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24.8.2004
Szenen einer Metropole
Der Schriftsteller Christopher Isherwood und die Goldenen Zwanziger in Berlin
Von Damien McGuinnes und Gesa Ufer

W.H. Auden, Christopher Isherwood und Cecil Day Lewis (v.l.n.r) im Jahr 1937 (Bild: AP Archiv)
W.H. Auden, Christopher Isherwood und Cecil Day Lewis (v.l.n.r) im Jahr 1937 (Bild: AP Archiv)
"Cabaret" - das ist DAS Berlin-Musical schlechthin: Liza Minelli machte es zum Weltstar und das freizügige Berlin vor 1933 zum ewigen Mythos. Der Autor, auf dessen Vorlage das Musical basiert, heißt Christopher Isherwood. 1939 hatte dieser britische Schriftsteller den Episodenroman "Good Bye to Berlin" veröffentlicht. Sein Name ist in Deutschland fast vergessen und seine Werke werden nicht mehr verlegt. Am 26.August ist sein 100. Geburtstag.

"Cabaret" - das ist ein raffiniert angelegtes Theater im Theater. In dessen Mittelpunkt steht die faszinierende Figur des Showgirls Sally Bowles, die von einer großen Karriere beim Film träumt. Während sie hofft, entdeckt zu werden, tanzt sie allerdings wenig ruhmreich in einem halbseidenen Etablissement als Nummerngirl. Ein Tanz auf dem Vulkan. Denn während sie auf der Bühne des Kit-Kat-Klubs aus vollem Herzen "Life is a Cabaret" singt, gewinnen draußen, auf den Straßen Berlins, die braunen Kohorten an Macht.
"Cabaret" spielt im düster-schillernden Berlin, Anfang der 30er Jahre, direkt vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Die amüsiersüchtige Metropole ist bereits dem Untergang geweiht.

1951 ging die erste Fassung des Stoffes über die Bühnen Amerikas und Europas; 1966 feierte das Musical Cabaret am Broadway und anderswo Triumphe, und 1972 machte der gleichnamige Film Liza Minelli in der Rolle der Sally Bowles zum Weltstar. Der Autor des Stückes aber, Christopher Isherwood, geriet außerhalb der angelsächsischen Welt mehr und mehr in Vergessenheit.
Er selbst war 1929 zum ersten Mal als junger Privatlehrer in die Stadt gekommen, nachdem er sein Medizinstudium in Cambridge abgebrochen hatte. Isherwood war damit Teil einer ganzen Clique junger englischer Schriftsteller, die Berlin in diesen Jahren magisch anzog. Der bekannteste dieser Gruppe sollte Isherwoods Schulfreund W.H. Auden werden, einer der wichtigsten englischen Lyriker der Moderne. Auch Steven Spender und andere, weniger bekannte Autoren gehörten dem Berliner Kreis an.
Tobias Döring, Literaturwissenschaftler an der Berliner Freien Universität:

Tobias Döring: Isherwoods Familie kann man schon fast der Aristokratie zurechnen, jedenfalls so der verarmten Seite der Aristokratie, sie hatten alle eine sehr elitäre Bildung im englischen Public-School-System durchlaufen, sie waren in Cambridge gewesen, und sie kamen nach Berlin, um hier ein neues Abenteuer zu suchen, durchaus wie andere Briten im 19. Jahrhundert nach Afrika gegangen sind, um dort so eine ursprüngliche Naturerfahrung wahrzunehmen, kamen sie hier nach Berlin nach einer Art Dschungel, einer Art Sozialdschungel, einem Großstadtdschungel.

Tastsächlich stand Berlin seinem wilden Ruf in nichts nach: In Hunderten Tanzlokalen, Salons, Nachtclubs und Kaschemmen brodelte das Berliner Nachtleben mit seinen Bällen, seinen kulturellen Darbietungen, seinen Feiern und Exzessen. Paris und New York schauten neidisch auf die deutsche Metropole. Hier mischten sich munter Transvestiten, Hetero- und Homosexuelle, und zahlreiche Kleinkunstbühnen und private Salons buhlten um ausgefallene Kundschaft. Mittendrin: die gebürtige Maria Magdalena Dietrich, besser bekannt als Marlene, die Liebschaften beiderlei Geschlechts zu goutieren wusste, oder eine Klara Wortmann aus Gelsenkirchen die als Berliner Göre zur gefeierte Diseuse avancierte. Ihr Künstlername: Claire Waldoff.

Christopher Isherwood hält die Atmosphäre dieser Jahre in "Good Bye to Berlin" für die englischen Leser fest. So eindrucksvoll wie kein zweiter, glaubt der Literaturwissenschaftler Tobias Döring:

Döring: Ja, das Berlin, das Isherwood hier zeichnet, ist ein mythisches Berlin, es ist ein Mythos, der mit der Wirklichkeit zu der Zeit auch nur in begrenzter Form zu tun hat, aber es ist DAS Bild Berlins, das in der gesamten englischsprachigen Welt, und damit meine ich die USA genauso wie England und alle Länder, wo englischsprachige Literatur gelesen und verbreitet wird: Was dort über Berlin gelesen wird, stammt von Isherwood, und es ist das Berlin der Weimar-Culture, das Berlin der schwulen Bars, das Berlin der Halb- und Unterwelt.

Homosexuelle Motive spielen in "Good bye to Berlin" nur eine verdeckte Rolle. Dennoch wird Isherwood später zu einer Ikone der Schwulenbewegung, weil er als einer der ersten Autoren von Rang bereits in den 50er Jahren offen zu seiner Homosexualität steht. In einem Interview, das er gut 40 Jahre nach dem ersten Berlin-Besuch der BBC gibt, nennt Christopher Isherwood denn auch unumwunden folgenden Grund für seine Reise:

Isherwood: Of course one of the great attractions was the boy life which was supposed to be going on there. The gay life was supposed to be very very permissive and easy to follow. (That now seems very strange to me. I realise that it wasn't nearly as permissive and accessible according to modern standards as people believe and as I believed at the time.) But really you know the great thing was simply getting away from England. To some other place. Getting away, shedding to some extent the whole British persona, and therefore learning to speak at least to some degree German. So that I could be a different person in a different language. That gave me a great feeling of security.

Übersetzung: Eine der Hauptattraktionen waren natürlich die Jungs, für die Berlin berühmt war. Die schwule Szene stand in dem Ruf besonders freizügig und unkompliziert zu sein. .... Das wichtigste war für mich allerdings, aus England weg zu sein. Irgendwo anders! Nur weg sein und bis zu einem gewissen Grad seine eigene englische Identität hinter sich zu lassen. Deswegen habe ich auch Deutsch gelernt. Um jemand anderes in einer anderen Sprache zu sein. Das genau gab mir ein großes Gefühl der Sicherheit.

Bei Isherwoods Versuch, in Berlin seine strenge britische Sozialisation hinter sich zu lassen, mag bereits die erste Anlaufadresse von entscheidender Bedeutung gewesen sein. Durch einen befreundeten Schriftsteller kam der 25-Jährige im November 1929 nämlich als Logiergast an Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaften. Der berühmte Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, der als Vorreiter der Homosexuellenbewegung gilt und die Theorie eines "dritten Geschlechts" zwischen Mann und Frau entwickelt hat, muss auf den jungen nach eigenen Worten sehr prüden Isherwood großen Eindruck gemacht haben. Und weil es eine strikte Trennung zwischen Gästen und Patienten für Hirschfeld nicht gab, fand sich der vornehme Gast aus England bereits nach wenigen Tagen inmitten einer eindrucksvollen Gemeinschaft wieder.
Rainer Herrn, Mitarbeiter der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, schildert Isherwoods Erfahrung mit dem Institut so:

Rainer Herrn: Am Institut hat ihn abgeschreckt und fasziniert zugleich der offene Umgang mit Sexualität. Er beschreibt ein Mittagessen, wo er neben einem Mann zu sitzen kam, oder neben einer Frau zu sitzen kam, bei der sich herausstellt, dass sie ein Mann war, und wo er völlig frustriert danach war, und jetzt nicht wusste, ob er mit Abscheu oder mit Bewunderung reagieren sollte.
Er beschreibt einen Gang durch die Sammlung von Hirschfeld, es gibt eine sehr reichhaltige Sammlung mit sexuellen Objekten, wo er einen Exhibitionisten beschreibt, die Kleidung eines Exhibitionisten, der einen Mantel hat und darunter zwei Strapse mit ein paar Stiefeln daran, und wo er in der Schnelle eines Schnappschusses den Mantel öffnen und wieder schließen kann, und die waren dort ausgestellt, und das sind, glaube ich Dinge, die seine literarische Produktion schon ziemlich beflügelt haben dürften, und die dieses Institut zu einem, glaube ich, in seiner Einschätzung ambivalenten Ort gemacht haben, der durchaus nicht nur positiv besetzt ist.


Ungeteilt positiv in Erinnerung blieben Isherwood hingegen seine ersten Streif- und Beutezüge ins schwule Berlin, die er vom Institut aus unternahm. Die wichtigste Adresse war für ihn dabei lange das Lokal "Cosy Corner" am Halleschen Tor, eine Art schwules Bordell. Eins von - wie Isherwood schätzt - etwa 100 dieser Art, die in Berlin geduldet wurden. In "Christopher and his Kind" beschreibt er das Cosy Corner so:

Aus "Christopher und die Seinen": Es hätte nichts weniger dekadent aussehen können als das "Cosy Corner". Der einzige Wandschmuck bestand aus ein paar Boxer- und Radrennfahrerfotos über der Bar, und geheizt wurde mit einem altmodischen alten Ofen. Teils wegen der Hitze, teils weil sie wussten, dass es ihre Kundschaft erregte, zogen die Jungs ihre Pullover oder Lederjacken aus und saßen aufgeknöpft bis zum Bauchnabel und mit bis zu den Schultern hochgekrempelten Ärmeln herum. Es waren allesamt Arbeiter, und fast alle waren sie arbeitslos. Ihre Grundhaltung bestand in einem fast gleichgültigen "Nimm mich oder verschwinde", und obwohl sie natürlich hauptsächliche wegen des Geldes in die Bar kamen, konnten sie in diesem Lokal doch auch andere Jungen treffen, plaudern und Karten spielen. Es kam oft vor, dass jemand, der einen dieser Jungen zu sich an den Tisch bat, vertröstet wurde, bis der Betreffende zu Ende gespielt hätte.

Episoden wie diese sind es, die Isherwood noch Jahre später literarisch verarbeiten wird. Und obwohl der Autor insgesamt nur vier Jahre in Berlin verbringt, stellt die Stadt das wichtigste Material seiner Schriftstellerexistenz:
Der Literaturwissenschaftler Tobias Döring:

Döring: Isherwood wusste: Er wollte hier den großen Berlin-Roman schreiben, und er hatte die Sorge, dass vielleicht auch die anderen an was ähnlichem arbeiten würden, obwohl die viel eher Interessen als Lyriker hatten. Das heißt, das war tatsächlich für ihn klar: Wenn nicht Berlin, was sollte dann sein literarisches Handwerkszeug und Material werden.

Und Berlin blieb dieses Material, selbst nachdem Isherwood 1933 nach Kalifornien emigrierte, wo er auch als Drehbuchautor tätig war und bis zu seinem Tod lebte. Auch wenn Berlin sein Thema blieb, die späteren Romane konnten nicht an den Erfolg von "Good Bye to Berlin" anschließen.

Als Christopher Isherwood 1986 in Kalifornien starb, begann im Literaturbetrieb eine rege Debatte über seinen stilistischen Rang. An die großen modernistischen Giganten wie Virgina Woolfe oder E.M. Foster reicht Isherwood vielleicht nicht heran, viele Leser erreichte er mit "Good bye to Berlin dennoch. Nicht zuletzt dank seines besonderen, dokumentarischen Verfahrens, das er in seinem Tagebuch 1930 mit den berühmt gewordenen Worten beschreibt:

Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, nehme nur auf, registriere, denke nichts. Registriere den Mann, der sich am Fenster drüben rasiert, und die Frau im Kimono, die ihr Haar wäscht. Eines Tages werde ich alle diese Bilder entwickelt, sorgfältig kopiert und entwickelt haben.

Das Zitat, das inzwischen als Isherwoods berühmtestes gilt, gibt allerdings nur die halbe Wahrheit wieder. Isherwood selbst räumt 40 Jahre später ein, mit dieser Sentenz häufig missverstanden worden zu sein:

Isherwood: In the books I wrote about Berlin I was far more interested in describing other people. That's why I reduced myself down to almost a kind of scanning device, an observer, a camera to coin an unfortunate phrase which became much too widely used about me. Because I was really never a non-mixer at all. Quite the reverse. I didn't sit there watching all these people. I was up to the neck in their affairs and doings.

Übersetzung: In den Büchern, die ich über Berlin schrieb, war ich weit mehr daran interessiert, andere Leute zu beschreiben. Deshalb habe ich mich selbst absichtlich zurückgenommen, als eine Art Beobachter, eine Kamera, um diese unglückliche Formulierung zu zitieren, die viel zu häufig mit mir in Zusammenhang gebracht wurde. Ich war überhaupt kein unbeteiligter Außensteher. Ich saß nicht da, und habe all diese Leute nur beobachtet. Ganz im Gegenteil. Ich habe mich bis zum Kragen in ihre Angelegenheiten gestürzt, soweit, dass ich mich dabei selbst in Schwierigkeiten gebracht habe.

Die Gabe, dabei anderer Leute Angelegenheiten auch noch lebensnah zu schildern, ist nur einer der Gründe für den großen Einfluss, den Christopher Isherwood bis heute auf die angelsächsische Literatur ausübt. Tobias Döring:

Döring: Das geht so weit, dass noch bis zu aktuellen Romanen, die immer wieder geschrieben werden, wo also englische und amerikanische Autoren über Berlin Romane schreiben, immer wieder Isherwood als Gewährsvater oder eine Art Referenzpunkt auftaucht. Letztes Jahr ist zum Beispiel erschienen: John le Carrée "Absolute Friends", ein ziemlich gelungener Spy-Thriller nach dem Ende des kalten Krieges, und da ist ein großes Berlin-Kapitel, und dieser junge Engländer, der nach Berlin geht, hat seinen Isherwood in der Tasche und im Kopf und geht damit quasi in das späte 60er Jahre Berlin und sucht genau diese Orte in Kreuzberg und anderen Bezirken auf, die Isherwood beschrieben hat. Das ist quasi die Landkarte, auch wenn es eine mythische Landkarte ist, unter der Berlin in der englischsprachigen Welt verzeichnet ist.
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