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2.8.2004
Rache!
Der 1. Weltkrieg und die Verwüstung in den Köpfen
Von Paul Stänner

1919: Die Vertreter der Alliierten vor der Vertragsunterzeichnung des Friedensvertrags in Versailles: David Lloyd George (England), Vittorio Orlando (Italien), Georges Clemenceau (Frankreich) und Woodrow Wilson (Präsident USA) (Bild: AP-Archiv)
1919: Die Vertreter der Alliierten vor der Vertragsunterzeichnung des Friedensvertrags in Versailles: David Lloyd George (England), Vittorio Orlando (Italien), Georges Clemenceau (Frankreich) und Woodrow Wilson (Präsident USA) (Bild: AP-Archiv)
Nach der Kapitulation vom 11. November 1918 im Wald von Compiègne liegt Deutschland militärisch, wirtschaftlich, politisch und moralisch am Boden. Die Frage, wer den Krieg begonnen und zu verantworten hatte, wurde zu einem Kardinalthema der Nachkriegsgeschichte. Die Siegermächte diktierten den Deutschen die alleinige Kriegsschuld in den Friedensvertrag - und die Deutschen wiesen die Verantwortung für die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts weit von sich. Die Waffen schwiegen im November 1918 - in den Köpfen und in den Herzen aber ist der Krieg noch lange nicht zu Ende.

Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau: Wir täuschen uns nicht über den Umfang unserer Niederlage, den Grad unserer Ohnmacht. Wir wissen, dass die Gewalt der deutschen Waffen gebrochen ist, wir kennen die Wucht des Hasses, die uns hier entgegentritt, und wir haben die leidenschaftliche Forderung gehört, dass die Sieger uns zugleich als Überwundene zahlen lassen und als Schuldige bestrafen wollen. Es wird von uns verlangt, dass wir uns als die Alleinschuldigen am Kriege bekennen. Ein solches Bekenntnis wäre in meinem Munde eine Lüge. Wir sind fern davon, jede Verantwortung dafür, dass es zu diesem Weltkriege kam, von Deutschland abzuwenden, aber wir bestreiten nachdrücklich, dass Deutschland, dessen Volk überzeugt war, einen Verteidigungskrieg zu führen, allein mit der Schuld belastet ist.

Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau, der deutsche Außenminister und Leiter der Delegation bei den Friedensverhandlungen, die am 28. Juni 1919 zum Vertrag von Versailles führten.

Nach der Kapitulation vom 11. November 1918 im Wald von Compiègne liegt Deutschland militärisch, wirtschaftlich, politisch und moralisch am Boden. Die Deutschen sind verhasst. In Großbritannien und in den USA haben Menschen mit deutschen Vorfahren während des Krieges ihre Namen anglisiert, um sich von ihrer Herkunft loszusagen.

Nun hat Deutschland den Krieg verloren. Die Deutschen, die bis zum Schluss noch an den Sieg geglaubt haben, verstehen die Welt nicht mehr. In der Weimarer Nationalversammlung erklärt Ministerpräsident Gustav Bauer, als der Versailler Friedensvertrag unterzeichnet werden soll:

Ministerpräsident Gustav Bauer: Meine Damen und Herren, unsere Hoffnung, mit dem einzigen Vorbehalt einer Ehrenbewahrung bei unseren Gegner durchzudringen, war nicht sehr groß. Aber wenn sie auch noch geringer gewesen wäre, der Versuch musste gemacht werden. Jetzt wo er misslungen, an dem sträflichen Übermut der Entente gescheitert ist, kann und muss die ganze Welt sehen: Hier wird ein besiegtes Volk an Leib und Seele vergewaltigt, wie kein Volk je zuvor.
Meine Damen und Herren! Unterschreiben wir, das ist der Vorschlag, den ich Ihnen im Namens des Kabinetts machen muss. Einen neuen Krieg können wir nicht verantworten, selbst wenn wir Waffen hätten, wir sind wehrlos.


Die Frage, wer den Krieg begonnen und zu verantworten hatte, wurde zu einem Kardinalthema der Nachkriegsgeschichte. Die Siegermächte diktierten den Deutschen die alleinige Kriegsschuld in den Friedensvertrag - und die Deutschen wiesen die Verantwortung für die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts weit von sich.

Die Waffen schwiegen im November 1918 - in den Köpfen und in den Herzen aber ist der Krieg noch lange nicht zu Ende.

Als ich, von einem Gefechtsläufer gefolgt, zu meinem Bunker ging, schlug etwas zwischen uns in die Wand, riss mir mit außerordentlicher Wucht den Stahlhelm vom Kopf und schleuderte ihn weit weg. Ich glaubte eine ganze Schrapnellladung erhalten zu haben und legte mich halb betäubt in mein Fuchsloch, auf dessen Rand einige Sekunden später eine Granate schlug. Sie erfüllte den kleinen Raum mit dichtem Qualm, und ein langer Splitter zerschmetterte eine Büchse voll Gurken, die neben meinen Füßen lag. Nachdem die Feuerwelle verebbt war, ging ich durch den Graben, besah den Schaden und stellte fest, dass wir noch fünfzehn Mann stark waren. Wir atmeten alle erleichtert auf, als wir das von den heraufziehenden Stahlgewittern des großen Endkampfes umgrollte Puisieux im Rücken hatten.

"In Stahlgewittern" lautet der Titel des Buches, in dem Ernst Jünger seine Erlebnisse in den Grabenkriegen der Westfront beschreibt.

Das Erlebnis dieses Krieges lässt alle, die daran teilgenommen haben, nicht mehr los. Jünger gehört zu denen, die fasziniert sind von den Erlebnissen an der Front. Die Technik hat die Kriegführung grundlegend verändert. Das haben in den ersten zwei Jahren selbst die Oberkommandierenden nicht begriffen, geschweige denn die einfachen Soldaten.

Die Welt ist ein Stück Mist in den Augen von Hauptmann Lauber. Dieser Flugzeugkrieg erniedrigte den Krieg überhaupt zu einem Handwerk für Motorradfahrer, Photographen und Bombenschmeißer - Zeit, ihn abzuschaffen und durch etwas Vernünftigeres zu ersetzen, bei dem nicht immer wieder die Besten ausgerottet wurden. Ob die schwere Artillerie nicht schon das Ende dieser Art von Krieg bedeutete, darüber zankte er sich im Spaß mit seinem Freund Reinhardt. Aber über diese Fliegerei war kein Wort zu verlieren, die gehörte sich nicht, sie war saublöd.
Arnold Zweig, Erziehung vor Verdun.

Die Mechanisierung des Krieges veränderte das Denken und die Moral. Im stunden-, manchmal tagelangen Trommelfeuer schienen nach einem Wort von Ernst Jünger "selbst die Naturgesetze ... ihre Gültigkeit verloren zu haben", das Schicksal des einzelnen war unplanbar geworden vor dem Übermaß an Granaten, Maschinengewehren, Fliegerbomben. Und: Der einzelne war wertlos geworden. Dies bewies die Erfahrung aus jahrelangen Grabenkämpfen, in denen Tausende ohne Bedenken in den Tod geschickt worden waren, damit fünfzehn übrig gebliebene Angreifer einen Graben besetzen konnten, aus dem sie am nächsten Tag von anderen Angreifern wieder vertrieben wurden.

Der Gewalt des Krieges folgt die Nachkriegsgewalt. In Deutschland stürzen die Arbeiter nach Kriegsende in einer unblutigen Revolution den Kaiser - doch die sozialdemokratischen Führer scheuen sich nicht, das Feuer auf die Arbeiter zu eröffnen, als die im Januar 1919 in Berlin massenhaft gegen die Politik der Revolutionsregierung protestieren.

Die Sprache, in der der Sicherheitsbeauftragte der SPD, Gustav Noske, den Tod von linken Arbeiter rechtfertigte, zeugt davon, wie sich selbst in der SPD das Verhältnis zur Gewalt verändert hat.

Einer muss der Bluthund sein.

... kommentierte Noske den Schießbefehl.

Im November 1919 klagt Generalfeldmarschall von Hindenburg vor einem Untersuchungsausschuss, Heer und Flotte seien durch "planmäßige Zersetzung" von revolutionären Kräften in die Niederlage getrieben worden, der "gute Kern" des Heeres sei "von hinten erdolcht worden".

Die "Dolchstoßlegende” war geboren. Schuld an der Niederlage seien nicht die obersten Generäle, sondern die Politiker gewesen. Die Kombination aus der traumatischen Erfahrung, machtloses Opfer militärischer Gewalt gewesen, und dem Glauben, von namenlosen Mächten um den verdienten Sieg betrogen worden zu sein, schürte in der deutschen Nachkriegsgesellschaft Rachegefühle und gewalttätige Phantasien.

Arbeiter, Bürger !
Das Vaterland ist dem Untergang nahe. Rettet es! Es wird nicht bedroht von außen, sondern von innen. Von der Spartakusgruppe.
Schlagt ihre Führer tot!
Tötet Liebknecht!
Dann werdet ihr Frieden, Arbeit und Brot haben!


Mit solchen Aufrufen wird schon im Winter 1918/19 das Klima der Gewalt geschürt, in dem schließlich Tausende von Menschen umgebracht werden - auch prominente Politiker:

Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht - ermordet am 15. Januar 1919.
Kurt Eisner, unabhängiger Sozialdemokrat, der die Novemberrevolution in München anführte - ermordet am 21. Februar 1919.
Matthias Erzberger, Zentrumspolitiker, der den Friedensvertrag unterzeichnet hatte, ermordet am 26. August 1921.
Walther Rathenau, deutscher Außenminister - ermordet am 24. Juni 1922.

Rache für das Unglück, das Deutschland mit der Kapitulation 1918 widerfahren war, und Revision des Versailler Friedensvertrages - das prägte die Grundstimmung im Nachkriegsdeutschland. Dass das Vaterland nicht vom Feind besiegt, sondern von vaterlandslosen Gesellen an der Heimatfront entscheidend geschwächt worden sei, dieser Mythos vergiftete das politische Klima in Deutschland.

An seiner Verbreitung hatte die erste Regierung der Weimarer Republik erheblichen Anteil. Statt die Schuld am Krieg dem Kaiser, seinen Politikern und Generälen zuzuschreiben, tat sie alles, um in den Friedensverhaltungen die Schuldvorwürfe der Siegermächte abzuwehren. In den Verhandlungen nutzte die Strategie wenig - im Gegenteil.

Man muss Deutschland "einen harten Frieden nicht nur deshalb auferlegen, weil es schuldig ist, sondern, weil es sich nicht als schuldig bekennen will."

... schrieb die französische Presse.

Die Wirkung auf Deutschland hingegen ist fatal. Eine kritische Diskussion über die kaiserliche Politik 1914 kommt nicht zustande, stattdessen beherrschen die nationalistischen Republikfeinde das Feld, die dem Ausland und der Demokratie die Schuld am deutschen Unglück zuschieben. Der sozialdemokratische Politiker Eduard Bernstein schreibt 1924 an seinen ehemaligen Widersacher in der SPD, Karl Kautsky:

Unsere Leute sind dem Kriegsschuldmaterial, mit dem die Nationalisten die wachsende Menge ihrer Hörer bearbeiten, beinahe waffenlos ausgeliefert. Von der These aus, dass das kaiserliche System nicht allein Schuld am Kriege sei, die sie dann mit bequemer Dialektik in "überhaupt nicht schuld" umdeuten, ist es leicht, den Massen plausibel zu machen, dass das Kaisertum zu Unrecht gestürzt worden und die "Judenrepublik" und ihre Erfüllungspolitik an allem Übel schuld seien, unter dem Deutschland leide.

Das deutsche Trauma der Niederlage und der Hass auf die ausländischen Mächte spiegelt sich auch im Gedenken an die Kriegstoten wider. Im Zentrum des Gedenkens steht Verdun.

Die Schlacht um Verdun hatte von Februar bis Juli 1916 auf beiden Seiten unvorstellbar viele Menschenleben gekostet. Im Gedenken interessierten aber nur die deutschen Toten. Ihr Opfer wurde beschworen, um den Kampfgeist für künftige Schlachten zu wecken, in denen "Verdun" und die Schmach des 1. Weltkrieges gerächt werden sollte.

Das ganze Gelände hinter der deutschen Front ist einzige große Furchtbarkeit. Hier lauert der Tod an jedem Trichterrand, an jedem Hohlweg, in jeder Schlucht. Das rechte und das linke Maasufer ist ein einziges, großes Entsetzen, von der vorderen Linie bis an den Rand der Etappe, ein ununterbrochenes Trichterfeld, in dem die Ratten herrschen. Die deutsche Front um Verdun hat keine Heilige Straße. Aber heilig sind sie alle, diese Trägerpfade durch das Trichterfeld, heilige diese verfilzten Waldstücke, von der unerbittlichen Walze des Trommelfeuers zerrissen und wie von Titanenhämmern zerschlagen, heilig sind die Schluchten und grundlosen Anmarschwege, heilig die Schlammweiher und die versumpften Reservestellungen, heilig das ganze gewaltige Gelände zu beiden Seiten der Maas - denn es hat Ströme deutschen Blutes getrunken!

Fast wie eine nationalistische Litanei klingen diese Zeilen von Paul Coelestin Ettighofer, dessen Erinnerungsbuch "Verdun" ab 1936 immer wieder aufgelegt wird - binnen fünf Jahren verkauft der Bertelsmann-Verlag 400.000 Exemplare.

Die Erinnerung an die Materialschlachten von "Verdun" wurde zu einer chauvinistischen Liturgie. Und die Gläubigen verlangten Rache!

Die Revision des Friedensvertrages von Versailles und damit die Revision der Niederlage von 1918 sind das Programm der nationalen Rechten in Deutschland, seitdem die Truppen aus den Gräben in der Champagne nach Deutschland zurückgekehrt sind.

Hitler schließlich war es, der dem Programm die Tat folgen ließ: 1940 überfiel er Frankreich. Sein Infanterie-General Karl Weisenberger hielt auf dem Fort Douaumont bei Verdun die Jubelrede:

Dreimal war ich selbst als junger Offizier in jener größten Zermürbungsschlacht aller Zeiten eingesetzt, und nie es war mir gestattet, die heiß umkämpfte Stadt auch nur einmal zu sehen. Und dann hat nach einem Menschenalter das Soldatenglück mir vergönnt, mit meiner Division den Douaumont zu stürmen, als erste deutsche Truppe in die Stadt Verdun einzudringen, die Zitadelle in die Hand zu nehmen und dort die Hakenkreuzfahne, das siegreiche Banner unseres Reiches, zu hissen. Damit hat sich 1940 der Ring geschlossen, der 1916 um Verdun zu schmieden begonnen war, damit haben alle Opfer, alle Tapferkeit, hat alles Sehnen und Hoffen der Verdun-Kämpfer von 1916 doch noch die Erfüllung gefunden.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Kooperation von DeutschlandRadio Berlin mit dem Deutschen Historischen Museum und der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit in Berlin.

Noch bis zum 16. August können Sie im Deutschen Historischen Museum in Berlin eine Ausstellung sehen mit dem Titel: "Der erste Weltkrieg - Ereignis und Erinnerung".



Hinweis:
Aus den Beiträgen des Sendeschwerpunkts zum 1. Weltkrieg im DeutschlandRadio Berlin ist auch eine CD entstanden. Sie trägt den Titel: "Auf zu den Waffen! Das Drama des Ersten Weltkrieges"
Diese CD können Sie bestellen unter der Telefonnummer: (0 18 03) 37 23 46 oder per eMail an: hoererservice@dradio.de. Die CD kostet 12,90 Euro.
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