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6.9.2004
Lessings Weiser
Der jüdische Philosoph Moses Mendelssohn
Von Susanne Mack

"Nathan, der Weise", Lessings bekanntestes Theaterstück, wird bis heute immer wieder gespielt, weil es uns bis heute immer noch etwas zu sagen hat: das Eintreten für Gleichheit und Toleranz der Religionen. Der Protagonist Nathan hat ein lebendiges Vorbild: Moses Mendelssohn. Mendelssohn war Lessings Freund. Ein Jude, im Ghetto geboren. In Berlin hat er es weit gebracht: bis zu einem Gesuch um Aufnahme in die Preußische Akademie der Wissenschaften. Aber König Friedrich lehnte ab: Er wollte den Juden an seiner Tafel nicht sehn. Vor 275 Jahren wurde Moses Mendelssohn geboren.

Umfrage: Ich glaub‘, das war'n Komponist. Und der hat was mit Dessau zutun, ja.
Es gibt auch ‘ne Straße hier nach dem, aber was der so gemacht hat ...
War das nicht der Typ von Bio? Der die Mendel-Gesetze gemacht hat?? Nee. Das war doch‘n Musiker.
Echt ??Das glaub‘ ich nicht.
Doch. Mendelssohn war Musiker.


Von Felix Mendelssohn-Bartholdy hat man offensichtlich schon gehört in Dessau, der ist aber in Hamburg geboren. Von Moses, dem Großvater, dagegen weiß man hier nichts. Vielleicht liegt das ja daran: Moses ist mit 14 Jahren nach Berlin ausgewandert. - Erkundigen wir uns also dort.

Die Jägerstraße in Berlin, gleich am Gendarmenmarkt, gibt sich große Mühe, wieder eine vornehme Adresse zu werden. Wir machen halt vor Haus Nr. 51. Ein klassizistischer Bau von schlichter Eleganz. Nur eine kupfernen Gedenktafel ziert die Fassade. Dies ist das Stammhaus von "Mendelssohn & Co.", einst die größte Privatbank von Berlin.

Mendelssohn: Das höchste Glück meines Lebens war, als ich mir für zehn Groschen zum ersten mal ein reines Hemd kaufen konnte.

Beteuert Moses Mendelssohn in seinen Memoiren. Er ist der Stammvater der Mendelssohnschen Banker-Dynastie. - "Mendelssohn & Co." wurde 1938 von den Nazis liquidiert.
Weiß man in der Jägerstraße etwas von Moses Mendelssohn?

Umfrage: Ich geh‘ oft in's Theater, daher kenn‘ ich die Musik und seine Opern.
Ja, aus der Schule. Aber nicht wirklich.
Ich weiß nur, dass das ‘ne jüdische Familie war, aber sonst ...


Schoeps: Nehmen wir seine Schriften: Der "Phaidon" ist der größte buchhändlerische Erfolg des 18. Jahrhunderts gewesen. Auch das ist heute weitgehend unbekannt.

Julius Schoeps, Direktor des Moses-Mendelssohn-Zentrums in Potsdam. Den wundert es überhaupt nicht, dass keiner etwas von Moses weiß, der ein erfolgreicher Unternehmer war. Aber das beinah nur nebenbei. In erster Linie wollte er Schriftsteller sein, Übersetzer, Aufklärer, Philosoph.
Aber Mendelssohn war Jude, und das galt im Berlin Friedrichs des Zweiten als so etwas wie ein Brandmal. Der bettelarme Junge hat das schon erfahren müssen, als er zum ersten Mal das Stadtor passierte:

Raddatz: Den Einzug des verwachsenen Vierzehnjährigen in Berlin hält das Wachjournal so fest: "Heute passierten das Rosenthaler Tor fünf Ochsen, drei Schweine, ein Jude". Der konnte kein Wort Deutsch.

Fritz J. Raddatz in einem Vortag über Mendelssohn.

Moses hat sich wirklich hochgearbeitet.
Er überzeugt einen jüdischen Seidenfabrikanten von seinem Organisationstalent und führt ihm die Bücher. 20 Jahre später verstirbt sein Brotherr und Moses übernimmt die Geschäftsleitung.
In seiner Freizeit lernt er wie besessen: Französisch, Griechisch, Englisch, Latein - alles im Selbststudium. Aber zuerst einmal die Sprache, die man im Dessauer Juden-Ghetto nicht kennt: Deutsch.

Schoeps: Und nach wenigen Jahren war er bereits in der Lage, in den Zeitungen und Zeitschriften zu schreiben, und man wurde sehr schnell aufmerksam auf ihn. - Lessing hat ihn gefördert. Und Mendelssohn ist in kürzester Zeit zu einer europäischen Berühmtheit geworden. Nicht zuletzt durch Witz und Ironie hat er es verstanden, dass man ihn sehr bald als bedeutenden Philosophen ansah.

Als der sächsische Minister von Fritzsche einst beim Preußenkönig weilt, will er den berühmten Juden sehn. Der nie eine Universität besucht hat und trotzdem im Ruf eines Gelehrten steht. Friedrich dem Zweiten gefällt das zwar nicht, aber er lässt Moses rufen:

Schoeps: Ja. Da gibt es diese schöne Geschichte: Als Mendelssohn zum König nach Potsdam bestellt wurde, da stand er vor dem Berliner Tor in Potsdam und einer der "langen Kerls" fragte ihn: "Wohin will er, Jude?" Daraufhin soll er geantwortet haben: "Ja, ich bin zum König bestellt." Dann fragte dieser Offizier: "Mit was handelt er, Jude?" Darauf soll er gesagt haben: "Ja, ich handle mit etwas, was Sie nicht haben: mit Verstand."

Raddatz: Der Philosoph von Sanssouci, man nennt ihn noch heute Friedrich den Großen, empfing ihn, betrachtete ihn stumm und empfahl sich. - Man sprach kein Wort.

Als Freunde von Moses den König ersuchen, den Juden in die Akademie der Wissenschaften aufzunehmen, lehnt Friedrich das ab. Ohne Begründung . Und seine Akademie-Mitglieder wagen nicht zu fragen. - Vielleicht war der frankophile König ja verschnupft, weil der Jude ihn öffentlich kritisiert hatte:

Mendelssohn: Welcher Verlust für unsere Muttersprache, dass sich dieser Fürst die französische geläufig macht!

Aber wahrscheinlicher ist, dass da ein grundsätzliches Ressentiment bestand. Friedrichs Philosophen-Freund Voltaire war Anti-Semit, und auch Muslime galten ihm als minderwertige Menschen. Wenn der König das Wort "Toleranz" in den Mund nahm und beteuerte: "In meinem Reich kann jeder nach seiner Fasson selig werden!", dann hatte er nur die christliche Religion und ihre Konfessions-Streitigkeiten im Blick.

Schoeps: Die Juden dagegen lebten im Preußen Friedrich II. unter elenden Bedingungen, da gab es diese Juden-Reglement von 1750, von dem der Französische Schriftsteller Mirabeau gesagt hat, es sei würdig eines Kannibalen.

Wo kommt sie eigentlich her, diese Erniedrigung und Ausgrenzung der Juden; seit dem frühen Mittelalter? Diese latente Pogrom-Stimmung ...?- Julius Schoeps sieht das so:

Schoeps: Das hat zutun damit, dass das Christentum immer von sich behauptet hat, es sei die bessere Religion - und wenn Jesus von Nazareth tatsächlich der Messias gewesen ist, dann dürfte es eigentlich keine Juden mehr geben. - Sehen Sie, die Juden hatten es wirklich schwer. Es gab kaum jemanden, der für sie eintrat. Und selbst die, die für sie eintraten, hatten Vorbehalte. Lessing war einer der großen Ausnahmen gewesen.

Lessing: Sie sind mein Freund. Ich will meine Gedanken von ihnen geprüft, nicht gelobt haben.

Das steht in einem Brief aus dem Jahre 1758.

Schoeps: Deswegen ist das Freundespaar Lessing-Mendelssohn auch eines, dass in der deutschen Geistesgeschichte eine große Rolle spielt, nicht umsonst wird der Nathan an deutschen Theatern immer wieder gespielt, und der Nathan ist nachempfunden der Figur des Moses Mendelssohn.

Zitat aus "Nathan", vorgetragen von E.v.Winterstein:
Wohlan! - Es eif're jeder seiner unbestoch'nen, von Vorurteilen freien Liebe nach.
Es strebe jeder, die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen!


Lessings "Ringparabel" schlägt weder eine Klinge für das Christentum noch für das Judentum noch für den Islam. Denn welcher der "echte" der Ringe ist und welcher ein Imitat, ist in Wahrheit nicht mehr auszumachen. Aber jeder der Eigentümer meint, nur er sei im Besitz des Originals. - Bei Mendelssohn klingt das so:

Mendelssohn: Wir glauben zwar, unsere Religion sei die beste, weil wir sie für göttlich halten, aber daraus folgt nicht, dass sie schlechterdings die beste sei. Sie ist die beste für uns und unsere Nachkommen, die beste für gewisse Zeiten und Umstände, und unter gewissen Bedingungen.

Das erinnert doch sehr an Immanuel Kant. Der hatte sich auf die Suche gemacht nach der Quelle und dem Gehalt aller Religion - und kommt dabei zu der Frage: Was ist menschlich? Auf dem Grunde welcher Überzeugungen können Menschen verschiedener Kulturen in Eintracht miteinander leben? - Um Vorlesungen von Kant zu hören, ist Moses einst nach Königsberg gereist:

Mayer: Es ist überliefert, wie der kleine Jude den Saal betrat und Kant vom Katheder stieg, um Moses - im Anblick der Studenten - in die Arme zu schließen.

Hans Mayer in einem Vortrag über die deutsche Aufklärung.

Moses Mendelssohn hatte einige Lehrmeister in Sachen Philosophie. Die Griechen selbstverständlich: Platon, Aristoteles, Plotin. Aber auch einen großen jüdischen Denker aus dem Mittelalter: Moses Ben Maimon, auch Maimonides genannt. - Mendelssohn in einem Berliner Journal über diesen Namensvetter :

Mendelssohn: Er lebte Ausgang des 12. Jahrhunderts, hat es in Ägypten am Hofe des Kalifen bis zum Leibarzt gebracht - und zum Oberhaupt der Juden seines Reiches. Dem muslimischen Herrscher war der Respekt vor anderen Religionen - ob nun Christen oder Juden - völlig selbstverständlich. - Ist das nicht ein Mensch von Kultur?

Lessing hat auch diesem besonnenen Staatsmann - mit Namen Salah-e-Din - in seinem "Nathan" ein Denkmal gesetzt.

Trotz aller Aufgeklärtheit und allem Kantianismus: Moses bleibt dem Glauben seiner Väter treu.

Schoeps: Es gibt sogar einen Brief, wo er sagt: wenn von uns gefordert werden sollte, dass wir für die Emanzipation unser Judentum aufgeben, also für die rechtliche Gleichstellung, dann verzichten wir lieber auf die rechtliche Gleichstellung.

Seine Nachfahren sind da weniger entschieden - und ergeben sich schließlich der mächtigen Staatsreligion: Enkel Felix konvertiert. - 40 Jahre nach Moses‘ Tod bezeichnet Heine die Taufe als das "entre billet" zur europäischen Kultur.

Aber ohne den jüdischen Geist, den Moses aus dem Ghetto nach Berlin getragen hat, ist die deutsche Aufklärung nicht zu denken. Denn Aufklärung lebt vom Gespräch der freien Geister. Und es war Moses, der das Disputieren von Kindheit an gelernt hatte.

Schoeps: Ja. Das ist eine sehr jüdische Tradition. Klar.

Knobloch: Der Gottesdienst in der Synagoge bestand aus dem Vorlesen der Thora, Gebeten, Predigten und - in christlichen Gottesdiensten unvorstellbar - Diskussionen.
Das muss denjenigen ungeheuerlich vorkommen, die gewohnt sind, das nur einer spricht: der Pfarrer, der Lehrer - oder der Leutnant.


Schreibt der Berliner Schriftsteller Heinz Knobloch in seiner Mendelssohn-Biographie.

Auch nach Moses und Lessing: Die Lust am freien Disputieren hat die Berliner Geistes-Elite nicht mehr verlassen. Es waren zwei jüdische Frauen - Rahel Varnhagen und Henriette Herz - die ihn aus der Taufe gehoben haben: den berühmten Berliner Salon.
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