MerkMal
MerkMal
Montag bis Freitag • 16:15
15.9.2004
Denker der polnischen Avantgarde
Der Dramatiker und Maler "Witkacy"
Von Karl F. Gründler

Denkmal zum deutschen Überfall auf Polen in Gdansk (Bild: AP-Archiv)
Denkmal zum deutschen Überfall auf Polen in Gdansk (Bild: AP-Archiv)
Am 17. September 1939 marschierten sowjetische Truppen in Ostpolen ein, zweieinhalb Wochen nach dem deutschen Überfall im Westen des Landes. Der Maler und Schriftsteller Stanislaw Ignacy Witkiewicz hatte seit Jahren in seinen Romanen und Theaterstücken vor Diktatur und Massengesellschaft gewarnt. Das Ende der Freiheit mochte er nicht ertragen. Er nahm sich das Leben.

Andrzej Wirth: Also er war universaler Künstler, weil er schrieb Romane, er schrieb Stücke, er wollte auch Theater machen. ... Und er war ein Philosoph. Und er hat auch philosophische Texte geschrieben, sehr ambitionierte.

Janina Szarek: Ich denke Witkiewicz provozierte gerne, er wollte den Kleinbürger provozieren, er wollte ihn aus seiner Höhle rausholen durch Pseudoskandale. Er stellte sich gerne dar als Alkoholiker, Erotomane, Drogenabhängiger. Aber das war er nicht.

Stanislaw Ignacy Witkiewicz, geboren 1885, wächst in Zakopane, im vom Habsburger Reich okkupierten Süden Polens, auf. Sein Vater hat als Künstler und Autor die Architektur rund um Zakopane maßgeblich geprägt. Im Hause Witkiewicz dreht sich alles um die Kunst. Die Regisseurin und Theatergründerin Janina Szarek:

Janina Szarek: Auf einer Seite Vater ein Intellektueller, ein Künstler, auf der anderen Seite Mama eine Musikerin, also ein große Kunstwiege und ein Zuhause, wo die größten Künstler von damaligen Zeiten der Literatur, des Theaters sich oft getroffen haben.

Der Vater hält Stanislaw Ignacy von jeder Schule fern, um ihn vor Anpassung und Mittelmass zu bewahren. Er will ihn selbst und mit Hilfe von Hauslehrern zu einer freien Künstlerpersönlichkeit erziehen, wie es in zahlreichen Briefen an den Sohn dokumentiert ist.

Leb in der Zukunft. Bleib stets auf den Höhen stehen, von denen aus Du die weitesten Horizonte hast, und streck die Flügel deiner Gedanken und Taten aus, um über sie hinwegzufliegen.

Witkiewicz besteht extern das Abitur. Gegen den Willen seines Vaters besucht er zeitweise die Kunstakademie in Krakau, bildet sich auf Reisen durch Europa und bei Privatlehrern aus. Als seine Verlobte sich Anfang 1914 unter ungeklärten Umständen das Leben nimmt, hält es Witkiewicz nicht mehr in Europa. Er begleitet seinen Freund, den Anthropologen Bronislaw Malinowski auf einer Reise nach Australien. Die intensiven Farben und die fremde Lebensweise dort prägen seine Malerei und Philosophie. Im Herbst 1914 tritt Witkiewicz in Petersburg freiwillig einer Elite-Offiziersschule bei. Er sucht nach einer festen Struktur und einem klaren Ziel in seinem Leben.

Janina Szarek: Das war aus der heutigen Sicht ein richtiger Schritt, wenn man sein Biografie beobachtet, weil dieser übersensibler Künstler, der unter Glaskuppel in diesem elitären Zuhause verwöhnt aufgewachsen ist, erzogen wie ein kleiner Prinz, plötzlich in einer Armee sich befunden hat und als Offizier sich im Leben finden sollte das war eine riesige Lebensschule, eine riesige Konfrontation mit dem Leben.

Nach der harten Ausbildung wird er 1915 im ersten Gefecht verletzt und widmet sich anschließend in Petersburg intensiv der Malerei. Hier erlebt er hautnah das dekadente Offiziersleben in der Etappe und die russische Revolution. Der Theaterwissenschaftler Prof. Andrzej Wirth:

Er war ein Scharfseher ja und er hat mit seinen jungen Augen und ziemlich zentral in diesem Eliteregiment auf der rechten Seite, auf der zaristischen Seite, die Revolution gesehen und das war seine erste Lektion und von der eine große Skepsis geboren wurde der Revolution gegenüber auch.

Das Erlebnis der Revolution wird von nun an sein Denken prägen, seinen tiefen Pessimismus, seine Vision von der Herrschaft der Masse und dem Untergang des Individuums. Zurück im neu gegründeten Polen nennt er sich von nun an "Witkacy", um sich von seinem inzwischen verstorbenen Vater abzusetzen. Er arbeitet wie besessen: malt, zeichnet, fotografiert, veröffentlicht über Kunsttheorie und Philosophie und schreibt allein im Jahre 1920 zehn Theaterstücke. Auf der Suche nach der "Reinen Form" will er Inhalte zugunsten eines metaphysischen Erlebnisses für den Zuschauer aus seiner Kunst verbannen.

Ich glaube, dass die Kunst, ähnlich wie die Religion und die Metaphysik, eines der Mittel ist, der sich der Mensch seit Jahrhunderten bedient, um sich von der - täglichen - Existenzangst inner- und außerhalb seiner selbst zu befreien.

Extrem verzerrte Figuren, Tiere und Monster finden auf sich seinen Bildern in surrealen, starkfarbigen Kompositionen. Sie lösen Neugier, Befremden oder schroffe Ablehnung aus, aber kaum ein metaphysisches Erlebnis.

Gescheitert auf der Suche nach der "Reinen Form", erklärt Witkacy seine Malerei für beendet, um sie wegen chronischen Geldmangels als rein kommerzielle Porträtmalerei fortleben zu lassen. Den Kunden seiner "Porträtfirma" verpasst er ein strenges Reglement. Dort heißt es unter § 3:

Seitens des Kunden ist jegliche Kritik ausgeschlossen. Das Porträt braucht dem Kunden nicht zu gefallen, doch sieht sich die Firma außerstande, auch nur die kleinsten Bemerkungen ohne eigens hierfür erteilte Berechtigung zuzulassen.

Die Auftraggeber können unter realistischen, geschönten oder verzerrten, unter Drogeneinfluss gezeichneten Porträts auswählen. Akribisch werden die eingenommenen Mittel auf dem Bild notiert. Piotr Olszówka, Philosoph und Übersetzer:

Er hat die Drogen benutzt, aber immer kontrolliert, dass ist schon das Wichtigste, dass auf den Bildern diese Notizen erscheinen, was er da benutzt hat. Wobei es manchmal auch ein Glas Kaffee oder was auch immer auftaucht, oder eine Zigarette oder Peyotl oder Kokain, was auch immer. Aber er hat es nie benutzt in einer Kontinuität, in einer Abhängigkeit. Er war nie Morphinist z.B. was sehr vielen damals passierte.

Witkacy organisiert Happenings, provoziert Skandale, spielt den Bürgerschreck. Zahlreiche Fotos zeigen ihn mit Grimassen, Posen und in Verkleidungen. Doch unter seinem Spiel mit Maskeraden scheint eine große Unsicherheit zu lauern. Seine privaten Beziehungen verlaufen turbulent.

Janina Szarek: Witkacy als Mann, ich denke, er hatte große männliche Komplexe. Ich denke auch, er hatte auch in gewissem Sinne starke homosexuelle Schiene in sich. Es hat ihn lange Freundschaft mit dem großen Musiker, Szymanowski verbunden. Ja, er hatte viele Frauen in seinem Leben. Das war schon eine Legende. Aber ich denke er hat zu sich selbst als Mann eine große Distanz. Er behandelte sich mit Augenzwinkern als Mann. Entweder Künstler oder ein Mann, scherzte er.

Witkacy leidet vor allem unter der mangelnden Anerkennung in der Öffentlichkeit. Von seinen etwa 40 Theaterstücken, drastisch im Inhalt und destruktiv in der Form, kommen nur wenige auf eine professionelle Bühne. Schauspieler weigern sich aufzutreten, das Publikum zeigt Unverständnis. Ein Kritiker schreibt:

Das Stück von Witkiewicz ist ein totaler Unsinn, aus dem nie etwas werden kann. Eine unnatürliche Fehlgeburt, die in Alkohol gelegt und von Psychopathologen studiert werden sollte.

Vor allem sind es die abgründigen Visionen von Witkacy, die das Publikum nicht wahrnehmen, nicht wahrhaben will. In dem Stück "Gyuabal Wahazar" von 1921 geht es um eine futuristische Diktatur.

Janina Szarek: Er schreibt über Gesellschaft der Wissenschaftsepoche. Und der Diktator, der da erscheint ist dem späteren Hitler unheimlich ähnlich Also totale Diktatur, voller Totalitarismus, Experimente, biologische Experimente an den Menschen, Experimente, wissenschaftliche Experimente an den Menschen mit Hormonen, um einen neuen Menschen der Zukunft für die pragmatische Gesellschaft, Übermenschen zu schaffen.

Im Stück "Verrückte Lokomotive" kidnappen Terroristen einen Zug und lassen ihn aus purer Zerstörungslust verunglücken. Bei den "Schustern" warnt Witkacy vor den Wendehälsen und Mitläufern von Revolution und Diktatur. Im Roman "Unersättlichkeit" bedroht ein gewaltiges Chinesisches Heer Europa. Und Polen wird zur letzten Bastion einer dekadenten westlichen Welt.

1939 werden die düsteren Visionen von Witkacy Wirklichkeit. Nach dem deutschen Überfall auf Polen flüchtet er mit Freunden gen Osten. Als sowjetische Flugzeuge am Himmel auftauchen und das Schicksal Polens damit besiegelt ist, nimmt er eine Überdosis Schlaftabletten und schneidet sich die Halsschlagader auf. Er stirbt am 18. September 1939. Seine Freundin Czeslawa Korzeniowska überlebt ihren gleichzeitigen Suizidversuch und notiert im Tagebuch:

Als ich aufwachte, war es bereits Morgen. Er lag auf dem Rücken neben mir mit eingezogenen Beinen ... Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck der Erleichterung ... Wir waren beide feucht vom Morgennebel, herab gefallene Eicheln lagen auf uns. Ich versuchte ihn zu begraben, indem ich mit den Händen die Erde über ihm zusammenscharrte.

Im 2. Weltkrieg gehen die Hälfte seiner etwa 40 Stücke und zahllose Gemälde und Zeichnungen verloren. In den 60er Jahren wird er als Visionär der Freiheit und Vorläufer des absurden Theaters wieder entdeckt und weltweit aufgeführt. Durch sein Werk und durch seinen Tod ist Witkacy eng mit dem Schicksal und dem Trauma der polnischen Nation verbunden.

Piotr Olszówka: Für uns ist er eine Kultfigur genau dadurch, dass er so exzentrisch ist und auch ein Opfer dieser Zeit, dass er nicht aus der Haut konnte, obgleich er das versucht, obgleich er tatsächlich jede Grimasse bereit ist zu ziehen, endet er genauso wie jeder andere große Pole enden müsste, wenn er sich am 17. September zwischen den Nazis und den Bolschewiki gefunden hätte, egal ob er erschossen oder verschleppt oder Selbstmord ja. Also die Tragödie von Witkacy ist: es gibt keine Flucht.
-> MerkMal
-> weitere Beiträge