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3.9.2004
In der Holledau bei Familie Habermeier
Geschichte der Autobahnraststätten
Von Marietta Schwarz

Stau auf einer Autobahn (Bild: AP)
Stau auf einer Autobahn (Bild: AP)
Als in den 30er Jahren die ersten deutschen Autobahnen gebaut wurden, mussten auch Plätze geschaffen werden, an denen sich die Autofahrer ausruhen konnten. So entstanden bald die ersten Autobahnraststätten. Zunächst ging es dort noch ruhig und beschaulich zu. Interessant waren diese Raststätten nicht zuletzt für die Jugend nahe gelegener Dörfer. Marietta Schwarz hat die Autobahnraststätte der Familie Habermeyer in der Holledau besucht und erinnert an die Frühgeschichte der Raststätten, die heute fast alle zu Großbetrieben entlang der großen Trassen geworden sind.

Willy Habermeyer: Meine Erinnerungen an früher sind die Erinnerungen an die Tankstelle. Dass wir eben als Kind mit meinem Vater Roller gefahren sind, aber es war kein Roller, sondern ein uraltes eisernes Gerät, mit dem man Wagen in die Höhe heben konnte, also ein Wagenheber. Der war zwar nicht besonders geläufig, ... das war alles sehr mühselig. Wir haben oberhalb gewohnt und dann Ende der 50er Jahre zum ersten Mal aus dem Fenster herausgeschaut und dann einen Autostau vor der Tankstelle gesehen, das sind die ersten Erinnerungen.

Am 1. 1. 1953 übernimmt der Kaufmann Willi Habermeyer senior zusammen mit seiner Frau, Dr. med. Elisabeth Habermeyer, die Autobahntankstelle Holledau Westseite pachtweise von der damaligen Gesellschaft für Nebenbetriebe der Bundesautobahnen mbH, Bonn.

So steht es in der Chronik der Familie Habermeyer. Willy, einer der Söhne, ist damals ein kleiner Junge und wächst im elterlichen Betrieb an der Autobahn auf. Die "Holledau" ist eines der wenigen Rasthäuser, die nach dem Krieg überhaupt noch existieren. Ihre Geschichte beginnt früher:

Mit rund 2000 km ist ein Viertel des Gesamtnetzes des deutschen Straßensystems im Bau. Wer heute im Flugzeug über das Reich fliegt, erkennt überall die zügigen Linien der Baustellen der Reichsautobahn.

Am 14. September 1935 legt Fritz Todt, Generalinspekteur für das deutsche Straßenbauwesen, auf dem Reichsparteitag in Nürnberg Rechenschaft ab über zwei Jahre Reichsautobahnbau. Die "Straßen des Führers" demonstrieren der Welt nicht nur technischen Fortschritt, sondern auch deutsche Kultur:

Mein Führer, so entsteht unter der Beteiligung des ganzen deutschen Volkes und unter den Augen aller Kulturstaaten der Welt dieses Werk. Die Straßen Adolf Hitlers werden das größte sichtbare Zeichen nationalsozialistischen Wollens und nationalsozialistischer Gesinnung sein. Sie werden durch Schließung und Verbindung aller deutschen Gaue die Voraussetzung schaffen für die enge kulturelle Verbundenheit des gesamten deutschen Volkes. Mit dem Parteitag geht sie in das dritte Jahr. Es bringt die Fertigstellung der ersten 1000 Kilometer. Für alle Mitarbeiter gelobe ich höchste Pflichterfüllung an diesem Kulturwerk.

Drei Jahre später, im Herbst 1938, ist die Reichsautobahn von München nach Berlin auch in der Holledau angekommen. Neben dem Dorf Geisenhausen wird eine riesige Talbrücke aus Naturstein errichtet, von nun rollt der Autoverkehr auch durch die Hügel des Hopfenanbaugebietes. Ein Zeitzeuge aus dem Dorf erinnert sich.

Michael Bergmeier: Wie die Raststätte gebaut wurde, ich ging da noch zur Schule, und ich erinnere mich noch, wie die Brücke, die Rastanlage eingeweiht wurde damals. Glaub im Herbst wars, windig, es war schlechtes Wetter, und da sagte der damalige Gauleiter, der gekommen war: Wir brauchen keinen kirchlichen Segen, Wind und Wetter weihen unsere Brücke ein, also das hab ich nie vergessen, das ist mir so hängen geblieben. Und so wurde das alles gebaut.

An das Dorf und die Brücke schließt sich im Westen eine kleine Raststätte an: Zwei einfache Gebäude, Tankstelle und Rasthaus, die durch eine hölzerne Pergola verbunden sind, davor ein kleiner Parkplatz. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet in der Holledau einer der ersten Haltepunkte für die Kraftfahrer geschaffen wird. Schließlich geht es nicht nur um das hastige Auffüllen des KdF-Wagens mit Treibstoff. Das Rasten soll ein ebenso großer Genuss sein wie das Fahren. "Autowandern" ist die neue Mode, man gibt sich im eigenen Wagen dem Rausch grenzenloser Freiheit hin - auf den neuen perfekten Straßen. Doch keine perfekte Straße ohne die perfekte Landschaft. Wie ein Film läuft sie aus dem schnellen Gefährt heraus ab und wie ein Gemälde präsentiert sie sich von den Aussichtspunkten - Rastplätzen und Rasthäusern. Der Einklang von Natur und technischem Fortschritt scheint mit dem Bau der Reichsautobahn gelungen. Das Rasthaus "Holledau" ist gleichsam Brückenkopf, von der Gartenwirtschaft bietet sich ein hervorragender Blick auf die imposante Brücke inmitten der typisch bayerischen Landschaft. Eine perfekte Inszenierung, die den Autowanderer gleichzeitig zu einem unbedeutenden Etwas schrumpfen lässt.

Teil dieser Inszenierung ist die Rastanlage selbst. Mit ihren beiden Giebelhäuschen, orientiert am "Heimatschutz", fügt sie sich homogen in die umgebende Landschaft ein, in ihrer Architektursprache sollte sie nicht bloß technischen Fortschritt, sondern deutsches Kulturgut repräsentieren.

Mit den hohen Anforderungen, die an die Reichsautobahn als Kulturwerk gestellt werden, müssen auch die zur Straße in Beziehung stehenden Hochbauten Schritt halten. Das bedeutet: organische Angliederung an die Reichsautobahn, klare und würdige Gesamthaltung, künstlerische Geschlossenheit der Anlage, neuzeitliche architektonische Durchbildung der Einzelheiten unter gleichzeitiger Wiederbelebung gesunder alter Handwerkskunst und sorgfältige Einfügung der Bauten in die umgebende Landschaft mit ihren überlieferten bodenständigen Baugepflogenheiten. (Fritz Limpert: Die Straßenmeistergehöfte Münchberg und Blintendorf an der Reichsautobahn Schleiz-Bayreuth, in: Die Strasse, 4. Jg. (1937), Nr. 23, S. 681-687, hier S. 681)

Gestaltungsansprüche werden, wie in der Fachzeitschrift "Die Straße" von 1937, für alle Betriebsgebäude an der Reichsautobahn erhoben. Um Fehlgriffe zu verhindern, unterliegen alle künftigen Entwürfe der Genehmigung von Generalinspektor Fritz Todt und dem Architekten Paul Bonatz. Ein einheitlicher Charakter ist erwünscht, aber die Raststätte soll auch die entsprechende Region repräsentieren. Im Zweiten Weltkrieg, als der Weiterbau der Reichsautobahn längst eingestellt ist, diskutiert man noch um den rechten deutschen Stil. Wenige Jahre später existiert kaum noch eine Raststätte in Deutschland. Erst Anfang der 50er Jahre übernimmt in der Bundesrepublik die Gesellschaft für Nebenbetriebe (GfN) als staatliches Organ das Raststättenwesen an deutschen Autobahnen, die jetzt Bundesautobahnen heißen. Die bestehenden Raststätten werden an einzelne Pächter vergeben. So kommen die Ärztin Elisabeth Habemeyer und ihr Mann an die A9:

Elisabeth Habermeyer: Die Raststätte war im November 52 ausgeschrieben und mein Mann hat sich beworben und ist auch ausgewählt worden aus 128 Bewerbern. Wir haben am 1.1.53 begonnen. Nur mit der Tankstelle. Das war damals eine total ruhige Autobahn wie alle, aber im Rheinland wars schlimmer natürlich. Aber bei uns war ja die Ostzone geschlossen. Dann war vor allen Dingen die A3 Frankfurt Würzburg-Nürnberg noch nicht gebaut. Also wir hatten nur die Leute, die vom Norden kamen ... es war also ganz eine ruhige Sache. ...

Michael Bergmeier: Der Verkehr war ganz minimal, und so war´s auch noch möglich, dass damals, ich meine, der Pächter vom Mittelstreifen hat damals das Gras mit dem Ochsenfuhrwerk weggefahren, das wär heute unmöglich. Nach einiger Zeit wurde das auch eingestellt, von unserem Dorf, ja zwei Leute wurden beim Überqueren der Autobahn überfahren. Um 1960 herum, da war´s dann schon schlimmer, da musste man schon aufpassen, wenn man die Autobahn überqueren wollte, damals wars auch nur zweispurig, jetzt sind´s ja drei Spuren, ist ja viel breiter.

Die Holledau avanciert in dieser Zeit zur Schnittstelle zwischen Dorf und weiter Welt. Die Bauern beackern den Mittelstreifen und geben sich nach Feierabend ein Stelldichein in der Raststätte, um bei einem Bier die "Autotypen" zu beobachten. Die Pächterin bedient wieder zunehmend Reisende, pflegt aber ein enges Verhältnis zu den Leuten vom Dorf. Ein bisschen feiner ist es hier, und auch junge Frauen können sich durchaus allein im Rasthaus sehen lassen. Das Rasthaus ist mehr als nur Versorgungspunkt für Reisende:

Willi Habermeyer: Nach dem Krieg ging´s zunächst ganz langsam bergauf und damals hat das Rasthaus Holledau eine wichtige Rolle gespielt im Leben der 20-Jährigen: Damals gab´s keine Diskothek, da war 22.00 Uhr Ladenschluss, damals war das Rasthaus Holledau die einzige Lokalität, die die ganze Nacht offen hatte, da traf sich die Jugend, und ich weiß von vielen Einheimischen, dass die sich hier kennen gelernt haben, sie wissen, was ich meine, die haben sich hier fürs leben getroffen oder für eine Nacht. In den 50er Jahren war das wirklich ein Treffpunkt für nachts. Tagsüber und am Wochenende war das eine Raststätte, wo die Leute aus der Umgebung hinfuhren, um zu Mittag zu essen oder Kaffee zu trinken, es war damals in, auf eine Raststätte zu gehen.

Dann kam der große Reiseverkehr, ab 63/64, dann wurde es ungemütlich für die Einheimischen, war dann nur noch Anlaufstelle für die Reisenden. Und in den 70er Jahren, je mehr man fuhr, da gab´s dann doch die ein oder andere Raststätte, die für das Image mehr hätte tun können, aber die Zeit ist längst vorbei ...


Die "Holledau" bleibt ein Familienbetrieb der Habermeyers. In der hauseigenen Metzgerei, die seit 1938 besteht, produzieren sie Weißwürste. In den 70er Jahren eröffnen sie Deutschlands erste Autobahnkonditorei, ihre Qualitätsprodukte bieten sie zusammen mit frisch gebrühtem Kaffee mit Sahne in einem einfachen Kiosk neben der Tankstelle an. Mitte der 80er Jahre - die Autobahnraststätten haben jetzt den Tiefpunkt ihres Images erreicht - blüht das Geschäft bei den Habermeyers: Der Kiosk ist zu klein geworden und wird durch einen Pavillon im postmodernen Stil ersetzt. Eine Bäckerei hält Einzug.

Erst 1989 kommt das eigentliche Rasthaus Holledau mit einem kleinen Hotel als Pachtbetrieb hinzu. Der Kontakt zum Dorf ist verloren gegangen - während der Betrieb immer größer geworden ist. 1994 eröffnet ein 4-Sterne-Hotel an der Rastanlage. Neuerdings gibt es auch einen Pasta-Pavillon, in dem frisch gemachte Nudelgerichte angeboten werden. Aus dem einst dörflichen Rasthaus ist ein großes Unternehmen geworden - ein Unternehmen, in dem die Seniorchefin Elisabeth Habermeyer aber noch selbst gekochte Marmelade im Rastshop zum Kauf anbietet ...
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