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26.7.2004
Kriegshelden - Die Heroisierung der Gefallenen
Sendeschwerpunkt 1. Weltkrieg
Von Rainer Rother

Deutscher Soldatenfriedhof in Vladslo, Belgien, mit der Kollwitz-Skulptur "Trauernde Eltern". Die Figur des Vaters, rechts, blickt auf den 9. Grabstein direkt vor ihm, in den der Name von Käthe Kollwitz' Sohn Peter eingraviert ist, der im I. Weltkrieg fiel. (Bild: AP-Archiv)
Deutscher Soldatenfriedhof in Vladslo, Belgien, mit der Kollwitz-Skulptur "Trauernde Eltern". Die Figur des Vaters, rechts, blickt auf den 9. Grabstein direkt vor ihm, in den der Name von Käthe Kollwitz' Sohn Peter eingraviert ist, der im I. Weltkrieg fiel. (Bild: AP-Archiv)
Nicht nur in der Propaganda spielte der einfache Soldat als Held im I. Weltkrieg eine neue, zentrale Rolle. Angesichts des Massensterbens suchte man auch eine neue angemessene, würdige Form des Gedenkens. Vor diesem Hintergrund entstand mit der Zeremonie der Beisetzung des "Unbekannten Soldaten" - jenes einen Unbekannten, der alle Gefallenen symbolisch repräsentiert - das vermutlich wirkungsmächtigste Symbol des kollektiven Gedenkens nach dem 1. Weltkrieg. Es war die letzte Konsequenz des Krieges der Millionenheere.

Sagen werden sie, schimpfte einer, der schief auf den Knien lag, die beiden Hände in der Erde hatte und seine Schultern wie eine Dogge schüttelte: "Mein Lieber, ein Held bist Du gewesen, wunderbar!" Ich will nicht, dass mir einer so etwas sagt.

Henri Barbusse veröffentlichte seinen Roman "Le Feu" - "Das Feuer" - während des Krieges, eine erste deutsche Übersetzung erscheint 1918 in Zürich.

Und man wird dir´s noch sagen (...), als Ruhmeslohn und auch als Lohn für das, was man nicht getan hat. Aber der Kriegsruhm selbst ist nicht für uns einfache Soldaten. Der gehört einigen wenigen; sonst aber, abgesehen von diesen Auserwählten, ist der Soldatenruhm eine Lüge wie alles, was im Kriege nach Schönheit riecht. In Wirklichkeit ist das Opfer des Soldaten ein dunkles Verschwinden. Die, die in Haufen die Angriffswellen bilden, tragen keinen Lohn davon. Nie wird man ihre Namen, ihre kleinen, winzingen Namen zusammenbringen können."

Das Bild dieses neuen Typs von Kriegshelden entsteht schon in den Jahren der Materialschlachten und des massenhaften Sterbens. War anfangs noch mit sentimentalem Gefühl von den "Feldgrauen" die Rede, als stünden sie in einem Krieg wie dem von 1870/71, so ändert sich dies bald. Sogar die nicht sonderlich erfindungsreiche deutsche Bildpropaganda findet für dieses Heldenbild einen neuen, höchst wirksamen Ausdruck.

1916 werden die ersten Plakate gedruckt, die für die Zeichnung von Kriegsanleihen werben. Als Motiv wählt die Jury ein Gemälde von Fritz Erler aus: ein fest nach vorn schauender einfacher Soldat, versehen mit Stahlhelm und Gasmaske, vor Stacheldraht.

Dieses Motiv erzielt den größten Erfolg: 13,1 Milliarden Reichsmark bringt die Kampagne ein, erheblich mehr als je zuvor oder danach. Offenbar entspricht dieser Frontkämpfer der Vorstellung eines neuen Heldentyps, der das Motto "Helft uns siegen!" effektiv verkörpert: ein Mann mit stählernem Blick, durch nichts zu erschüttern, mit den Zeichen des Schützengrabenkrieges versehen. Fritz Erlers Soldat wird zur Ikone über den Krieg hinaus. Nach 1918 nutzen ihn die Rechten für ihre nationalistische Propaganda.

In Frankreich sieht die Propaganda anders aus. Nicht der in den Stahlgewittern unerschütterliche Mann bestimmt das Bild. Der neue Held auf den Plakaten ist durchaus von den Kämpfen gezeichnet. Seine Kleidung ist abgerissen, sein Gesicht zum Schutz gegen die Kälte von einem Tuch halbverhüllt: so erscheint der Kämpfer auf einem Plakat von Maurice Neumont.

"Sie kommen nicht durch" ist das Motto. Der von den Kämpfen und Zerstörungen gezeichnete französische Soldat wird zur Ikone unbeugsamen Widerstandswillens.

Ein bezeichnender Unterschied: Auf der einen Seite der deutsche Frontkämpfer, die Verkörperung des neuen Ideals, des neuen Helden. In den Kämpfen entstanden, repräsentierte er den Typ des seelenlosen Soldaten im modernen Krieg.

Unbekannter französischer Fußsoldat im Jahr 1918 in der Somme Region. In Frankreich hießen die einfachen Soldaten "Poilu". (Bild: AP-Archiv)
Unbekannter französischer Fußsoldat im Jahr 1918 in der Somme Region. In Frankreich hießen die einfachen Soldaten "Poilu". (Bild: AP-Archiv)
Dagegen war bei den Franzosen das Idealbild der Soldat, der zwar vom Krieg gezeichnet, aber letztlich unversehrt war. Beide Typen hatten eines gemein: Sie sind einfache Soldaten. Mochten der deutsche Genberal von Hindenburg und der französische Marschall Foch auch patriotische Leitfiguren sein - auf den Plakaten verkörperten der deutsche Frontkämpfer und der französische poilu propagandistisch die Anstrengungen der Nation.

Nicht nur in der Propaganda spielte der einfache Soldat als Held im 1. Weltkrieg eine neue, zentrale Rolle. Die Millionenheere, die in die Schlachten geschickten Menschenmassen, wurden auch auf andere Weise wichtig. Angesichts des Massensterbens suchte man eine neue angemessene, würdige Form des Gedenkens. In den architektonischen Vorstellungen von Soldatenfriedhöfen und Denkmälern wird noch während des Krieges eine Tendenz zur Demokratisierung des offiziellen Gedenkens sichtbar. Ungeachtet des in Deutschland wuchernden Hindenburg-Kultes setzte sich allmählich die Vorstellung durch, ein zukünftiges Kriegs-Denkmal habe vor allem der Leistung der vielen Soldaten gerecht zu werden.

Ganz deutlich zeigt sich diese Tendenz bei der Planung von Soldatenfriedhöfen. 1915 veröffentlicht der "Landesverein Sächsischer Heimatschutz" ein Buch mit dem Titel:
"Schlichte Grabkreuze für unsere Soldaten"

Es enthält Vorschläge, die von Holzkreuzen über solche aus Eisen und Stein reichen und in jedem Fall ohne Prunk und überflüssiges Ornament auskommen. Auch der Werkbund widmet 1917 sein Jahrbuch dem Thema:

"Kriegergräber im Felde und daheim".

Siegfried Kracauer schrieb zehn Jahre nach Kriegsende etwas sarkastisch in seinem Roman "Ginster":

Der Krieg hat uns alle gleich gemacht, wie über so unter der Erde (...) Wir waren zu üppig, meine Damen und Herren. Ich bin bei meinem Entwurf von der festen Überzeugung getragen gewesen, dass die erwähnte Gleichheit, die als vaterländisch im höchsten Sinne bezeichnet werden darf, den Verzicht auf jegliche Schmuckbeigabe fordert, darum habe ich statt der gekrümmten Linien gerade gezogen, die so unerschütterlich sind wie die Reihen unserer Krieger, zahllose parallel laufende Reihen, an denen viereckige Gräberplatten nebeneinander stehen, deren genau abgemessene Gleichheit in der Einfachheit gipfelt, die dem grauen Ehrenkleid unserer Braven entspricht".

Schlichtheit und Einheitlichkeit bestimmen nach Kriegsende die Anlage der Soldatenfriedhöfe. In endlos wirkenden Reihen stehen die Kreuze, als seien noch die Toten zum Appell versammelt, kein einzelnes Grab wird hervorgehoben, kein Unterschied zwischen Gemeinen und Offizieren erkennbar. Massengräber unbekannt Bestatteter gehören zu fast all diesen Friedhöfen. Zu viele Soldaten sind während der Kämpfe nicht beerdigt unerreichbar im Niemandsland verwest, von den Granaten in Stücke gerissen oder im Schlamm von Schützengräben und Trichtern versunken.

Anders als in früheren Kriegen zählen die so genannten Vermissten nach Hundertausenden. Wer nach Kriegsende noch als vermisst gilt, den hat kein glücklicheres Schicksal möglicherweise in die Gefangenschaft geführt, sondern der gehört zu jenen, deren sterbliche Überreste im Massengrab oder einzeln, mit der Aufschrift "Ein unbekannter Soldat", beigesetzt worden sind. Oder er gehört zu den Unauffindbaren. Die Gebeine wievieler Toter die Erde der Schlachtfelder für lange Zeit oder auch für immer behalten würde, ist gänzlich unbekannt.

Vor diesem Hintergrund entstand mit der Zeremonie der Beisetzung des "Unbekannten Soldaten" - jenes einen Unbekannten, der alle Gefallenen symbolisch repräsentiert - das vermutlich wirkungsmächtigste Symbol des kollektiven Gedenkens nach dem 1. Weltkrieg. Es war die letzte Konsequenz des Krieges der Millionenheere.

Am 11. November 1920 wird in Paris und London ein unbekannter Soldat beigesetzt. Ausgewählt nach dem Zufallsprinzip unter den Unbekannten von mehreren Schlachtfeldern erfährt dieser Leichnam die höchsten Ehren der Nation. Schon auf dem Transport zur letzten Ruhestätte von zahllosen Menschen mit tiefem Respekt begleitet, geraten die Beisetzungen zu bewegenden Feierlichkeiten.
Die "Times" kommentierte:

Ausstellungsplakat "Der erste Weltkrieg" (Bild: DHM)
Ausstellungsplakat "Der erste Weltkrieg" (Bild: DHM)
Der "Unbekannte Soldat" ist in einem besonderen Sinn ein Emblem des "einfachen Mannes", der Masse des Volkes, das in jedem Zeitalter seinen vollen Anteil in allen unseren Kriegen trug. Zum ersten Mal in der Geschichte der großen Staaten wurde entschieden, diesen Anteil durch die höchsten Ehren, die Kirche und Staat verleihen können, anzuerkennen. (...) In diesem Krieg, in dem wir zum ersten Mal gezwungen waren, als ganzes Volk zu kämpfen, (...) sind die alten Unterschiede weggeschmolzen und verschwunden. Es war das ganze Volk, die Massen, die Demokratie, die kämpfte, in einem vorher unbekannten Sinn und Ausmaß. (...) Es ist richtig - und alle fühlen dieses Richtige - dass dieses neue Merkmal des jüngsten unserer nationalen Kämpfe anerkannt werden sollte; dass der unsterbliche Mut, das unsterbliche Opfer der Masse unseres Volkes in diesem am meisten verlangenden all unserer Herausforderungen belohnt werden sollte mit einem öffentlichen Zeichen der nicht endenden Bewunderung und Dankbarkeit, die sie in all unser Herzen gestiftet haben."

Die größte Manifestation nationaler Einheit findet ihre höchst pathetische Formulierung in der Aufschrift, die das Grab des britischen Unbekannten in Westminster Abbey Jahre nach seiner Beisetzung erhielt. Mathias Wiemann sprach ihre deutsche Übersetzung 1936 für einen "Kulturfilm", der die verschiedenen Grabmale unbekannter Soldaten vorstellte. Sein Pathos als Sprecher steht dem der Inschrift in Nichts nach.

Unter diesem Stein ruht der Leib eines britischen Soldaten. Unbekannt nach Rang und Namen. Von Frankreich herüber gebracht zu ruhen unter den Großen des Landes. So bleiben in Erinnerung die Vielen, die fielen im großen Kriege 1914 bis 1918, das Höchste gaben, was ein Mann geben kann: das Leben. Für Gott, für König und Vaterland. Für sein Haus und für das Reich.

Den ersten "Unbekannten Soldaten" folgten in den nächsten Jahren weitere:

1921 in Belgien, Italien, Portugal und den USA; 1922 in der Tschechoslowakei und Jugoslawien, 1923 in Bulgarien, 1925 in Polen, 1926 in Griechenland.

Der "unbekannte Soldat" war ein Symbol der Nation, und die Zeremonie bezog ihre Würde aus der Anonymität des Toten, der Ehrung eines unweigerlich als "einfach" gedachten unbekannten Soldaten.

"Unbekannt? Sein Name, tatsächlich, und woher er kommt, wir kennen ihn nicht, noch brauchen wir danach zu fragen. Aber ihn kennen wir, und kannten ihn gut seit vier langen, schrecklichen und großartigen Jahren. Er war alle",

Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Kooperation von DeutschlandRadio Berlin mit dem Deutschen Historischen Museum und der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit in Berlin. Noch bis zum 16. August können Sie im Deutschen Historischen Museum in Berlin eine Ausstellung sehen mit dem Titel: "Der erste Weltkrieg - Ereignis und Erinnerung".




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