MerkMal
MerkMal
Montag bis Freitag • 16:15
1.9.2004
Körperkult
Wie aus Leibesübungen Fitness wurde
Von Susann Sitzler

Fitnessübungen (Bild: AP)
Fitnessübungen (Bild: AP)
Winston Churchill antwortete einmal auf die Frage, wie er denn so alt geworden sei, provokativ: No sports and smoke cigars. Ärzte würden dieses Rezept sicher nicht weiterempfehlen. Denn heute gilt mehr denn je: Der Mensch soll sich fit halten bis ins hohe Alter. Fitness ist die Antwort auf unsere zunehmende Bewegungsarmut bei der Arbeit und im normalen Alltag. Früher bewegten sich die Menschen von Natur aus viel mehr, und als die körperliche Ertüchtigung in Form von Leibesübungen gepriesen wurde, da ging es um andere Ziele: Man wollte einsatzfähige Soldaten heranziehen.

In den Anfangszeiten der Zivilisation hatten unsere Vorfahren nur eine Möglichkeit, das Überleben der Sippe, und damit ihr eigenes, zu sichern. Sie mussten stärker und geschickter sein als ihre Feinde und Nebenbuhler.

Frauen mussten möglichst viele gesunde Nachkommen gebären und aufziehen können. Beides erfordert Kraft und Gesundheit. Qualitäten, die man dem Körper auf den ersten Blick ansieht.

Dann kam die Zivilisation und mit ihr das Statussymbol.

Je höher eine Gesellschaft zivilisiert ist - und je selbstverständlicher jeder genügend zu Essen hat - desto untauglicher wird die unmittelbare Körperkraft als Ausdruck von Macht und gesellschaftlicher Stellung.

Wozu trainieren wir sie denn?

Das ist Aerobic, die Trendsportart des Jahres 1983 in Deutschland. Die amerikanische Schauspielerin Sidney Rome brachte damit Millionen Frauen ins Schwitzen.

Aerobic versprach: Fitness. Das englische Wort "fit" bedeutet "tauglich" und "zu Höchstleistungen fähig". "Fitness" heißt laut Duden "gute körperliche Gesamtverfassung". Vor ungefähr dreißig Jahren setzte sich der Begriff im deutschen Sprachgebrauch durch: als Fitness Bestandteil unseres Lebensstils wurde.

Mann trainiert moderat, aber mit hörbarem Schnaufen, bleibt unter dem Folgenden liegen.

Die Überzeugung, dass die systematische Betätigung des Körpers in der Freizeit für jeden Menschen von Nutzen sei, gab es aber schon vorher.

Als "Turnvater Jahn" hatte der märkische Pastorensohn Friedrich Ludwig Jahn zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Deutschen den Breitensport gebracht - als paramilitärische Erziehungsmöglichkeit für die Jugend zur Zeit der französischen Besatzung.

Das Vergeuden der Jugendkraft und Jugendzeit durch entmarkenden Zeitvertreib, faultierisches Hindämmern, brünstige Lüste und hundswütige Ausschweifungen wird aufhören, sobald die Jugend das Urbild der menschlichen Lebensfülle erkennt. - Friedrich Ludwig Jahn, um 1820.

Bis dahin hatte die körperlich arbeitende Bevölkerung kein Interesse an Sport. Zwar trainierten Menschen schon in der Antike ihre körperliche Leistungsfähigkeit, aber immer in der Absicht, das unmittelbare kriegerische Potential zu verbessern. Der Zusammenhang von körperlicher Disziplin und blindem Gehorsam ist fester Bestandteil militärischen Denkens und wurde im Lauf der Geschichte immer wieder zum Schaden der Menschen instrumentalisiert.

Der völkische Staat hat seine gesamte Erziehungsarbeit in erster Linie auf das Heranzüchten kerngesunder Körper einzustellen. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten. - Adolf Hitler, 1940.

Kraftsport kannte man zu Jahns Zeiten allenfalls vom Jahrmarkt, wo besonders starke Männer als Attraktion zu sehen waren. An Freizeitsport hatte die arbeitende Bevölkerung auch in den Jahrzehnten danach keinen Bedarf. Allenfalls an den sozialen Kontakten in Turnvereinen und Freizeitmannschaften, die mit der Industrialisierung aufkamen. Zeit, Geld und Energie für Freizeitbetätigungen hatte die breite Masse aber erst in der Weimarer Republik, als die Arbeitszeiten erstmals geregelt wurden.

Vor etwas mehr als dreißig Jahren erlebte Freizeitsport einen bis dahin beispiellosen Boom, der bis heute anhält. Den Auslöser lieferte ein Militärarzt und Astronautentrainer aus Amerika. Kenneth H. Cooper hatte über Jahre die Auswirkung von strenger körperlicher Disziplin auf die Gesundheit untersucht und sein besonderes Interesse galt dem Herz-Kreislaufsystem und der Ausdauer. 1967 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel "Aerobics". Darin stellte Cooper eine Anleitung zur Steigerung der Leistungsfähigkeit für jedermann vor.

Bewegt euch! Geht, joggt, schwimmt, fahrt Fahrrad! Sorgt dafür, dass ihr bis zum Lebensende mobil bleibt! Übernehmt Verantwortung für Eure Gesundheit! - Kenneth H. Cooper

Vor allem mit Jogging löste Cooper in Amerika eine Art Massenhysterie aus. Der erste Trendsport war geboren.

1970 erschien "Aerobics" in Deutsch unter dem Titel "Bewegungstraining". Dann joggten auch die Deutschen. Neu daran war vor allem der Gedanke der individuellen Gesundheitsvorsorge. Wer Sport trieb, diente jetzt sich selbst.

Ein Gramm Prävention spart ein Pfund Therapie! Ich sage nicht, dass jeder, der krank wird, selbst schuld ist. Aber wenn Sie vorzeitig an einem Herzinfarkt sterben, ist es Ihr Fehler! - Kenneth H. Cooper

Die Gesundheits- und Fitnessbewegung ist eine der stärksten positiven Strömungen unserer Zeit. Die Verkürzung der Arbeitszeit lässt mehr Raum für aktives Sportleben, das Bewusstsein für Fitness wächst stetig. Da verwundert es einen nicht, dass auch führende Wirtschaftsexperten die Sport- und Freizeitindustrie zu den Zukunftsbranchen mit den höchsten Wachstumserwartungen in Deutschland zählen.
Thorsten Weidemann, Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Essen, in seiner Diplomarbeit 1999.

Fitness, ganz individuell trainiert, passt zum urbanen Menschen in den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs. Mit Fitness muss endlich niemand mehr auf Konsum und Statussymbole verzichten: Ein Dauerlauf, der Jogging heißt, erfordert natürlich einen Jogging-Dress.

Mit der Entdeckung der kommerziellen Potentials im Freizeitsport änderte sich noch etwas Grundlegendes: Erstmals sind die sichtbaren körperlichen Resultate wichtiger als ein wie auch immer geartetes Gruppenerlebnis.

Strebe danach, Dich auszuzeichnen, übertreffe Dich selbst, liebe Deine Freunde, sprich die Wahrheit, übe Treue und ehre Vater und Mutter. Diese Prinzipien werden Dir helfen, Herr Deiner selbst zu sein, Dich stark zu machen, Dir Hoffnung zu geben und Dich auf den Weg zur Hoffnung zu führen - Joe Wieder, amerikanischer "Papst des Bodybuilding" 1962.

Die wachsende Bedeutung eines sportlichen Äußeren bringt auch Extrembewegungen wie Bodybuilding hervor. Diese Form des Körpertrainings hatte sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts aus dem Kraftsport entwickelt. Den ersten kommerziellen
Höhepunkt erlebte Bodybuilding in den Sechzigerjahren - wegen seines Unterhaltungswertes vor allem durch die aufkommenden Massenmedien. 1967 wird der österreichische Bodybuilder Arnold Schwarzenegger in den USA erstmals zum "Mr. Universum" gekürt. Und mit seinem kraftstrotzenden durchtrainierten Körper wird er für die Wirtschaft zu einem begehrten Werbeträger.

Bis heute werden diese Muskelmänner vom Publikum eher mit wohligem Grusel angestarrt, als dass man ihnen nacheifern möchte. Aber der systematische Aufbau von Bizeps, Trizeps, Trapezius und Gluteus Maximus,...

Beugemuskel, Streckmuskel, Nackenmuskel, Knackarsch ... Tschuldigung.

... , der heute in jedem Fitnesszentrum Standard ist, stammt ebenfalls aus dem Bodybuilding.

Leider scheinen die Vorteile, die ein regelmäßig betriebenes Fitnesstraining für das körperliche Wohlbefinden mit sich bringt, nicht genügend bekannt zu sein, denn so war vor Jahren der reine Aufbau von Kraft und Muskelmasse noch die Ursprungsmotivation für das Training im Sportstudio. Aus jener Zeit stammt auch das "Muckibuden-Image" der Branche. - Thorsten Wiedemann in seiner Diplomarbeit.

Erst 1982 verstand man unter Aerobic - dem Titel von Coopers bahnbrechendem Buch - die schnelle, tänzerische Konditionsgymnastik, die die amerikanische Schauspielerin Jane Fonda in Amerika und ihre Kollegin Sidney Rome im deutschen Sprachraum populär machten. Dafür gingen endlich auch Frauen in die Fitnesscenter. In den folgenden Jahren erleben diese Einrichtungen einen riesigen Boom.

Bereits 1977 hatte Jane Fonda in Amerika ein Aerobicbuch mit dem Titel "I feel good" veröffentlicht. Es enthielt nicht nur diverse Übungen, sondern fast zur Hälfte eine Anleitung zur gesunden Ernährung und Lebensführung. Das begeisterte vor allem die weiblichen Leser. Denn diese wollten mit dem Fitnesstraining nicht Muskelberge aufbauen - sondern Kalorien verbrennen und so schneller abnehmen.

Erst viele Jahre später wurde bekannt, dass Jane Fonda ihre sportliche Figur nicht Aerobic verdankte, sondern dem regelmäßigen Erbrechen nach dem Essen.

Auch wenn sich seit Coopers Buch von 1967 die Trendsportarten ständig abgewechselt haben -

1971: Jogging. 1978: Squash. 1980: Stretching. 1983: Aerobic. 1999: Tae Bo

Fitness hat sich ganz linear entwickelt: Sie wurde immer wichtiger. Zwar kritisierten die Fachleute an den neuen, kommerziellen Studios am Anfang die oft mangelnde Qualifikation der Trainer und die damit verbundene Verletzungsgefahr. Doch eigentlich ging das Misstrauen viel tiefer: Mit Fitness hatten sich die Ideale des Breiten- und Freizeitsports extrem gewandelt.

Heute ist die sportliche Betätigung Mittel, Fitness ist der Zweck. Fitness bedeutet Lebensgefühl, Attraktivität, Konsens und Statussymbol in einem. Immerhin erfüllt jemand, der sich im Namen der Fitness nach Feierabend im Studio auspowert, um danach entspannt, befreit und mit gutem Gewissen seine Freizeit anzutreten, alle großen Forderungen unserer Gesellschaft auf einmal:

Sei einzigartig! Gehöre dazu! Bringe Leistung! Werde schlanker!

Und das auch im Alter.

Alte Leute fühlen sich alt, sobald man ihnen sagt, dass sie es sind. Aber die Menschen sterben nicht wegen ihres hohen Alters, sie sterben aufgrund von Disziplinlosigkeit. - Jack LaLanne, "Pate der Fitnessbewegung" aus Amerika, 83 Jahre.

Der gegenwärtige Haupttrend heißt "Wellness"...

... zusammengesetzt aus "Fitness" und "Well-Being".

Neben Körperdisziplin umfasst er vor allem Entspannung, Massage ...

... und den vermehrten Einsatz von Duftölen und Klangkugeln.

Diese neue Sanftheit haben wir uns wirklich verdient. Denn im Gegensatz zu unseren Ahnen und Urahnen ist der dicke Bizeps für uns bloß noch eine Frage der Einstellung. Und das ist immerhin ein Fortschritt.

-> MerkMal
-> weitere Beiträge