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18.8.2004
Geschichte Schleswig-Holsteins
Von Jasper Barenberg

Schleswig-Holstein ist heute ein Musterbeispiel dafür, wie Nationalitätenkonflikte befriedet werden können. Es gibt eine dänische Minderheit, aber die kann ihre Interessen im Landtag artikulieren - über den Südschleswigschen Wählerverband, der im Kieler Landtag vertreten ist. Fast vergessen ist die Zeit vor hundert Jahren, als zwischen Ost- und Nordsee noch ein erbitterter deutsch-dänischer Streit tobte, der das Klima im nördlichsten deutschen Landstrich vergiftete.

Frühjahr 1864. Im Deutschen Bund werden Truppenverbände zusammengezogen und, erstmals in der Geschichte, mit der Eisenbahn transportiert. Die Fahrt geht nach Norden. Am 1. Februar überschreiten 56.000 preußische und österreichische Soldaten die Eider, den Grenzfluss zum Herzogtum Schleswig. Vor der erdrückenden Überzahl der Angreifer weichen die dänischen Verteidiger zurück bis zu den Düppeler Schanzen - unweit der Stadt Sonderburg, an einer schmalen Meerenge gelegen.

Der König wollte mir, als ich Fürst wurde, Elsaß und Lothringen ins Wappen geben. Ich aber hätte lieber Schleswig-Holstein drin gehabt. Denn das ist die diplomatische Kampagne, auf die ich am stolzesten bin.

Otto von Bismarck in seinen Erinnerungen an den Krieg von 1864. Mit dem Sieg über Dänemark brachte der preußische Ministerpräsident die Herzogtümer Schleswig und Holstein unter seine Herrschaft. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Gründung des Deutschen Reiches unter preußischer Führung. Und doch alles andere als nur ein raffinierter Schachzug auf dem diplomatischen Parkett.

Am 18. April stürmen die preußisch-österreichischen Truppen die Schanzenanlagen. Sie sind besser ausgebildet und waffentechnisch weit überlegen. 11.000 ausgemergelte dänische Soldaten leisten erbitterten Widerstand, müssen sich dann aber geschlagen geben. Innerhalb weniger Stunden fallen auf beiden Seiten über 4000 Soldaten. Es ist die blutigste Schlacht, die je zwischen den Nachbarvölkern stattgefunden hat. Wochenlang hatten die deutschen Truppen die dänischen Stellungen belagert und mit ihren über 100 Kanonen sturmreif geschossen.

Björn Ostergaard: Die preußischen Soldaten, die hier standen, die kamen ja von weit weg, aus Berlin, Brandenburg, Rheinland-Pfalz. Und sie glaubten eigentlich, dass das Land hier deutsch war. Das war sehr überraschend für ihnen, dass viele dänisch sprachen (lacht)! Sie hatten ja nur gehört, dass das hier klar deutsch war! Und das war auch überraschend für viele dänische Soldaten, dass viele in der Gegend deutsch sprachen und deutsch gesandt waren. Das war überraschend für ihnen, dass einige in der dänischen Armee, die aus Schleswig kamen, nicht für die dänische Sache kämpfen wollten. Sie wollten eigentlich flüchten, desertieren. Das haben einige getan.

Wo Deutsche und Dänen einander feindlich gegenüberstanden, führt heute Björn Ostergaard Besucher durch sein Museum auf der Anhöhe von Düppel. Einen Teil der Schanzenanlage hat er wieder aufbauen lassen.

Ein Schmied aus der Gegend führt vor, wie seine Landsleute vor fast 150 Jahren ihre Vorderlader handhabten. Die blaue Kappe der dänischen Uniform auf dem Kopf, den Hirschfänger am Gürtel der ausgebeulten Hose.

Aber an diesem Ort wurde nicht nur geschossen. Auch Begegnungen über die Schützengräben hinweg sind überliefert. Tagsüber haben sich die Männer auf beiden Seiten belauert, abends war das manchmal anders.

Björn Ostergaard: Am Nacht, da hat man sich getroffen, wenn man auf Vorposten stand, vielleicht einen Schnaps getrunken. Und wenn man es konnte, hat man ein bisschen gesprochen. Manche Dänen konnten ja deutsch ... es gab ja nicht viele Preußen, die dänisch konnten natürlich (lacht)!

Schleswig-Holstein bildet den südlichen Teil der Landbrücke zwischen Mittel- und Nordeuropa. Erdhistorisch betrachtet nichts anderes als ein Wall aus Schuttmassen, von eiszeitlichen Gletschern Skandinaviens zwischen zwei Meere geworfen. Drei Landschaften prägen das Gebiet: Ein schmaler Streifen fruchtbarer Marsch entlang der Nordsee, ein Mittelrücken aus karger Geest und seenreiches Hügelland entlang der Ostseeküste.

Germanische Stämme stritten hier bis zur Völkerwanderung mit Wikingern aus dem Norden, bis Karl der Große 811 die Eider (auf der Höhe von Kiel) als Grenze zwischen dem Karolingerreich und dem Dänenreich festlegte. Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Herzogtümer Schleswig und Holstein Teile des dänischen Gesamtstaates, zugleich aber Mitglieder im Deutschen Bund. Im Alltag der hier lebenden Deutschen und Dänen hatte die Grenze immer mehr an Bedeutung verloren.

Thomas Riis: Man war dem Fürsten loyal, stand dem loyal gegenüber und arbeitete eigentlich zusammen. Man muss ja auch erinnern, dass deutsch weitgehend eine Sprache in der dänischen Monarchie war, nicht nur in den Herzogtümern Schleswig und Holstein. Zum Beispiel war in der Armee die Kommandosprache weitgehend deutsch, weil viele Söldner im dänischen Dienst sich befanden.

Thomas Riis, Historiker an der Universität Kiel.

Thomas Riis: Auch in anderen Bereichen - Handel, Handelsschifffahrt, war deutsch eine viel verwandte und viel benutzte Sprache. Die Regierung war zweisprachig. Es gab eine Kanzlei, die so genannte deutsche Kanzlei. Und die war für die Beziehungen zu anderen Ländern zuständig und auch für die Verwaltung der Herzogtümer des deutschsprachigen Teils der Monarchie.

Die Harmonie zerbricht, als die Flut des Nationalismus in Europa auch die Herzogtümer Schleswig und Holstein erreicht. Nationale Bewegungen auf deutscher wie auf dänischer Seite heizen die Stimmung auf. Mehr und mehr werden Risse im dänischen Gesamtstaat sichtbar.

Die Scharfmacher auf dänischer Seite wollen Schleswig vollständig in die Monarchie eingliedern. Ihrer Parole "Dänemark bis zur Eider!" schallt von der anderen Seite "Auf ewig ungeteilt" entgegen - die Holsteiner wollen die Einheit der Herzogtümer bewahren, und zwar unter deutscher Herrschaft.

Schleswig-Holstein, meerumschlungen/ Deutscher Sitte hohe Wacht/ Wahre treu, was schwer errungen/Bis ein schönrer Morgen tagt!/ Schleswig-Holstein, stammverwandt, wanke nicht mein Vaterland!

Auf einem politischen Sängerfest erklingt 1844 erstmals das Schleswig-Holstein-Lied. Es wird zum Symbol der Untrennbarkeit. In Kiel berufen national Gesinnte eine provisorische Regierung, stellen eine eigene Armee auf. Nach drei Jahren Bürgerkrieg beendet die Regierung in Kopenhagen den Aufruhr militärisch. Der Konflikt der Nationalitäten aber bleibt ungelöst, auch wenn nun der Dannebrog, die dänische Flagge, in beiden Herzogtümern weht.

Renate Delfs: Nach dem gewonnenen Krieg schickten die Dänen alle ihre Beamten und Lehrer und Pastoren hierher und schmissen die anderen raus. Und die Lehrer konnten kein Deutsch - die Kinder wurden unterrichtet von Lehrern, die kein Deutsch konnten! Und zu Hause sprachen die Kinder plattdeutsch, in der Schule so ein Kauderwelsch und die haben nie richtig gelernt!

Die Folge war eine Sprachverwirrung, eine schöpferische Mischung aus Deutsch, Dänisch und Niederdeutsch. Vor allem im Raum Flensburg war das kuriose Idiom auch noch zu hören, als Dänemark den Krieg von 1864 verloren und Schleswig-Holstein eine preußische Provinz geworden war.

Renate Delfs: Was haben die Kinder fürn Schau und gucken zu, wenn die tumpige Frau Willemsen iss morgens im Nachthemd bei und pärnt auf ihren nassen Rasen - das soll heißen: die Kinder haben Spaß zuzugucken, wenn die verrückte Frau Willemsen morgens im Nachthemd dabei ist, auf den nassen Rasen zu treten.

Die Schauspielerin Renate Delfs hat sie selbst noch erlebt - die älteren Frauen, die in ihrer Kindheit die Ausflugsdampfer auf der Flensburger Förde bevölkerten.

Renate Delfs: Die waren die ungekrönten Königinnen an Bord von diesen Schiffen. Und eine stand dann schon am Ausgang vom Schiff, wenn das Schiff sich irgendeinem Ort näherte. Und da waren ja unten an den Brücken oft Kaffeewirtschaften. Und dann haben sie da Kaffe getrunken, Kuchen hatten sie selber mit. Und dann riefen die, die noch weiter zurück waren derjenigen, die vorne anstand: See um Laube, Liebe, wer ihr hat, der ist das sein." Das soll auf Hochdeutsch heißen: Siehe zu, meine Liebe, dass Du eine Laube ergatterst, wer sie nämlich als erste hat, dem gehört sie: See um Laube, Liebe, wer ihr hat, der ist das sein.

Am Ende des Ersten Weltkrieges wird die Grenze zu Dänemark abermals verschoben. Nach einer Volksabstimmung wird sie dort gezogen, wo sie bis heute verläuft: nördlich der Stadt Flensburg. Selbst der expansionslüsterne NS-Staat rüttelt nicht daran. Er beschränkt sich darauf, die dänische Minderheit zu drangsalieren und für vier Jahre Besatzungstruppen nach Kopenhagen zu schicken.

Als die letzte Reichsregierung unter Großadmiral Dönitz im Rundfunk das Kriegsende verkündet, ist Schleswig-Holstein längst zu einem Auffanglager der Zusammenbruchsgesellschaft geworden: Ausgebombte aus den großen Städten haben hier Zuflucht gefunden. Jetzt kommen die von der britischen Besatzungsmacht internierten Soldaten dazu. Vor allem aber drängen Hunderttausende Flüchtlinge und Vertriebene in Städte und Dörfer, werden einquartiert, wo immer sich Platz findet - oft genug gegen den Willen der Einheimischen.

Collage Flüchtlingsfrauen: Nun saßen wir da, wirklich eingeängstigt, in unserer Glasveranda und wagten kaum, um etwas zu bitten. Denn wir hatten ja nun nichts - keinen Löffel, keine Gabel, kein Handtuch. Und jetzt ...ja nun, gehen Sie hin und bitten hierum oder darum .../ Wir kochten gemeinsam in einer Küche. Das habe ich noch immer im Kopf, wenn Frau von Geldern rief: Frau Zimmer, jetzt brauchen wir die Salatschüssel, ist ihr Mann fertig mit Füße waschen - ich will den Salat darin waschen .../ Jeden Tag ein Kampf für den nächsten Tag. Wie meine Mutter immer sagte: Wenn ich morgens im Bett lag, denn habe ich zuerst gedacht, was gebe ich den Hühnern, was gebe ich den Kindern und was gebe ich dem Schwein - man hatte eben nichts!

Auf jeden Einheimischen kommen drei Hinzugezogene, als das Bundesland Schleswig-Holstein 1947 gegründet wird und die erste Landesregierung in Kiel ihre Arbeit aufnimmt. Ein Ventil für die Unzufriedenheit vieler bietet die gerade gegründete Partei der dänischen Minderheit, der Südschleswigsche Wählerverband SSW. Dort fordert man, die Flüchtlinge auszuweisen und träumt von einer Wiedervereinigung mit Dänemark.

Karl-Otto Meyer: Viele Menschen kamen zu uns mit der Einstellung, das Land gehörte mal zu Dänemark, Krieg ist verloren, also kommt der Landesteil Schleswig zurück zu Dänemark. Das war ein gewaltiger Aufschwung.

Der aber in dem Moment beendet ist, als die dänische Regierung jede Veränderung der Grenze ausdrücklich ausschließt. Als Karl-Otto Meyer 1971 für den SSW in den Kieler Landtag einzieht, ist die Grenzfrage aus dem Parteiprogramm verbannt und der SSW eine Partei, die in und für Schleswig-Holstein Politik macht - vor allem für die rund 50.000 Menschen, die sich in Schleswig-Holstein zur dänischen Minderheit bekennen. Deren Rechte auf kulturelle Autonomie sind heute garantiert, dänische Schulen werden staatlich gefördert und der SSW ist von der Fünf-Prozent-Klausel befreit. Karl-Otto Meyer, der mehr als 20 Jahre im Landesparlament gesessen hat, hält das Verhältnis von Mehrheit und Minderheit heute für besser denn je.

Karl-Otto Meyer: Wir haben eine Entwicklung bekommen im Grenzland von einem - erste Phase: Gegeneinander, zweite Phase: Nebeneinander, dritte Phase, wo wir drin sind: Miteinander. Und wir kommen vielleicht zur vierten Phase, wo auch füreinander Minderheit für Mehrheit, Mehrheit für Minderheit...kann sein, ich bin optimistisch!

Und auf dem mühsamen Weg von einer agrarisch geprägten Region zu einem Bundesland mit Zukunftschancen entwirft der in Dänemark geborene und in Deutschland arbeitende Historiker Thomas Riis noch eine ganz andere Perspektive, eine grenzüberschreitende, eine europäische.

Thomas Riis: Seien wir ehrlich: Schleswig-Holstein ist ja aus Berliner Sicht die abgelegenste Provinz. Das ist Nordschleswig aus Kopenhagener Sicht auch. Wenn die sich zusammentäten, dann hätten wir Südwestdänemark mit Schleswig-Holstein. Und diese Region wäre groß genug, um ein eigenes Gewicht in der EU haben zu können.
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