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13.8.2004
Café Achteck
Die Geschichte öffentlicher Bedürfnisanstalten in deutschen Städten
Von Michael Hollenbach

Öffentliche Toiletten (Bild: dradio.de)
Öffentliche Toiletten (Bild: dradio.de)
Das Problem ist ein privates - alltäglich und banal. Die Lösung des Problems ist eine öffentliche Aufgabe: Wer sich lange in Straßen und auf Plätzen einer Stadt aufhält, "muss irgendwann mal". Die Frage ist: wo? Je enger die Städte sind, desto geringer ist die Chance, irgendwo im Gebüsch, im Wald sich der Last zu entledigen. Früher, vor Jahrhunderten, war man noch so frei. Weshalb es in den Städten damals zum Teil bestialisch gestunken haben muss. Doch seitdem das Bürgertum für die Zivilisierung des öffentlichen und privaten Lebens sorgte, begann man auch, Lösungen für das delikate Problem zu suchen.

Seit einiger Zeit nimmt daher der weder mit der Reinlichkeitspolizei noch mit dem öffentlichen Anstande und guten Sitten vereinbarliche Gebrauch der Entledigung natürlicher Bedürfnisse in besuchten Straßen und Plätzen, selbst bei Tag und in den Höfen königlicher Gebäude immer mehr überhand.

Das bayerische Staatsministerium des Innern zog 1827 die Notbremse und forderte die "Errichtung besonderer Lokalitäten zur Steuerung dieses Übelstandes in der Residenzstadt" München. Bis weit ins 19. Jahrhundert war es gang und gäbe, Kot und Urin aus den Häusern direkt über die Straßenrinne zu entsorgen oder sein Geschäft auch in aller Öffentlichkeit zu machen. Nur in den größeren Städten gab es einzelne öffentliche Pinkelstände: allerdings erfolgte auch dort die Entsorgung des Urins direkt in die Bäche und Flüsse. Und der Übelstand der öffentlichen Entledigung natürlicher Bedürfnisse wurde immer schlimmer.

Der Hauptgrund ist die Verstädterung. In den Städten wurde es voller und damit fielen öffentlich urinierende Männer, um die ging es hauptsächlich, stärker auf und an Verschmutzungen wurde sich stärker gestört, vor allem an Kirchen.

Sigrid Fährmann-Tubbe hat das Problem eingehend untersucht. Die Kulturwissenschaftlerin nennt zwei Gründe für die Errichtung der öffentlichen Bedürfnisanstalten Mitte des 19. Jahrhunderts: einerseits gab es einen Bewusstseinswandel im Bürgertum - jenen Prozess der Zivilisation, den der Soziologe Norbert Elias beschrieben hat. Die Reinlichkeitsvorstellungen änderten sich; Kot und Urin mussten aus dem öffentlichen Blickfeld verschwinden. Andererseits bekamen die Menschen langsam eine Ahnung von den Zusammenhängen zwischen Hygiene und Krankheit. So vermerkt der ärztliche Verein zu Göttingen in einem Bericht an die Universität 1871:

Wir können nicht unterlassen, hierbei zu bemerken, dass außerdem ein Teil der Brunnen nicht allein durch Gossenwasser verunreinigt wird, sondern dass es augenscheinlich der Polizei nicht möglich ist, eine Verunreinigung durch Urin, wie sie allabendlich in der Zeit von 22 bis 24 Uhr namentlich in der Nähe der Wirtshäuser stattfindet und mit Leichtigkeit abgestellt werden kann, zu verhindern.

Die Verschmutzung der Gewässer war katastrophal: in die Bäche und Flüsse wurden die meisten Haus-, Wirtschafts- und Straßenabwässer geleitet - ebenso die Fäkalien, soweit sie nicht im Boden versickerten und so das Grundwasser und das Trinkwasser verschmutzten. In etlichen Häusern wurden die Fäkalien allerdings auch gesammelt - nicht aus hygienischen, sondern aus finanziellen Gründen. Sigrid Fährmann-Tubbe:

Mit den Fäkalien wurde gehandelt, das heißt, zunächst hatte man Fäkaliengruben oder Sickergruben, die stammten zum Teil noch aus dem Mittelalter, und dann, als klar wurde, die verpesten die Luft und auch den Boden, gab es in einigen Städten so genannte Fäkalientonnen.

Diese Tonnen standen unterhalb des Donnerbalkens und wurden wöchentlich einmal vom Fäkalienhändler geleert, um als Dünger an die Bauern weiterverkauft zu werden:

Ich habe mich mal näher beschäftigt mit dem Fäkalienhändler aus Göttingen, der also die Fäkalientonnen abholte und verkaufen konnte, (…) und später fast nichts mehr dafür bekam und sich dann auch beschwerte, dass er mit diesem Geschäft nur Stress und Ärger hat und eigentlich nichts mehr bei rauskommt.

Denn ausgehend von europäischen Großstädten wie Paris und London hatte sich seit der Mitte des 19. Jahrhundert auch in deutschen Metropolen wie Berlin, München und Hamburg schrittweise die Kanalisation durchgesetzt. Doch mit dem Bau von öffentlichen Toiletten ließ man sich noch Zeit. So kursierte an der Spree um 1850 der Spottvers an den damaligen Berliner Polizeipräsidenten von Hinkeldey:

Ach lieber Vater Hinkeldey, mach uns für unsere Pinkelei doch bitte einen Winkel frei.

Nicht einen Winkel, sondern eine runde Sache wollte der Druckereibesitzer Ernst Litfaß errichten: In 30 seiner Anschlagsäulen sollten Pissoirs eingebaut werden, in 50 andere Brunnen. Unter diesen Bedingungen erteilte eben jener Polizeipräsident von Hinkeldey Litfaß die Konzession für insgesamt 180 Reklamesäulen. Allerdings kam es nie zur Einrichtung der Litfaß-Pissoirs - Hohn und Spott der Presse und die Proteste der Nachbarschaft waren zu groß. Doch 1863 war es dann soweit: die ersten richtigen Pissoirs wurden in Berlin aufgestellt. Danach gab es kein Zurück mehr: schon 1876 konnten die Berliner in 56 Pissoirs urinieren. Die neuen Möglichkeiten wurden dankend angenommen, allerdings protestierten fast überall die Nachbarn gegen die Aufstellung der Stinkbuden. So mussten in München die ersten Pissoirs mehrmals versetzt werden, da der Widerstand der Anwohner zu groß war. 1855 erhielt der Magistrat einen Beschwerdebrief von Bewohnern des Isartores:

Leider müssen wir mitteilen, dass einer der Holzmesser lediglich in Folge des üblen Geruches bereits erkrankt und gestorben ist und wir alle mehr oder minder eine Unbehaglichkeit fühlen.

Ein anderer Anrainer legte sich weniger Zurückhaltung auf:

Derjenige, der die Anordnung zu diesem Bau vor meinem Haus gibt, ist ein Schuft. Beim Magistrat sind lauter Lumpen und Esel.

Die Stadtverwaltung gab auf und ordnete "in Ermangelung eines völlig geeigneten Platzes die gänzliche Entfernung des Pisshauses" an. Und die anderen Pissoirs, die man in München zu jener Zeit errichtete, waren ständig überlaufen, weil zu eng. Als Begründung für die Enge der Häuschen teilte das Stadtbauamt mit:

Die Häuschen sind so klein konstruiert, weil die Erfahrung lehrt, dass dieselben schwer einen ständigen Platz behalten und daher leicht transportierbar sein müssen.

Aus diesem Grund ließen die Münchener Stadtväter später auch gusseiserne Pissoirs errichten, da diese leichter zu verschieben waren als Pinkelhäuser aus Stein. Auch in Berlin setzte der Magistrat auf die gusseisernen Häuschen und ließ auf achteckigen Grundriss Pissoirs errichten:

Sie sehen jetzt hier das sogenannte Cafe Achteck, (...) das wird auch leider oft missverstanden, und man s ucht ein Cafe, einfach auf Grund der acht Ecken dieses Gebäudes, ist einfach eine Bedürfnisanstalt, und wir stehen hier in einer Bedürfnisanstalt, die 1910 gebaut worden ist.

Dorothea Schwiete ist Denkmalschützerin in Berlin-Tempelhof und hat sich für den Erhalt der schmucken Pinkelhäuschen stark gemacht. Anfang des 20. Jahrhunderts standen in Berlin über 100 dieser eleganten grünen Häuschen, die im Volksmund damals auch "Madai-Tempel" hießen - benannt nach dem Polizeipräsidenten Madai, der den Bau durchgesetzt hatte. Heute gibt es in ganz Berlin noch 24 dieser "Tempel".

Waren für die damalige Zeit hochmodern, sie verfügten über eine automatische Wasserspülung, und das war natürlich für die damalige Zeit außergewöhnlich. Der Typus hier, in dem wir stehen, das ist der so genannte Waidmannsluster Typ, (...) weil er auch aus diesem Namen heraus grün gestrichen worden ist.

Die Wasserspülung war in der Tat ein großer Fortschritt, allerdings sehr teuer, da das Wasser ununterbrochen lief. Doch Versuche, ohne Wasserspülung den Gestank in Grenzen zu halten, waren nicht sehr erfolgreich. So mussten in einigen Anlagen die Wärterinnen zur Desodorierung Torfmull in die Klosetts geben und Gasflammen entzünden, die der Geruchsverzehrung dienen sollten. In den Pissoirs setzten sich allmählich besondere Öle durch, die eine desodorierende Wirkung entfalteten.

Die Restaurierung des Café Achteck am Tempelhofer Damm hat allein 200.000 Mark gekostet, getragen von einer Firma, die mittlerweile alle ehemals öffentlichen Toiletten in Berlin betreibt. Offenbar sind vielen Hauptstädtern die supermodernen Citytoiletten aber nicht so geheuer wie das vertraute Café Achteck.

Es wird sehr stark frequentiert, das Publikum ist sehr begeistert, dass es hier steht, und dafür, dass es schon ein paar Jahre hier steht, es ist noch nicht eine Graffiti-Verschmutzung dran gewesen.

Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die ersten öffentlichen Klos aufgestellt wurden, dachten die Stadtväter zunächst nur an die Männer: Frauen sollten - wegen der Schicklichkeit - ihr Geschäft zu Hause erledigen. In Hannover allerdings hatte der Magistrat ein Einsehen - so Sigrid Fährmann-Tubbe:

Es gab in Hannover am Klagesmarkt den Versuch, ein Pissoir für Frauen zu etablieren, und es gibt auch Abbildungen aus Handbüchern zur Architektur, wo direkt Frauenpissoirs entworfen wurden, also Keramikbecken. Bei diesem Pissoir hat es sich nicht um eine komplizierte Anlage gehandelt, sondern nur um eine Art Stehklo. (...)

Das Frauen-Pissoir, das vor allem für die Marktfrauen auf dem Klagesmarkt gedacht war, wurde heftig kritisiert - vor allem von Männern. In einem Beschwerdebrief an den Magistrat heißt es:

Man kann doch unmöglich von einer respektive allen Frauen erwarten, dass sie sich mit gespreizten Beinen über die angebrachten Gitter stellen und hierbei ihre Hosen und das übrige Unterzeug durchnässen. Ich bezeichne eine derartige Anlage in unserer heutigen Zeit als rückschrittlich. Meine Frau sagte zu mir nur die Worte: das haben Männer konstruiert. Bittere Wahrheit lag in diesen Worten.

Derartige Frauen-Pissoirs wurden nur in wenigen Städten errichtet, und ausschließlich an Marktplätzen. Die Stadtväter wollten damit verhindern, dass die vom Land in die Stadt kommenden Marktfrauen die Rinne als Abort benutzten. Doch immer mehr setzten sich dann seit der Jahrhundertwende größere Toilettenanlagen durch, die über entsprechende Kloschüsseln verfügten. Aber während die ersten Pissoirs - wie das Modell Cafe Achteck - äußerlich sehr ansprechend gestaltet waren und durch die Einheitlichkeit leicht als Pissoir zu identifizieren waren, begann nun immer mehr die Tarnung der öffentlichen WCs.

Die Pissoirs werden bepflanzt mit Grünanlagen, damit man sie nicht sieht und wandern dann unter die Oberfläche, dann gibt es unterirdische Pissoirs und die werden Anfang des 20. Jahrhunderts als das Non plus ultra betrachtet, weil man sie nicht mehr sieht.

So wird an der hannoverschen Marktkirche eine Anlage in den Untergrund verlegt, weil Anfang des 20. Jahrhunderts der Kaiser bei einem Besuch auf dem Weg zum Rathaus an einem stinkenden Klohäuschen vorbei musste. Das sollte sich nicht wiederholen.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten bekamen die öffentlichen Toiletten noch eine weitere Funktion: sie wurden zum wichtigsten Treffpunkt der Schwulen. Rainer Hoffschild hat sich intensiv mit der Geschichte der Homosexuellen während des Nationalsozialismus befasst

Da entfielen ja sämtliche andere Möglichkeiten, sich überhaupt zu treffen oder jemanden kennen zu lernen, die Kneipen waren geschlossen, die Zeitschriften waren alle verboten, Kontaktanzeigen waren nicht mehr möglich. Für Schwule waren Klappen ... die einzige Möglichkeit, überhaupt noch Sexualpartner zu finden.

Die Klappen hatten ja den Vorteil, man kann immer noch ein natürliches Bedürfnis vortäuschen und kann die Sexualität ableugnen, es sei denn die Polizei schickte Spitzel, dann war es natürlich schlecht. 48:37: Die Gefahr in der NS-Zeit und auch in der Nachkriegszeit war so groß, dass man sich gar nicht treffen wollte, das war ja der Vorteil der Klappe. Man sagte keinen Namen, man sah sich vielleicht nicht mal an, man wusste nicht, mit wem man es tun hatte, die Anonymität war ganz wichtig. Und wenn man Namen sagte, sagte man einen falschen Namen. Genau das zog die Leute ja dahin, die Anonymität, die immer wieder dann nur Einsamkeit erzeugen musste, die also nie die Lösung des sexuellen Problems der Homosexuellen bedeuten konnte.

Die Angst lief denen bestimmt den Rücken runter, und sie haben auch Vorsichtsmaßnahmen ergriffen: sie haben zum Beispiel immer das Licht ausgemacht - entweder die Birnen rausgeschraubt oder kaputt gemacht, so dass man so ein bisschen Vorwarnzeit hatte, bis man erwischt wurde und man sich bis dahin noch verstellen konnte.

Auch nach dem Ende der NS-Zeit blieb der einschlägige Paragraph 175 bestehen: jegliche Form von Homosexualität wurde unter Strafe gestellt. Und so blieben die Klappen bis zur Liberalisierung des Gesetzes 1969 eine der wichtigsten Treffpunkte für Schwule. Wie gefährlich diese Orte werden konnten, bekam sogar der damalige Regierungspräsident von Köln, Franz Grobben, zu spüren. Am 8. Juni 1966 war Grobben abends um 23 Uhr bei einer Razzia in der Toilettenanlage am Waidmarkt mit acht weiteren Männern festgenommen worden. Die Polizei leitete gegen die Männer ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der gleichgeschlechtlichen Unzucht und Erregung öffentlichen Ärgernisses ein. Der Regierungspräsident trat daraufhin von seinem Amt zurück.
Mit der Änderung des Paragraph 175 konnte sich in Deutschland wieder eine Schwulenszene etablieren; die öffentlichen WCs wurden als Treffpunkte überflüssig.

Die öffentlichen Toiletten aber blieben ein düsterer Ort in den Städten. Erst in den letzten Jahren lässt sich in vielen Städten ein Bewusstseinswandel feststellen, so der Soziologe Wolfgang Nieß:

Die Sensibilität über die öffentlichen Toiletten hat zugenommen mit der Konkurrenz zwischen den Städten, da man festgestellt hat, dass so etwas durchaus ein Faktor ist (...) man möchte ja möglichst immer als Stadt einen guten Eindruck hinterlassen, und von daher ist das ein Faktor.

Viele Städte sind dazu übergegangen, ihre Klos zu privatisieren - durch einen Deal mit der Werbewirtschaft: Die Kommunen stellen den Firmen Werbeflächen zur Verfügung, dafür übernehmen die privaten Unternehmen den Betrieb der Bedürfnisanstalten. Übrigens: eine Privatisierung der öffentlichen WCs gab es auch vor 100 Jahren schon mal, doch nur mit dem Groschen für die Klofrau rentierten sich damals die Anlagen nicht. Heute reicht der Groschen nicht mehr aus, da kostet das Pinkeln - auch für die Männer - mindestens eine Mark:

In mehreren Städten wie Berlin oder Hamburg sucht man in den modernen Toilettenanlagen vergeblich nach einer Klofrau: hier geschieht alles vollautomatisch:

Die Bedienung der Toilette durch die Mikroprozessor gesteuerte Technik ist denkbar einfach. Die Schiebetür öffnet und schließt vollautomatisch. Der Aufenthalt wird durch die indirekte Beleuchtung, Air Condition und die musikalische Untermalung so angenehm wie nur möglich gestaltet. Nach dem Verlassen wird die innere Anlage in einem Zeitraum von 50 Sekunden automatisch hygienisch gesäubert, desinfiziert und getrocknet.

So steht es in einem Werbeprospekt einer Firma, die die vollautomatischen WCs herstellt. Welche Vorteile heute die modernen, kostenpflichtigen Toiletten bieten, preist ein anderes Unternehmen an:

Erhöhte Benutzbarkeit, da unerwünscht Benutzungsarten weitgehend verhindert werden. Verhinderung von homosexuellen Kontaktstellen und Toiletten-Prostitution, da die Selbstreinigungstoiletten gleichzeitig nur von einer erwachsenen Person betreten werden können. Keine Übernachtungen und nur beschränkte Nutzung durch Fixer, da die Benutzungsdauer limitiert ist (Vorwarnung nach zwölf Minuten, automatisch Öffnung der Tür nach weiteren drei Minuten).

Bleibt die Frage, wo diejenigen ihre Notdurft verrichten, die sich die teuren High Tech-Toiletten nicht leisten können. Die Antwort erhalten wir an vielen U-Bahneingängen und in Unterführungen durch die Nase...

Ironie der Geschichte: So können wir heute wieder ahnen, wie es früher einmal in der Stadt gerochen hat, bevor die Pissoirs aufgestellt wurden ...
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