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23.8.2004
Stift ohne Blei
Die Karriere des Bleistifts
Von Thomas Senne

Der Name, den das kleine Utensil hat, ist irreführend und eigentlich unsinnig. Denn der Bleistift heißt Bleistift, obwohl er gar nicht aus Blei ist. Woher der Name kommt - das ist nur historisch zu erklären. Ebenso, warum das Weltzentrum der Bleistiftproduktion im Raum Nürnberg ist, obwohl es dort keine Rohstoffe gibt, die für die Bleistiftproduktion wichtig wären.

Die europaweit größte Produktionsstätte holzgefasster Stifte in Neumarkt, etwa eine halbe Stunde Autofahrt von Nürnberg entfernt. Hier wird maschinell gehobelt, geleimt, gelackt und geprägt, kurzum: alles getan, damit aus unscheinbaren hölzernen Rohlingen schöne, glänzende Bleistifte werden. Egal ob dreikantig, rund oder mehreckig - industriell gefertigt werden sie heute alle. Auch ihre schillernden Geschwister, die Farb- und Kosmetikstifte.

Tagesproduktion 1,6 Millionen Stifte pro Tag bei Staedler. Jahresproduktion: Eine Strecke von Nürnberg nach Frankfurt und zurück.

Robert Dankowski von der Firma Staedler ist Leiter der Neumarkter Fabrik. Wie die Konkurrenzbetriebe Faber-Castell, Lyra oder Schwan-Stabilo auch hat Staedler in der Region Nürnberg seinen Hauptsitz. Rund drei Milliarden holzgefasste Stifte kommen pro Jahr aus den weltweiten Produktionsstätten der vier im Nürnberger Großraum ansässigen Firmen.

In der Anfangszeit der Bleistiftherstellung konnte man von derartigen Mengen nur träumen. Da wurden die Stifte noch von Schreinern mit der Hand gefertigt, wurden die Graphitminen Stück für Stück mit besonders vorbereiteten Holzstückchen verleimt. Frauenarbeit war in diesen kleinen Nürnberger Manufakturen untersagt. Den Vertrieb der Stifte übernahmen die Handwerker selber oder überließen ihn Straßenhändlern, die ihre Waren in Tragekörben auf dem Rücken durch die Lande transportierten, wie ein Kupferstich aus dem 16. Jahrhundert dokumentiert.

Eine der ältesten Beschreibungen eines "Bleistiftes" verdanken wir einem gewissen Konrad Gesner. In seinem 1565 erschienen Buch "De omni rerum fossilium genere" kommentiert er eine Abbildung folgendermaßen:

Der uns gezeigte Griffel ist zum Schreiben gedacht und besteht aus einer Art Blei (manche bezeichnen den Stoff als Antimon), der zugespitzt und in einen Holzkörper gesteckt wird.

Der älteste, heute noch existierende Bleistift der Welt, der in einem Panzerschrank der Bleistiftdynastie Faber-Castell aufbewahrt wird, sieht allerdings etwas anders aus: ein zwölf Zentimeter langer, etwa drei cm dicker klobiger Holzstift mit grobkörniger Graphitmine. Im 17. Jahrhundert wurde er in einer Manufaktur hergestellt und vor einiger Zeit bei Renovierungsarbeiten in einem schwäbischen Fachwerkhaus gefunden. Also lange, bevor Goethe folgende Zeilen geschrieben und sich in "Dichtung und Wahrheit" als Bleistiftliebhaber geoutet hatte:

(So) griff ich weit lieber zum Bleistift, welcher williger seine Züge hergab - denn es war mir das eine oder andere Mal geschehen, dass das Scharren und Spritzen der Feder mich aus meinem nachtwandlerischen Dichten und Denken aufweckte und ein kleines Produkt in der Geburt erstickte.

Bereits in der Antike benutzte man Schreibwerkzeuge, die in ihrer Funktion dem heutigen Bleistift ähnelten: kleine runde Bleischeiben. Die Griechen nannten sie "paragraphos" und die Römer "praeductal". Mit diesen Scheiben konnte man Linien ziehen, Notizen oder Zeichnungen anfertigen. Als unmittelbarer Vorläufer des Bleistiftes aber - einmal abgesehen von Kreide, Rötel oder Holzkohle - gilt vor allem der Silberstift, ein langer, spitzer, oben gebogener Draht aus einer Blei-Zinnlegierung. Besonders beliebt war dieses Zeicheninstrument in der Renaissance. Künstler wie Leonardo da Vinci oder van Dyck verwendeten es. Auch Albrecht Dürer. Sein berühmtes Selbstporträt beispielsweise, im Alter von 13 Jahren aufs Papier gebracht, ist eine Silberstiftzeichnung.

Doch es hat schon früher Zeichengeräte gegeben - Pinsel und Federkiel, Schreibbinsen oder Griffel aus Pflanzenfasern. Das Streben, sich mit Symbolen, Bildern und Sprache verständlich zu machen, um Erlebtes auszutauschen, Ereignisse oder Visionen, markiert den Beginn menschlicher Kulturgeschichte.

Der Stift hat mit Blei nichts zu tun. Wieso aber heißt der Bleistift Bleistift? Der Direktor des Museums Industriekultur Nürnberg, Matthias Murko, der in einer Abteilung seines Hauses die Karriere des Bleistiftes nachzeichnet, weiß die Antwort.

Ich wollte Dir noch erzählen von einer Sorte von Bleistiften von Faber, die ich gefunden habe. Sie sind von dieser Dicke, sehr weich und von besserer Qualität als die Zimmermannstifte, eben ein famoses Schwarz und man arbeitet damit sehr angenehm bei großen Studien. /Ich habe eine Näherin damit gezeichnet auf grauem Papier sans fin und erzielte eine Wirkung wie mit lithographischer Kreide. Diese Bleistifte sind in weiches Holz gefasst, von außen dunkelgrün gefärbt und kosten 20 Cents per Stück.

Das schreibt Vincent van Gogh in einem Brief an den holländischen Künstler Anton van Rappard, der van Gogh in seiner Frühzeit stark beeinflusst hat

Bleistiftproduktion im fortgeschrittenen Industriezeitalter. Nur einen Katzensprung entfernt vom sogenannten "Bleistiftschloss" in Stein bei Nürnberg, wo Besucher rare historische Schaustücke in Vitrinen bewundern können, befindet sich heute ein Teil der Produktionsstätten des Unternehmens Faber-Castell, das mit 1,8 Milliarden holzgefasster Stifte pro Jahr der weltweit größte Bleistifthersteller ist.

Die manuelle Fertigung von Bleistiften lässt sich in Nürnberg bis in das Jahr 1660 zurückverfolgen. Als einer der ältesten sogenannten "Bleiweißsteftmacher" wird ein gewisser Friedrich Staedler bereits 1662 in den Ratsbüchern der Stadt Nürnberg urkundlich erwähnt. Beginn einer Firmenkarriere, die bis in unsere Zeit reicht.

Ich weiß gar nicht sicher, ob ich mich für Ihre sehr gefällige Zustellung von Ihren ausgezeichneten Bleistiften schon bedankt habe. Sie haben mir mit den Bleistiften große Freude gemacht.

So bedankte sich Ende des 19. Jahrhunderts der Maler Franz von Lenbach bei den Nachfahren des Nürnberger "Bleiweißsteftmachers", die inzwischen Bleistifte in großem Maßstab herstellten.

Vier der weltweit führenden Bleistift-Unternehmen haben heute ihren Sitz im Raum Nürnberg. Die Dürer-Stadt ist nicht zufällig ein Zentrum der Bleistiftherstellung geworden. Zwar gibt es hier kein geeignetes Material als Rohstoff - weder Graphit noch brauchbares Zedernholz. Doch Nürnberg, so der Direktor des dortigen Museums Industriekultur, Matthias Murko, war einst eine gut organisierte Hochburg des Handwerks, und die Stadt lag geographisch äußerst günstig: im Schnittpunkt alter Handelsstraßen.

Heute setzen die Nürnberger Bleistiftproduzenten, um international weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben, nicht nur auf Qualität, sondern auch auf modernes Styling, auf ergonomisches und modisches Design. Und doch bleibt der Bleistift in erster Linie: ein unentbehrliches Schreibutensil - und, in Künstlerhand, ein kleiner Zauberstab ...
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