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24.9.2004
50.000 bedeutende Briten
Das neue Oxford Dictionary of National Biography

In dieser Woche ist in Großbritannien ein monumentales wissenschaftliches Werk vorgestellt worden: die Neuausgabe des Oxford Dictionary of National Biography. Dieses Lexikon enthält Kurzbiographien von über 50.000 Menschen, die in der britischen Geschichte eine Rolle gespielt haben - Helden und Könige ebenso wie Außenseiter und Schurken. Vor über 100 Jahren war die erste nationale Biographie erschienen, und der Vergleich beider Ausgaben lässt nicht zuletzt die gesellschaftlichen Veränderungen in dieser Zeit erkennen.

8. Januar 2004. Professor Brian Harrison drückt auf einen Knopf und wirft damit bei der Druckerei Butler und Tanner im westenglischen Frome eine KBA Rapida 162A an. Der Druck des umfangreichsten Nachschlagewerks in englischer Sprache hatte begonnen.

Wenige Monate später hatte die Druckerpresse ihre gewaltige Aufgabe erfüllt, und Herausgeber Brian Harrison hat jetzt sein Oxford Dictionary of National Biography der Öffentlichkeit vorgestellt: 60 Bände, gebunden in elegantem dunkelblauem Leinen.

Alphabetisch geordnet, von A bis Z, beginnend mit Aaron, Richard, einem 1901 geborenen und 1987 verstorbenen Philosophen. Und ganz zum Schluss: Zuylestein, William Henry van, 4. Earl of Rochford, Adliger und Diplomat des 18. Jahrhunderts. Der älteste Eintrag ist dem griechischen Astronomen, Geographen und Mathematiker Pytheas gewidmet, der im 4. Jahrhundert vor Christus als erster die Britischen Inseln beschrieb, und der jüngste einem wenig bekannten, aber trotzdem einflussreichen Anwalt namens Sir Isaac Hai Jacob, der am 26. Dezember 2000 starb.

Die Zahlen allein sind beachtlich: mehr als 60.000 Seiten enthalten die 60 Bände, fast vier Meter Bücherregal sind nötig, um die etwa 150 Kilogramm schweren Wälzer unterzubringen. 54. 922 Biographien, von 10.000 Autoren, die mehr als 62 Millionen Wörter schrieben. Ein solch gigantisches Unterfangen ist natürlich nicht gerade billig: 7500 Pfund kostet der Spaß, das entspricht etwa 11.000 Euro. Wer sein Exemplar allerdings vor dem 30. November bestellt, kommt in den Genuss eines Preisnachlasses von 1000 Pfund, also etwa 1500 Euro. Für einen jährlichen Beitrag von knapp 200 Pfund 300 Euro darf man sich in die Online-Version einloggen.

Der Vorgänger des neuen biographischen Lexikons, der einfach Dictionary of National Biography hieß, war ein Kind des ausgehenden 19. Jahrhunderts - das Geistesprodukt eines viktorianischen Verlegers namens George Smith, wie der gegenwärtige Verleger Robert Faber von der Oxford University Press erläutert:

Smith verlegte eine Reihe der großen englischen Romanciers des 19. Jahrhunderts wie Thackerey und die Bronte-Schwestern. Gleichzeitig hatte er viel Geld verdient mit dem Import von Apollinaris-Mineralwasser aus Deutschland.

Mit diesem Geld wollte Smith also ein biographisches Universallexikon herausgeben, wurde jedoch dazu überredet, sich auf das Vereinigte Königreich und seine Kolonien zu beschränken. Der Mann, der ihn überzeugte, war Sir Lesley Stephen, Historiker, Literat und Vater von Virginia Woolfe. Ihm vertraute Smith das Unternehmen als Herausgeber an. Sein heutiger Nachfolger ist der Historiker Professor Brian Harrison:

Leslie Stephen war weltoffen und tolerant ein spätviktorianischer Liberaler. Ebenso offen und liberal war seine Einstellung dazu, wer in das Lexikon aufgenommen werden sollte. Er nahm also nicht nur respektierliche Personen auf. Sein Lexikon war kein hochkarätiger "Who is who", sondern der ehrliche Versuch, ein umfassendes Bild der britischen Gesellschaft vorzustellen.

Da waren also nicht nur Könige und Feldherren, Kirchenfürsten und Adlige, sondern auch der eine oder andere Kriminelle wie Edward Teach, der als gefürchteter Pirat "Schwarzbart" im 18. Jahrhundert die Gewässer vor der amerikanischen Ostküste unsicher machte. Da war ein gewisser John Nichols Tom, der als "Hochstapler und Irrer" bezeichnet wird. Und John Boniot de Mainauduc, ein gebildeter Arzt, der aber dann zu einem, wie es heißt, "charismatischen Scharlatan" wurde. Ein Artikel ist auch Daniel Lambert gewidmet, der bei seinem Tod 1809 sage und schreibe 336 Kilogramm wog - der beleibteste Engländer seiner Zeit. Fairerweise wird zugegeben, dass der Amerikaner George Meredith mit 447 Kilo damals noch schwerer war.

Auch politisch ließ sich Stephen nicht hineinreden. "Eine Aufgabe wie die meine braucht einen Autokraten", schrieb er. Also nahm er etwa auch irische Freiheitskämpfer auf, die im 19. Jahrhundert das Ende der britischen Herrschaft mit Gewalt erzwingen wollten.

Der erste Band erschien an Weihnachten 1884, neun Jahre nach dem deutschen Äquivalent, der Allgemeinen Deutschen Biografie von Liliencron und Wegele. Es folgten jährlich vier Bände, bis die Ausgabe im Jahre 1900 mit Band 63 beendet war. Danach kam alle zehn Jahre ein Ergänzungsband heraus, bis der Verlag Oxford University Press, der das Unternehmen 1917 übernommen hatte, beschloss, eine Neuausgabe in Angriff zu nehmen. Robert Faber:

Ein großer Teil der originalen Artikel war veraltet. Nicht nur was die Fakten angeht. Vieles war einfach falsch oder unvollständig, auch die Interpretation. Unser heutiges Verständnis etwa von Oliver Cromwell, Königin Elisabeth der Ersten oder Shakespeare ist ganz anders als das des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Darüber hinaus musste auch die sich ständig verändernde Forschungslage der letzten 100 Jahre reflektiert werden.

Die Arbeit an der Neuausgabe begann 1992, und der erste Herausgeber, der Historiker Professor Colin Matthew, traf zwei wichtige Entscheidungen: zum ersten würde das Lexikon nicht, wie sein Vorgänger, nach und nach erscheinen, sondern auf einen Schlag. Zwölf Jahre gab er sich und seinem aus 40 Redakteuren und Hilfspersonal bestehenden Team für die Arbeit. Und zweitens würde es alle 38.607 Biografien der Originalausgabe übernehmen, keiner der Dargestellten wurde als zu obskur oder uninteressant empfunden. Die Artikel würden redigiert, um - und, wenn nötig, neu geschrieben und wissenschaftlich auf den neuesten Stand gebracht werden.

10.000 Autoren machten sich an die Arbeit, die Originalausgabe war das Werk von nur 631 fleißigen Biographen gewesen, 100 von ihnen verfassten 75 Prozent der Artikel. Verglichen damit ist heute jeder Verfasser sozusagen "der" Experte oder "die" Expertin für ein bestimmtes Thema.

Trotz ähnlicher Ziele unterscheiden sich die beiden Ausgaben natürlich politisch. Die Arbeiterbewegung ist heute sehr viel stärker vertreten, ebenso mehr Gegner des britischen Empire, von Nehru bis Jomo Kenyatta.
Die Emanzipation der Frau hat sich ebenfalls niedergeschlagen. Brian Harrison:

Sie hatte ihre Auswirkungen darauf, wie wir Frauen darstellen. Nicht nur haben wir sehr viel mehr als zuvor. Die Zahl stieg von drei auf zehn Prozent, sondern wir positionieren sie auch in Artikeln über Männer ganz anders als früher. Im alten Lexikon wurde die Ehefrau am Ende kurz erwähnt, als "unter ferner liefen". Heute taucht sie dort auf, wo sie chronologisch hingehört. Und wir sagen auch nicht mehr: "ein Mann hatte ein Kind von ihr", sondern: "sie hatten ein Kind zusammen."

Und ja: auch eine Reihe von Deutschen enthält das Lexikon, die einen Beitrag zum Leben in Großbritannien leisteten, von Georg Friedrich Händel bis zu Sigmund Freud, von Karl Marx bis zum Komponisten Berthold Goldschmidt.
Auf noch etwas legt der Herausgeber Wert:

Die britische Gesellschaft hat sich verändert, die alle zehn Jahre erschienenen Ergänzungsbände änderten sich mit ihr, und wir setzen die Tradition fort. Wir sind sehr viel offener, was das Privatleben von dargestellten Personen angeht, als im 19. Jahrhundert. Homosexualität oder Alkoholkonsum sind also kein Grund, jemanden nicht aufzunehmen.

Also auch keine schamhaften Umschreibungen mehr wie "Er blieb unverheiratet", wie im Fall des schwulen Autors und Kritikers Lytton Strachey, oder "Er bevorzugte den Umgang mit Männern" wie bei TE Lawrence, Lawrence of Arabia. Und dass Premierminister Lloyd George eine Geliebte hatte, wird auch nicht mehr unter den Tisch gekehrt.

Neu ist auch, dass das Lexikon auch Illustrationen enthält. 10.000 Gemälde, Plastiken, Grafiken und Fotos, wo immer sich ein Porträt finden ließ. Und natürlich die Online-Version - die Zukunft des Lexikons. Denn an Ergänzungsbände oder gar eine weitere gebundene Ausgabe ist nicht gedacht - das Oxford Dictionary of National Biography wird nur noch im Internet weiter geschrieben.

Colin Matthew, der 1992 mit der Neuausgabe begonnen hatte, starb 1999 überraschend an Herzversagen. Er war 58. Sein Nachfolger Brian Harrison setzte ihm ein angemessenes Denkmal. Er nahm ihn in das Lexikon auf. Er hat die Ehrung wahrlich verdient, denn sein Zeitplan wurde eingehalten, das Lexikon termingerecht vorgelegt. Eine wirklich beachtliche Leistung, verglichen etwa mit Schwedens biographischem Lexikon. Dessen erster Band erschien 1917, vollendet wird es, so hofft man jedenfalls, im Jahr 2015.

25 Millionen Pfund, über 36 Millionen Euro, kostete das Oxford Dictionary of National Biography. Nur knapp drei Millionen Pfund - also 4,5 Millionen Euro - kamen von der Öffentlichen Hand, der Löwenanteil vom Verlag Oxford University Press. Schon die Verantwortlichen für das erste Lexikon waren stolz darauf, dass ihr Unternehmen nicht, wie die meisten kontinentalen Lexika, vom Staat finanziert wurde. Brian Harrison zitiert aus dem Vorwort des Jahres 1900:

Ähnliche Werke in anderen Ländern wurden mit Geldern von staatlich geförderten Literaturakademien oder direkt von den Finanzministerien finanziert. Es entspricht ganz dem selbstbewussten Temperament der Briten, dass dieses Lexikon das Resultat der Bemühungen der Privatwirtschaft und privater Bürger ist.

Die Privatwirtschaft, sprich der Verlag Oxford University Press, wird mit dem Lexikon aber keinen Profit machen. Das Oxford Dictionary of National Biography ist, wie schon sein Vorgänger, ein Verlustgeschäft. Daran ändert auch nichts der hohe Preis. Nationales und internationales Ansehen und Dankbarkeit der Nutzer ist alles, was der Verlag ernten wird.
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