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20.8.2004
Modernisierer der Mordkommissionen
Kriminalkommissar Ernst Gennat

Wie Kommissare ermitteln weiß man aus dem Fernsehen: Zu zweit erscheinen sie am Tatort. Dort ist alles schon abgesperrt, Spuren werden gesichert, Zeugen befragt. Die erste Mordkommission hat im Jahre 1902 ihren Dienst aufgenommen. Nur war sie noch kein festes Gefüge wie heute. Bei einem Mordfall wurden die Kommissare zusammengerufen, die man für die besten hielt - und die gerade Zeit hatten. Die Mordaufklärung als Spezialisierung, die Zusammensetzung der Mordkommission, wie sie noch heute gültig ist - das hat sich Ernst Gennat ausgedacht. Doch während man manch berüchtigte Mörder heute noch kennt ist Ernst Gennat in Vergessenheit geraten. Einzig Fritz Lang hat ihm ein Denkmal gesetzt - in seinem Film "M - Eine Stadt sucht einen Mörder". Am 20. August 1939, heute vor 65 Jahren, starb Ernst Gennat in Berlin.

Ein entsetzliches Verbrechen ist in der Jungfernheide in der Nähe vom Plötzensee entdeckt worden. Dort wurde von einem Arbeiter auf dem Jagen 19 in einer Schonung versteckt die Leiche eines kleinen Mädchens gefunden, an welchem ein Gewaltakt verübt worden war.

Zum ersten Mal hat eine Mordkommission ihren Einsatz. Der erste Fall war der Tod eines achtjährigen Mädchens - Elisabeth Baake. Ermordet im Sommer 1902 in Berlin.

Niemann: Zum Ende des 19. Jahrhunderts, da gab es überhaupt keine Mordkommission.

Kriminaloberkommissar Martin Niemann

Jedes Mal wenn ein Fall aktuell wurde, hat man überlegt, na wen können wir denn für diesen Fall heranziehen. Die Liste der Kommissare hat man sich dann angeschaut und den Fall jemand aufgedrückt. Und der hat dann damit begonnen, sich Material zusammen zu suchen und auch andere Mitarbeiter, die dann an den Fall mitwirken konnten. Das hat natürlich unheimlich viel Zeit gekostet.

1000 Mark Belohnung

Verspricht die Polizei für die Ergreifung des Täters. Der Fahndungsaufruf wird im ganzen Stadtgebiet verbreitet: Die üblichen Angaben über Zeit und Ort des Verbrechens. Und erste Vermutungen über den Täter:

Es ist anzunehmen, dass der Thäter von kräftiger Gestalt und das seine Kleidung, insbesondere des oberen Theils der Beinkleider blutbefleckt ist. Obige Belohnung wird demjenigen zugesichert, welcher die Ermittlung des Thäters ermöglicht.

Die Polizei fahndet fieberhaft nach dem Täter. Nur hatte sie keine konkreten Anhaltspunkte. Das Verbrechen hat Aufsehen erregt. Die Zeitungen berichten in den Morgen- und Abendausgaben.

Zu dem Morde an der Jungfernheide wird berichtet, dass die Nachforschungen nach dem Thäter bisher vergeblich geblieben sind.

Der Mord wird nie aufgeklärt. Die erste Mordkommission hat bei ihrem ersten Fall im Jahre 1902 versagt. Die Akten werden geschlossen. Und bleiben nicht einmal im Archiv. Nur Reste der Mordakte Elisabeth Baake sind im Berliner Landesarchiv zu finden. Es fehlt mehr, als vorhanden ist: keine Verhörprotokolle, keine Hinweise auf gefundene Spuren und kein Obduktionsbericht. Nicht einmal die Personalien des Opfers sind verzeichnet. Es finden sich ausschließlich das Mordplakat, also der Fahndungsaufruf der Polizei und einige Zeitungsausschnitte. Akten wurden gar nicht archiviert, die Kommissare nahmen sie mit nach Hause. Oder haben sie einfach weggeschmissen.

Im Jahr 1887 wurde in Berlin das erste Leichenschauhaus im deutschsprachigen Raum eröffnet. Damit wurde auch eine Statistik der Tötungsdelikte eingeführt. Im ersten Jahr wurden fünf Morde registriert.

Zwei Jahrzehnte später ist alles anders. Berlin befindet sich gerade in einer Blütezeit, die 20er Jahre erscheinen als die Goldenen. Doch die Blütezeit ist auch Blütezeit des Verbrechens. Die Statistik der Tötungsdelikte nennt inzwischen 59 Morde pro Jahr. Doch diesmal erlebte auch die Aufklärung von Verbrechen eine Blütezeit.

Wer in den zwanziger Jahren nach Berlin kam, schickte nicht einfach eine Ansichtskarte nach Hause, sondern kaufte eine der Karten, auf denen sich Karikaturisten der Berliner Originale angenommen hatten. Eine dieser Postkarten zeigt einen Mann mit riesigem Kopf und mehrstöckigem Doppelkinn. Vor sich auf dem Schreibtisch liegen Unmengen geöffneter Akten, doch er schaut ernst gerade aus. Nur um die Mundwinkel verrät ein Zug so etwas wie Nachsicht. Im Hintergrund kommt, mit freundlichem Blick eine dralle Dame mit einer Kanne dampfenden Kaffees und mit Kuchen. Die dralle Dame nennt man Bockwurst-Trudchen, womit ihr Leibgericht beschrieben wird. Sie ist die Sekretärin von dem Dicken. Und der Dicke - den nennt man den vollen Ernst oder auch Buddha. Seine Vorliebe für Kuchen ist unübersehbar. Und da ist noch eine andere Vorliebe, nämlich die für Mord- und Totschlag. Oder besser: für deren Aufklärung.

Der volle Ernst heißt eigentlich Ernst Gennat und ist eine Berühmtheit im Berlin der zwanziger Jahre. Er hat die Arbeit der Mordkommission revolutioniert - und ist heute fast vergessen.
Fritz Lang, der Regisseur, hat Ernst Gennat 1931 ein Denkmal gesetzt, in seinem Film "M - Eine Stadt sucht einen Mörder". Im Film heißt Gennat Lohmann. Doch die Parallelen sind unverkennbar:

In der Residenzstadt Berlin waren noch um die Jahrhundertwende die polizeilichen Zustände so patriarchalisch, dass, falls ein Kapitalverbrechen vorkam, nicht etwa sofort mit dessen Bearbeitung begonnen sondern vielmehr nach einem Bearbeiter gesucht wurde.

Schreibt derjenige, der diesen Zustand beendete: Ernst Gennat. Und er schreibt auch, dass während der Anfangszeit der Mordkommission eines noch schwerer war als die Suche nach dem Mörder - nämlich die Suche nach einem Kommissar.

Als Ernst Gennat 1904 zur Polizei kommt, hat er ein abgebrochenes Jura-Studium hinter sich. Er interessiert sich für Kapitalverbrechen. Das Interesse kommt nicht von ungefähr, schließlich ist sein Vater Gefängnisdirektor und sein Bruder Staatsanwalt. Das spornt an, Täter zu ermitteln. Doch was er bei der Polizei vorfindet, steht der eigentlichen Arbeit oft genug im Wege:

Schönefeld: Denn man muss bedenken, die Kriminalpolizei war zu diesem Zeitpunkt auch doch nicht mehr ganz jung mit ehemaligen Offizieren der Schutzmannschaft besetzt usw. und der militärische Drill, das militärische Gehabe und die ganze Umgangsform behinderten eigentlich die Arbeit mehr als das sie sie beförderten.

Der Nachholbedarf, den die Polizei hatte, war groß: Die Ausbildung war lange Zeit vernachlässigt worden, stattdessen hatte man Wert auf militärische Umgangsformen gelegt. Gennat musste sich so manches Mal darüber ärgern, dass am Tatort Spuren übersehen oder gar vernichtet wurden. Preußische Beamte verspürten oftmals den Reflex, ein wenig aufzuräumen, bevor der Herr Kommissar kam. Anfangs hatte man sogar die entdeckten Leichen - der Pietät wegen - etwas freundlicher drapiert, etwa auf ein Sofa gelegt, ihnen die Augen geschlossen, sie zugedeckt. Die Lage, in der der Mörder sie zurückgelassen hatte, konnte so oft nicht rekonstruiert werden. Gennat revolutioniert die Polizeiarbeit.

Schönefeld: Er hat darauf gedrungen, dass in besonders interessanten Fällen die Akten aufgehoben werden, […] in dem er im Berliner Polizeipräsidium die Zentralkartei zur Ermittlung von Kapitalverbrechen anlegt.

Dr. Bärbel Schönefeld ist von der Polizeihistorischen Sammlung Berlin:

[…]. So wird in zeitgenössischer Presse ausgegeben, dass diese so genannte Mörderkartei - so war die Abkürzung - recht gut bestückt war. Und wenn irgendwo ein Mordfall passiert ist, dass auch Kommissare aus anderen Teilen Deutschlands nach Berlin gekommen sind und in der Kartei geguckt haben, ob es schon einmal einen Ansatz gab, ob es eine Verbindung gibt oder so.

Die Erfolge von Ernst Gennat blieben auch höheren Ortes nicht unbemerkt. Dann, 1926, war sein Kampf um eine neue Struktur endlich gewonnen. Im August 1926 nahm die Mordinspektion mit drei festen Mordkommissionen ihren Dienst auf.

Aber auch die Art seiner Verhöre machte Schule. Zeitzeugen erinnerten sich, dass er die Verdächtigten zu sich bringen lies, sie aufforderte, zu erzählen - und dann einschlief. Genau im richtigen Augenblick war er mit Gegenfragen zur Stelle und konnte so den Verdächtigen in Widersprüche verwickeln.

Schönefeld: Seine Verhörtechnik war eigentlich sehr subtil. Er ist eigentlich von Hause aus ein hervorragender Psychologe gewesen. Von Gewalt wollte er nichts wissen. Er hat seine Kommissare angewiesen, entweder wir überzeugen die Täter, dass sie selber plaudern oder wir lassen es sein.

Ernst Gennat sucht überall sein Material zusammen. Er lässt Akten kopieren, ohne sich dabei um Ländergrenzen zu scheren. Und ab und zu vergisst er Originale zurückzugeben. Ernst Gennat hebt alles auf und er lässt alles katalogisieren. Wann immer ein neuer Fall auftaucht, versucht er Parallelen zu ziehen. Schnelle Polizei-Präsenz am Tatort, Spurensicherung nur mit Handschuhen, der Aufbau einer Mordkommission, paritätisch besetzt mit älteren und jüngeren Kollegen - das alles sind Ideen von Ernst Gennat. Nach seinen Ideen sind Mordkommissionen noch heute aufgebaut. Viele seiner Hinweise für die Polizeiarbeit erscheinen heute selbstverständlich, doch sie waren es nicht, als Gennat in den Polizeidienst eintrat:

Am Tatort soll man nicht anfangen anzuordnen; vorher Angeordnetes soll durchgeführt werden. Jeder einzelne Beamte weiß schon vorher, welcher Art seine Aufgabe ist. Eine einheitliche kriminalistische Leitung verhütet von vornherein jenes gefährliche Durch- und Nebeneinander. Wenn am Tatort erst Zuständigkeitsfragen oder verschiedenartige Auffassungen zum Austrag gebracht werden, ist der Erfolg der ganzen Aktion von vornherein in Frage gestellt.

Und Ernst Gennat erfand ein Spezialfahrzeug, im Volksmund Mordauto genannt.

Schönefeld: Das ist eine Spezialanfertigung gewesen, von Gennat direkt in Auftrag gegeben, in dem er von dem Autohersteller forderte, dass alle Utensilien unterzubringen sind, die man am Tatort benötig. Es ist im hinteren Teil ein Kastenanbau an dem Wagen, in dem die Spurensicherungsgerätschaften, Fotografierutensilien drin sind. […]Es wurde auch ein kleines Arbeitstischen mitgeführt mit der Schreibmaschine und der entsprechenden Schreibdame - das, was heute der Kommissar in sein Tonband spricht und das später abgeschrieben wird, geschah also damals vor Ort.

Und manchmal, auf dem Weg zum Tatort, lies Gennat vor einer Bäckerei halten, um seinem Appetit auf Kuchen zu stillen. Schon deshalb war das Mordauto kein gewöhnliches Automobil. Gennat saß immer rechts hinter dem Beifahrer. Dort lies er eine Spezialverstrebung einbauen. Seine drei Zentner hätten den Wagen sonst in eine Schieflage gebracht.

Im Laufe seines 33-jährigen Polizeidienstes löst Ernst Gennat 297 Mordfälle - seine Aufklärungsquote beträgt immerhin 95 Prozent. Inzwischen gibt es DNA - Tests und andere ausgefeiltere Methoden. Aber:

Niemann: Wenn man jetzt den Querschnitt der letzten Jahrzehnte nimmt, so muss man sagen, dass seit 1926, seitdem Gennat diese Mordinspektion so ins Leben berufen hat, die Aufklärungsquote tatsächlich so gleich geblieben ist.

Ernst Gennat verwies immer wieder auf die Familienbande, in dem er über seine Verbrecher sagte: Ich fang sie, mein Bruder verknackt sie und mein Vater sperrt sie ein. Das ganze natürlich auf berlinerisch. Diese Sätze, sein imposantes Aussehen und wohl auch seine Erfolge machten ihm zum Berliner Original. Doch was wird aus dem Mann, der die Polizeiarbeit so nachhaltig prägte? Er wird von den Nazis aus dem Amt gedrängt, erkrankt schwer, stirbt am 20. August 1939 im Alter von gerade einmal 59 Jahren. Noch auf dem Totenbett hatte der ewige Junggeselle geheiratet, seine Frau war die erste Kriminalkommissarin Deutschlands.
Zweitausend Berliner Kriminalbeamte folgten dem Sarg Gennats. Heute ist Ernst Gennat vergessen. Nicht einmal in Berlin, seiner Heimatstadt, ist eine Straße nach ihm benannt.
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