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11.8.2004
Zum 750. Geburtstag von Marco Polo
Von Adama Ulrich und Krischan Schroth

Portugiesische Übersetzung der Reisebeschreibungen Marco Polos aus dem Jahr 1502. (Bild: AP-Archiv)
Portugiesische Übersetzung der Reisebeschreibungen Marco Polos aus dem Jahr 1502. (Bild: AP-Archiv)
Lange bevor Kolumbus mit seiner Fahrt über den Atlantik den Europäern neue Welten im Westen erschloss, erkundete ein anderer Europäer unbekannte Welten im Fernen Osten: Marco Polo. Die Reiseberichte des venezianischen Reisenden aus dem 13. Jahrhundert haben die Europäer so sehr beeindruckt, dass sie kürzlich noch einmal neu verlegt worden sind. Vor 750 Jahren, im Jahr 1254, wurde Marco Polo geboren.

Eine dunkle, unbekannte Landmasse erstreckt sich weithin. Weder weiß man, wie groß sie ist, noch wer die Herrscher sind. Manchmal dringen berittene Horden von dort bis nach Europa vor. Sind es apokalyptische Reiter? Doch hin und wieder kehren auch Händler aus diesem Weltteil zurück, bringen Edelsteine, Stoffe und Gewürze und versetzen die daheim gebliebenen in ungläubiges Staunen.

Lange bleibt es bei diesem diffusen Bild aus Faszination und Furcht, bis jemand Licht auf den Kontinent wirft: Marco Polo, der große Asienreisende. Der 1254 geborene und 1324 verstorbene Venezianer berichtet in enzyklopädischer Fülle über Asien.

Dr. Marina Münkler ist wissenschaftliche Assistentin am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität Berlin und Marco-Polo-Expertin. Sie ist besonders von seinen detaillierten Schilderungen fasziniert.

Dr. Münkler: Beispielsweise Tibet. Da beschreibt er vor allen Dingen soziale Gepflogenheiten, kulturelle Eigenarten und ähnliches mehr. Das gilt auch für die südostasiatische Inselwelt. Es entsteht von daher ein relativ differenziertes Bild Ostasiens. Sehr viel differenzierter als alles, was man vorher gehabt hat.

Marco Polo nimmt einen festen Platz in der Entdeckungsgeschichte der Erde ein. Hat er doch den asiatischen Kontinent nahezu in seiner gesamten Ausdehnung beschrieben. Die Leser seines Berichtes werden so auf eine Art Weltreise mitgenommen, die ebenso farbig wie spannend ist.

Polos Reise beginnt 1271 im heiligen Land, er durchquert die Türkei, den Irak und Afghanistan, bis er schließlich ins Mongolenreich gelangt. Stets wechseln sich bei seinen Schilderungen Märchenhaftes und gewissenhafte Dokumentation ab. Am Hindukusch hat er gar ein offenes Ohr für Mythen:

"In dieser Provinz gab es einst die gehörnten Pferde, sie kamen alle mit einem Horn auf der Stirne zur Welt; später ist die Rasse dann ausgestorben."

Im Irak fasziniert ihn besonders die Handelsware.

"Baudac ist die mächtigste Stadt der ganzen Region. Leuchtend rote Seide und Goldbrokat mit reichen Tier- und Vogelornamenten werden dort hergestellt."

Sogleich fällt das Stichwort: Seide. Sie gab den Namen für die nach ihr benannte Handelsroute - die Seidenstraße, die einst China mit dem mittleren Osten verband. Auf ihr wurden Gewürze - Ingwer, Zimt und Pfeffer - kostbare Gewebe, sowie Edelsteine, Farbstoffe und Moschus transportiert. Sie war ein Schnittpunkt von Christentum, Buddhismus und Islam. Auch Polo soll die Seidenstraße benutzt haben.

Dr. Münkler: Er hat sich vor allen Dingen auf dem Hinweg entlang der Seidenstraße bewegt. Und das war ja auch sozusagen die wichtigste und größte Handelsstraße. Auf der Seidenstraße sind die wichtigsten Orte Samarkand, Buchara, Organza, von dem der Stoff kommt, den man heute noch kennt unter diesem Namen.

Doch war die Seidenstraße alles andere als ein bequemer Weg. Auf der Strecke lauerten Räuber und Wölfe. Das Gelände war teilweise unzugänglich. Gebirge, Täler, Wüsten und reißende Flüsse mussten durchquert werden. Einer der häufig angesteuerten Orte weiter östlich auf der Seidenstraße war Cascar, im heutigen China gelegen.

"Cascar war einst ein Königreich, aber heute ist es dem Großkhan untertan. Die Baumwollstaude wächst hier und ebenfalls Flachs und Hanf."

Polo merkt hier an, dass er bereits im Einflussbereich von Kublai Khan sei, zu dessen Hof er unterwegs war.

Dr. Münkler: Marco Polo ist mit seinem Vater und seinem Onkel wohl 1271, nachdem schon eine neunjährige Reise von denen vorangegangen war, in den Osten gereist und zwar eigentlich schon zu diesem Zeitpunkt als Gesandter des Großkhans. Das war zumindest die Funktion, die er Vater und Onkel zugeschrieben hat. Die beiden sollen ja nur deswegen zurückgekehrt sein, 1269, weil sie im Auftrag des Großkhans hundert Gelehrte der sieben freien Künste nach Asien bringen sollten, und die sollten die Mongolen davon überzeugen, dass die christliche Religion die richtige ist.

Dass Marco Polo dann in Ostasien tatsächlich als Gesandter des Großkhans fungiert haben könnte, das ist nicht ganz unwahrscheinlich, das kann gut sein. Und auch, dass er in diesem Zusammenhang sehr große Teile von Asien bereist haben könnte.


Lange waren die Mongolen ein Schrecken der Europäer. Wilde Reiterhorden, die 1241 immerhin bis Schlesien vordrangen. Marco Polo zeichnet indes ein vielschichtiges Bild der Kultur im Mongolenreich. So geht er beispielsweise auf verschiedene Bräuche wie Schamanismus oder besondere Bestattungsriten ein:

"Am Tag, da ein Verstorbener zur Feuerstätte gebracht wird, kleiden sich die trauernden Verwandten in grobes Tuch und begleiten den Toten. Sobald sie bei der Feuerstätte ankommen, halten sie inne. Vieles haben sie mitgenommen: Pferde; Sklaven, männliche und weibliche; Kamele und Goldstoffe; alles in Fülle, aber alles aus Papier. Nach Beendigung der üblichen Vorbereitungen wird das Feuer entfacht und die Leiche samt den Papierdingen den Flammen übergeben. Die Menschen glauben, im Jenseits könne der Verstorbene über alles verfügen, alles sei dort neu und wirklich".

Wir hören vom Kaiserpalast, den Zeremonien am Hof, von baumgesäumten Straßen, Papiergeld oder einer Pferdepost. Das allein mag für damalige europäische Ohren unglaublich geklungen haben. Noch mehr aber versetzte die Europäer in Erstaunen, dass es im fernen Osten riesige, volkreiche Städte gab:

"Sugiu ist eine glanzvolle Stadt. Die Bewohner sind Heiden, sie sind dem Großkhan tributpflichtig und gebrauchen Papiergeld. Sie haben Seide in Überfülle. In Sugiu trifft man viele bedeutende Philosophen und berühmte Naturärzte, die die Geheimnisse der Natur kennen. Und noch etwas müsst ihr euch merken: in Sugiu gibt es gut sechstausend steinerne Brücken. In den nahen Bergen wächst viel Rhabarber und Ingwer; für einen venezianischen Groschen könnte man vierzig Pfund herrlich frischen Ingwer kaufen."

Das Interesse an solchen Nachrichten war derart groß, dass Polos Bericht bis zum Ende des 15. Jahrhunderts in fast alle europäischen Sprachen übersetzt worden ist. Am folgenreichsten war die Lektüre für einen anderen wichtigen Reisenden, Christoph Kolumbus.

Dr. Münkler: Es gibt ja nach wie vor das Exemplar, das Kolumbus gelesen hat. Es liegt in Sevilla in einer Bibliothek und da kann man auch genau sehen, was er angestrichen hat, was ihn interessiert hat. Und es hat ihn vor allen Dingen interessiert, das, was Marco Polo über Edelsteine, Goldvorkommen und ähnliches geschrieben hat, also die Reichtümer des Ostens.

Und da hat ihn vor allen Dingen die Insel Cipangu interessiert, die bei Marco Polo erwähnt ist, mit goldenen Dächern und goldbelegten Fußböden und ähnlichem mehr. Das ist Japan. Tatsächlich handelt es sich um Japan. Da ist er aber sicher nicht gewesen, denn die Mongolen haben versucht, Japan zu erobern, es ist ihnen aber nicht gelungen.

Und da beschreibt er wirklich aus dem Hörensagen. Aber dieses Hörensagen war das, was Kolumbus besonders interessiert hat. Er hat immer diese Insel Cipangu gesucht. Er hastet sozusagen von Insel zu Insel, immer in der Hoffnung, er würde jetzt Cipangu finden.


Wer war Marco Polo? Man weiß, dass er einer Kaufmannsfamilie entstammte, eine Frau aus dem venezianischen Patriziat heiratete, und man kennt sein Testament. Viel mehr ist nicht bekannt. Weshalb man gezwungen ist, sich an das nächstliegende zu halten, den Reisebericht. Kürzlich als Insel Taschenbuch unter dem Titel "Die Wunder der Welt" erschienen. Doch gibt der Text mehr Rätsel zu Marco Polos Biographie auf, als er löst.

Wie folgende Überlieferung: Als Polo wieder in Italien lebte, vierundzwanzig Jahre war er fort, soll er während der Seekriege zwischen Genua und Venedig eine Kriegsgaleere befehligt haben, über die die Genueser den Sieg davon trugen. Polo kam nach Genua ins Gefängnis. Dort saß er mit einem Gefangenen zusammen, der Rustichello hieß. Ihm hätte Polo seine Berichte vorgetragen, welche dieser dann aufgeschrieben habe.

Dr. Münkler: Über Rustichello da Pisa weiß man noch einiges, nämlich dass er höfische Romane geschrieben hat. Und es ist von ihm überliefert ein Roman, der heißt Meliadus, und handelt über Tristans Vater. Und das bemerkenswerte daran ist, dass ganze Abschnitte aus diesem Meliadus sich in Polos Beschreibung wieder finden. Und zwar nicht so sehr in der Beschreibung Asiens als vielmehr in der Art und Weise, wie sein Vater und sein Onkel und dann auch er selbst am Hof des Großkhans aufgenommen werden.

Also da hat sicher Rustichello einen ganz erheblichen Beitrag geliefert. Und das ist vielleicht auch der stärkste Grund anzunehmen, dass er tatsächlich der erste gewesen ist, der diesen Bericht aufgeschrieben hat. Ein bisschen wurde aus Marco Polo auf diese Weise ein Ritter und ein Gesandter.


Die Person Marco Polo bleibt weiter im Dunkeln und wenig besser steht es um die Reisen selbst. Bis heute wird spekuliert, wo Polo war und wo nicht. Weniges scheint sicher. Dem Leser der "Wunder der Welt" kann das allerdings egal sein. Er erlebt Polo in allen Weltteilen leibhaftig. Ob auf der Seidenstraße, im Mongolenreich oder auf der Rückreise - dort den Seeweg nehmend. Vietnam, Sumatra und Ceylon werden angesteuert, und schließlich die sagenumwobendste aller Weltgegenden:

"Nun aber beginnt etwas ganz Neues. Nun reisen wir ins Wunderland Indien. Hier leben schwarze Löwen, Papageien jeder Art brüten; wunderschöne, schneeweiße auch rote und blaue Papageien. Es ist einfach alles anders als bei uns, es ist schöner und besser."

Und damit meint Polo nicht nur die Natur, auch die Menschen und deren Tempelwesen. Besonderen Gefallen hat er an der Legende gefunden, dass die männlichen und weiblichen Götterfiguren bisweilen in Streit geraten sollen. Um sie zu versöhnen, schicke man junge, halbnackte Mädchen zu ihnen, die tanzen und Lieder singen:

"O Herr, warum bist du deiner Herrin gram? Warum meidest du sie? Ist sie nicht anmutig? Sie ist es doch! Möge es dir gefallen, euch wieder zu einigen! Mögest du dich ihrer wieder erfreuen, denn die Herrin ist voller Lieblichkeit!"

Wieder besteigt Marco Polo das Schiff, um nach Hormus zu Segeln. Von hier geht es auf dem Landweg über Persien und das türkische Trabzon zurück nach Venedig, wo Polos Bericht einer Weltreise begeisterte Zuhörer fand und sich von dort wie ein Lauffeuer verbreitete. Nicht zuletzt hatten die Neuigkeiten Einfluss auf die Kartographen. Zum ersten Mal war etwa das sagenhafte Cipangu, heute Japan, auf Karten verzeichnet.

Bis ins 19. Jh. diente Polo als Informationsquelle. Und noch Alexander von Humboldt nannte ihn den "größten Reisenden aller Zeiten". Erst mit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, mit der Spezialisierung der Wissenschaften, hielt man Polo geographisch und ethnologisch für überholt. Marco Polos Bericht bleibt aber eine spannende Zeitreise ins ferne Mittelalter, mit seiner Pracht, seiner Armut, seinen Helden und Fabeltieren. Nicht zuletzt darum hat man aus seinem Namen ein Markenzeichen gemacht.

Dr. Münkler: Dadurch, dass Kolumbus Marco Polo über die Schwelle zur Neuzeit verholfen hat, hat er ihm dann eigentlich in eine Tradition geholfen, die bis hin in zeitgenössische Opern reicht. Also Flughäfen werden ja nach Marco Polo benannt. Der venezianische Flughafen heißt Marco Polo. Alle diese anderen Reisenden des Mittelalters sind eigentlich vergessen, der einzige, der überlebt hat, ist Marco Polo.


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