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17.9.2004
Freiheit, Verantwortung, Wahrheit
Zum 10. Todestag des Philosophen Karl Raimund Popper
Von Matthias Eckoldt

Karl Raimund Popper bei der Verleihung der Goethe-Medaille in Weimar, März 1992 (Bild: AP Archiv)
Karl Raimund Popper bei der Verleihung der Goethe-Medaille in Weimar, März 1992 (Bild: AP Archiv)
Er hat noch die Wende erlebt, hat Anfang der neunziger Jahre in den neuen Bundesländern Vorträge gehalten - der lange in England lebende und dort zu hohen Ehren gekommene Philosoph Karl Raimund Popper. Berühmt, über die Fachkreise hinaus, wurde er durch sein Buch "Die offene Gesellschaft". Vor zehn Jahren starb Karl Popper in London.

Popper: Es gibt einen Weg zur Philosophie, der sehr klar ist: Wir alle haben philosophische Vorurteile. Da gibt es eine lange Liste. Zum Beispiel: Narzistische Vorurteile oder Klassen-Vor-Urteile. Von welcher Klasse das jetzt kommt und ob es wirklich Klassen gibt, ist nicht notwendig, dass wir das besprechen, aber Klassenvorurteile gibt es selbstverständlich. Das Wichtige an der Philosophie ist, dass sie diese Vorurteile, die wir alle haben - und die größtenteils traditionelle Vorurteile sind, dass sie diese Vorurteile kritisiert, dass sie zeigt, wie abhängig wir von diesen Vorurteilen sind, ... und dass sie durch Kritik unsere populäre Philosophie, die wir alle unbewusst mit uns herumtragen, berichtigt.

Kritik ist das Schlüsselwort in der Philosophie von Sir Karl Popper, der in seinen zweiundneunzig Lebensjahren nicht müde wurde, darauf hinzuweisen, dass niemand die Wahrheit in der Tasche hat. Seine Wissenschaftstheorie, die zugleich eine Theorie der Erkenntnis ist, lässt sich mit dem Bonmot zusammenfassen: Wir wissen nicht, wir raten! Alles, was wir wissen, ist nur unter Vorbehalt gültig. Unter dem Vorbehalt der Widerlegung. Kritisches Denken ist für Popper somit eine Verpflichtung des Menschen, die erste ethischen Maxime.

Karl Raimund Popper erlebt seine Kindheit in Wien. Sein Vater arbeitete als Rechtsanwalt. Ein kritisch-intellektueller Freigeist, der seinem Sohn eine aufgeklärt-liberale Grundhaltung mitgab. In der umfangreichen Bibliothek begegnete er Platon, Bacon, Descartes, Spinoza und vor allem Kant. Seine Mutter führte ihn an die Musik heran, besonders an die Werke von Bach, Haydn, Mozart und Schubert, die Popper, wie er später schrieb, so wunderbar und übermenschlich erschienen.

Als Kind sah er Kaiser Franz-Josef, den Herrscher Österreich-Ungarns. Im Pomp und Glanz des Hofes erschien die Macht der K&K-Monarchie auf Dauer gestellt. An Poppers zwölftem Geburtstag wurde Serbien der Krieg erklärt. Und vier Jahre später gab es die Donau-Monarchie nicht mehr. Popper erfuhr zum ersten Mal, wie vorläufig alles sicher Geglaubte war.

Das aber bewahrte ihn nicht davor, den lehrreichsten Fehler seines Lebens zu begehen. Sein soziales Gewissen verleitete den 17-jährigen dazu, Kommunist zu werden. Ein paar Wochen nur sollte seine Liaison mit der Avantgarde des Proletariats dauern. Bis zu jenem 15. Juni 1919, den Popper im Nachhinein als den wichtigsten Tag in seinem Leben bezeichnete. Während einer Demonstration in der Wiener Hörlgasse versuchten junge Kommunisten, mehrere Arbeiter zu befreien, die in der Wiener Polizeidirektion arrestiert waren. Popper schrieb später:

Mehrere junge Arbeiter wurden erschossen. Ich war entsetzt und erschüttert über das Vorgehen der Polizei. Aber auch empört über mich selbst.

Popper: Unter dem Eindruck der Ereignisse in der Hörlgasse habe ich befunden, wie furchtbar es ist, eine Verantwortung für ... den Tod von jungen Menschen zu tragen. ... Und das hat mich dann über Jahre stark beeinflusst. Das brachte mich zur Marx-Kritik. Und da angeblich der Marxismus eine wissenschaftliche Gesellschafts- und Geschichtstheorie war, brachte sie mich dazu, Geschichte sorgfältiger zu studieren und vor allem Wissenschaftstheorie zu studieren. ... Worauf es in der Wissenschaft ankommt. Und ich habe gefunden, dass es in der Wissenschaft auf die Kritik ankommt und nicht auf das Dogma. Meine ganze Denkrichtung war dann von der Marx-Kritik beeinflusst.

Mit dem Marxismus sah Popper eine Theorie vor sich, die den Gang der Historie auf ihrer Seite wähnte. Der auf Ausbeutung beruhende Kapitalismus sollte von einer neuen, gerechten Gesellschaftsordnung abgelöst werden. Mit dem Sozialismus, und seiner Vervollkommnung, dem Kommunismus, würde ein Reich geschaffen werden, in dem es weder Widersprüche noch Ungerechtigkeiten gab. Der Weg in diese paradiesischen Zustände, so der Marxismus, führt über eine Revolution. Und je unruhiger die Verhältnisse sind, desto näher ist der finale revolutionäre Umsturz. Popper sah die Jugendlichen in der Hörlgasse mit dieser Ideologie in den Köpfen sterben. Er selbst hatte so gedacht und bezweifelte von diesem Tag an nachhaltig, dass irgendein Mensch dazu legitimiert ist, das Leben anderer Menschen durch unhaltbare Versprechungen aufs Spiel zu setzen.

Historistisches und utopisches Denken galten ihm von nun an schlicht als Aberglaube. Wer den Himmel auf Erden verspricht, war in seinen Augen schon dabei, die Hölle zu errichten. Poppers Alternative bestand im so genannten piecemeal social engineering - der Sozialtechnik der Einzelprobleme. Popper optierte gegen die großen Utopien für ein bescheidenes Trail-and-Error-Verfahren, ein Vorantasten, das ohne den Plan im großen Stil auskommt und jede Problemlösung nur unter Vorbehalt sieht. Zur Idee der Stückwerk-Technologie schreibt Popper im "Elend des Historismus":

Methoden, die sich bewusst als Stückwerk und Herumbasteln verstehen sind in Verbindung mit kritischer Analyse das beste Mittel zur Erlangung praktischer Resultate in den Sozial- wie in den Naturwissenschaften.

Karl Raimund Popper wollte gar nicht Philosoph werden. Er arbeitete seit Ende der zwanziger Jahre zusammen mit Josefine Anna Henninger, die er 1930 heiratete, als Hauptschullehrer für Mathematik, Chemie und Physik. Sein Ehrgeiz beschränkte sich darauf, die Schule zu reformieren, aber an eine Reform des gesamten philosophischen Gebäudes hatte er nie gedacht. Nur - Popper forschte mit Leidenschaft der Frage nach, wie überhaupt Wissen und Erkenntnis zustande kommt. Dass er seine Gedanken in Buchform brachte, ist dem Philosophen Herbert Feigl zu danken, der nach mehreren durchdiskutierten Nächten von Poppers philosophischem Talent überzeugt war und ihn fortan drängte, das Besprochene aufzuschreiben.

Popper richtet sich gegen die bis dahin weitgehend akzeptierte Meinung, dass die Quelle der Erkenntnis nur das in der Erfahrung Gegebene sein kann. Wissenschaftliche Aussagen, so die vorherrschende Meinung der so genannten Empiristen, werden dementsprechend durch Induktion, also durch den Weg vom Einzelfall zum Allgemeinen, gewonnen. Poppers Einspruch gegen diese Idee vom Erkenntnisweg konnte radikaler nicht sein. In seinem Buch "Logik der Forschung" findet sich geradezu eine Kriegserklärung, wenn Popper über das Induktionsproblem schreibt:

Die Lösung ist, dass es keine Induktion gibt, weil allgemeine Theorien nicht aus singulären Sätzen ableitbar sind.

Wie viele Beobachtungen man auch macht, wie viele Einzelfälle man auch auflisten mag, man kann doch auf diese Weise niemals die Wahrheit einer allgemeinen Gesetzesaussage sichern. Es ist logisch widersinnig, von eintausend Wiederholungsfällen auf den eintausendundersten zu schließen. All die weißen Schwäne, die einem zu Gesicht kommen, liefern keine Garantie dafür, dass es nicht doch einen schwarzen Schwan geben könnte. Popper schlägt vor, Naturgesetze als hypothetische Vermutungen anzusehen; mit der Möglichkeit, dass sie durch unsere Erfahrung widerlegt, falsifiziert, werden können. Das Geschäft der Wissenschaft besteht für Popper aus Vermutung und Widerlegung, weshalb er auch als Begründer des "kritischen Rationalismus" gilt.

Popper: Unsere Theorien ... sind im Allgemeinen nicht wirklich wahr oder der Welt angepasst, sondern fehlerhaft. Und ohne diese Fehlerhaftigkeit gäbe es auch keine Evolution. Und das ist die negative, die falsifikationistische Betonung. Der Unterschied zwischen der organischen Entwicklung bevor wir uns dieser Entwicklung bewusst sind und der organischen Entwicklung nachdem wir uns unserer eigenen Rolle und Entwicklung bewusst geworden sind, ist im Wesentlichen der, dass wir nach unseren Fehlern suchen können und daher die Folgen unserer Fehler teilweise wenigstens vermeiden können. Während die Tiere die Folgen ihrer Fehler nicht suchen können und sich ihrer Fehler nicht bewusst werden. Der Unterschied zwischen der Amöbe und Einstein ist im Wesentlichen, dass der Einstein nach seinen Fehlern sucht und versucht, die Fehler vorwegzunehmen und auszumerzen, bevor er noch seine Theorie veröffentlicht. ... Die Amöbe stirbt mit ihren Fehlern.

Aus dieser Perspektive heraus misstraut Popper allen Heilslehren, die sich systematisch gegen Fehler und Kritik immunisieren. Er optiert für die "Offene Gesellschaft", wie sie sich in westlichen Demokratien zeigt und stellt sich gegen deren Feinde, die er im Totalitarismus faschistischer und marxistischer Prägung sieht.

Im Wien des Jahres 1936 herrschte kein gesundes Klima mehr für einen Philosophen, der so dachte. Die Annexion Österreichs durch Hitler stand unmittelbar bevor. Popper wusste, dass er hier nicht bleiben konnte, doch er wusste auch nicht recht, wohin er gehen sollte. Da kam am Weihnachtsabend 1936 ein Telegramm aus Neuseeland. Die Canterbury University bot ihm eine Dozentur an. Popper sagte sofort zu und schiffte sich mit seiner Frau für eine fünfwöchige Seereise ein.

Poppers scharfe Opposition gegen den Marxismus, brachte ihm herbe Kritik der philosophischen Linken im Nachkriegsdeutschland ein. Im so genannten "Positivismusstreit" brandmarkte ihn die Frankfurter Schule unter Federführung von Adorno als konservativen Apologeten der verwalteten Welt. Doch nachdem die marxistischen Utopien ihren Offenbarungseid erklärt haben, schrumpft diese Kritik an Popper auf ihren Ausgangspunkt zusammen. Heute kann man in den Vorwürfen nur noch eine der vielen Verleumdungskampagnen der Frankfurter Schule entdecken, wie sie auch in den achtziger Jahren noch gegen den Systemtheoretiker Niklas Luhmann und in den neunziger Jahren gegen den Philosophen Peter Sloterdijk gestartet wurden.

Gerhardt: Dass man Popper als einen Konservativen bezeichnen kann, das ist der Erfolg einer Publizistik, die - auch wenn sie wissenschaftliche Hintergründe hat - vor Verunglimpfungen und Diffamierungen nicht zurückschreckt.

Volker Gerhardt ist Professor für Praktische Philosphie an der Humboldt-Universität Berlin.

Gerhardt: Ich sage das so deutlich, weil ich das im Nachhinein immer noch so empfinde. Es ist eben seine Hellhörigkeit, gegenüber Totalitarismen gewesen, die ihn in Gegensatz zur Frankfurter Schule gebracht hat. Und dort hat es eben zu jener Zeit immer noch ein Reservat des Heilgedankens gegeben, und man hat manches in eine missionarische Perspektive gestellt. Dagegen hat er sich zunächst nur kritisch geäußert, und es erschien dann offenbar einigen Frankfurtern opportun, ihre Theorie der Gesellschaft gegen das offene Denken Poppers verteidigen. Und dann wurde daraus ein ... rationalistisch halbierter Positivismus - so eine Formulierung von Jürgen Habermas. Und das ist ganz klar: Wenn sich eine Schule als fortschrittlich darstellt, dann kann der Gegner nur reaktionär sein. Und da hat es, wie ich meine, leider Karl R. Popper getroffen, der heute, auch wenn wir die Position von Jürgen Habermas nach vierzig Jahren beurteilen, doch ganz offenkundig derjenige ist, der die besseren Argumente hat und immerhin wohl auch Jürgen Habermas - ohne dass er es je zugegeben hätte - überzeugt hat.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging Popper mit seiner Frau nach London, wo er 1949 zum ordentlichen Professor für Logik und wissenschaftliche Methodenlehre berufen wurde. Popper lehrte dort bis zu seiner Emeritierung. Es war eine gute Zeit für ihn. Er bezeichnete sich selbst in diesen Jahren als den glücklichsten Philosophen, der ihm je begegnet ist. 1965 wird er aufgrund seiner Verdienste um die Philosophie und die Wissenschaften von der Königin Elizabeth der Zweiten in den Ritterstand erhoben. Nach seiner Emeritierung arbeitet er an einer Theorie des Geistes, die er 1977 in dem Buch "Das Ich und sein Gehirn" zusammen mit dem Neurologen und Nobelpreisträger John C. Eccles vorlegt. In einem Interview anlässlich seines 90. Geburtstages sagte er über sein glückliches Leben:

Sicher bin ich gesättigt in dem Sinn, dass ich bereit bin, jeden Moment abzutreten. Ich hab viel mehr als genug. Aber nicht in dem Sinn, dass ich übersättigt bin und die Welt nicht noch sehr, sehr schön empfinde, sondern in dem Sinn, dass ich das Gefühl habe: Ich habe mehr bekommen als mir gebührt.
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