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8.9.2004
Der David von Michelangelo
500 Jahre alt

Michelangelos "David" in Florenz (Bild: AP Archiv)
Michelangelos "David" in Florenz (Bild: AP Archiv)
Florenz hat Sehenswürdigkeiten in einer Fülle wie nur wenige Städte auf der Welt. Und auf der Hit-Liste der Sehenswürdigkeiten steht er ganz oben, denn er ist eines der größten Werke der bildenden Kunst: der David von Michelangelo. Heute wird er 500 Jahre alt.

Besucherinnen: Der David ist für mich ein Sexsymbol und ich finde ihn im Original eigentlich am besten, muss ich sagen.
Ich fand ihn schon immer recht beeindruckend, aber ich hätte ihn mir größer vorgestellt.
Wenn man irgendwo mal einen Mann braucht, der für das ganze Männliche steht, für das ewig Männliche, dann hat man ihn genommen. Das ist eben so ein Sinnbild.


Falletti: Viele Personen kommen deshalb, weil sie beeinflusst sind. Es ist ihnen durch die Medien eingeredet worden, dass wenn sie nach Florenz kommen und nicht wenigstens die Primavera von Botticelli und den David von Michelangelo gesehen haben, es so ist, als seien sie nicht hier gewesen.

Das erklärt Franca Falletti, die Direktorin der Galleria dell'Accademia. Ihr Museum zeigt einen der künstlerischen Höhepunkte der westlichen Welt: Michelangelos David. Eine weiße Marmorfigur: jugendlich, männlich, schön; 4,86 m hoch, mit Sockel 6,72 m. Frisch gereinigt begeht sie nun ihren 500. Jahrestag. Dazu erhielt sie einen neuen Glanz durch eine aufwändige - wenn auch umstrittene - Restaurierung.

Die Skulptur verkörpert den Hirtenjungen David aus dem ersten Buch Samuel im Alten Testament, der einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen den Riesen Goliath gewann, damit eine tyrannische Herrschaft beendete und später zum König der Juden ausgerufen wurde.
Wie dieser Knabe trägt Michelangelos David keine schwere Rüstung, seine Waffe ist kaum sichtbar. Er ist nackt. Körperhaltung und Gesichtsausdruck verraten seine wirkliche Stärke, denn sie vermitteln Wendigkeit und Reaktionsschnelligkeit, wehrhafte Eigenschaften eines verantwortungsbewussten Bürgers.

Kommentar eines italienischen Besuchers: David war das ideale Sinnbild für Florenz: Ein kleiner Stadtstaat, eine Republik, die gegen die Tyrannei der Medici kämpft.

Die republikanische Gemeinschaft im Florenz des beginnenden 16. Jahrhunderts ist gefährdet. Die vertriebene Herrscherfamilie der Medici versucht, in ihre alte Machtposition zurückzudrängen. Gleichzeitig wird die Stadt durch den machthungrigen Herzog Cesare Borgia bedroht, der eine Invasion in die Toskana plant, und innerhalb der Bevölkerung steigt die Unzufriedenheit wegen der Kosten des erfolglosen Dauerkrieges mit Pisa. In dieser prekären Situation soll ein Projekt für den Florentiner Dom die Gemeinschaftsideale der Stadt neu beleben.

Man erinnert sich an ein früheres Vorhaben, zwölf Prophetenfiguren auf den Strebepfeilern des Domchores anzubringen und will nun mit einer David-Skulptur beginnen. Dafür steht ein hoher, schmaler Marmorblock zur Verfügung. Aus ihm hatten schon andere Künstler eine in Umrissen sichtbare Figur herausgemeißelt, ihr Werk aber aufgegeben, da ihnen die Qualität des Marmors mangelhaft erschien. Daraufhin blieb der Block über Jahrzehnte unbeachtet in der Dombauhütte liegen.

Das Werk war übel zugerichtet; ... zwischen den Beinen ein Loch durchgehauen und alles ganz verdorben und verstümmelt ... schwer, eine ganze Statue daraus zu arbeiten, ohne dass man Stücke ansetzte, ... keinem außer Michelangelo reichte der Mut dazu.

Das schrieb der zeitgenössische Maler, Baumeister und Kunstschriftsteller Giorgio Vasari. Die Schwierigkeit mit dem Material betrachtete der erst 26jährige Michelangelo als besondere Herausforderung und zugleich als Chance, um seine Fähigkeiten zu demonstrieren. Er erhielt den Auftrag, unterzeichnete am 16. August 1501 den Vertrag und nach 2½ Jahren stand die Skulptur kurz vor ihrer Vollendung.

Kommentar eines Besuchers: Man fragt sich, wie jemand so ein Lebenswerk überhaupt auf die Beine gekriegt hat, in der Zeit. ... wie lang bei uns heute manche Sachen dauern. Und dann wird so ein Kunstwerk hergestellt ... Das beeindruckt mich, wie ein Mensch so was leisten kann.

Nun begann eine monatelange Debatte um einen geeigneten Aufstellungsort. Die ursprüngliche Absicht, den David außen auf dem Domchor anzubringen, stand nicht mehr zur Diskussion. Eine 30-köpfige Kommission - unter ihnen Botticelli und Leonardo da Vinci - entschied, ihn vor dem damaligen Regierungsgebäude Palazzo della Signoria - dem heutigen Palazzo Vecchio - aufzustellen. Der politische Versammlungsort hatte damit den Vorzug vor dem kirchlichen erhalten.

Der Transport des David zum Aufstellungsort war wegen der Zerbrechlichkeit, der Größe und des Gewichts von über 5½ Tonnen ein kompliziertes Unterfangen.

Kommentar eines Besuchers: In meiner Vorstellung war er immer viel kleiner. Diese Größe war schon beeindruckend.

Der Florentiner Zeitgenosse Luca Landucci schrieb damals in sein Tagebuch:

... am 14. Mai 1504 zog man aus der Bauhütte des Domes den Giganten aus Marmor; er ging um 24 Uhr heraus und man brach über der Tür so viel von der Mauer weg, dass er heraus gelangen konnte. Und in dieser Nacht wurden gewisse Steine nach dem Giganten geworfen, um Böses zu tun; man musste bei Nacht Wache halten; und er kam sehr langsam weiter, so gerade aufgerichtet festgebunden, dass er schwebte und mit den Füßen den Boden nicht berührte; in allerstärksten Hölzern und mit großem Scharfsinn; und man mühte sich vier Tage, bis er die Piazza erreichte; er langte am 18. auf der Piazza an, um zwölf Uhr; hatte mehr als 40 Menschen, um ihn in Bewegung zu setzen; hatte 14 eingeölte Hölzer unter sich, welche der Reihe nach sich bewegten ...

Es wird angenommen, dass Parteigänger der Medici dieses Symbol der Republik zu zerstören suchten. Möglicherweise ist die Statue durch die Steinwürfe bereits vor ihrer Fertigstellung beschädigt worden. Jedenfalls führt Michelangelo nach der Aufstellung vor dem Palazzo Vecchio noch drei Monate Feinarbeiten hinter einem Sichtschutz aus.
Am 8. September 1504 wird Michelangelos David öffentlich enthüllt.

Er steht vor dem Palazzo Vecchio, gewissermaßen als Symbol der Verteidigung der republikanischen Freiheit. David zeigt sich nicht als martialischer Kämpfer, sondern steht einfach kraftvoll da. Mit entschlossenem Blick fixiert er sein Ziel. Die linke Hand ist vor der Brust erhoben und hält die mit dem Stein gefüllte Schleuder, die rechte das andere Ende des Riemens, der über den Rücken verläuft. David zeigt nicht den Kampf selbst, sondern die Bereitschaft dazu.

Für die Bewohner der Stadt ist die Aufstellung des David eine Sensation. Zur gleichen Zeit wandeln sich politische Niederlagen in Erfolge. Die Begeisterung nimmt solche Ausmaße an, dass vorgeschlagen wird, mit dem Enthüllungstag der Skulptur einen neuen Kalender einzuführen. Tatsächlich findet man in zeitgenössischen Aufzeichnungen statt eines Datums die Eintragung:

So und so viele Jahre nach der Aufstellung des Giganten.

Man wähnt sich am Anbruch einer neuen, besseren Zeit. Doch die positiven Erwartungen an die Zukunft werden nicht dauerhaft eingelöst.

Acht Jahre später erleidet die Figur eine erste, schwere Beschädigung. Ein Blitz schlägt in ihren Sockel ein und im gleichen Jahr 1512 erzwingen die Medici nach 18-jährigem Exil ihre Rückkehr nach Florenz. Eine bittere Niederlage für die Republik.

Die angespannte politische Lage gipfelt 1527 in einen Volksaufstand und es folgt für die Medici ein dreijähriges, erneutes Exil. Während des Tumults vor dem Palazzo Vecchio zerstört eine aus dem Fenster geworfene Holzbank den linken Arm des David. Die Fragmente werden erst 16 Jahre später wieder angebracht.

Kommentar eines Besuchers: ... was er aus dem Stein gemacht hat. Wenn man dann so sieht, wie präzise der menschliche Körper nachvollzogen ist bis in die letzten Adern, die auf dem Unterarm sind oder die Fußnägel oder so. Das ist schon sehr beeindruckend.

Jahrhunderte vergehen. Regen und Sonne hinterlassen ihre Spuren auf dem David. Tauben setzen sich auf ihm nieder, und lange tropft es aus einer defekten Dachrinne auf ihn herab. Diese Vernachlässigung zeigt, so Franca Falletti, dass der David während dieser Zeit als gewöhnliche Statue galt, ohne jene mythische, fast heilige Aura, die ihn seit der Romantik umgibt.

Kommentar eines Besuchers: ... wenn ein Mensch so vorbeiginge, würde man nie so genau hinschauen.

Mit dem wachsenden Interesse an der Statue beginnt seit 1813 eine Serie gewagter Reinigungs- und Schutzmaßnahmen. Man rückt dem David mit drastischen Methoden zu Leibe, unter anderem mit Salzsäurelösung und scharfen Eisenwerkzeugen, um hartnäckige Verkrustungen abzuschaben.

Um den David vor den Einflüssen der Witterung zu schützen, wird er nach langjährigen Diskussionen 1873 in die noch nicht fertiggestellte Tribuna transportiert - einen eigens für den David konstruierten Raum mit Glaskuppel in der Galleria dell'Accademia. Mit der Eröffnung 1882 beginnt sowohl der Ruhm des David als auch der des Museums. Seinen vorherigen Platz vor dem Palazzo Vecchio nimmt seit 1910 eine originalgetreue Kopie ein. Diese wird oft für die Ausführung Michelangelos gehalten und ebenso geliebt oder abgelehnt.

Die Unterbringung in der Accademia allein ist als Schutz nicht immer ausreichend. Als der David lediglich durch eine kniehohe Absperrung geschützt ist, schlägt 1991 ein Museumsbesucher die Spitze eines Zehs mit einem Hammer ab. Aber nicht nur Vandalismus bedroht das Meisterwerk, sondern gleichermaßen eine Form der Anbetung, so Franca Falletti:

Falletti: David hat wirklich in diesen letzten Jahren, Jahrzehnten, eine neue Bedeutung gewonnen, gewissermaßen eine religiöse Aura. Das führte dazu, dass der David immer angefasst wurde, und zwar an der Spitze seines linken Fußes, dem Punkt, der zweifellos am leichtesten zu erreichen war. Dieses Fuß-Berühren ist ein typischer Akt, den man auch bei Madonnenstatuen sehen kann. Es ist so, dass der Fuß oder das Füßchen, das aus der Kleidung vieler Marienstatuen hervorschaut, mit Silber, also mit Metall, verkleidet wurde, weil es dauernd angefasst wurde. So bestand die Gefahr, dass der David am Ende ebenfalls ein Pantöffelchen aus Metall nötig haben würde, um den Fuß zu verstecken und zu schützen, da er fortwährend in fetischistischer Weise angefasst wurde.
Daraufhin haben wir unten um den David herum einen Abstandhalter aus Sicherheitsglas angebracht, so dass die Besucher sich ihm nicht mehr annähern können.


Hinter dieser Sicherheitsglas-Vorrichtung von ca. zwei Metern Höhe steht die Skulptur im Zentrum der Tribuna auf einem mannshohen Sockel - so platziert, dass jeder zu ihm aufschauen muss. Es existieren in der Galleria dell'Accademia aber auch andere Hinweise darauf, dass der David eine außerordentliche Sehenswürdigkeit ist: Er wird besonders beleuchtet, darf nicht fotografiert werden und hat eigenes Aufsichtspersonal, das streng über die Einhaltung der Vorschriften wacht. All dies sind selbst für Laien eindeutige Kennzeichen, um ein Exponat als herausragendes Werk zu erkennen. Andere, weniger geschützte, werden dabei leicht übersehen.
Franca Falletti:

Falletti: Es gibt wirklich sehr viele Werke von Michelangelo, die wesentlich interessanter sind, aber nicht in der gleichen Weise beachtet werden. Hier in der Accademia gibt es die Sklaven, die wunderbar sind, viele Besucher bleiben auch stehen, um die Sklaven zu betrachten - aber andere gehen schnurstracks zum David und sehen die Sklaven nicht einmal.

Das Museum zählt jährlich 1,2 Millionen Besucher. Der David ist für viele ein Sinnbild zeitloser musealer Kunst. Er ist die Verkörperung von Michelangelos Genie, Repräsentant einer vergangenen Welt, in der das Bürgertum Geschichte machte - und ein Männlichkeits- und Sexsymbol. Er wird bewundert, abgelehnt oder mit gespielter Gleichgültigkeit betrachtet.

Kommentar einer deutschen Besucherin: Der ist hervorragend gearbeitet. Man sieht da wirklich, was er für Studien am menschlichen Körper getrieben hat, die damals ja gar nicht so erlaubt waren, dass man die Muskeln, die Sehnen, die Adern, alles sieht, und das ... hat mich ungeheuer fasziniert, dass man aus diesem schweren Stein so ein leichtes Werk machen kann.


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