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20.9.2004
Exil in Deutschland
Das Ende der französischen Vichy-Regierung 1944/45 in Sigmaringen
Von Peter Hölzle und Günter Liehr

Als Hitlerdeutschland 1940 Frankreich besiegte, fanden sich Kollaborateure, in die Südfrankreich ein Regime von Hitlers Gnaden installierten. Das Vichy-Regime ist bis heute berüchtigt, zumal Gerichtsverfahren dokumentiert haben, wie weit Angehörige des Vichy-Regimes auch bereitwillige Helfer bei der nationalsozialistischen Judenverfolgung waren. Vor 60 Jahren, im Sommer und Herbst 1944, wendete sich jedoch das Blatt: Die Alliierten eroberten Frankreich zurück, und die Vichy-Regierung musste fliehen. Sie tauchte aber nicht unter, sondern konstituierte sich in Sigmaringen, im Südwesten Deutschlands, als Regierung. Eine Farce und zugleich eines der merkwürdigsten Kapitel aus der Endzeit des Zweiten Weltkrieges.

Als am 17. September 1944 über dem Hauptportal des Sigmaringer Schlosses die Trikolore aufgezogen wurde, rieb sich mancher Bewohner der Kleinstadt an der Donau verwundert die Augen. Fast über Nacht war aus dem Hohenzoller'schen Residenzstädtchen eine französische Hauptstadt geworden. Der Vormarsch der Alliierten, der die deutsche Wehrmacht zum Rückzug aus Frankreich zwang, hatte die erstaunliche Aufwertung möglich gemacht. Die Regierung von Marschall Pétain, die nach der französischen Niederlage 1940 vom Badeort Vichy aus einen südfranzösischen Satellitenstaat von deutschen Gnaden verwaltet hatte, wurde auf 'Führerbefehl' holterdiepolter ins schwäbische Provinznest verlegt. Der heutige Schlossherr, Fürst Friedrich Wilhelm von Hohenzollern-Sigmaringen, erinnert sich an die Vertreibung seiner Familie aus ihrem Stammschloss:

Friedrich W.: Am nächsten Tag merkte ich aufmarschierende SS-Formationen, die eben links und rechts die Schlossauffahrt absperrten, meines Erachtens hatten sie Maschinengewehre. Und es fuhr der Talbot des Marschall Pétain, ein offenes Kabriolett, und es saß hinten der Marschall Pétain in Zivil mit einem Strohhut, und er verließ langsam das Auto. Und es waren für mich etwa fünfzig Meter, da konnte ich nicht den Gesichtsausdruck genauestens studieren, aber ich hatte das Gefühl gehabt, dass Pétain sehr traurig war, denn er war ja ein Gefangener von Hitler. - Kaum war der Marschall in dem Lifteingang verschwunden, als ... der Gestapomann hinter mir stand und sagte: 'Nun aber raus! Aber sofort!'

Kurz nach dem Einzug des Staatsoberhauptes von Vichy-Frankreich kam sein Tross: Regierungschef Laval, Minister, Staatssekretäre, Kabinettsdirektoren und hohe Militärs mit und ohne Anhang. Der Regierung folgte die Verwaltung, die in gehöriger Distanz im Prinzenbau drunten in der Stadt eingerichtet wurde. Hier wurden französische Kriegsgefangene und zwangsverpflichtete Arbeiter betreut. Hier befanden sich die Redaktionen der Regierungszeitung La France und des Regierungssenders Ici la France, die die Franzosen zum Widerstand gegen die Alliierten und Charles de Gaulle aufriefen. Hier waren Dienststellen der französischen Miliz untergebracht, der auch die Bewachung des für exterritorial erklärten Schlosses wie des Prinzenbaus anvertraut war.

Neben Regierung und Verwaltung kamen auch andere Kollaborateure: Künstler, Schauspieler, Schriftsteller, Journalisten und allerhand schöne Frauen, die in den engen Gassen Pariser Flair verströmten. Einer aus dieser Kolonie, der prominenteste unter den Kollaborationsliteraten, Louis-Ferdinand Céline, entwirft in seinem Roman Von einem Schloss zum andern ein realistisches Bild der Sigmaringer Scheinwelt:

... Sigmaringen? ... was für ein pittoresker Aufenthalt! ... als wäre man in einer Operette ... ein höchst gelungenes Bühnenbild ... alles im 'Bochebarockstil' und 'Weißes Rössl' ... man hört dabei schon das Orchester! ... und der größte Bluff: das Schloss! ...aus Stuck und Papiermaché! ... Für uns da, muss ich sagen, war die Gegend traurig ... Touristen waren wir zwar! aber spezielle ...zuviel Krätze gab's, zuwenig Brot und zuviel Royal Air Force obendrüber! ... und die Armee Leclerc ganz nah dran ... vorrückend ... und seine Senegalesen mit den Murcks-Messerchen ... für unsere Köpfe! ... Für uns da in den Dachkammern, Kellern, unter den Treppen, ausgehungert gab's keine Operette - ... . Ein Plateau von zum Tode Verurteilten ... 1142! ... ich wusste die Zahl ganz genau ... .

Flüchtlingselend mit Hunger, Kälte und Krankheit befrachtet und von Todesängsten durchwirkt, das ist Célines Kontrapunkt zur Märchenkulisse, die das deutsche Auswärtige Amt für sein Klein-Frankreich an der Donau bereitstellt. Und da zu einem Staatswesen, auch wenn es nur noch ein Schattendasein führt, diplomatische Vertretungen anderer Staaten gehören, wurden in Gasthöfen und Villen der Stadt Botschaften eingerichtet. Der Sigmaringer Staatsarchivar Otto H. Becker weiß welche:

Becker: Zu nennen ist die Japanische Botschaft unter Botschafter Mitami, eine Italienische Botschaft unter Konsul Longhini, der faschistischen Regierung von Salò am Gardasee. Und dann die Deutsche Botschaft, Botschaft Paris mit Sitz jetzt in Sigmaringen unter Botschafter Otto Abetz im Gebäude der Fürstlich Hohenzoller'schen Haus- und Domänenverwaltung in der Karlstraße 32.

Aber so fix die Institutionen, Instrumente und Symbole der neuen Scheinmacht auch etabliert waren, der 'König ohne Land und ohne Volk', sein widerspenstiger 'Majordomus' Laval und seine 'Paladine', die Minister Gabolde für Justiz, Bichelonne für Industrie und Bonnard für Erziehung wie die Staatssekretäre Marion für Propaganda und Mathé für Versorgung, dachten im Traum nicht daran, sie zu benutzen. Sie weigerten sich ganz einfach, die ihnen von Hitler zugedachte Statistenrolle im Operettenstaat 'Vichy an der Donau' zu spielen. Als 'schlafende', weil streikende Minister gingen sie in die Geschichte des französischen Staatsphantoms auf deutschem Boden ein. Für sie sprangen andere umso bereitwilliger in die Bresche. Unter Führung von Fernand de Brinon, vormals Generaldelegierter der Vichy-Regierung in Paris, bildeten diese 'aktiven' Minister eine Übergangsregierung, deren Zusammensetzung die Donau-Bodensee-Zeitung vom 3. Oktober 1944 wie folgt beschreibt:

Diesem 'Regierungsausschuss' gehören Arbeitsminister Marcel Déat als Delegierter für die nationale Solidarität und die Betreuung der französischen Arbeiter im Reich, der Staatssekretär des Innern und für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung Joseph Darnand als Delegierter für die Organisation der nationalen Kräfte der Miliz, der Freiwilligen-Legion gegen den Bolschewismus und der französischen Waffen-SS, der Staatssekretär für die Verteidigung General Bridoux als Delegierter für die Betreuung der Kriegsgefangenen und ihrer Hilfswerke und der Präsident der Pressekorporation Jean Luchaire als Delegierter für Information und Propaganda an.

Auch dieses 'Schattenkabinett', das unter dem hochtrabenden Namen Regierungskommission für die Verteidigung der nationalen Interessen firmierte, wurde im Sigmaringer Schloss untergebracht, 'regierte' aber weit weg vom 'schlafenden' Marschall und seinen 'schlafenden' Ministern, die jeden Kontakt mit den Aktiven der Regierungskommission mieden.

Damit war deren eigentliche Aufgabe, Marschall Pétain zur Anerkennung einer neuen Ultra-Kollaborationsregierung unter einem neuen Regierungschef zu bewegen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Der neue Mann, der die miteinander rivalisierenden Kollaborationsparteien einigen sollte, hieß Jacques Doriot, von dem der Konstanzer Historiker Arnulf Moser sagt:

Moser: Jacques Doriot gehört zu den schillerndsten politischen Figuren des 20. Jahrhunderts. Er hatte einen gewalttätigen, brutalen Charakter. Das Spektrum seiner politischen Aktivität reicht vom frühen Kommunismus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bis zur bedingungslosen Ergebenheit gegenüber dem Faschismus und Hitler in der letzten Kriegsphase.

Doriot, Gründer und Führer der faschistischen Französischen Volkspartei, war unter den französischen Parteigängern Hitlers sicherlich der entschiedenste und fanatischste. Nicht von ungefähr glaubte 'grand Jacques', wie ihn seine Anhänger ehrfurchtsvoll nannten, noch im Herbst und Winter 1944/45 an eine privilegierte Stellung Frankreichs in Hitlers Europa:

Doriot: Notre récompense suprême sera le jugement des générations qui nous suivent. Lorsque nos fils jugeront l'œuvre des batisseurs de la France et de l'Europe nouvelle, je voudrais qu' ils puissent dire avec fierté: 'Mon père il en était'.

Übersetzung: Unser höchster Lohn wird das Urteil der nachfolgenden Generationen sein. Wenn unsere Söhne das Werk der Erbauer des neuen Frankreich und des neuen Europa würdigen werden, hoffe ich, dass sie mit Stolz sagen können: 'Mein Vater ist dabei gewesen'.

Der Feuerkopf des französischen Faschismus hielt sich vom Kollaborationssammellager Sigmaringen fern, denn dort hätte er sich auf Koalitionen innerhalb der Regierungskommission von de Brinon einlassen müssen. Doriot wollte sein eigenes Schloss, und das bekam er auf der Insel Mainau. In Reichsaußenminister von Ribbentrop, dem Reichsführer SS Himmler und dem Gauleiter der Westmark Bürckel hatte er hochmögende Gönner. Und mit deren Hilfe konnte er schließlich sein Befreiungskomitee proklamieren, eine Art Sammlungsbewegung aller französischen Kollaborationsgruppen, der sich auch die Sigmaringer anschließen sollten. Der Konstanzer Historiker Arnulf Moser.

Moser: Der Tag seines Triumphes sollte der 22. Februar sein. An diesem Tag sollten die Anführer der Kollaborationsgruppierungen sich seinem 'Befreiungskomitee' anschließen, gewissermaßen eine Einheitsfront gegen de Gaulle und die Deutschen. Und dieser Tag, ausgerechnet dieser Tag seines persönlichen Triumphes endete in der Katastrophe, aber auch im für die Zeit eher banalen Tod durch ein feindliches Flugzeug.

Dem Tod aus heiterem Himmel durch einen Tiefflieger der Royal Air Force folgte - von feindlicher Lufthoheit erzwungen - ein Begräbnis bei Nacht und Nebel, das der Sigmaringer Staatsarchivar Otto H. Becker, so beschreibt:

Becker: Der Hoffnungsträger der Kollaboration wurde am Sonntag, dem 25. Februar 1945 auf dem Friedhof in Mengen beerdigt, und zwar in einem Zinnsarg, den der Sigmaringer Flaschner Flad angefertigt hat. Die Beerdigung Doriots war die letzte Manifestation der deutsch-französischen Kollaboration.

Zwischen dem Tod Doriots und dem Ende Vichys an der Donau liegen nur wenige Wochen. Anfang April begann der Auszug der Statisten aus dem Operettenstaat. Pétain wurde in der Nacht zum 21. April Richtung Süden, nach Konstanz gebracht. Mit seiner Abreise wurde die Trikolore über dem Hauptportal des Schlosses eingeholt. Keine 48 Stunden später, am Morgen des 22. April, wehte sie erneut über Schloss und Stadt. Truppen der Ersten französischen Armee des befreiten Frankreich hatten Sigmaringen kampflos eingenommen. Die meisten der entwischten Kollaborateure kamen nicht weit. Von den aktiven und passiven Regierungsmitgliedern entgingen nur zwei der Hinrichtung. Marschall Pétain, der Sieger von Verdun, wurde von Charles de Gaulle begnadigt und starb 1951 in der Verbannung auf der Insel Yeu. Arbeitsminister Déat tauchte in Italien unter und blieb bis zu seinem Tod 1955 unentdeckt. Alle anderen Kollaborationsminister wurden von ihren Sigmaringer Todesahnungen eingeholt.

Noch heute sind in den dunklen Gewölben des Sigmaringer Schlosses die Spuren der Kollaboration sichtbar.

Schlossführerin Daniela Krezdorn zeigt auf eine Inschrift an der Wand, die zwar eine unleserliche Stelle aufweist, ansonsten aber eine unmissverständliche Botschaft an die Nachwelt enthält:

La France vivra, car elle est éternelle. Vive Pétain, à mort ... sanglant de Gaulle - Frankreich wird leben, denn es währt ewig. Es lebe Pétain, Tod dem ... blutigen de Gaulle.

Es war eine kurze Ewigkeit: Knapp sieben Monate hatte der Spuk des Vichy-Regimes in Sigmaringen gedauert. Jüngere Franzosen wissen heute so gut wie nichts über die letzten Tage der französischen Kollaborateure an der Donau. Und die Älteren wollen oft nichts davon wissen. Die Schlossführerin Daniela Krezdorn, die sich doch so gut vorbereitet hat, um gerade den französischen Besuchern etwas Besonderes zu bieten, ist darüber ziemlich enttäuscht:

Krezdorn: Es kommen sehr viele Franzosen nach Sigmaringen, die sich im Schloss führen lassen möchten. Probleme haben wir vor allem mit den älteren Generationen, die bewusst vorher sagen, sie möchten nichts von der Vichy-Regierung hören und nicht die Räume sehen.
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