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30.8.2004
Wanderrednerin der SPD
Die Frauenrechtlerin Agnes Wabnitz
Von Klaus Kühnel

Ein kleines Mädchen, eine Gastwirtstochter im oberschlesischen Gleiwitz in der Mitte des 19. Jahrhunderts, hat einen sehnlichen Wunsch, den sie immer wieder in ihr Abendgebet einschließt: Lieber Gott, gib mir Verstand. Was wird aus so einem Kind, das so genau weiß, was gut sein muss? Es interessiert sich für Politik, für sozialistische Ideen, jedenfalls damals. Agnes Wabnitz, so hieß das Kind, wurde eine berühmte Agitatorin der SPD in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Am vergangenen Sonnabend vor 110 Jahren starb sie.

Hier ruht unsere unvergeßliche Genossin Agnes Wabnitz, geboren: 10. Dezember 1842, gestorben: 28. August 1894.
Edelsinn, Biederkeit war deine Zier,
Wahrheit, Gerechtigkeit hieß dein Panier.
Ob du im Grab auch liegst
Es klinget fort und fort
wacker dein Losungswort
Freiheit du siegst!


Nein, geboren ist sie nicht am 10. Dezember des Jahres 1842, wie es auf ihrem noch erhaltenen Grabstein steht, das richtige Geburtsdatum von Agnes Wabnitz ist der 10. Dezember 1841, ein Freitag. Es ist einer Biographie zu entnehmen, die noch im Sterbejahr 1894 erschienen ist und von Bertha Glogau geschrieben wurde, einer Freundin der Verstorbenen. Bestätigt wird diese Angabe in der Weihnachtsausgabe 1841 "Des oberschlesischen Wanderers", der Gleiwitzer Heimatzeitung. Dort wird unter der Rubrik "Geburten. Heirathen. Todesfälle." berichtet

Gleiwitz. Gastwirt Wabnitz eine Tochter, Agnes, geboren den 10. Dezember 1841.

Wie das falsche Datum auf den Grabstein gekommen ist, kann heute nicht mehr geklärt werden, aber fest steht: Agnes Wabnitz erblickte 1841 das Licht der Welt. In Gleiwitz, wie gesagt, seit 99 Jahren im Besitz Preußens. Friedrich II. hatte die Stadt damals "ins Reich geholt". Die meisten Einwohner waren Katholiken. Protestanten und Juden bildeten Minderheiten, wurden toleriert und lebten in Frieden nebeneinander. Jedenfalls werden von christlichen Eltern im oberschlesischen Wanderer immer wieder Hauslehrer "gern auch jüdischen Glaubens" gesucht, was wohl nicht der Fall ist, wenn man wie Hund und Katz miteinander verkehrt. Die oberschlesische Metropole liegt an dem Flüsschen Klodnitz, durch einen gleichnamigen Kanal erweitert.

Von den äußeren Vorgängen ihres jungen Lebens hat mir Agnes nur einen erzählt, mit dem leisen, ein wenig melancholischen Schelmenlächeln, das ihr so gut stand. Als sie einst auf dem Rückweg aus der Schule nach ihrer Gewohnheit tanzend und kreiselnd die Klodnitz-Brücke passierte, fiel sie in den Kanal. Ein Jude wurde ihr Lebensretter. Die dankbaren Eltern ließen an der Uferstelle, wo Held und Kind gelandet waren, ein schönes Kreuz errichten, und die katholische Bevölkerung der umliegenden Dörfer wallfahrte zu seiner Einweihung. "Ich selber protestantisch, der gute Retter mosaisch, und für uns Beide brachten römische Christen dem unbekannten Gotte Dankgebete! Es ist mir zum Symbol geworden. Meine Seele hat später an allen drei Konfessionen herumgegrübelt, bis sie in der Anschauung unserer frei-religiösen Gemeinde Ruhe fand."

Leider gibt es für diese schöne und ergreifende Variante der Lessing' schen Ringparabel aus der Biographie von Agnes Wabnitz keine sonstige Bestätigung.

Als Kind freilich hat Agnes zum "lieben Gott" der Evangelischen gebetet, und zwar in merkwürdiger Wiederholung stets das Eine: Gib mir Verstand! "Diese eine Gebets-Erhörung hab ich freilich erlebt, sagte sie zu mir, bald nach meines Vaters frühem Tode verloren wir Haus und Vermögen, und der Verstand, nach dem ich mich immer gesehnt hatte, war plötzlich da.

Als Mantelnäherin kam sie um 1870 nach Berlin, Agnes Wabnitz wohnte im Haushalt ihres jüngeren Bruders, der sich und seine Familie inzwischen als fliegender Buchhändler, als so genannter Kolporteur, durchs Leben schlug.
Der Kolporteur Wabnitz hatte sich während der Zeit des Sozialistengesetzes illegal für die Partei engagiert, hatte Pamphlete verteilt, Geld gesammelt und Versammlungen abgehalten, war verraten und der Stadt verwiesen worden. Schwester Agnes füllte die entstandene Lücke in der Parteiarbeit aus. Ging das? Die Historikerin Dr. Christl Wickert gibt darauf folgende Antwort:

Das ist ein gängiges Phänomen, dass in Zeiten der Verfolgung und illegaler Tätigkeit Frauen dann die Position von Brüdern, Ehemännern, Vätern ersetzt haben. Das hatte einen ganz großen Vorteil: Da die Verfolgungsbehörden zunächst Frauen ja auch nicht für politisch eigenständige Wesen für voll genommen haben, haben sie sie ja auch nicht verfolgt, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass sie Flugblätter verteilen, dass sie agitieren und so weiter. Das heißt, es war für Frauen leichter, Dinge zu erreichen in der Illegalität als für Männer - zumindest teilweise.

Die Karriere der wandernden Parteirednerin Agnes Wabnitz begann übrigens mit einem Misserfolg:

Das war bei der Sedanfeier im Jahre 1880. Ich sagte unter anderem: Es kann der deutschen Mutter ebenso wenig gleichgültig wie der französischen sein, wenn ihr Sohn auf dem Schlachtfelde verblutet.

Agnes Wabnitz wurde ausgepfiffen, denn das war Verbrüderung mit dem Feind, jedenfalls selbst in den Augen vieler Sozialdemokraten damals. Für Agnes Wabnitz war es nicht so: Ihr Feind konnte niemals ein Arbeiter sein, egal, welcher Religion oder Rasse er angehörte. Bald waren ihre Startschwierigkeiten überwunden. Agnes Wabnitz hielt überall in Deutschland stark beachtete Reden, begeisterte große Massen, denn sie sprach aus, was die Menschen dachten:

Die kapitalistische Produktionsweise wüthet ärger als Löwen und Hyänen, denn sie verschlingt ihre eigenen Kinder,

hatte sie beispielsweise in Frankfurt am Main gewettert und dabei auf "Die Solidaritätspflicht der Arbeiter" hingewiesen, weshalb sie wegen Beleidigung und Verrufserklärung zu drei Tagen Haft verurteilt wurde. Kaum aus dem Gefängnis entlassen, war sie schon wieder eingekerkert. Diesmal hatte sie die Frauen ermuntert, einen eigenen Verein zu gründen, gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu fordern, den Neun-Stunden-Tag und eine gesetzliche Regelung dafür verlangt. Der Verein war zwar gegründet aber schon zwei Monate später wieder verboten worden: Es stand Frauen damals nicht zu, sich politisch zu betätigen und Forderungen nach gesetzlicher Regelung war "politische Betätigung". Der "Verein zur Wahrung der Interessen der Arbeiterinnen" habe eine politische Zielsetzung und verstoße schon deshalb gegen geltendes Vereinsrecht, behauptete die Staatsanwaltschaft und Agnes Wabnitz wurde wieder verurteilt. Diesmal zu acht Tagen, verweigerte jede Nahrungsaufnahme, denn sie hatte ihrer Mutter geschworen:

Lieber eines Hungertodts zu sterben als jemals Gefängnißkost zu essen.

Trotz ihrer ständigen Reden und mehreren Vereinsgründungen wissen wir nicht, ob Agnes Wabnitz eingeschriebenes Mitglied der SPD war:

Bis 1891 war es auch nicht möglich, dass Frauen in der SPD Mitglied waren. Erst mit den Beschlüssen des Erfurter Parteitages war es -trotz eben des preußischen Vereinverbotes- Frauen möglich, dass sie inoffiziell Parteimitglied wurden und auch als solches geführt wurden. Damit war die SPD überhaupt die erste politische Partei in Deutschland, die Frauen die Mitgliedschaft ermöglicht hat. Sozialdemokratinnen oder Frauen, die sich als solche verstanden haben, waren bis dahin eben nicht Parteimitglied oder aber sie wurden unter den Namen ihres Ehemannes aufgenommen und als solches geführt.

Immer wieder griff Agnes Wabnitz in ihren Reden das unchristliche Verhalten der Kirche an:

Hoch verehrt wird die Jungfrau Maria mit ihrem unehelichen Sohn Jesus, aber wenn die Arbeiterin ein Kind vor der Ehe bekommt, läuft sie Spießruten in der Kirche und wird verstoßen.

Allein dieser Satz hätte ausgereicht, ein neues Gerichtsverfahren gegen Agnes Wabnitz einzuleiten. Verächtlichmachung der Kirche und Gotteslästerung hieß dieser Strafbestand. Aber sie hatte auch behauptet, der Kaiser verdanke den Thron wohl eher seinem Eisernen Kanzler als Gott. Das war Majestätsbeleidigung. Zehn Monate hieß das Urteil. Agnes Wabnitz verweigerte in der Haft die Annahme von essen und trinken, wurde in der Charité zwangsernährt, im Irrenhaus Dalldorf auf ihren Geisteszustand überprüft, denn die Staatsanwaltschaft wollte sie entmündigen lassen. Endlich kam sie wieder auf freien Fuß. Ihr Verteidiger hatte Berufung beim Reichsgericht in Leipzig eingelegt. Zwei Jahre dauerte die Überprüfung, dann wurde sie verworfen. Am 28. August 1894 sollte Agnes Wabnitz ihre Haft antreten. Aber sie fürchtete das Gefängnis mehr als den Tod und nahm sich am Tag ihres Haftantritts das Leben. Sie wählte dazu einen symbolischen Ort: den Friedhof der Märzgefallenen im Berliner Friedrichshain.

Sie hat den Freitod gesucht, weil sie verfolgt worden ist und ihr weitere Verfolgung bevorstand. Man kann das auch als eine politische Demonstration - dass sie eben nicht mehr politisch kämpfen will - sehen, als eine Form des politischen Protest, dass man unter diesem Regime, dass sie da nicht mehr leben wollten.

Das Begräbnis der Agnes Wabnitz wurde eine politische Demonstration, obwohl die Polizei einen Leichenzug durch die Stadt verboten hatte und ihren Leichnam heimlich auf den Friedhof der Freireligiösen Gemeinde schaffen ließ. 40.000 Menschen gaben ihr das letzte Geleit, 630 Kränze wurden auf ihrem Grab niedergelegt, 80 mehr als seinerzeit bei Kaiser Wilhelm I. Die Agitatorin Agnes Wabnitz war zum Idol und durch ihren freiwilligen Tod zur Märtyrerin der Sozialdemokratie geworden. Warum ist sie heute fast vergessen?

Vielleicht war sie einfach eine zu große Kämpferin und deswegen zu sehr Sand im Getriebe, würde ich jetzt erst einmal vermuten. Jemand, der Sand im Getriebe ist, begibt sich ein bisschen ins Abseits. Das ist der eine Punkt. Der andere Punkt ist: Vermutlich war sie ja jemand, der wirklich nur sehr Lokal bezogen aktiv war - übrigens auch eine sehr typische Aktivität: Frauen haben immer angefangen, in ihrer Umgebung Dinge zu äußern und versuchen zu ändern - im Gegensatz zu Männern, die versucht haben, ein Stück weit große Politik zu machen. Sie hatten noch viel zu wenig Einfluss als dass sie von den Männern als Konkurrenz gesehen wurden und auch heftig bekämpft durch das, was wir heute proletarischen Antifeminismus nennen. Bekämpft durch einflussreiche Männer innerhalb der Partei, nicht unbedingt die Parteiführer, nicht unbedingt durch August Bebel, aber durch die zweite Reihe auf jeden Fall, die um ihre Ämter und Pfründe fürchteten. Der proletarische Antifeminismus spielte sich innerhalb der SPD und innerhalb der Gewerkschaften natürlich auch ab.
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