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22.9.2004
"Bim und Bam"
Die Glocken und ihre Namen
Von Richard Schroetter

Die Gloriosa, die größte, frei schwingende mittelalterliche Glocke der Welt, schwebt über den Dächern von Erfurt am Donnerstag, 9. September 2004. Sie wurde nach einer Restaurierung wieder in den Dom von Erfurt gebracht. (Bild: AP-Archiv)
Die Gloriosa, die größte, frei schwingende mittelalterliche Glocke der Welt, schwebt über den Dächern von Erfurt am Donnerstag, 9. September 2004. Sie wurde nach einer Restaurierung wieder in den Dom von Erfurt gebracht. (Bild: AP-Archiv)
Sie können ergreifen, sie können zum Innehalten bewegen - wenn wir Glocken hö-ren, und wir denken dabei doch eigentliche immer an Kirchenglocken - meinen wir eine Botschaft aus anderer Zeit zu hören. Im Laufe der Geschichte hatten sie viele Funktionen. Und auch heute beschäftigen sie die Wissenschaftler: bis zum 27. Sep-tember finden in Karlsruhe die Europäischen Glockentage statt. Dort steht die Glocke im Mittelpunkt.

Was für ein Morgen!
Paris wird geweckt
Von den Glocken Notre Dames
Die Wäscherin wäscht,
Und der Bäcker, der bäckt
Zu den Glocken Notre Dames
Zu den Großen,
Die dröhnen wie Donner,
Zu den Kleinen,
Den Bims oder Bams
Das pochende Herz
Dieser Stadt ist aus Erz
Wie der Klang
Der Glocken Notre Dames


So werden die Zuschauer des weltweit erfolgreichen Musicals Der Glöckner von Notre Dame in die mittelalterlichen Geheimnisse der Stadt Paris eingeführt. Im Zentrum des Stückes, nach dem Roman von Victor Hugo, steht der Glöckner von Notre Dame, Quasimodo, "einäugig, bucklig, hinkend und taub".

Quasimodo hat sich in dem Turm eingenistet, wo er unter dem Schutz der Glocken lebt. Eine von ihnen liebt er ganz besonders:

Diese große Glocke hieß Marie. Sie hing im südlichen Turm, allein mit ihrer Schwester Jacqueline, einer kleineren Glocke, die in einem engeren Käfig neben der Schwester hauste.

Diese Jacqueline, so erfahren wir weiter,

trug ihren Namen nach der Frau des Herrn von Montagu, der sie der Kirche geschenkt hatte und trotz dieser Guttat dem Schicksal verfiel, auf dem Montfaucon um einen Kopf kürzer gemacht zu werden.

Zu Quasimodos Zeiten, im hohen Mittelalter, war das Läuten der Glocken was für uns die TV-Nachrichten sind - für die tagtägliche Orientierung einfach unverzichtbar. Jahrhunderte lauschte man gebannt in der Stadt und auf dem Land ihren Schlägen hinterher. Die Glocken, meint der Glockenspieler und Musikwissenschaftler Jeffrey Bossin.

Jeffrey Bossin: Die riefen die Leute zum Gottesdienst, die Ratsversammlungen wurden dann angekündigt, Sturm, Feuer, und auch den Anmarsch von feindlichen Heeren wurden mit Glockenschlägen kundgetan. Die allerwichtigste Funktion war die Zeitangabe, weil die Leute keine Uhren hatten, aber die mussten pünktlich zur Arbeit, mussten wissen, wann die Stadttore geschlossen werden.

Glocken künden Krieg und Frieden an, sie schlagen zu hohen Festen und ganz gewöhnlichen Zeremonien. Sie bimmeln bei Parlamentsdebatten und Kunstauktionen. Auch Computer und Handy hat man mit Glockentönen ausgestattet. Doch vor allem schlugen und schlagen sie im Namen Gottes.

AD MAIOREM DEI GLORIAM

"Zum größeren Ruhme Gottes" stand auf einer der frühesten Kirchenglocken eingraviert. Der Schall der Glocken erinnert die Gläubigen an die Größe Gottes und ihre eigene Nichtigkeit, daran, dass es noch höhere Mächte gibt. Bei Friedrich Schiller heißt es deswegen:

Nur ewigen und ernsten Dingen
Sei ihr metallner Mund geweiht,
Und stündlich mit den schnellen Schwingen
Berührt im Fluge sie die Zeit;
Dem Schicksal leihe sie die Zunge,
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
So lehre sie, dass nichts bestehet,
Dass alles Irdische verhallt.


Glocken gibt es seit cirka vier Jahrtausenden - und wahrscheinlich noch viel länger. Ihre Vorgänger waren Rasseln, Schellen, Tier- und Schlittenglöckchen.

Hannibals Leitelefant ließ mit seinem Glockengebimmel die römischen Truppen erzittern, die sich damals für unbesiegbar hielten.

Die frühen Metallglöckchen waren klein, oft nicht größer als ein Fingerhut. Ägyptische Priester, Tempeltänzerinnen und Sklaven trugen sie an den Fußgelenken, den Griechen und Römern dienten sie häufig als Schmuck.

Die Glocken kommen ursprünglich aus Asien. Bereits etwa 250 Jahre vor Christus gab es in China den Bronzeguss. Diese frühen Glocken sahen wie ein Bienenkorb aus. Im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich ihre Gestalt allmählich in die uns bekannte Zuckerhutform.

Über die Wege der Völkerwanderungen, so der Glockenhistoriker Albert Schmidt, kamen die Glocken nach Westeuropa zu uns.

Albert Schmidt: Das Christentum stand den Glocken zunächst ablehnend gegenüber, da sie durch den kultischen Gebrauch im heidnischen Raum vorbelastet waren. Nach und nach kam es jedoch auch im Christentum zu einem gottesdienstlichen Gebrauch von Glocken, weil die Christen auch in ihrem Alltag Glocken verwendeten.

Die Geschichte unserer heutigen Kirchenglocken reicht zurück ins 5. Jahrhundert. Benediktinermönche haben damals die ersten Glocken für Kirchen gegossen.

Ihre Verbreitung durch die Mönche erfolgte sehr rasch. Nachdem zunächst nur kleinere Exemplare gefertigt wurden, goss man bald größere. Nicht nur laut und durchdringend sollten sie erschallen, sondern auch im Namen Gottes schön - wohltuend für die Ohren klingen. So entstand das schwierige Kunsthandwerk des Glockengießers, wie wir es noch heute kennen.

Walafried Strabo, seit 842 Abt des Klosters auf der Insel Reichenau, unterschied als erster zwischen gegossenen und geschmiedeten Glocken.

Die ältesten Kirchenglocken gehen auf das 7. Jahrhundert zurück, z.B. die Gallusglocke in der Domsakristei zu St. Gallen. Diese Glocken waren noch aus Eisenblech und mit Kupfernägeln zusammengenietet.

Das lateinische Wort Gallus, Hahn, erinnert dabei an die Wetterglocken. Mit kräftigem Kirchenläuten von extra dazu geweihten Glocken glaubte man im Mittelalter die gefürchteten Gewitterdämonen vertreiben zu können.

"fulgur arcens et daemones malignos"

Blitz und böse Dämonen abwehren.

steht auf der Gloriosa des Erfurter Domes, der "Königin aller Glocken", die 1497 in der Werkstatt von Gert Wou gegossen wurde. Und auf der nicht ganz so berühmten Schillerglocke in Schaffhausen ist zu lesen:

"fulgura frango" - "Die Blitze breche ich".

Auch die Glocke von Schöppingen im Münsterland von 1517 ist von ihrer Kraft und Herrlichkeit überzeugt:

Salvator (Erlöser) ist mein Name. Mein Geläut sei Gott wohlgefallen. Die Lebenden rufe ich. Die Toten beklage ich. Hagel und Donner vertreibe ich.

Oft erhielten die Glocken ihre Namen nach dem Anlass oder ihren Stiftern. Noch öfters nach ihren Funktionen. Wie die mittelalterliche Gesellschaft, so sind auch die Glocken gewichtsmäßig in Klassen unterteilt. Von den 16 Glocken des Freiburger Münsters wiegt die leichteste, das Magnifikatglöcklein, auf den Ton D gestimmt, 80 kg. Die Schutzengelglocke in A wiegt 150 kg, während die dunkel tönende "Hosanna" aus dem Jahre 1258, eine der ältesten Angelus-Glocken Deutschlands 5000 kg auf die Waage bringt. Die Christusglocke in G jedoch überragt alle mit ihren gewaltigen 7 Tonnen.

Auch die Glocken der wiedererbauten Dresdener Frauenkirche tragen symbolische Namen und Inschriften, Botschaften also. Die eintausendsiebenhundertundfünfzig Kilogramm schwere Friedensglocke ist dem Propheten "Jesaja" gewidmet. Sie trägt auf dem Glockenmantel den Bibelspruch

Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen.

Das war bekanntlich das Motto der DDR-Friedensbewegung, die sich vor der ehemaligen Ruine der Frauenkirche versammelte.

Glocken läuten nicht nur aus kultischen, sondern auch zu profanen Zwecken wie schon ihre Namen verraten.

So rief die Ratsglocke den Magistrat zu Sitzungen, die Zinsglocke zeigte den Termin für die Steuerzahlung an und die Bierglocke den Beginn des Ausschanks. Die Armesünderglocke begleitete den Delinquenten zur Hinrichtung, und die Sturmglocke erklang, wenn ein Unwetter oder eine Feuerbrunst drohte oder wenn ein Feind heranrückte. Der Tod eines Menschen wurde den Menschen durch die Sterbeglocke angezeigt.

Im alten China ging man noch weiter und setzte den dröhnenden Hammerschlag als Foltermittel ein: Die Henker schlugen auf eine Glocke, bis der Tod des Verurteilten eintrat.

Von vielen Glocken sind heute nur noch die Namen erhalten.

Immer wieder fielen im Laufe der Geschichte Glocken militärischen Zwecken zum Opfer. Hauptsächlich wurden sie zu Kanonen umgeschmiedet. Über 65.000 wurden im 1. Weltkrieg vernichtet. Nur etwa 250 davon konnten gerettet und ihren Heimatgemeinden zurückerstattet werden. Ca. 21.000 Tonnen Glockenbronze wanderten so in die Rüstungsindustrie.
Im 2. Weltkrieg legte man etwas strengere Maßstäbe an:

Jeffrey Bossin: ...das war halt so, dass auch im 2. Weltkrieg viele Glocken beschlagnahmt wurden, aber die Glocken unterteilt in verschiedene Klassen, je nach dem Alter, und die historischen Glocken, die alten, die wertvollen, die wurden dann nicht abgeholt, die haben dann mit den Glocken des 20. Jahrhunderts angefangen, aber die älteren Glocken haben die in dem Turm gelassen. Die wurden als Kunstdenkmäler eingestuft, sogar in Belgien haben die gesagt, dass wenn ein Carillon bespielt wird, dann wurden die Glocken auch nicht abgeholt. Und es gab dann irgendwelche schlaue Belgier, die haben dann irgendwelche Grammophonaufnahen in den Turm geschleppt, haben dann die über Lautsprecher erklingen lassen und zwar da, wo es kein Carillon gab, sondern nur Läuteglocken und haben ein Carillon vorgetäuscht und ihre Läuteglocken gerettet.

Die Carillons, die Glockenspiele, weil historisch für wertvoller befunden, blieben deswegen häufiger verschont.

Und immer wieder läuten die Glocken neue Rekorde. 1998 wurde die größte Glocke der Welt, die Millenniumsglocke in Frankreich eingeweiht. Mit über 33 Tonnen Gewicht überwiegt sie die "Deutsche Glocke" im Kölner Dom um 8 Tonnen. Ihr Läuten ist noch in 40 km Entfernung zu hören. Im 18. Jahrhundert wollte man noch höher hinaus:

Die größte Glocke der Welt ist die "Zar Kolokol" in Moskau - der Glockenkaiser. Sie wurde 1736 geschafften, Durchmesser 6,10 Meter, Gewicht 200 Tonnen, wurde 1734 gefertigt.

heißt es in einem Moskauführer. Doch "Zar Kolokol" hat nie geläutet, da sie beim Aufhängen abstürzte. Doch solche technischen Pannen haben die Glocken nicht aus dem Verkehr gezogen, wie der berühmte französische Kulturwissenschaftler Alain Corbain meint. Man könnte sie höher und höher hängen und ihr Klangvolumen noch vergrößern, man würde sie heute trotzdem überhören.

Alain Corbain: "Die Dampfmaschine und ihr Keuchen, das Aufkommen des Explosions- und des Elektromotors, vor allem jedoch die Sirene und die neuen Signalmethoden haben der Glocke nach und nach das Siegel der Modernität genommen, das sie anfangs auszeichnete.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat der Verstärker dem Glockenschwung das Monopol der Feierlichkeit streitig gemacht. Die Funktion der Ehrerbietung ist allmählich vergessen worden. Das mögliche Bündnis des Volkes mit der Elite in der gemeinsamen Wertschätzung der Glocke und ihrer Klanggewalt interessiert nicht mehr; sie bleibt zugunsten anderer Übereinstimmungen unbeachtet. Es wäre unter diesem Blickwinkel interessant, über die Funktion der Massierung einfacher Rhythmen nachzudenken, die heute zu Ehren kommen: die harten Rhythmen des Rock, die schwerfälligen Stakkati der Country music. "


Apropos Stakkati: wie heißt es so schön in Morgensterns Galgenliedern über das läutselige BIM, BAM, BUM?

Ein Glockenton fliegt durch die Nacht,
als hätt er Vögelflügel;
er fliegt in römischer Kirchentracht
wohl über Tal und Hügel.

Er sucht die Glockentönin BIM,
die ihm vorausgeflogen;
d.h., die Sache ist sehr schlimm,
sie hat ihn nämlich betrogen.

"komm," so ruft er,"komm, dein BAM
erwartet dich voll Schmerzen.
Komm wieder, BIM, geliebtes Lamm,
dein Bamm liebt dich von Herzen!"

Doch BIM, dass ihrs nur alle wißt,
hat sich dem BUM ergeben;
der ist zwar auch ein guter Christ,
allein das ist es eben.

Der BAM fliegt weiter durch die Nacht
wohl über Wald und Lichtung.
Doch, ach, er fliegt umsonst! Das macht,
er fliegt in falscher Richtung.

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