MerkMal
MerkMal
Montag bis Freitag • 16:15
28.7.2004
Der 1. Weltkrieg und die Erfindung des Dokumentarfilms
Sendeschwerpunkt 1. Weltkrieg
Von Rainer Rother

Amerikanische Soldaten im I. Weltkrieg 1918 (Bild: AP-Archiv)
Amerikanische Soldaten im I. Weltkrieg 1918 (Bild: AP-Archiv)
Während des I. Weltkrieges erlebte auch der Dokumentarfilm seine Geburtsstunde. Mit "The Battle of the Somme" kam 1916 ein Film in die britischen Kinos, der authentische Bilder von den Schlachtfeldern zu liefern versprach. Mit beeindruckendem Erfolg: mehr als 20 Millionen Zuschauer strömten in die Kinos. Auch die deutsche Heeresleitung erkannte den Film als propagandistische Waffe: So kam 1917 der Film "Bei unsern Helden an der Somme" zur Uraufführung.

So klang der Weltkrieg 1930 im Kino. Lewis Milestone gelang es erstmals, die neue Erfindung des Tonfilms mit "Im Westen nicht Neues" ästhetisch für die Darstellung einer zentralen Erfahrung der Frontsoldaten zu nutzen. Das Trommelfeuer, die Maschinengewehrgarben, in diesem Hollywoodfilm wurden sie prägend eingesetzt. Damit machte Milestone Geschichte, veränderte er das Genre des Kriegsfilms. Er nutzte die Tonspur brillant, die Handlung basierte auf Remarques Bestseller, den populärsten Weltkriegsroman überhaupt - aber wie das Schlachtfeld ausgesehen hatte, das zeigten ihm Fotos und Filme aus der Kriegszeit. Sie übermittelten authentische Bilder des Weltkriegs, gelegentlich.

20. Januar 1917. Der Kritiker des Reichsboten schwärmt - mitten im 1. Weltkrieg - von einem neuen Film:

Das sind keine "gestellten Kriegsszenen" mehr, keine Genrebilder aus der Etappe mit kaffeetrinkenden französischen Großmüttern und beschaulich-wirtschaftlichen Landsturmmännern. Das ist der ungeschminkte, leibhaftige Krieg. Mitten im Alltag hatte man - minutenlang - dem wirklichen Krieg ins Herz geblickt.

Und das Berliner Tageblatt schreibt:

Ist dies noch Bild, nur Bild? Auch die lahmste Fantasie wird fortgerissen und ergänzt diese Abschrift der Wirklichkeit durch das Getöse des Kampfes. Alle Zuschauer schweigen, keinem kommt es in den Sinn, nach diesen Szenen Beifall zu spenden. Aber es gibt auch keinen, der unbewegt von dannen ginge. Achtung vor dem Kino, dem Vielverlästerten! Hier wird es Geschichte!

Filmgeschichte. Zum ersten Mal haben deutsche militärische Dienststellen Journalisten offiziell eingeladen, sich ein Werk anzuschauen, das mit dem Prädikat "amtlich militärischer Film" aufwarten kann und das als authentische Darstellung einer bedeutenden Schlacht im Westen angekündigt wird. Die Reaktionen, soweit sie in den Zeitungen veröffentlicht werden, entsprechen ganz den Erwartungen der Veranstalter. Das Lob ist einhellig:

Hier ist wirklich etwas geschaffen worden, was die Bezeichnung gewaltig verdient, ein Dokument der großen und schweren Zeit des Weltkriegs.

Der Film, der am 19. Januar 1917 in Berlin Premiere hatte, trug den Titel "Bei unsern Helden an der Somme". Es war der erste Film, den das neugegründete, beim Auswärtigen Amt angesiedelte "Bild- und Filmamt" - kurz BUFA - produziert hatte. Es war zugleich der erste Versuch, der schier übermächtigen Bildpropaganda der Alliierten etwas Eigenes entgegen zu setzen. Eine solche Initiative war durchaus von Nöten, denn gerade auf dem Gebiet des Films war die deutsche Propaganda ins Hintertreffen geraten.

Das BUFA soll dem abhelfen und nicht zuletzt die Forderungen der deutschen Botschaften in neutralen Staaten nach attraktiven deutschen Filmen erfüllen. Denn hier reüssieren längst die Filme der Entente.
Zum Beispiel in Schweden. Der deutsche Gesandte schreibt nach Berlin:

Ich glaube, ich hatte schon einmal Gelegenheit gehabt, mich mit Ihnen darüber zu unterhalten, dass ich auf Propaganda im Allgemeinen nicht viel gebe. Etwas anderes aber ist es mit dem Kino. Im Anfang waren die Verhältnisse hier sehr gut, aber seit einiger Zeit macht die Entente so ungeheuere Anstrengungen, dass wir stark ins Hintertreffen geraten sind, alle Deutschen und Deutschfreunde hier sind sich darüber einig, dass etwas geschehen muss, namentlich jetzt, wo die neue Saison beginnt, dabei wären die Kinoleute im Allgemeinen sehr zugänglich; sie klagen darüber, dass sie von der Entente geradezu überschwemmt werden und würden gerne mehr deutsche Filme bringen, wenn sie nur entsprechend gute und zugkräftige bekämen.

Die Ursachen für den Mangel an zugkräftigen Filmen lagen in der Verfassung der deutschen Filmindustrie. Vor dem Krieg gegenüber der ausländischen Konkurrenz vor allem aus Frankreich und den USA hoffnungslos unterlegen, profitierte sie in mancher Hinsicht vom Krieg. Deutlich weniger Filme erreichten jetzt den deutschen Markt. Die Nachfrage nach deutschen Produktionen stieg in gleichem Maß an.

Das Publikum wollte Filme, die sich mit dem Krieg beschäftigten, doch das erwies sich als besonders problematisch. Nach einer Welle von patriotischen Filmen in den ersten beiden Kriegsjahren wurde das Publikum derlei Darstellungen allerdings zunehmend leid. Der Krieg hatte sich schnell vom heroischen Kampf zum grausamen Gemetzel entwickelt. Statt schlechter Kriegsfilme sahen die Kinogänger jetzt doch lieber wieder Detektivgeschichten und Melodramen. Und die nach Kriegsbeginn im August 1914 eilig aus der Taufe gehobenen deutschen Wochenschauen enthielten zuwenig wirklich interessantes Material. Dafür sorgte schon die militärische Führung, die lange Zeit Filmaufnahmen in Frontnähe nicht zuließ - aus Furcht, die Bilder könnten dem Feind wertvolle Informationen liefern.

"Bei unsern Helden an der Somme" ist nun der Versuch, mittels amtlicher Filmproduktion das zu liefern, was die privaten Firmen entweder nicht liefern können oder nicht liefern dürfen: zeitgemäße Filme. Der Film wird allerdings erst spät an das neutrale Ausland geliefert. Harry Graf Kessler, der ihn gerne in der Schweiz eingesetzt hätte, beklagt sich mehrmals, dass Kopien noch nicht oder nicht in genügender Stückzahl geliefert würden. Immerhin, die deutsche Vertretung im Osmanischen Reich berichtet:

Dass gut gestellte Kriegsfilme im übrigen auch jetzt noch Erfolg haben können, hat unser Somme-Film bewiesen, der allgemein größtes Interesse erregt hat.

Interessant war die Differenz zwischen den Rezensionen, die lauthals die Authentizität der Aufnahmen rühmten, und der nüchternen Botschaftsbewertung als "gut gestellt". Tatsächlich war "Bei unsern Helden an der Somme" ein durchgängig "gestellter" Film. Viele Details ließen erkennen, dass vor allem die angeblichen Schlachtbilder im Schlussteil nicht vor Ort aufgenommen worden sein konnten. Was die Zwischentitel behaupteten, nämlich Originalaufnahmen von den Kämpfen zu sein, lösten die Bilder nicht ein.

Das deutsche Publikum aber will authentische Bilder. Das Misstrauen gegen gestellte Fotos, melodramatische Spielfilme, in der Etappe aufgenommene Wochenschauen ist im Verlaufe des Krieges permanent gestiegen. Zum ersten Mal gibt es ein Bedürfnis nach dokumentarischen Bildern, doch der Dokumentarfilm existiert noch nicht. Als er in die Welt kommt, ist der Effekt spektakulär.

Frances Stevenson, Sekretärin des britischen Premiers Lloyd George, die selbst ihren Bruder Paul im Krieg verloren hatte, notierte 1916 in ihrem Tagebuch die Eindrücke von einer Aufführung des britischen Films "The Battle of the Somme".

Zu behaupten, dass man sich an den Bildern erfreute, wäre unwahr; aber ich bin froh, dass ich hingegangen bin. Ich bin froh, die Sachen gesehen zu haben, die unsere Männer erleiden müssen, sogar den Aufbruch aus den Gräben und das Fallen in den Stacheldraht. Es gab auch Bilder vom Schlachtfeld nach dem Kampf und von unseren tapferen Männern, die alle hilflos und zugrundegehend dalagen.

Es gab Bilder von tödlich Verwundeten, die aus den Kommunikationsgräben gebracht wurden, mit dem Ausdruck der Agonie auf ihren Gesichtern. Es erinnerte mich daran, wie Pauls letzte Stunden waren: Ich habe oft versucht, mir vorzustellen, was er durchgemacht hat, aber nun weiß ich es - und werde es nie vergessen. Es war wie das Durchleben einer Tragödie. Ich fühlte etwas von dem, was die Griechen gefühlt haben müssen, wenn sie hingingen, um in der Menge diese großen alten Stücke zu sehen - gequält von Mitleid und Schrecken."


Die Londoner strömen in Massen ins Kino; binnen zwei Wochen hat der Film eine Millionen Besucher, schließlich in ganz Großbritannien - so wird berichtet - 20 Millionen. Der Schriftsteller Henry Rider Haggard beschreibt den Effekt, den der Film auf ihn hatte:

Er zeigt Dir, was es heißt zu kämpfen. Das meiner Ansicht nach beeindruckendste Bild ist das eines aus dem Graben zum Angriff herauskletternden Regiments und das des einen Mannes, der tödlich getroffen zurückrutscht. Es liegt etwas entsetzliches im unmittelbaren Wechsel von grimmiger Aktivität zu gleichgültigem Tod.

Bei Frances Stevenson und Rider Haggard hinterließ die Angriffsszene unauslöschlichen Eindruck. Neben den Bildern toter deutscher und englischer Soldaten, neben den Aufnahmen der Rettung eines Verwundeten aus dem Niemandsland war diese Szene für die Zeitgenossen der klarste Beleg, nun endlich zu sehen, endlich zu wissen, was die Soldaten erlitten. Gerade die Angriffszene aber ist, nach übereinstimmender Ansicht der Film- und Militärhistoriker, keine authentische Aufnahme. Sie entstand vermutlich auf einem Ausbildungsgelände. Roger Smither vom Imperial War Museum weist auf die erdrückende Beweislast gegen die Echtheit der Aufnahmen hin:

Ein Zeitzeuge bemerkte, dass er "in acht Monaten in verschiedenen Sektoren der Frontlinie niemals in Schützengräben war, die denen im Film ähnelten - offen gegenüber feindlichen Scharfschützen und ohne Schutz gegen Artilleriebeschuss."

Zudem trugen die Angreifer im Film nichts von der schweren Ausrüstung, die die Soldaten am ersten Tag der Somme-Schlacht mit sich führten. Und Schließlich wurden die Aufnahmen teilweise von Positionen gefilmt, die den Kameramann exponiert und schutzlos dem feindlichen Feuer preisgegeben hätten. Am Erfolg des Films - und an der Überzeugung des Publikums, durch ihn gesehen zu haben, wie der Krieg wirklich war - änderte das nichts.

Mit "The Battle of the Somme" kommt der Dokumentarfilm in die Welt; seine inszenierten Szenen beeinträchtigten den Triumph des Konzepts "Dokumentation" nicht. Es beruht auf authentischen Aufnahmen und der Überzeugung des Publikums, an ihnen mehr zu haben als nur ein Bild vom Geschehen. "Sehen, wie es war" wurde zu "wissen, wie es ist".

Nur der Film konnte dies leisten, er allein vermochte es, ein Ereignis in dieser besonders präzisen und glaubwürdigen Weise zu überliefern und ihm zugleich einen spezifischen, ja einen propagandistischen Sinn zu geben. Was Filmbilder in dieser Hinsicht können, was sie dürfen, wann sie "fälschen", das war vor dem I. Weltkrieg für das Publikum wie für die Regisseure keine wirklich entscheidende Frage. Im Krieg aber wurde sie entscheidend.

Einer zog die Lehre aus dem Propagandakampf der bewegten Bilder konsequent: Joseph Goebbels, der schon die Nazi-Kampagne gegen "Im Westen nichts Neues" geplant hatte, baute die "Deutsche Wochenschau" nach dem Überfall auf Polen zur Kriegswochenschau um. Bis Stalingrad war sie das effektivste Mittel, um der Bevölkerung Siegeszuversicht einzuflößen. Goebbels selbst zog 1941 die Parallele zu den Propagandaanstrengungen der Jahre 1914-18 - in triumphierenden Ton.

Schon lange vor dem Krieg hatten wir den Plan gefasst, eine neue Art der Kriegsberichterstattung zu organisieren. Wir haben in unseren Kriegsberichtern und Propagandakompanien eine Organisation zusammengestellt, die mitten im kriegerischen Geschehen steht und nun, statt mit Maschinengewehren oder der Pistole oder dem Gewehr zu arbeiten, mit der Kamera oder mit dem Federhalter arbeitet. Mit einem Mal bekam das Volk den Krieg selbst Auge in Auge zu sehen, und zwar so, wie er ist, und ohne Beigabe und ohne jede Hinzufügung, kommentarlos in seiner grausigen Wirklichkeit.. Und das, was ich vorausgeahnt und vorausgesagt hatte, trat nun ein: dass das Volk mit einer realistischen Darstellung des Krieges zufriedener war als mit irgendeiner poetisch verklärten.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Kooperation von DeutschlandRadio Berlin mit dem Deutschen Historischen Museum und der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit in Berlin.

Noch bis zum 16. August können Sie im Deutschen Historischen Museum in Berlin eine Ausstellung sehen mit dem Titel: "Der erste Weltkrieg - Ereignis und Erinnerung".



-> MerkMal
-> weitere Beiträge
-> Alle Sendungen im Überblick (Schwerpunkt 1. Weltkrieg)
-> Schwerpunkt 1. Weltkrieg
->
-> Deutsches Historisches Museum - Austellung erster Weltkrieg