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16.8.2004
"Christus kam nur bis Eboli"
Die mittelalterliche Felsenstadt Sassi in Süditalien
Von Claudia Wheeler

Blick auf Sassi (Bild: AP Archiv)
Blick auf Sassi (Bild: AP Archiv)
Italien ist längst nicht mehr das einzige Ziel deutscher Reiseträume - aber Italien ist weiterhin ein beliebtes Urlaubs- und Reiseland: Rimini, die Ligurische Küste, die Toskana, Rom, Florenz oder Neapel... Die wenigsten Reisenden verschlägt es allerdings in eine Gegend Süditaliens, die erst durch einen Roman und seine Verfilmung berühmt geworden ist: die Stadt Matera in der Basilikata. "Christus kam nur bis Eboli": dieser Film hat den armen Landstrich in Süditalien bekannt gemacht, in der es eine der merkwürdigsten menschlichen Siedlungen gibt: die Höhlenstadt Sassi. Noch vor 50 Jahren lebten dort Menschen wie im Mittelalter, bevor sie dann umgesiedelt wurden. Heute ist die Höhlenstadt Sassi Weltkulturerbe.

Die meisten verbinden mit den Sassi von Matera einen kleinen Felsen, in den ein paar Höhlen gegraben wurden. Denn Sassi bedeutet ganz schlicht ‘Felsen'. In Wirklichkeit sind die Sassi aber eine riesige Stadt, wo einmal 20.000 Menschen gelebt haben. Es gibt Tausende Häuser. Eins neben dem anderen, eins über dem anderen, eins hinter dem anderen. Die Sassi sind auch mehr als nur Grotten. Sie sind Häuser, Kirchen, Gassen, Treppen ... eine große Stadt eben. Wenn man von den Sassi spricht .., man muss sie sehen, es ist so schwer zu beschreiben. Wir Materaner sagen immer, dass die Sassi den Besucher täuschen. Er vermutet nie, dass sie eine Stadt sind. Er denkt eher an ein Dorf, weil er nicht sofort alles überblicken kann.

Er ist Materas bekanntester Stadtführer: Raffaele Stifano. Seine Augen leuchten, wenn er von ‘seinen' Sassi spricht. Doch eine griffige Beschreibung will sogar dem gebürtigen Materaner nicht gelingen. Wir stehen auf der zentralen Piazza Vittorio Veneto und schauen auf die Felsenstadt hinunter, das ‘neue' Matera, das zu großen Teilen im 17./18. Jahrhundert entstanden ist, im Rücken. Unter uns die Altstadt, die Sassi. Ein pittoreskes Bild aus übereinander geschichteten Häusern. Jetzt, in den späten Abendstunden, wirken die Sassi wie eine erleuchtete Theaterkulisse. Eine brüchige Felsenschlucht, aus denen uns die Türen und Fenster der Häuser wie blinde Augen anstarren. Eine tote Stadt, könnte man meinen, würde nicht ab und zu jemand durch die Gassen laufen. Doch seit Menschengedenken ist hier Leben, informiert uns Luigi Esposito, Guida und Mitglied im Komitee zum Schutz der Sassi.

Alles hat mit vereinzelten Grotten angefangen und hat sich dann immer weiter ausgedehnt. Vor dem 13. Jahrhundert gab es hier keine Stadt, keine Siedlungen. Also haben sich die Menschen das genommen, was die Natur ihnen geboten hat: den weichen Kalksteinfelsen. Und so ist im Laufe der Jahrtausende eine komplette Stadt entstanden - nur eben gegraben. Eine Höhle über die andere, eine Grotte neben die andere. Der Felsen wurde wie ein Käse von innen ausgehöhlt. So haben sich nach und nach die Sassi entwickelt.

Zunächst lebten alle Menschen unter annähernd gleichen Bedingungen in den Sassi. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts verließen wohlhabendere Familien ihre Grotten und bauten sich auf diesen richtige Häuser. Sie zogen also "eine Etage höher", während die armen Bauern weiterhin unten in den Höhlen hausten. Die Trennung von Arm und Reich ging im 17. Jahrhundert weiter, als das neue Matera entstand. Das Bürgertum baute sich oberhalb der Sassi eine eigene Stadt mit großen Palazzi und schaute auf die Höhlenstadt hinunter.

Man hat begonnen, die Sassi abzuriegeln. Die Reichen, also die Aristokraten und das Bürgertum, wollten nicht mehr mit den armen Leuten zusammen leben. Sie haben die Sassi förmlich eingekreist, am Felsenrand eine richtige Häuserkette gebaut, so dass die Höhlenstadt nicht mehr zu sehen war. Vom 17. Jahrhundert an machten die Materaner aus den Sassi ein Ghetto. Die armen Menschen, die nicht die Möglichkeit hatten, sich ein Haus zu bauen, blieben unter sich.

Die Zahl der Sassibewohner wuchs und wuchs. Die Menschen gruben sich immer tiefer in den Felsen hinein, bis er schließlich so durchlöchert war, dass man irgendwann nicht mehr graben konnte. Die Sassi drohten zu kollabieren.
Erst Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde die italienische Regierung auf die Situation in den Sassi aufmerksam und begann mit ihrer Räumung. Maria Pizulli, damals noch ein Kind, kann sich lebhaft an diese Zeit erinnern.

Ich weiß noch, als damals die Behörde kam, um uns "umzusiedeln", wie es so schön hieß. Ich war, glaube ich, 10. Meine Mutter war außer sich vor Freude. Sie müssen sich vorstellen, ich hatte noch fünf Geschwister. Wir wohnten alle in dieser Höhle, in der es immer irgendwie feucht war und nach Ruß roch durch das offene Feuer, das wir zum Kochen gemacht haben. Keine Fenster, nichts. Dann bekamen wir auf einmal eine richtige Wohnung, zwar klein, aber eine Wohnung. Mit fließendem, ja sogar warmem Wasser und einer Toilette. So etwas kannten wir ja gar nicht. Das war der reine Luxus.

Stein des Anstoßes war der autobiographische Roman "Christus kam nur bis Eboli" von Carlo Levi, den dieser nach Ende des Zweiten Weltkriegs veröffentlichte und der mittlerweile in 37 Sprachen übersetzt ist. Der Turiner Arzt, Maler und Schriftsteller wurde 1935 vom Mussolini-Regime wegen seiner antifaschistischen Haltung in die Basilikata - den tiefsten Süden Italiens -verbannt. Ein Jahr lang lebte er in einer wilden und ausgetrockneten Landschaft unter Bauern und Tagelöhnern. Levi war der Erste, der dieser verlassenen Region ein Gesicht gab. Ein Gesicht, gezeichnet von krassen Lebensumständen, von bitterer Armut. Die Sassi von Matera vergleicht er mit der Hölle Dantes.

Die Türen standen wegen der Hitze offen, und ich sah in das Innere der Höhlen, in diese schwarzen Löcher mit Wänden aus Erde. Im Allgemeinen verfügt jede Familie nur über eine Höhle, und darin schlafen alle zusammen, Männer, Frauen, Kinder und Tiere. So leben 20.000 Menschen. Kinder gab es unzählige. In der Hitze, im Staub, fliegenumschwärmt tauchten sie von allen Seiten auf, entweder ganz nackt oder mit ein paar Lumpen bekleidet. Vor Hunger waren sie zu Skeletten abgemagert, aber der größte Teil hatte dicke, riesige, aufgetriebene Bäuche und von Malaria bleiche, leidende Gesichter. Es wirkte auf mich, als wäre ich in der blendenden Sonne in eine von der Pest heimgesuchten Stadt geraten.

Diese Beschreibung des Elends sorgte in ganz Italien für Wirbel. Die Sassi von Matera wurden zum Sinnbild der nationalen Schande. Als der damalige Ministerpräsident Alcide de Gasperi 1952 die Sassi besuchte, war er schockiert. Sofort leitete er die Verabschiedung eines Gesetzes ein, das die komplette Räumung der Sassi und den Bau eines neuen Wohnviertels etwas außerhalb von Matera vorsah. 1953 begann die Umsiedlung von 20.000 Menschen, die sich Jahre hinzog. Doch nicht jeder wollte freiwillig gehen, erinnert sich Maria Pizulli.

Für die Alten war es schwer. Die wollten einfach nicht weg. Mein Großvater zum Beispiel, der war damals 70, und es war sein Zuhause. Der hat jahrelang Katz und Maus mit der Polizei gespielt. Sobald es hieß, "die Carabinieri kommen", hat er seinen Esel genommen und sich irgendwo in den Felsen versteckt. Doch einmal hat er den Esel in seiner Grotte vergessen, und den haben die Carabinieri dann mitgenommen. Naja, und dann ist mein Opa natürlich hinterher, denn so ein Esel war für einen Bauern ein kleines Vermögen. Ohne Esel keine Arbeit. Er hat geflucht und geschimpft und ist dann wohl oder übel zu uns in die neue Wohnung gezogen. Und ich sage Ihnen was: Die Toilette - die hat er bis zu seinem Tod nicht benutzt.

Die Sassi blieben weiterhin in dem alten, kläglichen Zustand - nur ohne Menschen. Die von der Regierung angekündigte Sanierung geriet schnell in Vergessenheit. Erst viele Jahre später, 1986, erließ das Parlament in Rom ein Gesetz, um Materas Altstadt vor dem weiteren Verfall zu bewahren. Umgerechnet 50 Millionen Euro wurden bereitgestellt, um die Sassi wieder zu beleben. Schon Ende der 70er Jahre hatte eine Gruppe Jugendlicher ein Experiment gewagt: Sie wählten die Sassi als ihr neues Zuhause. Unter ihnen: Materas bekanntester Stadtführer Raffaele Stifano.

Ende der 70er Jahre war hier absolut nichts. Es war stockfinster, und überall quoll es über vor Müll. Die Sassi waren eine einzige Müllhalde. Die Bewohner von Matera haben hier ihren gesamten Abfall abgeladen. Das war ihre Art, mit den Sassi abzurechnen. Wir besetzten also ein paar Häuser und machten es uns wohnlich, das heißt, wir kümmerten uns um Strom und solche Dinge. Wir waren die eigentlichen Initiatoren jener großen Wiederbelebung der Sassi, die heute noch anhält. Wir gaben dieser verlassenen Stadt eine Kultur, die fast schon vergessen war.

Raffaele Stifano wohnt noch heute in jenem Teil, den er damals mit seinen Freunden besetzt hatte. Der Großteil der Sassi ist inzwischen Eigentum der Stadt. Die versucht, mit verschiedenen Finanzierungsplänen Mieter zu locken. Wer bereit ist, ein Haus in den Sassi zu sanieren, kann mit Subventionen und günstigen Bankkrediten rechnen. Für Raffaele kam am Ende eine Mietzahlung von 80 Euro im Monat heraus. Seine gesamten Ersparnisse stecken in seinem Jugendtraum, und heute erinnert nichts mehr an den ursprünglichen Zustand seiner Wohnung.

Herzlich willkommen in meiner bescheidenen Hütte. Eigentlich stehen wir hier mitten in einem riesigen Ofen. In dieser Wohnung, in der ich jetzt seit fast 20 Jahren lebe, wurde früher das Brot von Matera gebacken. Als ich das erste Mal hier reinkam, hatte ich regelrecht Angst. Jetzt ist alles schön hell, weiß gestrichen, es gibt Fenster. Aber damals war es ein riesiges schwarzes, verlassenes Loch. Wirklich Grundlegendes habe ich nicht verändert. Ich habe mich der Struktur angepasst. Du kannst nicht in den Sassi leben und Deine Garage haben, einen Fahrstuhl oder anderen Komfort, wie man ihn in den modernen Städten hat. Wenn man sich entscheidet, in den Sassi zu leben, dann muss man sich anpassen und nicht versuchen, ihr ein neues Kleid anzuziehen.

Und so hat Raffaele seine 60m² ganz schlicht ausgebaut. Er hat den ehemaligen, gigantisch hohen Ofen durch eine Zwischendecke in zwei Etagen geteilt. Unten eine große Wohnküche, oben das Schlafzimmer. Wie Raffaele haben inzwischen rund 2000 Menschen eine Grotte oder ein Haus in den Sassi saniert und so kehrt nach und nach Leben in die verlassene Stadt zurück. Wege wurden gepflastert, die einzige Straße für Autos befahrbar gemacht, Restaurants und Bars laden zum Verweilen ein. Doch das sind nur die ersten Schritte. Das ursprüngliche Ambiente ist noch nicht gänzlich einem neuen Chic gewichen. Immer noch gibt es zwischen den sanierten Häusern unzählige dunkle, unbewohnte Flecke. An vielen Stellen kann man sich ein Bild davon machen, wie die Menschen hier noch vor 50, 60 Jahren gelebt haben. Luigi Esposito führt uns in eine Töpferwerkstatt.

Schauen wir uns mal die Grotte von Herrn di Legno an. Er hat hier seine Töpferwerkstatt. Das war einmal eine der unzähligen Wohnungen in den Sassi. Das hier ist eine schon sehr große Grotte, ungefähr 40 m². Die meisten sind viel kleiner und dunkler. Viele Familien haben eine kleine Grotte größer gemacht und sich in die dahinter oder darüber liegende Wohnung hineingegraben. Hier sieht man das: Diese Familie hat eine Treppe gegraben und so zwei Grotten miteinander verbunden.

In einer Grotte von dieser Größe lebten 14 - 15 Menschen zusammen mit den Tieren, mit dem Esel, den Kaninchen und Schweinen, unter hygienisch katastrophalen Bedingungen. Es gab keine Fenster, keine Luftzirkulation. Die Exkremente von Menschen und Tieren wurden in eine Art Kompostbehälter getan und in eine Ecke gestellt. Das Ganze gärte dann vor sich hin und strömte Wärme aus. So wurde die Grotte aufgewärmt.

Seit 1993 gehören die Sassi zum UNESCO Weltkulturerbe. Von diesem Titel erhofft sich vor allem die kleinste Region Italiens Aufschwung für den Tourismus. Den meisten Materanern ist das allerdings ziemlich egal. Sie steigen kaum noch in den Höhlenbezirk hinunter, und mit dem Etikett "historisch wertvoll" kann Maria Pizulli überhaupt nichts anfangen.

Also, ich kann das nicht wirklich verstehen. Dass Touristen hierher kommen und dass es so viele Leute gibt, die eine Menge Geld investieren, um aus Höhlen, aus dunklen Grotten Wohnungen zu machen. Und der Staat unterstützt das auch noch! Der sollte sich lieber um andere Dinge kümmern. Ich habe mir mal einige Wohnungen angeschaut und ... klar, es ist schon enorm, was man aus einem schmutzigen Loch so alles machen kann. Aber für mich klebt das Elend an den Wänden, ich könnte das alles nie vergessen. Nein, nicht einmal geschenkt würde ich wieder hierher zurückkommen.
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