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9.8.2004
Fehlversuche
Die Vorgeschichte der ersten Olympischen Spiele 1896 in Athen
Von Niels Kadritzke

In wenigen Tagen beginnen die Olympischen Sommerspiele in Athen. Damit kehren die Spiele an ihren Ursprungsort zurück: Schließlich berufen sich die Spiele von heute auf die olympischen Wettkämpfe im antiken Griechenland. Und die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit fanden 1896 in Athen statt. Kaum bekannt ist, dass es schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts Versuche gegeben hat, die olympische Tradition in Griechenland wiederzubeleben.

Die Hymne nach Pindars olympischer Ode ist ein Werk von Konstantinos Nikolopoulos. Der Komponist lebte Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris. Romantische Auslandsgriechen wie er trugen dazu bei, dem 1830 gegründeten neugriechischen Staat das Erbe des antiken Hellas aufzubürden. Aber nicht viele von ihnen zog es in das befreite Vaterland. Vor allem die reichen Kaufleute der Diaspora machten anderswo bessere Geschäfte als in dem elenden Königreich, dem die Großmächte eine bayerische Dynastie aufgezwungen hatten.

Die olympische Komposition entstand 1840. 19 Jahre später erlebten die Athener den ersten Versuch, an die antiken Spiele anzuknüpfen. Auch dieses Ereignis ist mit dem Namen eines Auslandsgriechen verbunden:

Záppas war ein reicher Kaufmann der Diaspora, ...der in jungen Jahren nach Bukarest ging und es dort zu großem Reichtum brachte. Er gehörte zu den griechischen Geschäftsleuten, die ihr Vermögen im Osmanischen Reich machten, obwohl damals der griechische Staat schon existierte.

Christina Koulouris, die an der Universität Athen Geschichte lehrt, erklärt die olympische Berufung des Evangélis Záppas aus seinem Patriotismus:

Obwohl er im Ausland lebte, war für ihn der griechische Staat das nationale Zentrum. Und ganz besonders Athen, wo er viel Geld für philantropische Einrichtungen wie Kranken- oder Waisenhäuser spendete.

Aus Patriotismus finanzierte dieser Onassis des 19. Jahrhunderts auch das Experiment einer neuzeitlichen Olympiade im November 1859. Und sein Vermögen, das er in eine Olympia-Stiftung einbrachte, ermöglichte in den folgenden 30 Jahren drei weitere Veranstaltungen, die als "Záppas-Olympiaden" in die Geschichte eingingen.

Zu dieser olympischen Renaissance wurde der Mäzen von Panayóitis Soutsos inspiriert. Der Athener Journalist erfand auch das Argument, mit dem sich das Projekt an die politische und wirtschaftliche Elite verkaufen ließ:

Mit solchen Spielen kann man eine Ausstellung verbinden, in der landwirtschaftliche Produkte und Werkzeuge sowie industrielle Erzeugnisse präsentiert werden, und bei der außerdem Preise an Dichter und Männer des Geistes verliehen werden.

Auf dieser Linie schlug Záppas dem griechischen Staat ein Doppelprojekt vor: Für die Gewerbeschau wollte er einen Ausstellungsbau errichten, für das sportlichen Programm das verfallene pan-athenische Stadion restaurieren. Die Politiker interessierte allerdings nur die eine Hälfte des Angebots.

Die griechische Regierung begrüßte zwar die Spende, nicht aber die Idee der Olympiade. Die erschien ihr anachronistisch, ohne Bezug zur Gegenwart. Auch war die Einstellung zu körperlichem Training damals negativ. Man dachte dabei eher an Akrobaten, die auf Volksfesten ihre Kunststücke zeigen.

Was die Politiker von der sportlichen Idee hielten, formulierte der damalige Außenminister ziemlich undiplomatisch so:

Der Wettbewerb, der in unserer Epoche und in der uns bekannten Zivilisation am ehesten (der Olympiade) entspricht, ist nicht etwa das Ringen oder Boxen, sondern der geistige Wettbewerb des industriellen und sozialen Fortschritts.

Diesen Fortschritt sollte eine Ausstellung nach dem Vorbild von Paris und London beflügeln.

Der kleine griechische Staat hatte damals den Traum, immer größer zu werden. Und zwar nicht nur im Sinne der Ausdehnung seiner Grenzen, sondern auch als Fortschritt in der Wirtschaft und im Erziehungswesen, damit man von den anderen europäischen Ländern als gleichberechtigtes Familienmitglied anerkannt wurde.

Im Dezember 1858 erging das königliche Dekret, das die Idee des Olympia-Mäzens in die Realität umsetzte:

In Athen sind alle vier Jahre unter der Bezeichnung "Olympia" allgemeine Wettbewerbe abzuhalten für Teilnehmer, die Produkte griechischer Aktivitäten, zumal aus Industrie, Landwirtschaft und Viehzucht ausstellen wollen.

Dieses erste "Olympia" fand an vier Sonntagen im Oktober1859 statt. Für die sportlichen Wettkämpfe war freilich nur ein Nachmittag vorgesehen. Und die Ausschreibung der einzelnen Disziplinen erfolgte erst fünf Tage vor dem Wettbewerb und enthielt den ominösen Satz:

Einige Disziplinen werden versuchsweise erprobt und dürften sich erst im Lauf der Zeit zu einem richtigen Wettbewerb entwickeln, der sich als seines Namens würdig erweist.

So provisorisch wie diese Ankündigung geriet auch die Veranstaltung selbst. Neben drei Laufdisziplinen, Weitsprung und Speerwurf gab es ein Zielspeerwerfen, bei dem die Teilnehmer einen Bullenkopf treffen mussten. Der Sprung über Weinschläuche und das Erklimmen einer eingefetteten Kletterstange erinnerten eher an einen Jahrmarktsrummel. So empfand es auch das Publikum, das sich auf dem belebten Ludovicos-Platz eingefunden hatte. Eine Athener Zeitung kommentierte:

Der Anblick des Ganzen war so abstoßend, dass die Zuschauer von dannen gingen mit dem Gefühl des Ekels über dieses gewaltige und bedauerliche Durcheinander, das während des ganzen tragikomischen Ereignisses herrschte und das uns stets unvergesslich bleiben wird.

Dass dieses Experiment überhaupt unternommen wurde, erklärt Christina Koulouris so: Die Griechen mussten mit dem einzigen Pfund wuchern, das sie hatten - mit ihrer Geschichte. Sie wollten dem restlichen Europa zeigen, dass die modernen Hellenen ihrer antiken Vorfahren würdig seien.

Dieses Ziel verfolgte man mit mehreren Mitteln: mit der Sprache, die man weitgehend dem Altgriechischen anpasste; mit der Architektur - weshalb die bayrische Dynastie die Regierungsgebäude im neo-klassischen Stil errichtete. Und so sollten auch die Olympischen Spiele an das antike Erbe erinnern. Doch als Záppas Mitte des 19. Jahrhunderts die Idee entwickelte, war Griechenland noch nicht reif dafür.

Nicht zuletzt fehlten die Sportler. Ein breiteres Interesse für Leibeserziehung hatte sich zum Zeitpunkt des ersten Záppas-Olympia noch nicht entwickelt. Gesellschaftsfähig wurde der Sport erst später...

... als die bürgerliche Elite Athens begann, englisch inspirierte Sportarten wie Reiten und Schießen zu übernehmen, die damals in den bürgerlichen Schichten Europas populär wurden. Die olympische Idee wäre völlig wirkungslos geblieben, wenn sich nicht allmählich die Einstellung zu sportlicher Betätigung verändert hätte.

So die Historikerin Christina Koulouris von der Universität Athen. Elf Jahre später, bei der zweiten Záppas-Olympiade, waren schon erste Veränderungen zu spüren. Noch wurde in erster Linie eine Ausstellung geboten, aber die sportlichen Wettkämpfe spielten 1870 eine größere Rolle als 1859. Das war vor allem ein Verdienst der Olympia-Stiftung, die nach dem Tod des Gründers von dessen Cousin weitergeführt wurde. Sie sorgte dafür, dass man 1870 im antiken Panathenischen Stadion antreten konnte.

Für die Sprungwettbewerbe legte man Gräben an, für die Ringer entstand eine Arena, für die Kletterwettbewerbe wurden Stangen aufgerichtet, für die Sprintrennen Bahnen abgesteckt. Über der Kurve am Kopfende des Stadions wurde eine Königliche Loge gebaut und darunter 300 Sitze für die Ehrengäste. An den Seiten entstanden Stehränge. Auch die Krypta des antiken Stadion wurde gesäubert und als Umkleideraum genutzt.

Geplant waren die Wettbewerbe von drei Universitätsprofessoren und dem deutschen Turnlehrer Julius Hennig. Erstmals gab es klare Regeln und geschulte Kampfrichter. Und die 31 Teilnehmer sprachen einen olympischen Eid:

Ich verspreche, ehrenhaft zu kämpfen, gemäß der festgesetzten Regeln, und ohne meinen Gegner zu betrügen.

Die zweite Záppas-Olympiade in antiker Kulisse zog immerhin 25.000 Zuschauer an. Während 1859 noch eine Kirmesatmosphäre geherrscht hatte, war jetzt bereits ein Hauch von Sportsgeist zu spüren:

1870 tragen die Teilnehmer schon uniforme Sportkleidung, es gibt klare Regeln, es gibt Preise, das Ganze hat System. Noch deutlicher wird das 1875, jetzt treten auch Teilnehmer aus besseren Kreisen an: Schüler, und Studenten, die sich mit dem Sport identifizieren.

Der dritten Záppas-Olympiade von 1875 war ein wichtiges Ereignis vorangegangen. Das Olympia-Komitee hatte in Athen die erste Sport- und Übungsstätte gegründet. Um ungeübte Teilnehmer abzuhalten, waren jetzt nur noch Studenten und Schüler startberechtigt, die regelmäßig Sport betrieben. Da zu den zehn Disziplinen nur 24 Teilnehmer antraten, kritisierten einige Zeitungen den Wettbewerb freilich als elitär. Aber Kritik gab es auch von der patriotischen Presse, die einen handfesten Realitätsbezug vermisste:

Das Ereignis hätte ein majestätisches, feierliches und nationales Schauspiel bieten und zugleich einem praktischen Zweck dienen können, hätte man uns Kompanien einer gutgedrillter Jugend vorgeführt, die sich moderner Waffen bedienen können, und dazu die Bataillone der Nationalgarde mit Eliteschützen und disziplinierter Kavallerie.

Die Griechen standen damals, wie alle Europäer, unter dem Eindruck des deutsch-französischen Krieges von 1870/71. Der Sieg der deutschen Militärmaschine wurde auch in Athen auf den preußisch geprägten Sportunterricht zurückgeführt. Für die politische Klasse, die von der "Befreiung" weiterer griechischer Gebiete vom "osmanischen Joch" träumte, war das ein verführerischer Gedanke, schreibt der Sporthistoriker Konstantinos Georgiadis:

Die Verantwortlichen für das Erziehungswesen - und weite Teile der öffentlichen Meinung - hingen dem Zeitgeist und der damaligen Ideologie an, dass man den nationalen Traum nur realisieren könne, wenn man an den Schulen militärische Übungen und militärisches Turnen einführt.

In diesem politischen Umfeld konnte sich der Sport als autonome Bewegung nur langsam durchzusetzen. So gesehen war selbst die vierte Záppas-Olympiade von 1889 noch anachronistisch, meint Christina Koulouris. Das zeigt schon die Tatsache, dass die sportlichen Wettkämpfe ein Jahr nach der gewerblichen Olympiade stattfanden:

Die war nämlich schon 1888 gewesen. Die beiden Ereignisse hatten also nichts miteinander zu tun. Wir sehen daran, dass die olympische Idee noch keine Wurzeln geschlagen, noch keine echte Resonanz gefunden hatte.

Um den Sport in der griechischen Gesellschaft durchzusetzen, bedurfte es einer Initiative von außen, von einer internationalen Bewegung.


Wir müssen also auf die Initiative von Coubertin warten. Erst der Anstoß von außen bewirkte, dass sich die griechische Gesellschaft, die Politiker und die gebildeten Schichten auf die Idee der olympischen Spiele einlassen konnten.

So fanden die ersten internationalen "Olympischen Spiele neuer Zeitrechnung" erst 1896 in Athen statt. Auch sie wurden von einem griechischen Mäzen namens Giorgos Averoff finanziert. Der Erfolg dieser internationalen Premiere brachte die griechische Elite darauf, die olympische Idee erneut für die nationalen Interessen zu nutzen. Beim Abschlussbankett für die Olympiateilnehmer forderte König Georg I., Athen zum "dauernden und endgültigen Ort für die Olympischen Spiele" zu machen.

Diese Idee wurde dann vor allem von Ausländern unterstützt. Besonders die amerikanischen Athleten, die die meisten Medaillen gewonnen hatten, waren von der Gastfreundschaft und der gelungenen Veranstaltung so begeistert, dass sie Unterschriften für diesen Vorschlag sammelten.

Doch Baron de Coubertin machte die griechischen Hoffnungen zunichte. Die olympische Bewegung bestand auf ihrem internationalen Anspruch und damit auf wechselnden Austragungsorten.

108 Jahre mussten die Griechen warten, bis zum zweiten Mal nach 1896 Olympische Spiele in Athen stattfinden. In wenigen Tagen ist es so weit. Aber wenn die Griechen das Athener Spektakel in drei Wochen hinter sich haben, werden sie froh sein, dass der moderne olympische Jahrmarkt weiterwandert.
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