MerkMal
MerkMal
Montag bis Freitag • 16:15
10.9.2004
Der Verband deutschsprachiger Übersetzer wird gegründet
Vor 50 Jahren
Von Gabi Wuttke

Bücher (Bild: AP)
Bücher (Bild: AP)
Gebrauchsanweisungen, Reiseprospekte oder Ratgeber: Manchmal muss man schmunzeln, manchmal ist es zum Verzweifeln. Denn aus einer fremden Sprache ins Deutsche übersetzte Waschzettel haben oft kaum noch einen Sinn - machen aber die Inbetriebnahme des neuen Radioweckers oder die Urlaubsplanung zu einem kleinen Abenteuer. Nicht weniger sind wir in der Literatur auf gute Übersetzungen angewiesen. Die Professionalisierung dieser Arbeit spiegelt sich in der Geschichte eines Verbandes wider, der an diesem Wochenende in Wolfenbüttel seinen 50. Geburtstag feiert: der Verband der deutschsprachigen Übersetzer.

Schöne Geschichten. Wie die von Scheherazade aus 1001er Nacht. Sie zogen nicht nur den Kalifen in Bann. Damit die schönsten und beeindruckendsten nicht verloren gingen, wurden sie aufgeschrieben. In der Sprache der Erzähler. Das ist sehr, sehr lange her.
Die Kärrnerarbeit, Schriften von einer Sprache in eine andere zu übertragen, erledigten dann die Mönche. Damit überschritten nicht nur sie selbst, sondern auch die Texte Grenzen - Neuland für den gelehrten Disput in aller Welt - und letztlich für die schöne Literatur. Ein 'Übersetzen' von einem Ufer zum anderen, nannten die Brüder Grimm diese Arbeit. Hinrich Schmidt-Henkel ist mit Leib und Seele Fährmann:

Ich glaube, das ist ein Wechselspiel von Nähe und Distanz. Einerseits müssen wir ganz tief reinschlüpfen, um wirklich zu begreifen, was da passiert. Und dann ist Übersetzen ja auch Zerstörung. Wir nehmen den Originaltext ja auseinander und wir zerstören ihn so weit, dass wir ihn in einer fremden Sprache wiedergeben. Unserer eigenen. Um zu erfassen, was im Original an Gefühlsvaleurs drin ist, muss ich sehr nah ran. Und dann muss ich wieder einen Schritt zurücktreten, um zu schauen: Was habe ich denn da gemacht und wie könnte ich es besser machen.

Und was gehört zum Handwerkszeug engagierter Übersetzer? Sie müssen Versmaße beherrschen, Zitate und Anspielungen erkennen und ein ausgeprägtes Sprachgefühl besitzen: Ernst von Ironie, Komik von Zynismus unterscheiden können - und auf einem sehr schmalen Grat wandern: Um dem deutschen Leser die sprachlichen Eigenheiten des Originals verständlich zu machen.
Gefühls-Äquivalenz und Wirkungsäquivalenz heißen diese beiden Grundpfeiler der Übersetzungsarbeit. Die Kür dabei sind Sprachspiele. Frank Heibert erklärt, was er mit einer amerikanischen Erzählung machte, in der zwei Reisende in den Ort der beiden Lausbuben von Mark Twain kommen:

… und der Tourismus wird da so gehandhabt, dass in den Restaurants alle möglichen Speisen eben entweder nach Tom Sawyer oder Huckleberry Finn heißen. Und damit haben wir schon ein dickes Problem, weil das natürlich nicht so direkt zu übertragen ist. Denn beide Wörter bedeuten ja erst mal im Deutschen nix, die Namen. Ich hab das dann über den Klang gelöst, und mein Satz heißt, wenn ich ihn jetzt auf Deutsch vorlese: "Sie möchten die bröckelnden weißen Ziegelbauten von Hannibal hinter sich lassen. Die süßen kleinen Restaurants mit Huckfleisch und Sawyersprossen auf der Karte. Hackfleisch dann mit "u" geschrieben, so wie Huckle Finn. Und Sojasprossen dann als "Saywer" geschrieben: also s-a-w-y-e-r geschrieben. Saywersprossen auf der Karte.

An diesem Beispiel zeigt sich, wie viel Fingerspitzengefühl die Übersetzer haben müssen, um einen Text so zu übersetzen, dass er auf die deutschen Leser eine möglichst ähnliche Wirkung hat wie auf die amerikanischen. Wo Duden und Wörterbücher nicht weiterhelfen, erzählt Hinrich Schmidt-Henkel, werden gern die Gelben Seiten zu Rate gezogen. Denn manchmal können nur Fachleute weiter helfen:

Ich habe unter anderem übersetzt von Erik Fosnes Hansen "Momente der Geborgenheit". Eine Episode spielt Ende des 19 Jahrhunderts in der Ostsee auf einem Leuchtturm und da ist jede Menge Leuchturm-Technik dabei, und da habe ich manches aus der Fachliteratur gefunden, aber bei weitem nicht alles. Und wusste: ich muss mit einem Leuchtturmwächter sprechen und bin über drei, vier Stationen an eine Außenstelle des Wasser- und Schifffahrtsamtes geraten, zu einem alten Herren, der als Ingenieur Leuchttürme repariert. Und der war dann so alt, dass er in seiner Lehrlingszeit die Leuchttürme, um die es da von 1898 ging, noch selber in der Hand hatte, und der hat mir alle Fragen innerhalb von einer halben Stunde beantwortet.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein war das Übersetzen von Literatur vor allem eine Liebhaberei für die, die sich berufen fühlten; ein Zeitvertreib für die, die es sich leisten konnten. Die Gründung des Verbands deutschsprachiger Übersetzer im Jahr 1954 zeigt, wie sich der Beruf des Übersetzers entwickelt hat: Damals forderten die neun Gründungsmitglieder Normverträge, in denen Mindeststandards für die Aushandlung von Verträgen festgelegt werden sollten. Knapp 30 Jahre dauerte es, bis der Verband, der inzwischen auf fast 500 Mitglieder gewachsen war, seine Forderungen durchsetzte. Ein Meilenstein Anfang der Achtzigerjahre. In den Kinderschuhen steckt dagegen noch die Ausbildung. Die meisten Quereinsteiger - wie Kristian Lutze - sind von Haus aus Sprach- oder Literaturwissenschafter:

In meinem Fall war es so, dass ich ein Buch geschrieben habe, über Raymond Chandler, eine Roman-Biografie, und dass ein Verlag einen Übersetzer suchte, händeringend, der Chandler-Zitate in einem anderen Roman erkennen konnte. Und da bin ich dann über Freunde und Freunde und Freunde hin empfohlen worden, und bin dann einfach ins kalte Wasser gesprungen und hab gesagt: Ja, das probiere ich jetzt mal.

Ganz anders als der Anglist Lutze ist Stefanie Gerhold in den Beruf eingestiegen. Aber auch bei der 36-Jährigen, die aus dem Spanischen übersetzt, war der Weg das Ziel - mit einigen Umwegen:

Zuerst hab ich nach der Schule was ganz anderes gemacht. Ich habe nämlich zwei Jahre lang Geige studiert.
Und damals bin ich aber schon mit Spanien in Berührung gekommen: Ich hab nämlich in einem Studenten-Orchester gespielt, das jährlich eine Tournee nach Spanien unternommen hat. Und ja das hat den Grundstock gelegt zu meiner Liebe zu Spanien. Aus der Geige ist dann nichts geworden und ich habe romanische Philologie studiert in München und habe dann erst mal, um mein Studium zu finanzieren, länger im Buchhandel gearbeitet.

Was dem einen der Finger auf der Landkarte, ist Übersetzern die Lektüre: Nur dann reisen sie um die Welt. Denn der Beruf ist Schreibtischarbeit mit Kernzeit. Wobei nicht nur die kleinen grauen Zellen gefordert sind. Denn mit jedem neuen Buch wird ein kleiner Kampf ausgetragen, beschreibt Bernard Robben:

Man lässt sich auf eine Stimme ein, man lässt sich auf eine Geschichte ein. Das kann sehr, sehr weit gehen. Man verwandelt sich diesen Text wirklich zuinnerst an, und das sind Umwälzungen die in der eigenen Person stattfinden, die in der Psyche stattfinden - weshalb ich in den ersten drei Tagen der Übersetzung meist sehr ungnädig und unzufrieden bin, wenn diese Umwälzung stattfindet. Ich glaube, ich rede mit jedem Buch etwas anders. Ich denke mit jedem Buch etwas anders, ich widme jedem eine etwas andere Aufmerksamkeit. Und je tiefer dieser Prozess reicht (da bin ich mir relativ sicher), umso besser wird die Übersetzung.

Dabei ist es nicht nur nach Ansicht der Übersetzer völlig schnuppe, wie schwer der Text ist - ob es sich um nobelpreisverdächtige Romane oder Strandlektüre handelt. Davon ist auch der Literaturkritiker Burkhard Müller überzeugt:

Gute Trivialliteratur, schmissige triviale Literatur, wirft ihre eigenen Übersetzungsprobleme auf. Das klassische Beispiel, finde ich, ist Stephen King. Stephen King ist ein Autor, der in unglaublichen Mengen produziert. Der schreibt jedes Jahr mehr als die ganze Bibel - hat man jemand ausgerechnet. Und trotzdem hat Stephen King - auch wenn er einen Plot mal wieder völlig in den Sand setzt, wie er das häufig tut - immer einen bestimmten Rhythmus. Im Aufbau einer Handlung und auch in einzelnen Sätzen. Und da darf man nicht dran vorbei. Sachen wie: Wie gibt man einen Dialog wieder von jemandem, der gekennzeichnet wird als freundlich, aber ein bisschen beschränkt? Solche Sachen muss sich der Übersetzer auch überlegen, wenn er keine besondere Achtung vor dem Original hat. Und um hier die Wirkungsäquivalenz zu erreichen, muss er vielleicht sogar noch mehr arbeiten als der Autor im Original, was kränkend sein kann.

Für Kristian Lutze, der vor allen Dingen Unterhaltungsliteratur übersetzt, verdient jeder Text Respekt. Er hat aber durchaus Verständnis, wenn die Leser des "Pferdeflüsterers" sich nicht jede Formulierung auf der Zunge zergehen lassen. Zumal nicht jeder Autor - wie man sich von Flaubert erzählt - wegen einer unvermeidbaren doppelten Genitiv-Konstruktion schier verzweifelt.

Es ist ja nun auch viel verlangt, nehmen wir jetzt mal wieder Nicolas Evans, das sind dann endlose Beschreibungen von bewaldeten Hängen in Montana. Da liest - vermute ich jetzt - der normale Leser, wie wir früher bei Karl May, schnell, blättert schnell und fragt sich: Wann geht jetzt die Handlung weiter. Oft sind es ja für uns die schwierigsten Stellen, diejenige, über die der Leser drüber blättert. Insofern wird das, was wir als Übersetzer eine furzgeniale Lösung finden, natürlich permanent unterschätzt - das ist ja auch illusionszerstörend.

Ob nun Trivial-Literatur oder so genannte 'Hoch-Literatur' - bei jeder Übersetzung gibt es harte Nüsse zu knacken, bei denen der Übersetzer als Handwerker ebenso wie als Künstler gefragt ist. Aber die Kollegen sind weit über's Land verstreut. Wen fragen? Der Austausch mager. Also ein einsamer Beruf?

Ich denke, man muss sehr viel Selbstdisziplin haben, man muss es wirklich schaffen, sich immer wieder selbst zu motivieren, das macht nämlich sonst keiner. Im Zweifelsfall auch zu loben. Denn das macht auch keiner. (schmunzelt) ... da muss man sich manchmal ein bisschen selber loben. Man muss große Lust haben, mit Texten zu arbeiten, sich über gelungene Formulierungen auch wirklich freuen können. Das, würde ich sagen, ist eine Eingangsvoraussetzung. Alles andere: Da gibt es eher eigenbrötlerische Typen, sehr kommunikative Menschen. Es gibt dann natürlich auch Leute, die sagen: Wir halten die Einsamkeit einfach nicht mehr aus. Also ich bin jetzt verheiratet und habe eine Tochter und insofern hab ich ein Familienleben, was um mich herum passiert. Ich weiß nicht, wie das wäre, wenn ich ganz allein da sitzen würde, das stell‘ ich mir schwer vor.

Fehlender Rückhalt in der Öffentlichkeit ist für alle Übersetzer ein Problem. 80.000 Titel erscheinen in jedem Jahr in Deutschland, die Hälfte davon sind Übersetzungen. Aber - wem ist beim Lesen eines übersetzten Originals bewusst, dass es sich nicht um das Original handelt? In den deutschen Feuilleton-Redaktionen zumindest scheint der Selbstbetrug verbreitet. Kaum einen Hinweis auf die Übersetzungen fand der Journalist Burkhard Müller, als er ein ganzes Quartal der großen Zeitungen durchforstete:

Das Ergebnis ist: Sofern überhaupt davon die Rede ist, in einem Drittel der Fälle, beschränkt sich der Anteil der Übersetzungskritik an der Gesamtkritik auf etwa ein Promille. Das heißt: Ein Wort. Ein Adjektiv ist das Typische: Es kommt also immer wieder vor: Die elegante, die flüssige, die kongeniale Übersetzung - und noch etwa 20 andere Adjektive. Mit der offensichtlich eine unbeliebte Pflicht abgegolten wird.

Auch an der materiellen Anerkennung hapert es. In den 70er Jahren lag das selten gezahlte Spitzenhonorar bei 25 Mark pro Normseite. Heute liegt es durchschnittlich bei 16 Euro. Brutto versteht sich. Aber selbst bei einfacheren Texten sind mehr als fünf Seiten am Tag kaum zu schaffen. Im Preis inklusive: Die Arbeit mit den Lektoren und das Korrekturlesen der Druckfahnen. Vielen Übersetzern bleiben da - nach eigener Aussage - im Monat durchschnittlich 1000 Euro. Die Reform des Urhebervertragsrechts hat für die Übersetzer nichts verbessert, weil die vom Börsenverein des deutschen Buchhandels vertretenen Verlage dem VdÜ die kalte Schulter zeigen. Warum sie die Honorare nicht erhöhen wollen, die sowieso nur einen geringen Teil der Produktionskosten ausmachen, erläutert der Chef des Berlin-Verlags, Arnulf Conradi:

Das würde reihenweise gerade kleinere Verlage in den Bankrott zwingen. Weil die Verlage dies einfach nicht zahlen können. Der Schriftstellerverband geht nach wie vor davon aus, dass die Verlage Großverdiener sind. Das sind sie aber nicht. Das ist nachprüfbar. Gerade jetzt, wo wir ja eine deutliche wirtschaftliche Rezession haben, wo die Leute um ihre Jobs Angst haben, merkt man, wie zurückhaltend der Käufer wird.

Übersetzen sei eine Kunst, und für Kunst müsse man bekanntlich auch Opfer bringen. So brachte Julian Nida-Rümelin als Kulturstaatsminister die Sache auf den Punkt. Um bei solchen Argumenten nicht in die Knie zu gehen, können sich Übersetzer nur an der Liebe zur Kunst festhalten - das zumindest ist das Resümee der ehemaligen Geigen-Studentin:

Je länger ich diesen Beruf ausübe, desto mehr sehe ich, dass eigentlich von alledem, was mich im Leben interessiert und was ich gemacht habe, etwas drin steckt. So komisch das klingen mag, wenn ich ein Violinkonzert interpretiere, spiele, dann hat das schon viel damit gemeinsam, wenn ich ein Buch übersetze. Denn als Übersetzerin interpretiere ich auch, gebe ich einem Werk meine eigene Stimme.
-> MerkMal
-> weitere Beiträge