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6.8.2004
Eine Orgel für Hiroshima
Japanische Geschichten um den Pianisten Wilhelm Kempff
Von Richard Schrötter

Atombombentest  (Bild: AP Archiv)
Atombombentest (Bild: AP Archiv)
Am 6. August ist der Tag, an dem in Hiroshima in jedem Jahr der vielen Opfer gedacht wird, die durch die Atombombe 1945 ums Leben kamen. 9 Jahre nach dem schrecklichen Ereignis 1954 wurde in der neu erbauten Friedenskirche eine Orgel eingeweiht, die Köln der heimgesuchten Stadt in Japan gestiftet hat. Und der sie heute vor 50 Jahren spielte, war der deutsche Pianist Wilhelm Kempff.

Wilhelm Kempff: Selten hat mich in unserem so bewegten Zeitalter eine Nachricht derart ergriffen wie diese, dass in Hiroshima in der Weltfriedenskirche eine Orgel gebaut werden sollte. Man hat oft die Orgel als die Königin der Instrumente bezeichnet. Eine Königin ja, aber eine Königin, welche ein Diadem, eine unsichtbare Krone des Friedens trägt. Mit der Orgel in Hiroshima hat es seine eigene Bewandtnis. Hiroshima - bis zum Jahre 1945 eine Stadt wie andere auch, am herrlichen japanischen Binnenmeere gelegen - ist heute zu einem Begriff geworden, zu einem Symbol, in welchem klar und mit überdeutlicher Helle ein Wille zum Ausdruck kommt: der Wille zum Frieden. Der apokalyptische Blitz auf Hiroshima und Nagasaki hat uns Menschen gezeigt, wo wir stehen. In der Offenbarung des Johannes stehen solche Bilder des Schreckens bereits vorgezeichnet.

Es war ein bewegender Augenblick. Der aus Jüterbog in Brandenburg stammende Pianist Wilhelm Kempff, dessen Stimme wir gerade hörten, war in das ferne Japan gereist, um bei der Einweihung der Weltfriedenskirche in Hiroshima mitzuwirken.

Diana Kempff: Die Familie saß vor dem Radio, daran kann ich mich genau erinnern.

Erzählt die jüngste Tochter des Musikers, die Schriftstellerin und Verlegerin Diana Kempff.

Diana Kempff: Ich weiß, dass meine Mutter rechts von mir saß und das groß angekündigt wurde, dass jetzt dieses wunderbare Konzert im Radio kommt.... Es war diese Situation, ja jetzt spielt der Herr Papa in Hiroshima. Und das war natürlich alles so friedensbelastet, dass man da was beiträgt.

Der "Herr Papa", der 1991 sechsundneunzigjährig in Positano verstarb, war einer der angesehendsten Klavierspieler seiner Zeit. Seine märchenhafte Laufbahn begann 1918 in Berlin. Er wurde von den Hohenzollern genauso geschätzt wie von König Gustav von Schweden oder dem japanischen Tenno. Auf Empfehlung des schwedischen Königs wurde er zu dem legendären Dr. Axel Muthe nach Anacapri zu Kur geschickt. Einige Jahre später holte ihn der türkische Staatspräsident Kemal Atatürk nach Ankara als musikalischen Berater. Tourneen führten Kempff schon früh rund um den Globus, nach Nord- und Südamerika, nach Afrika und Asien.
Während der Zeit des 3. Reichs gehörte Kempff zu den nicht seltenen deutschen Musikern, die sich hinter ihrer Kunst verschanzten, und soweit es möglich war, politisch unauffällig blieben.
Nach dem 2. Weltkrieg vertrat er musikalisch die Bundesrepublik Deutschland, die der alte rheinländische Katholik Konrad Adenauer mit verschmitztem Lächeln in Bonn regierte. Seinen Auftritt in Hiroshima nahm Kempff sehr ernst.

Diana Kempff: Ihm war das sehr wichtig. Er fand das als eine Mission. Es hatte Albert Schweitzerhafte Züge, hab ich das empfunden.
Jeder Musiker will ja immer was zum Weltfrieden beitragen, wie sich jeder Musiker ja auch einbildet, dass wenn er irgendwo Musik spielt, dann die Welt besser wird. Sagen wir mal, von dieser Voraussetzung ausgehend, saß man da als Kleinkind und war irgendwie ergriffen.


Wilhelm Kempff: ... Und so sehe ich es als eine besondere Fügung an, dass ich nach den Klängen der Friedensglocken an der Friedensorgel in der Friedenskirche zu Hiroshima treten darf, um mich in das große Friedensheer einzureihen, im Herzen das Bekenntnis und die Bitte tragend : Dona nobis pacem - gib uns Frieden ...

Dass Wilhelm Kempff 1954 zur Einweihung der Weltfriedenskirche nach Hiroshima eingeladen wurde, und nicht Albert Schweitzer zum Beispiel, hängt auch mit seinen guten Kontakten, sprich alten Freundschaften zusammen.

Diana Kempff: ... Die ganze Beziehung zu Japan, falls ich mich nicht irre, ist entstanden durch Professor Fukui, Professor Naohiro Fukui, beziehungsweise dessen Vater, der in Berlin studiert hatte, und meinen Vater schon unendlich lange kannte, dessen Sohn Fukui der Direktor der größten Musikakademie in Japan war. Und das war eine uralte Freundschaft. Und Fukui organisierte alles auf die unglaublichste Art und Weise ... Alle paar Jahre gab es eine riesige Tournee durch ganz Japan.

Seine erste Japantournee machte Kempff bereits1936. Mit großem Interesse verfolgte der Pianist und Komponist das japanische Musikleben.

Kempff (aus: Was ich hörte, was ich sah): ... Die kaiserliche Hofkapelle führte die "Gagaku-Musik" auf zu Tänzen in uralten historischen Kostümen. Wer diese Musik hört, glaubt auf dem Planeten Mars angekommen zu sein. Es ist die männlichste Musik, die es je gegeben hat. Unter den hängenden Ton-Kristallen der Sho-Flöte, der Bündelflöte, ziehen in einzelnen Instrumentengruppen die uralten Weisen vorüber, planetengleich mit verschiedener Umlaufzeit, während Schlaginstrumente den Weltenrhythmus angeben : schwer, unentrinnbar, im ewigen Gleichmaß ...

Besonders fiel dem Pianisten die rapide Verwestlichung der japanischen Musikkultur auf. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde das japanische Musikleben nach europäischem Vorbild massiv reformiert. Vorbild war die deutsche Musiktradition der Klassik und Romantik. Die besten Schüler der staatlichen Musikschule Tokyo reisten zur Ausbildung nach Berlin, Leipzig oder Wien. Einer davon war auch Kempffs Freund und Organisator Fukui. Die Früchte der Reformbestrebungen waren überall zu sehen. In seinem Erinnerungsbuch Was ich hörte, was ich sah schreibt Kempff:

Kempff (aus: Was ich hörte, was ich sah): ... Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich behaupte, es gibt in Japan mehr Musiklehrerinnen als bei uns daheim. Verbrachte in früheren Zeiten die junge Japanerin ihre Freizeit mit dem Erlernen des Spiels auf dem Shamisen der japanischen Gitarre), der dreizehnsaitigen Koto, der Biwa Laute, so hat sich heute das Klavier mit einer Vehemenz durchgesetzt, die erstaunen macht.
Die jungen japanischen Musiker sind inzwischen auf dem siegreichen Vormarsch begriffen. Sie beginnen sich die Konzertrsäle der westlichen Welt zu erobern. In technischer Hinsicht haben sie uns manchmal schon überflügelt. Aber noch ist die letzte Bastion zu nehmen, die allerletzte Zugbrücke, die in das Reich der geistigen Durchdringung führt. Dies ist nun die Aufgabe der großen Musikakademien, der unzähligen Musiklehrer und -lehrerinnen.


Dabei kümmerten sich die gebildeten Japaner um die "geistige Durchdringung" in jeder Form. Neben der Musik lag ihnen besonders die deutsche Philosophie am Herzen. Der aus Freiburg stammende jüdische Philosoph Karl Löwith, ein Heideggerschüler, der 1936 vor den Nazis nach Japan floh, - ein halbes Jahr später also nach dem Gastspiel von Wilhelm Kempff, wo er in Sendai eintraf - auch da war Kempff gewesen, Löwith überraschte die unglaubliche Hochachtung seiner japanischen Zuhörer und Kollegen vor deutscher Kunst und Philosophie.

Löwith: "Als ich 1936 meine Stelle an der Tohoku Universität in Sendai antrat und die Assistenten und älteren Studenten des philosophischen Seminars kennen lernte, war ich nicht wenig erstaunt über ihre Interessen. Einer studierte Hegel, ein anderer Platon, ein dritter Hume und Kant, andere Kierkegaard, K. Barth, Jaspers, Heidegger und ein Germanist das Nibelungenlied - und das alles in den Originalsprachen. Unter den Vorlesungsthemen der Professoren figurierten Themen wie die deutsche Mythologie in den Opern R. Wagners, Goethes Italienische Reise, die Dichtung von Shakespeare und W. Blake, und in der Philosophie gab es Hegelianer und Kantianer, Phänomenologen und Existenzialisten - genau so wie bei uns, und ebenso glichen die Themen der Fachzeitschriften den unseren.
Die meisten japanischen Lehrer hatten in Deutschland Philosophie studiert. In der Inflationszeit hatten sie für ihre Universitäten ganze Bibliotheken erworben. Ich war ziemlich überrascht, als ich in Sendai drei vollständige Bibliotheken aus dem Besitz von deutschen Philosophen vorfand.


Und noch eine andere irritiernde Beobachtung machte der aus Deutschland kommende Professor:

Löwith: Die Studenten studieren zwar mit Hingabe unsere europäischen Bücher und verstehen sie auch dank ihrer Intelligenz, aber sie ziehen aus ihrem Studium keine Konsequenzen für ihr eigenes, japanisches Selbst. [...] Sie leben wie in zwei Stockwerken : einem unteren, fundamentalen, in dem sie japanisch fühlen und denken, und einem oberen, in dem die europäischen Wissenschaften von Platon bis zu Heidegger aufgereiht stehen, und der europäische Lehrer fragt sich : wo ist die Treppe, auf der sie vom einen zum andern gehen?

Die Bewunderung deutscher Kultur bekam auch Wilhelm Kempff bei seinen Konzerten leibhaftig zu spüren. Diana Kempff, die ihren Vater auf seinen späteren Tourneen mehrmals begleitete, erinnert sich:

Diana Kempff: ... da stürzte, ich weiß nicht, ich glaub es war in Tokyo, ein junges Mädchen, eine etwas dickliche Dreizehnjährige auf mich zu, und sagte nach dem Konzert, es war natürlich Beethovenprogramm : Today I saw God. Ich war etwas konsterniert, ach sagte ich, interessant oder aha. Das war ihr aber ganz ernst. Da ergriff sie meine Hand und wiederholte das. Und es gibt also Fotos von jungen Leuten, die auf ihn zustürmen, während er im Taxi davonfährt, ja kann man nur mit Pop-Konzerten vergleichen.
... es war etwas Religiöses. Dieser Satz, den hab ich mir deswegen gemerkt, auch wie man da in dieses Konzert hineinging, war eine angespannteste Aufmerksamkeit, die man sich gar nicht vorstellen konnte. Oder die Leute, die Geschenke brachten und Briefe schrieben, und Schüler, die er hatte über Jahrzehnte, die jedes Jahr sich meldeten und unglaubliche Anstrengungen unternehmen, um ihn zu besuchen. Das kann man eigentlich nur mit der japanischen Mentalität der Verehrung des Meisters erklären, der Zen-shi, das ist der große Meister, und was der sagt, ist gottähnlich.


Tatsächlich überlappt sich hier der westliche Genie- und Starkult mit dem fernöstlichen Kult des Meisters. Bach und Beethoven sind nicht nur Personen, sondern Archetypen - Repräsentanten, ja Symbole für Himmel und Erde.

Kempff (aus : Was ich hörte, was ich sah): Beethovens Name ist von einer göttlichen Aura umgeben. Im Land der aufgehenden Sonne sieht man in ihm einen der großen Propheten der Menschheit.
Sein Werk ist ohne das Klavier undenkbar. Also galt es für die Japaner, Beethovens Geisteswelt mit diesem doch wohl herrlichsten Instrument zu erobern.
Und was ein Japaner sich einmal vorgenommen hat, das vollbringt er auch, und sei es unter den härtesten Bedingungen.


Die Unbeirrbarkeit und Zielstrebigkeit, die stereotyp den Japanern nachgesagt wird, könnte man ebenso gut den Jesuiten unterstellen, die seit 1559 mit wechselndem Erfolg in Japan missionierten. Mit ihnen kam auch Wilhelm Kempff immer wieder in Japan in Berührung. Diana Kempff :

Diana Kempff: ... also dieser Pater, (den ich da kennen gelernt habe,) Pater Goosens, jetzt fällts mir ein, das war ein unglaublicher Mann. Und dann gab es in Japan auch sehr viele Leute, die sich immer bemühten, die Symbiose zwischen Buddismus und Christentum, Pater Lasalle zum Beispiel, der ein sehr berühmter Jesuit war, und das waren natürlich einfach Leute von großem Kaliber.

Pater Lasalle war der Gründer der Weltfriedenskirche in Hiroshima und ein ganz außergewöhnlicher Mann mit einer eigenen Völker verbindenden Philosophie. Seit 1929 lebte er in Japan. "Im Laufe der Zeit wuchs in ihm die Idee heran," so der Kirchenhistoriker Michael Ihsen,

Michael Ihsen: ... durch die Wandlung des Buddhismus die Japaner zu christianisieren: Die Stärkung der religiösen Basis in Form des Buddhismus sollte - nach Uminterpretation der buddhistischen Riten - für die christlichen Lehren und Zeremonien als Anknüpfungspunkt dienen. Sein Antrag auf japanische Staatsbürgerschaft, der nach vielen Jahren akzeptiert wurde, ist als Mosaikstein auf diesem Weg anzusehen: Sein japanischer Name "Makibi Enomiya" hat sowohl Bezüge zum Shinto-Schrein Hiroshimas als auch zum Buddhismus. Der von Lasalle in Angriff genommene Bau der Friedenskirche in Hieroshima steht ebenfalls unter dem Zeichen der Erhaltung japanischer Kultur.

Doch dem fortschrittlichen Pater wurde anfangs von kirchlicher Seite seine Weltoffenheit übel genommen.
Am neunten Jahrestag des Atombombenabwurfes, am 6. August 1954, wurde die Friedenskirche ohne ihn als amtierenden Pfarrer eingeweiht. Dem Musiker Kempfff wird es vielleicht damals gar nicht aufgefallen sein.


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