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4.8.2004
Aufruhr in Bremerhaven
Streit um die Beschlagnahmung von Grundstücken für die US Army - Vor 50 Jahren

Im Westen Deutschlands galten die Besatzungsmächte sehr bald als Schutzmächte und befreundete Armeen. Durch den Kalten Krieg hatten die Bundesdeutschen nicht so sehr das Gefühl, besetzt zu sein - sondern eher: durch die Anwesenheit der Truppen geschützt zu sein vor einem Überfall aus dem Osten. Dennoch war das Verhältnis zu den Besatzungsmächten keineswegs konfliktfrei. Vor allem, wenn die Streitkräfte Land für ihre Truppenübungsplätze und ihre Mannschaften brauchten, gab es in den frühen 50er Jahren Streit. Einer dieser Konflikte eskalierte im Sommer 1954 in Bremerhaven. Die US Army beanspruchte Grundstücke von Haus- und Gartenbesitzern.

Bremerhaven: das war damals der Nachschubhafen der amerikanischen Besatzungstruppen und der Hafen mit regelmäßiger Schiffsverbindung in die USA.

Wir haben amerikanische Musik gehört, wir haben amerikanische Freunde gehabt, GI's, die mit uns befreundet waren, also es gab sehr gute Kontakte zu den GI's; sicherlich gab's auch mal Auseinandersetzungen, aber das gab es auch zwischen den Deutschen, also das war nichts Außergewöhnliches. Die Deutschen trugen ihre Jeans und Ringelsocken und hatten den Meckihaarschnitt, ja, genauso wie die Amerikaner.

Das erzählt Johann Lüdemann aus Bremerhaven. Und dann geschah das: Am 13. Mai 1954 erhielten die Grundstückseigentümer am Großen Blink in Bremerhaven "aus blauem Himmel" vom Besatzungskostenamt der Freien Hansestadt Bremen einen Brief mit einem amerikanischen Requisitionsschein.
Jonny Lüdemann, dessen Vater am Großen Blink einen Kleingarten besaß, beschreibt, wie das Gelände Anfang der 1950er Jahre aussah - die Parzelle seines Vaters:

Standen einige Buden, da wurden Kaninchen gehalten, Hühner gehalten, auch bis zur Kriegszeit Schweine oder ein Schwein wurde dort gehalten, also es war im Grunde genommen eine Kleinstbauerei, die dort stattgefunden hat. Auf den anderen Grundstücken standen überwiegend Einfamilienhäuser, nicht in der Gesamtfläche, sondern vereinzelt standen Einfamilienhäuser und ein größeres Vierfamilienhaus stand dort.

Die Reaktion auf die Enteignung war helle Empörung nicht nur der Betroffenen, sondern vieler Bremerhavener Bürger. Besonders die KPD und die Deutsche Partei, deren Bundesvorsitzender Herbert Schneider für Bremerhaven im Deutschen Bundestag saß, setzten sich an die Spitze des Protests, der bis in Bonn und Washington für Aufregung sorgte, weil man dahinter antiamerikanische Umtriebe vermutete.

Die Empörung war insgesamt, ich bin am Flötenkiel in unmittelbarer Nähe vom Großen Blink großgeworden, die Empörung bei den Menschen war damals sehr groß, daß nun ja auch die Kleinsten dort ihre Gärten räumen mussten, und, ja, es war große Verärgerung.

Für die kommunistische "Stimme des Friedens" war im Juli 1954 klar:

Es ist richtig, dass die Bewohner 'Am Blink' jede Diskussion über eine Entschädigung ablehnen, da diese Haus und Hof niemals aufwiegen wird. Es ist richtig, dass sie sich der Demontage widersetzten, denn sie ist gesetzlich und rechtlich anzufechten. Aber sie sollen sich klar darüber sein, dass dies eine Folge unserer gegenwärtigen Regierungspolitik ist. Wie ich eingangs schon erwähnte, wollen die Besatzungsmächte 50 Jahre lang in unserem Lande bleiben. Die Beschlagnahme ist eine der ersten Auswirkungen der EVG-Politik [Europäische Verteidigungsgemeinschaft], ja, sie ist die EVG in Aktion. Bei deren Inkrafttreten wird dies noch nicht der letzte Fall eines völligen Entrechten der Mitbestimmung des Bürgers sein, werden in anderen Gegenden weitere Übergriffe auf das Privateigentum erfolgen. Gerade die Bevölkerung in Bremerhaven, die durch das ständige Ausladen von Munition und Atomwaffen auf das stärkste gefährdet ist, muss klar werden, dass sie in ihrem Kampf um die Erhaltung ihrer Wohnstätten zugleich den Kampf gegen die EVG zu führen hat, die nicht nur ihr, sondern unserer aller Verderben sein wird. Der Abschluss eines Friedensvertrages hat den Abzug aller Besatzungstruppen zur Folge und keiner braucht mehr zu befürchten, dass auch ihm vielleicht morgen das Dach über dem Kopfe weggenommen wird.

Jonny Lüdemann war damals Werftarbeiter in der Kupferschmiede der Lloydwerft, aber er war nicht in Bremerhaven, als die Affäre hochkochte:

Ich war zu der Zeit in der DDR und bekam im Grunde genommen über die Medien der DDR sowohl aus der Presse wie über Rundfunk, dass dort sogenannte Räumungsarbeiten stattfinden. Die DDR hat das sehr hochgespielt nach meiner Einschätzung; ja, und als ich dann wiederkam, hörte ich davon, von den Aktionen, die hier stattgefunden haben, dass Werftarbeiter, u. a. auch mein Vater, der auf der Rickmerswerft gearbeitet hat, dort hinmarschiert sind, und haben dort Widerstand geleistet.

Die schon damals populäre Illustrierte "Stern" berichtete erstmals am 4. Juli 1954 in großer Aufmachung über das Ereignis:

Besatzungsrecht bricht Bundesrecht - Gesetzwidrige Beschlagnahmen in Bremerhaven - Behörden verstecken sich hinter der amerikanischen Besatzungsmacht.

Der Bremerhavener Magistrat hatte den amerikanischen Behörden das Gelände am Großen Blink für die Bebauung einer geschlossenen Wohnanlage angeboten. Einsprüche dagegen waren zwecklos, denn der Magistrat schob das Besatzungsrecht vor. Schon am 10. Juli 1954 sollte das Gelände geräumt werden. Der Widerstand formierte sich. Der Weser-Kurier berichtete am 12. Juli 1954:

Fast jeder der nicht räumungswilligen Grundstückseigentümer hatte am Sonnabend, dem angekündigten Beginn der Räumungsaktion, ein schwarzes Tuch an einem provisorischen Flaggenmast gehisst, um auf diese Weise seinen Protest gegen die Requirierungen nach außen hin zu zeigen. Aus der Dachluke eines Einfamilienhauses wehte sogar eine große Bremer Landesflagge mit einem Trauerflor.
Der 10. Juli galt, wie bereits berichtet, für die ersten fünf Familien, insgesamt 17 Personen, als der 'Tag X', an dem sie laut Bescheid des Besatzungskostenamtes ihre Grundstücke räumen und 'der Besatzungsmacht zur Verfügung stellen' sollten. Weiteren Anwohnern ist inzwischen Bescheid mit dem 1. August als Räumungstermin zugegangen. In den amtlichen Schriftstücken werden die Betroffenen ferner aufgefordert, der Behörde mitzuteilen, wann sie ihre Wohnung geräumt haben werden, damit die 'formale Übergabe an die Besatzungsmacht' erfolgen könne.
Nun, am 10. Juli wurde noch keine Wohnung geräumt und auch kein Versuch einer Zwangsräumung unternommen. Zwar gab es morgens einen Auflauf von ein paar hundert Menschen, als Bauarbeiter mit dem Abraum einer fiskalischen Geländefläche begannen, die an Grundstücke von Nichträumungswilligen angrenzt. Kommunistische Agitatoren - darunter der Bremer Bürgerschafts-Abgeordnete Schmidt und die beiden Bremerhavener Stadtverordneten Rinner und Trieschmann - versuchten eine Flamme zu entzünden, erlitten aber von der disziplinierten Bevölkerung eine Abfuhr.
Neugierig standen während des ganzen Tages Gruppen umher. Polizei und Kriminalbeamte patrouillierten beobachtend auf und ab, aber es ereignete sich nicht mehr. Die von der Requirierung Betroffenen 'gingen nicht auf die Straße', obgleich die Transparente von der KP dazu aufforderten.


Am 14. Juli debattierte der Deutsche Bundestag die Affäre. Erster Redner war Herbert Schneider, Abgeordneter der nationalkonservativen Deutschen Partei aus Bremerhaven und Bundesvorsitzender dieser Partei, die der CDU-geführten Bundesregierung unter Kanzler Konrad Adenauer angehörte:

Herbert Schneider DP: Mit der Beschlagnahme in Bremerhaven haben sich inzwischen alle Parteien und auch der Deutsche Gewerkschaftsbund befasst. Diese Frage hat damit weit über die Grenzen unserer Stadt hinaus eine Bedeutung gewonnen, die so politisch ist, dass nun, nachdem alle anderen Versuche, diese Angelegenheit zu regeln, gescheitert sind, kein anderer Weg mehr blieb, als diese Sache vor den Bundestag zu bringen.

Schließlich kam er zum eigentlichen Kern der Affäre:

Schneider DP: Ich habe schon eingangs meiner Ausführungen gesagt, dass auch die ganze Frage sehr stark zu einer politischen Frage geworden ist und man nicht übersehen darf, dass das freundschaftliche Verhältnis, das wir Gott sei Dank inzwischen mit den Alliierten und besonders auch mit Amerikanern pflegen, durch diese Maßnahmen einer großen Belastung ausgesetzt ist. Darüber hinaus werden selbstverständlich auch die Kommunisten versuchen, hier im Trüben zu fischen und irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen. Allerdings wird man den Herrschaften entsprechend auf die Finger klopfen.

Bundesfinanzminister Fritz Schäffer wollte die Angelegenheit nicht so hoch hängen, sondern versuchte, sie pragmatisch zu sehen:

Fritz Schäffer, Bundesfinanzminister, CSU: Die USA-Streitkräfte haben den Plan, in Bremerhaven 558 Familienwohnungen, 204 Junggesellenwohnungen, eine Offiziersmesse, eine Schule etc. sowie eine Kapelle zu errichten. Zusammen mit den Maßnahmen, die die Bundesregierung eingeleitet hat, würde der Erfolg sein, dass in verhältnismäßig kurzer Zeit 664 Wohnungen der gesamten Altbesatzungsverdrängten des Landes Bremen für die deutsche Zivilbevölkerung wieder frei gemacht werden könnten.

So einfach könne man es sich machen, meinte der Bremerhavener SPD-Bundestagsabgeordnete Philip Wehr:

Philip Wehr, SPD: Aber die ganze Angelegenheit hat ja noch einen politischen Hintergrund. Sie haben ihn nur gestreift, Herr Kollege Schneider. Der politische Hintergrund wiegt ja viel schwerer. Was die amerikanische Politik bisher in Deutschland vermeiden wollte und worauf auch die Politik der Bundesregierung gerichtet war, nämlich dafür Sorge zu tragen, dass der Kommunismus nicht mehr anwachsen kann, wird damit gefördert. Wir wissen ganz genau, dass in der Ostzone genau solche Beschlagnahmeaktionen - wie es im letzten Fall in Erfurt, glaube ich, geschehen ist - durchgeführt werden. Das schert die Leute aber überhaupt nicht. Sie schicken sogar aus der Ostzone Menschen hierher, die protestieren und die Polizei in Bewegung setzen. Frauen und Kinder der jetzt bereits dort wohnenden amerikanischen Besatzungsangehörigen haben mir gesagt, sie schämten sich, dort einmal wohnen zu sollen, wo deutsche Familien verdrängt worden sind. Letzten Endes ist es ja nicht lediglich eine Frage des Taktes, sondern es ist auch eine Frage des Rechtsgefühls, das auch die Behörden haben sollten und das man nicht immer bloß vom Parlament verlangen sollte. Dieses Rechtsgefühl sollte auch einer Behörde, die sich sehr leicht in die Anonymität verkriechen kann, klarmachen, daß sie nicht nur die Bürger zu kommandieren hat, sondern dass sie Auftragnehmer der Bürger ist.

Der Bundestag beschloss, die Bundesregierung aufzufordern, in Verhandlungen mit den amerikanischen Stellen dafür einzutreten, die Beschlagnahme der Grundstücke zu verhindern. Tatsächlich verhandelte die Bundesregierung nicht. Sie setzte auf einen anderen Weg. Auf den der großzügigen Entschädigung.

Doch bevor sich die Wirkung des Geldes entfalten konnte, kam es zu einer Eskalation.

Die Mistgabeln siegten!

Unter diesem Titel schrieb der "Stern" in seiner Ausgabe vom 15. August 1954:

So weit ist es schon: Die Bewohner des Stadtteils Blink in Bremerhaven müssen mit Mistgabeln und Harken ihr Eigentum verteidigen. Sie sollen ihren Besitz verlassen, weil (...) auf ihren Grundstücken eine amerikanische Wohnsiedlung entstehen soll. Alle Proteste waren bisher vergeblich. Die Verantwortlichen zeigen immer noch kein Einsehen. Und jetzt schickte die Stadtverwaltung, die das Gelände den Amerikanern aus freien Stücken angeboten hatte, sogar Polizei vor. Die überklugen Stadtväter ließen dort angreifen, wo die den schwächsten Widerstand vermuteten: beim Polizeimeister Albert Howind, der am Blink wohnt. Aber dieser Beamte bewies am eigenen Beispiel schlagend, dass Bürgerrecht vor Beamtenpflicht geht. Die deutschen Untertanen sind ausgestorben, Herr Oberbürgermeister Gullasch!

Sehr großzügige Entschädigungen in Höhe der damals beträchtlichen Summe von insgesamt einer Million DM entspannten die Lage. Die Blinkbewohner zogen schließlich freiwillig aus und die amerikanische Siedlung mit mehrstöckigen Wohnblocks konnte gebaut werden. Ein lokalhistorisches Buch schreibt zum Ende der Affäre, die so hohe Wellen geschlagen hat:

Neun Jahre nach der Befreiung von der Hitler-Diktatur zeigte die Blink-Affäre das Ende der Untertanen-Mentalität und ein neues demokratisches Selbstbewusstsein. Die Amerikaner gewannen die zusätzliche Erfahrung, dass ihr Selbstverständnis als 'Besatzungsmacht' nicht mehr ohne weiteres durchsetzbar war. Für ihren 'Lernprozess' war es kennzeichnend, dass sie dem Stadtkämmerer, der die Entschädigungsverhandlungen führte, zu seiner völligen Überraschung im September 1954 erklärten, wenn er nicht erfolgreich verhandle, sei das Projekt für sie erledigt, mit Gewalt würde sie niemanden am Blink enteignen. Das war exakt das Gegenteil des Bescheides, den die Eigentümer vier Monate zuvor erhalten hatten.

Nach dem fast vollständigen Abzug der amerikanischen Streitkräfte aus Bremerhaven Anfang der 90er Jahre wurde der Blink von der Städtischen Wohnungsgesellschaft übernommen. Heute ist der Blink ein attraktives Wohngebiet für die Bremerhavener.
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