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27.8.2004
Landflucht
Die Verstädterung Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert

Menschen drängen sich am Berliner Alexanderplatz (Bild: AP)
Menschen drängen sich am Berliner Alexanderplatz (Bild: AP)
Immer weniger Menschen leben heute auf dem Lande, immer mehr in Großstädten. Diese Entwicklung begann mit der Industrialisierung, die im 19. und 20. Jahrhundert zu dramatischen Veränderungen in Stadt und Land führte. So wuchsen im Rhein-Ruhrgebiet die Städte explosionsartig. Landschaften veränderten ihr Gesicht, aus Dörfern wurden Metropolen.

Der Reisende, der nach Köln kommt, erreicht mit dem Zug das Herzstück der Rheinmetropole. Wenn er das Bahnhofsgebäude verlässt, findet er linker Hand eine Treppe, die zum Eingangsportal des Kölner Doms hinaufführt, einem Meisterwerk der Gothik. Ein Ort der Besinnung, wenn man hineingeht. Draußen umspült ihn unüberhörbar der Lärm der Stadt. Die Bahnlinien verlaufen noch immer hinter dem Dom, wie damals, als man den Bahnhof baute. In gebührendem Abstand ist der Dom umgeben von modernen Bauten. Viele davon sind nach dem Krieg entstanden. Der Dom blieb stehen, während die Häuser drumherum fast alle zerbombt waren. Wenige Meter vom Dom entfernt beginnt mit der Hohen Straße - einer der wichtigsten Einkaufsstraßen der Stadt - die City.

Köln ist heute eine der wenigen Millionenstädte Deutschlands. Die Geburtsstunde liegt in römischer Zeit. Im Jahre 50 nach Christi Geburt wurde der ehemalige Lagerplatz des germanischen Volkes der Ubier, auf deren Waffenbrüderschaft sich schon Cäsar berufen konnte, zu einer römischen Kolonie erhoben.

Unter dem Rathaus findet man die Reste, auf dem Weg vom Rhein zum Dom schreitet der Besucher heute über ein Stück einer römischen Heerstraße.

Die Herren wechselten. Nach den Römern kamen die Franken. Dann die Erzbischöfe. Die Franzosen und schließlich die Preußen. Obwohl Köln ein Zentrum im Rheinland und im 15. Jahrhundert mit 30.000 Einwohnern sogar die größte Stadt Deutschlands war, wuchs es zunächst nicht über die mittelalterlichen Stadtmauern hinaus. Enttäuscht waren die Stadtväter 1815 von der preußischen Politik nach dem Abzug der französischen Besatzungsmacht. Das benachbarte Düsseldorf wurde Sitz des Landtages der neu geschaffenen Rheinprovinz. Das Oberpräsidium der Provinz befand sich in Koblenz.

Köln am Rhein bot das Bild einer Gartenstadt. Denn die Landwirtschaft vor den Toren spielte eine große Rolle für die Versorgung der Stadt. Missernten gerieten für die Städter zur Katastrophe. 1816 kam es sogar zu einer Hungersnot, die nur durch Weizenlieferungen aus Preußen behoben werden konnte.

Missernten und Hungersnöte hatten auch auf dem Land den Menschen die Existenzgrundlage entzogen. Nach 1840 kam es zu einer Krise in der Landwirtschaft. Karl Marx, der damals Chefredakteur der in Köln erscheinenden Rheinischen Zeitung war, machte in einer Artikelserie auf die Not der Bauern und Landarbeiter aufmerksam. Die preußische Agrarreform hatte zu einer Aufteilung des Gemeinbesitzes geführt. Dort hatten gerade Kleinbauern und Landbevölkerung Weiderechte. Die Möglichkeit der Selbstversorgung schwand.

Nebenbei ein Handwerk auszuüben, das war unmöglich, denn alle Berufe wie Drechsler, Tischler oder Böttcher waren hoffnungslos überbesetzt. Die Krise erfasste nicht nur einige wenige, sondern die Masse der Menschen. Mehr als 60 Prozent aller Deutschen lebte auf dem Lande, der kleinere Teil in den Städten. Nur fünf Prozent fanden ihr Auskommen in Großstädten, wie Berlin, Hamburg oder Leipzig.

Auch Köln gehörte bald dazu, denn die preußische Herrschaft förderte letztlich doch die Entwicklung zu einer Metropole. Köln wurde Festungsstadt. Dazu wurden öffentliche und militärische Gebäude neu errichtet. Die Bautätigkeit schuf Arbeitsplätze.

Menschen kamen vom Land in die Stadt. Die unsichere Versorgungslage in den Dörfern führte immer mehr zu einem regelrechten Exodus. Obwohl fest am Heimatort verwurzelt, wurde die Not so drückend, dass immer mehr Landarbeiter, aber auch kleine Bauern und Handwerker, bereit waren, in die Städte zu ziehen. Wenn nicht in Deutschland, dann sogar im Ausland. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wanderten überall junge Männer nach Übersee aus.

In Köln sammelten sich immer mehr Menschen. Bereits 1850 hatte sich die Einwohnerzahl von 50.000 auf über 100.000 verdoppelt. Es wurde eng in der Stadt und in den Häusern. Mehrere Personen mussten sich ein Zimmer teilen. Betten wurden sogar nachts noch zusätzlich vermietet. Wie in Berlin wurden Hinterhäuser gebaut, um Platz zu schaffen.

Doch diese Wanderungsbewegung war erst der Auftakt. Die hohe Zeit der Industrialisierung, die sich in Deutschland später als in England vollzog, übte eine enorme Anziehungskraft auf die Landbevölkerung aus. Trotz der Mechanisierung war die Landarbeit nach wie vor hart, und die Arbeitszeiten waren lang. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. In der Stadt wurden die Löhne statt in Naturalien in Geld bezahlt, wenn auch der Jahresverdienst weit unter tausend Mark lag. Aber immer mehr Menschen hatten Arbeit. Bis 1907 war die Zahl der Personen, die erwerbstätig waren, um mehr als zehn Prozent gestiegen. Auch der Lebensstandard wuchs.

Große Wirtschaftsbetriebe schossen aus dem Boden. Sie beruhten auf neuen, bahnbrechenden Erfindungen. Dem mechanischen Webstuhl oder der Dampfmaschine. Die heutige Firma Klöckner-Humboldt-Deutz begann 1856 noch unter dem Namen Humboldt mit dem Bau von Zerkleinerungsmaschinen für den Bergbau. Sie baute Dampfmaschinen und Schiffsmaschinen. Schließlich Turbinen und Dampflokomotiven. 150 Stück pro Jahr.

Der Otto-Motor des Erfinders Nikolaus August Otto wurde ab 1864 von der Gasmotorenfabrik Deutz AG gebaut. Mit wenigen Mitarbeitern zu Beginn erreichten die Belegschaften der Industriebetriebe schon nach 1895 mehrere Tausend.

Die Betriebe hatten sich außerhalb der Stadtmauern angesiedelt. Dennoch platzte Köln bald aus allen Nähten. Während die Dörfer in der angrenzenden Eifel oder im benachbarten Bergischen Land immer leerer wurden, stieg die Einwohnerzahl der Rheinmetropole mit großem Tempo an. Nach der Reichsgründung 1871 hatte Köln knapp 130.000 Einwohner. Rund 20 Jahre später, 1890, waren es mehr als doppelt soviel. 1914, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, wohnten in Köln bereits 635.000 Menschen. Viermal so viele Menschen wie zu Beginn der Agrarkrise des 19. Jahrhunderts lebten nun in den großen Städten.

Das Bild einer Großstadt wie Köln hatte sich dabei verändert. Die Stadtfläche war durch die Eingemeindung der angrenzenden Kommunen über die Stadtmauern hinaus erweitert worden, die dafür sogar abgetragen wurde. Die Eisenbahn erhielt große Bedeutung. Köln wurde Knotenpunkt für die Strecken nach Belgien, Berlin und Holland. Der Bahnhof gleich neben dem Dom entstand. Die Eisenbahnbrücke über den Rhein wurde gebaut. Ein Wunderwerk der Metallkunst. Zwischen der Stadt und ihren Vororten verkehrten noch die Pferdebahnen, doch nach der Jahrhundertwende fuhr auf den alten Trassen eine elektrisch betriebene Straßenbahn.

Der Straßenbau, die Grundlage für die neue Mobilität der Menschen, spielte dabei eine große Rolle. Die Straßen erfüllten jedoch nicht nur bestimmte Funktionen. Die Kölner Ringstraße um den alten Kern der Stadt wurde nach dem Vorbild der Pariser Boulevards gestaltet. Mit Bäumen, sternförmigen Plätzen, Denkmälern, Brunnenanlagen und Reitwegen.

Die Stadt entwickelte sich zu einem Zentrum der Kultur. Die Verstädterung führte dazu, dass auch die Freizeit in den Grenzen der Stadt verbracht wurde. Museen wurden gebaut.

Das Leben der Menschen in der Stadt veränderte sich. Was sie auf dem Lande nicht besessen hatten, den Zugang zur Bildung und zur Kultur, das bot ihnen die Stadt. Auch die Feste waren andere. Gerade in Köln ging man auf die Kirmes, die häufig an verschiedenen Orten stattfand. Und natürlich gab es den Karneval. Die Kölner lebten draußen und gaben ihr Geld auch draußen aus. Junge Menschen zog es in die Stadt, nicht nur der Arbeitsplätze wegen, sondern auch wegen der Vergnügungen, die eine Großstadt vor allem für Unverheiratete bot. Junge Frauen kamen, weil sie sich in der Stadt größere Heiratschancen ausrechneten als auf dem Lande. Zeitweilig kamen sogar mehr Frauen als Männer.

Die jungen Frauen nutzten die Chancen, die die Stelle in einem Bürgerhaus bot. In Köln arbeiteten 1882 rund 8100 Dienstmädchen, 1907 waren es mehr als 14.000. Zum geringen Lohn gab es freie Kost und Logis, was den Umzug in die Stadt sehr erleichterte. Warnungen karitativer Vereine, die die jungen Frauen schon in den Dörfern zu erreichen versuchten, wurden von den meisten Frauen überhört. Denn je mehr Frauen in die Städte wanderten, desto stärker wuchs auch die Prostitution.

Die Arbeitsbedingungen der Dienstmädchen in den Bürgerfamilien waren unterschiedlich. Die Fluktuation war groß. Doch wenn die jungen Frauen den Arbeitsplatz wechselten, dann geschah das nicht nur, weil sie unzufrieden waren. Sie wechselten auch, weil sie die neue Freiheit in der Stadt genießen wollten. Manche Bürgerfamilien mussten in einem einzigen Jahr zehn neue Dienstmädchen einstellen.

Das Bürgertum lebte in Villen in der Stadt. Die gut restaurierten Altbauten erfreuen sich noch immer großer Beliebtheit.

Der Kölner Volksmund hat die Wahrheit seit eh und je auf den Punkt gebracht. Außen fix, innen nix. Das hieß so viel, hinter der Fassade war die Realität verborgen. Und das waren nach wie vor die Hinterhäuser an den engen Hinterhöfen ohne Licht. Jeder Quadratzentimeter Bauland wurde überbaut. Da blieb kein Platz für Gärten oder freie Flächen im Hof. Noch immer waren die Arbeiterwohnungen eng. Häufig konnte nur ein Raum beheizt werden. Die Schlafkammern dagegen überhaupt nicht. Ein Bad gab es nicht. Mehrere Familien in einem Haus mussten sich eine Toilette teilen, die zumeist außen im Hof war.

Besonders die Altstadt war überfüllt. Die hohe Bevölkerungsdichte ergab sich auch aus dem schmalen Budget der Arbeiterfamilien. Nach wie vor musste durch das Vermieten von Zimmern und Schlafstellen das Einkommen aufgebessert werden. Dass gute Wohnverhältnisse und Leistungskraft der Arbeiter einander bedingen, wurde den Unternehmen bald bewusst. Und so ließen das Kabelwerk Felten und Guillaume oder die Schokoladenfabrik Stollwerck Werkswohnungen errichten, die allerdings die Not nur wenig lindern konnten.

Spürbare Abhilfe schuf erst das Genossenschaftswesen. Um die Jahrhundertwende wurden zehn Genossenschaften gegründet, die bis 1914 rund 1700 Wohnungen bauten. Wo Wohnungen waren, da musste auch die Versorgung einer Stadt geleistet werden. So dachte man zumindest in Köln. Abwasserkanäle wurden gebaut, ein Gaswerk. Für die Müllabfuhr und für die Stromerzeugung, dafür sorgte die Stadtverwaltung. Auch ein öffentliches Bad für die Bevölkerung wurde gebaut.

Ein Sozialpaket wurde geschnürt. 1894 entstand in Köln eine Arbeitsnachweis-Anstalt für Arbeitssuchende. Paritätisch besetzt von Arbeitgebern und Arbeitnehmern: Vorläufer des Arbeitsamtes, verbunden mit einem Wohnungsamt, um Wohnungssuchenden der Stadt zu helfen.

Die Stadt hatte das Gefüge des Dorfes mit seinen sozialen Bezügen ersetzt. Der Mensch war zum Bewohner einer Stadt geworden, die er selber, auch ohne es zu wissen, mitgestaltete und beeinflusste.

Die Wanderungsbewegungen veränderten die städtische Gesellschaft. Die kleinen Handwerker wurden immer weniger. Das Bürgertum entwickelte sich zu einer breiten Schicht - auch weil die Arbeiter in die Stadt kamen, um in ihren Industriebetrieben zu arbeiten und in ihren Geschäften zu kaufen. So waren die sozialen Gruppen miteinander verbunden und voneinander abhängig.

In Köln ist die Urbanisierung im 20. Jahrhundert mit einem Namen eng verbunden: dem des Oberbürgermeisters Konrad Adenauer. Er war derjenige, der in den 20er Jahren Köln zu einer grünen Stadt machte. Für seine Idee einer grünen Lunge, die noch heute die Stadt umgibt, gewann er Stadtplaner, die aus dieser grünen Lunge das Gesamtkonzept einer Erholungszone machten, zu der auch das heutige Müngersdorfer Sportstadion gehörte.

Hatte man in Köln schon früh begriffen, wie wichtig eine gute Ausbildung für die Industriearbeiter war, was zur Leistungsfähigkeit der ansässigen Betriebe beigetragen hatte, so begriff Adenauer, wie wichtig eine Universität für eine Stadt wie Köln war. 1919 hat er sie, die einst aus einer Gründung durch den mittelalterlichen Philosophen Albertus Magnus hervorgegangen war, wieder gegründet. Neben Frankfurt hatte die Universität bald einen guten Ruf. Und 1929, als Konrad Adenauer den Grundstein für ein neues Gebäude legte, da war Köln zu einer Metropole ersten Ranges in Deutschland geworden.

Wir tun es getragen von dem gleichen Gefühl, das uns zur Neugründung getrieben hat: Getragen von unserer Überzeugung, unser Stadt und ihrer Bürgerschaft zu dienen. Zu dienen dem Vaterlande zur Schaffung eines Zentrums deutscher Kultur und deutscher Wissenschaft.
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