren vor allem in puncto Elektrizität sehr anfällig. Vielleicht ist irgendwas ausgefallen? Oder das Atemgerät war defekt und Saint-Exupéry, der mit seinen 44 Jahren schon ziemlich alt und wegen seiner vielen Unfälle körperlich sehr angeschlagen war, ist ohnmächtig geworden und das Flugzeug ins Wasser gestürzt?

Sie sind ewig, mein Kind, mein Gatte. Ich trage Sie in mir, wie den "Kleinen Prinzen". Niemand kann uns etwas anhaben, wir sind unantastbar wie jene, die im Licht wandeln.

Antoine de Saint-Exupérys spurloses Verschwinden nährt seine Legende. Der Schriftsteller als Held des Himmelszeltes, als Engel der Lüfte, als Ikarus. Keine Schreibtischexistenz, sondern ein Abenteurer, ein Freiheitskämpfer, dem kein Risiko zu groß war. Kein Phrasendrescher, sondern einer, der zu seinem Wort stand. Männliche Solidarität, unbedingte Verantwortlichkeit und Pflichtbewusstsein, Widerstand gegen verderbliche gesellschaftliche Entwicklungen: das waren die ethischen Werte, die er in seinen Romanen hochgehalten hatte: in "Nachtflug", in "Wind, Sand und Sterne", in "Flug nach Arras".

François Gerber: "Flug nach Arras" geht weit über die simplen Kriegsabenteuerromane hinaus, von denen es nach der Niederlage von 1940 ja Dutzende gab. Denn "Flug nach Arras" ist der Aufruf eines Besiegten zum Widerstand. Ein Aufruf, der klar und deutlich war, den aber nur wenige nach dem Zweiten Weltkrieg gewürdigt haben. Denn Sartre hatte das Sagen und Saint-Exupéry galt als zweitrangig. Und so ist er in den Werken zur Geschichte der französischen Intellektuellen bis vor kurzem nicht erwähnt worden. Bei Podiumsdiskussionen bin ich deshalb immer aufgestanden und habe gesagt: "Hören Sie mal, Monsieur, Sie haben da eine Geschichte der französischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts geschrieben. Dann nennen Sie mir doch mal einen französischen Intellektuellen, der von 1940 an zum Widerstand gegen die Deutschen aufgerufen hat und der das in seinen Werken auch formuliert hat! Also danach herrschte dann immer Stille im Saal.

Während im Pariser Literaturbetrieb immer neue Mutmaßungen und Gerüchte über Antoine de Saint-Exupéry umgehen, lagern die meisten seiner Lebensspuren seit 1945 in den Überseekoffern, die seine Witwe Consuelo aus New York zurück nach Frankreich bringt. Ein Schatz, verborgen im Keller ihrer Pariser Wohnung: Briefe, Notizbücher, Kritzeleien, Gedichte. Öffentlich jedoch äußert sich Consuelo erst kurz vor ihrem Tod im Jahre 1979:

Es fällt mir schwer über die intimen Bereiche des Lebens mit meinem Mann Saint-Exupéry zu sprechen. Ich bin überzeugt, dass eine Frau niemals davon reden sollte, und dennoch fühle ich mich verpflichtet, dies vor meinem Tod zu tun. Denn man hat Unwahrheiten über unsere Ehe verbreitet, und ich möchte nicht, dass dies so weitergeht. Trotz des Schmerzes, den es mir bereitet, jene schwierigen Momente, die es in der Ehe gibt, wieder heraufzubeschwören.

Saint-Exupérys Affären: auch sie gehören zur Legende. Und die Legende nährt die Erben. Allein von seinem in 160 Sprachen übersetzten Buch "Der kleine Prinz" werden weltweit 30 Millionen Exemplare verkauft. Saint-Exupérys 100. Geburtstag am 29. Juni 2000 tut sein Übriges. Zu diesem Anlass geben die Erben die Erinnerungen frei, die seine Ehefrau Consuelo 1945 niederschrieb: als Trauerarbeit, um sich zu fangen. François Gerber:

Ich habe mich immer gefragt, seit ich mich mit Saint-Exupéry gut auskenne, was ihn dazu getrieben haben könnte, diese gute Frau zu heiraten. Persönlich war sie ja vielleicht attraktiv. Aber sie stand dem, was er repräsentieren, was ihn inspirieren konnte, sehr entgegen. Sicher war das nur eine Verrücktheit, die er später bereut hat. Sie sind gut zehn Jahre verheiratet gewesen, haben - wenn man die Tage zählt - alles in allem aber nur ein bis eineinhalb Jahre zusammengelebt. Wenn Saint-Exupéry in Paris war, hat er abends lieber mit Léon Werth über Politik und Literatur diskutiert, als zu dieser sonderbaren, geistig ein wenig lähmenden Frau nach Hause zu gehen.

Die Suche nach dem Wrack wird zur nationalen Obsession. Weder der Einspruch der Erben, die ihren Saint-Ex in Frieden ruhen lassen wollen, um den lukrativen Mythos nicht zu stören, kann Militärforscher, Abenteurer und Medien zurückhalten. Auch nicht die Tatsache, dass ein Flugzeug beim Aufprall auf die Wasseroberfläche in Tausende von Teilen zerspringt.

Die erste groß angelegte Suchaktion mit Sonargeräten und Mini-U-Booten wird 1992 von einer Champagnerfirma gesponsort. 1998 folgt eine zweite. Lange gilt eine Bucht westlich von Nizza als wahrscheinlichste Absturzstelle. Bis 1998 einem Fischer unweit von Marseille ein Armband mit dem Namen Saint-Exupérys ins Netz geht. Auch wenn seine Echtheit zunächst bezweifelt wird, nimmt ein Taucher das Indiz zum Anlass, um östlich der Insel Riou die Suche aufzunehmen. Im Frühjahr 2000 wird er in 70 Metern Tiefe fündig. Aber es dauert weitere vier Jahre Puzzle- und Kombinationsarbeit, bis feststeht, dass es sich wirklich um Saint-Exupérys Flugzeug handelt.

Dass die Überreste von Antoine de Saint-Exupérys Lightning P 38 jetzt im Luftfahrtmuseum Le Bourget bei Paris ausgestellt werden, wird seiner Legende nichts anhaben können. Da in den deutschen Militärarchiven am 31. Juli 1944 in besagter Region kein Abschuss durch die Flak oder einen Abfangjäger vermerkt ist, darf über die Absturzursache weiter spekuliert werden. Die wildesten Thesen reichen von Sabotage über Selbstmord bis hin zu der Unterstellung, Saint-Exupéry sei desertiert.


Quellen:
Consuelo de Saint-Exupéry: Die Rose des kleinen Prinzen. Erinnerungen an eine unsterbliche Liebe. Aus dem Französischen von Barbara Röhl. Econ Ullstein List Verlag, München 2001.

Antoine de Saint-Exupéry: Die innere Schwerkraft. Schriften aus dem Krieg. Herausgegeben und aus dem Französischen übersetzt von Reinhard Schmidt. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1990.


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