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13.9.2004
Schumacher schrie, Heuß plauderte
Politikerreden im 20. Jahrhundert
Von Martin Hartwig

Konrad Adenauer 1963 im Bundestag (Bild: AP)
Konrad Adenauer 1963 im Bundestag (Bild: AP)
In Brandenburg wird am nächsten Sonntag der Landtag gewählt - für die Politiker ist das die Zeit, in der sie mit ihren Reden die Wähler überzeugen müssen. Auch im Bundestag schlug in der vergangenen Woche die große Stunde der Redner: Die Haushaltsdebatte nutzen Regierung und Opposition in der Regel zu einer Generalabrechnung mit den politischen Gegnern.
Reden zu können: das gehört zu den wichtigsten Fähigkeiten, die Politiker haben müssen. Früher gehörte dazu auch eine laute Stimme, denn ohne Mikrophon musste man mit der bloßen Stimme möglichst viele Menschen erreichen. Das prägte den Redestil bis in die 50er Jahre. Inzwischen herrschen eher die leisen Töne vor, auch im Deutschen Bundestag. Wie sich die Politikerreden im 20. Jahrhundert verändert haben ist Thema des MerkMals.


Ich sage euch: Ich halte zum jetzigen Zeitpunkt eine einseitige Einstellung, eine unbefristete Einstellung der Bombenangriffe für das grundfalsche Signal. Milosevic würde dann nur gestärkt und nicht geschwächt. Ich werde das nicht umsetzen, wenn ihr das beschließt. Damit das klar ist, ich muss hier Klarheit schaffen! Weil, es nützt ja nichts, wenn ich heute erzähle, na ja das ist alles nicht so schlimm, und dann mache ich irgendwie, weil ich meine, ich könnte gerade mal so weitermachen. Da habe ich ein anderes Verständnis von Regierungsbeteiligung in einer demokratischen Grünen Partei.

Joschka Fischers Rede auf der Delegiertenkonferenz der Grünen am 13. Mai 1999, bei der er seine Partei vom Nato-Einsatz in Jugoslawien zu überzeugen versuchte, war eine der engagiertesten Sprechleistungen der letzen Jahre. Dem Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen war sie sogar die Verleihung des Titels "Rede des Jahres 1999" wert.

Bundesaußenminister Joschka Fischer gibt im Bundestag  eine Regierungserklärung ab (Bild: AP)
Bundesaußenminister Joschka Fischer gibt im Bundestag eine Regierungserklärung ab (Bild: AP)
Die sprachliche Kraft des Redners lässt kaum einmal nach, und mit welcher Sicherheit er die rhetorische Ausdrucksskala von drastischer Anschaulichkeit bis hin zu bewegendem Pathos beherrscht, darin kommt ihm in unserem politischen Leben zur Zeit niemand gleich.

So hieß es in der Begründung der Jury. Fischer setzte in dieser Rede alle Elemente der klassischen Rhetorik ein. Von der Hyperbel, der gezielten Übertreibung über die Apostrophe, der direkten Anrede der Zuhörer, bis hin zur rhetorischen Frage und der Ironie. Das tun seit Sokrates die meisten politischen Redner. Im Gedächtnis dürfte Fischers Rede den meisten Zuhörern wegen ihrer enormen Lautstärke bleiben, wegen eines für heutige Verhältnisse ungewöhnlichen stimmlichen Aufwandes.

Eine ganz normale Bundestagsdebatte der laufenden Wahlperiode. Knapp 40 Abgeordnete sind anwesend und hören mit offensichtlich geringem Interesse zu, einige lesen Zeitung, andere studieren Akten. Ein Abgeordneter trägt seine Standpunkte ruhig und sachlich vor, die Erwiderung der gegnerischen Fraktion erfolgt im selben Tonfall. Das Buhrufen und Klatschen wird mit mäßigem Engagement betrieben. Armin Burckhardt, Professor für Linguistik an der Universität Magdeburg:

Die Debatte selber hat ihre Funktion insofern gewandelt, dass es nicht mehr darum geht im Plenum, ein Thema auszudiskutieren und am Ende eine Entscheidung zu fällen, sondern die Entscheidung in dem so genannten Arbeitsparlamentarismus der Gegenwart, die wird in den Ausschüssen und in den Fraktionen so weit vorbereitet, dass nur noch fertige Parteistandpunkte im Plenum vorgetragen werden müssen und über die braucht dann natürlich in einem engeren Sinne nicht mehr engagiert diskutiert zu werden.

In den Anfangsjahren der Bundesrepublik war dies anders.

Adenauer: Sollen wir die ganze Demontage einfach rücksichtslos bis zum Ende gehen lassen? Zu dieser Frage muss die Opposition Stellung nehmen: Ist sie bereit, einen Vertreter in die Hohe Behörde zu schicken oder nicht? Und wenn sie erklärt, nein, dann weiß sie auf Grund der Erklärung, die mir der General Robertson abgegeben hat, dass die Demontage bis zum Ende durchgeführt wird.

Schumacher: Der Kanzler der Alliierten. (Tumulte)
Herr Abgeordneter Dr. Schumacher, für diese Bezeichnung des Bundeskanzlers als Bundeskanzler der Alliierten rufe ich Sie zur Ordnung!


20 Tage Ausschluss von den Parlamentsdebatten kostete den SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher seine Bemerkung.
Im ersten Deutschen Bundestag wurde leidenschaftlich und polemisch gestritten - dies zeigt schon ein Blick in die Statistik. Es gab 156 Ordnungsrufe des Präsidenten, 40 Abgeordneten wurde das Wort entzogen und 17 Mal wurde jemand von der Sitzung ausgeschlossen. In der derzeit laufenden Wahlperiode gab es demgegenüber ganze sieben Ordnungsrufe und sieben Rügen. Ausgeschlossen wurde schon seit 1990 niemand mehr. Es ist ruhiger und sachlicher geworden in den deutschen Parlamenten. Auch Redner mit schwachen Stimmen können sich Gehör verschaffen. Das war nicht immer so.

Viele von meinen Lesern haben August Bebel gehört. Das war Strom, mehr Strom als Gedanke, hinreißender fabelhafter Strom. Sobald er lehrhaft werden wollte, wurde er alltäglich, da erhob sich die Klarheit seiner Beweisführungen oft nicht sehr über das, was durchschnittliche Genossen auch hervorbringen. Aber wenn der Geist über ihn kam, der Zorn, das Mitgefühl, die große Hoffnung, dann war es sozusagen fast gleichgültig was er sagte, dann war er ein Naturereignis wie der Ausfluss der Rohne aus dem Genfer See.

Dies schrieb der liberale Reichtagsabgeordnete Friedrich Naumann 1914 in seinem Ratgeber "Die Kunst der Rede" von 1914. August Bebel, einer der Gründerväter der Sozialdemokratie rühmte sich, schon als Kind ein auffallend lautes Organ gehabt zu haben. Das benötigte ein Politiker bis Ende der 20er Jahre auch, denn meist wurde ohne jede akustische Verstärkung gesprochen. Damit jemand wie Bebel, der regelmäßig zu Versammlungen von bis zu 5000 Menschen sprach, auch in den hinteren Reihen gehört wurde, musste er einen Ton anschlagen, den man heute nur als Brüllen bezeichnen würde.

Burckhardt: Sie haben viel lauter gesprochen, viel prononcierter gesprochen und sie haben zum Beispiel auch noch das "R" gerollt, größtenteils, obwohl das damals in der normalen Alltagssprache kaum üblich gewesen ist.

Der ganze Redestil, die Zäsuren nach fast jedem Satz, die durchgängig hohe Lautstärke sowie das starke, die Rede unterstreichende Gestikulieren dienten dazu, auch in den hinteren Zuhörerreihen verstanden zu werden. Dennoch kann man davon ausgehen, dass auf den zahllosen Massenveranstaltungen der 20er Jahre nur eine Minderheit überhaupt mitbekam, was der Sprecher sagte.

Meine Begrüßungsansprache zerflatterte im Wind. Sie wurde nur in der Nähe des Rednerpodiums verstanden.

Dies beklagte Hindenburg 1928, nachdem er auf dem 14. Deutschen Turnertag in Köln vor über 200.000 Turnern und weiteren 150.000 Zuschauern ohne technische Hilfsmittel zu sprechen versuchte.
Zu dieser Zeit gab es bereits Lautsprecheranlagen, zur Standardausrüstung bei Großveranstaltungen gehörten sie aber noch nicht. Hitler sprach noch 1927 im Münchner Zirkus Krone ohne Verstärkung. Ein Zuhörer notierte in sein Tagebuch:

Die Stimme ist nicht groß, nicht rein, wirkt rasch heiser; Hitlers deutsch, unverkennbar österreichischen Ursprungs, aber nicht wienerisch, sondern dem Hochdeutschen ähnlich, das die aus Deutsch-Böhmen stammenden Wiener Beamten sprechen. Eine, wie man in Österreich sagt, "knödlige Sprache". Dabei dennoch verständlich und selbst im Radius von 60 Metern vernehmbar.

Ein Wirkungskreis, der für den aufstrebenden Nationalsozialisten erheblich zu klein war. Es war eine ihrer letzten Großveranstaltungen ohne Lautsprecheranlage.

Es ist gewaltiger, so viel gewaltiger als jede andere Kundgebung im Sportpalast. Es ist so gewaltig, dass man es fast nicht mehr mit Worten wiedergeben kann.

So leitete ein Rundfunkkommentator am 20.Februar 1933 die Rede des neuen Reichskanzlers ein.

Deutsche Volksgenossen und Genossinnen. Am 30. Januar wurde die neue Regierung der nationalen Konzentration gebildet. Ich und damit die nationalsozialistische Bewegung traten in sie ein. Der erste Programmpunkt. Wir wollen nicht lügen und wollen nicht schwindeln. Ich habe deshalb es abgelehnt, jemals vor dieses Volk hinzutreten und billige Versprechungen abzugeben. JUBEL

Joseph Goebbels während einer Ansprache im Berliner Lustgarten, August 1934 (Bild: AP)
Joseph Goebbels während einer Ansprache im Berliner Lustgarten, August 1934 (Bild: AP)
Der Lautsprecher ist ein Instrument der Massenpropaganda, das man in seiner Wirksamkeit heute noch gar nicht abschätzen kann. Jedenfalls haben unsere Gegner nichts damit. Umso besser müssen wir lernen, damit umzugehen.


Dies notierte Goebbels am 10. Februar 1933 in sein Tagebuch. Die Nationalsozialisten lernten schnell den Umgang mit dem Lautsprecher. Nie zuvor hatte ein Redner solche Menschenmassen akustisch erreicht und in seinen Bann gezogen wie Hitler bei den Reichsparteitagen in Nürnberg. Und die Rhetorik Hitlers und der Nationalsozialisten wirkte so sehr, dass sie auch nach 1945 in manchen Reden noch nachklang.

Der Gewerkschafter Adolf Kummernuß auf einer Kundgebung 1947 in Hamburg:

Ich wollte, meine Freunde, die Bewohner der Ostzone könnten bei uns einmal offen schildern, wie es bei ihnen aussieht. Unsere Leute würden hören und sehen, dass der Druck, den der Nationalsozialismus durch Gestapo, durch Konzentrationslager ausgeübt hat, mäßig war gegenüber dem, was jetzt in der Ostzone geschieht.

Bundeskanzler Konrad Adenauer - er blieb fast immer zivil im Ton, selbst wenn er giftig wurde. Zwar konnte auch er laut werden, doch seine Reden hatten nie etwas Aufpeitschendes. Er sprach mit väterlichem Duktus und strahlte so die Gewissheit aus, dass die politische Vernunft auf seiner Seite liege. Im Übrigen nahm der rheinische Akzent viel von dem, was er sagte, die Schärfe. Adenauers großer Gegenspieler war der SPD-Chef Kurt Schumacher.

Das Wesen der Opposition ist der permanente Versuch, an konkreten Tatbeständen mit konkreten Vorschlägen der Regierung und ihren Parteien den positiven Gestaltungswillen der Opposition aufzuzwingen.

Schuhmacher redete noch wie einer, der ganze Hallen allein mit ihrer Stimme füllen musste. Die Schlüsselwörter seiner Ansprachen stieß er immer laut hervor - eine Technik, die auch Willy Brandt und Helmut Schmidt noch gelegentlich benutzten. Auf dem Höhepunkt seiner Reden verfiel er regelmäßig ins Schreien. Besonders wenn er, wie im November 1947 in Berlin, mit dem Kommunisten abrechnete.

Der Kommunismus als ein Prinzip der Neuordnung der Klassenverhältnisse existiert ja gar nicht mehr. Der Kommunismus ist ja heute das Prinzip des Expansionsdranges eines Nationalstaates JUBEL Und darum werden die Kommunisten ihre Aktion ja auch nicht einen internationalen oder deutschen Widerhall für ihre klassenkämpferischen Ideen finden, sondern sie werden stets nur die Abwehr gegen ein fremdes nationalpolitisches Prinzip bei uns finden. Und heute - und Sie, Herr Zwischenrufer, passen Sie auf - heute ist die Frage: Kommunist oder Sozialdemokrat die Frage: Russe oder Deutscher. Und wir sind für Deutschland JUBEL

Dieser Redestil war auch für einige Zeitgenossen Schumachers irritierend. Als er direkt nach Kriegsende vor englischen Studenten eine Rede über den friedlichen Neuaufbau Europas hielt, reagierten diese sehr erschrocken. Zu sehr fühlten sie sich an das Herumgebrülle der Nationalsozialisten erinnert.
Anders der damalige Bundespräsident - Theodor Heuß.

Bundespräsident Theodor Heuß bei seiner Vereidigung, 15.9.1949
Bundespräsident Theodor Heuß bei seiner Vereidigung, 15.9.1949
Die sehr freundlichen Begrüßungsworte des Herrn Präsidenten zu Beginn seiner Rede haben gemeint, dass diese Ausstellung ihre rechte Weihe erst durch meine Mitwirkung erhalte. Das ist, glaube ich, etwas zu hoch gegriffen. Trotz Wagner und trotz Beethoven, eine sakralische, eine kultische Veranstaltung ist das nicht.

Heuss bei der Eröffnung der ersten Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt am Main im April 1951. Heuss schrie nie, er plauderte.

Ulbricht: Welches Entwicklungsstadium haben wir im Jahr 1952 erreicht? 1. Die Arbeiterklasse hat im Staat die führende Rolle. Sie hat das Bündnis mit den Werktätigen Bauern geschaffen. Die Masse des werktätigen Volkes bejahen die DDR und arbeiten begeistert an der Durchführung der großen Aufgaben des Fünfjahrplanes. Zweitens. Die demokratische Staatsmacht wurde weiter gestärkt. Die Mitarbeiter des Staatsapparates werden immer besser.

Walter Ulbricht, ehemaliger Staatsratsvorsitzender der DDR (Bild: AP Archiv)
Walter Ulbricht, ehemaliger Staatsratsvorsitzender der DDR (Bild: AP Archiv)
Walter Ulbricht, der mächtigste Mann im zweiten deutschen Staat. Ulbrichts Reden waren eine einzige Litanei. In gleich bleibendem Ton wurde seine Rede Punkt für Punkt abgespult. Rhetorische Fähigkeiten waren unüberhörbar kein entscheidendes Kriterium für einen Aufstieg im Partei- und Staatsapparat der DDR. Professor Burckhardt:

Burkhardt: Auffällig ist, wenn man die DDR-Redner oder die offiziellen Hauptredner wie Ulbricht oder erst recht Honecker betrachtet, dann fällt auf, wie extrem schlechte und langweilige Redner die gerade gewesen sind. Wenn man um seine Mehrheiten nicht kämpfen muss, dann kann man sich auch langweilige Reden leisten.

Honecker kultivierte einen ähnlichen Redestil wie Ulbricht. Seine persönliche Note: Er nuschelte. Einzig seine Machtposition sorgte dafür, dass er im In- und Ausland gehört wurde.

Die zügellose Verleumdungskampagne, die derzeit international koordiniert gegen die Deutsche Demokratische Republik geführt wird, zielt darauf ab, Menschen zu verwirren und Zweifel in die Kraft und die Vorzüge des Sozialismus zu säen. Dies kann uns nur darin bestärken, auch in Zukunft alles zu tun, um ein friedliches europäisches Haus zu bauen.

Als Honecker dies anlässlich des 40. Jahrestages der DDR im Oktober 1989 erklärte, hörte ihm allerdings schon niemand mehr richtig zu. Auch Helmut Kohl, sein Gegenüber in der Bundesrepublik, galt nicht als gerade rhetorisches Talent, doch er wusste einen Ton anzuschlagen, der bei den Bürgern ankam.

Meine Damen und Herren, es ist unübersehbar, der Aufschwung hat begonnen. KLATSCHEN JOHLEN LACHEN

Als Kohl 1983 Kanzler wurde, war die Zeit des Schreiens im Bundestag endgültig vorbei. Mit Herbert Wehner schied der letzten Vertreter der alten Redekultur aus dem Parlament aus. Lautes Schreien ist inzwischen sogar eher verpönt. Es weckt den Verdacht weckt, dass der Redner durch Argumente nicht überzeugen kann. Wir lassen uns nicht mehr gerne anbrüllen, auch von Politikern nicht.


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