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27.9.2004
Mitten in Deutschland
Die Geschichte Thüringens
Von Susanne Arlt

Die Wartburg (Bild: AP Archiv)
Die Wartburg (Bild: AP Archiv)
Guckt man auf die Landkarte, liegt der Freistaat Thüringen im Herzen Deutschlands. Es ist ein sehr schönes Herz. Der Thüringer Wald, 130 Kilometer lang und 35 Kilometer breit, versorgt es mit Sauerstoff, und die Klassikerstadt Weimar beseelt es noch heute mit ihrem kulturellen Erbe. In keinem deutschen Land gibt es mehr Burgen, selbst das Rheinland muss hier passen. Jede Stadt, fast jedes Dorf hat ein Schloss, eine Burg oder zumindest eine Ruine, auf die man stolz ist.

Umfrage: Ja Thüringen, wo ist Thüringen? Thüringen ist für mich erste Mal mein Heimatort, das wäre Erfurt. Und dann weiter der Thüringer Wald und was noch so drum herum ist. Thüringen entstand mit der Weimarer Republik 1919 aus damals acht Staatsgebieten, und deshalb hat das heutige Thüringer Wappen weiß rot, in der Mitte der Ludowinger Löwe, acht Sterne.

Die Urväter der Thüringer sind die germanischen Toringi. Woher ihr Name stammt, ist unklar, aber dafür gibt es im Freistaat die Legenden: Als der römische Geschichtsschreiber Tacitus das Gebiet besuchte, gab er der Bevölkerung den Beinamen die "Söhne Thors". Das entsprach nämlich ihrem germanischen Glauben. Das Land bezeichnete er als "Thoringia". Gegen Ende des vierten Jahrhunderts erstreckte sich ihr Königreich vom Harz bis zum Thüringer Wald.

Umfrage: Wo ist Thüringen? Für mich ist Thüringen da, wo es die Thüringer Klöße gibt, der Thüringer Wald ist, Weimar und die Sehenswürdigkeiten von Thüringen. Die Wartburg gehört dazu und der Kyffhäuser.

Hundert Jahre wuchs Thüringen in die Breite von der Altmark bis zum Main und zur Donau. Doch schon 531 war es vorbei mit der stattlichen Größe und Thoringia wurde von den Sachsen und Franken unter Theoderich erobert und aufgeteilt. Teilung, ein Wort das Thüringen noch prägen sollte. Der nördliche Teil kam unter sächsische, der größere südliche unter fränkische Herrschaft. Fast 1400 Jahre lang gab es kein Thüringen mehr. Die Zersplitterung erreichte 1485 bei den Wettinern ein solches Ausmaß, dass diese Region später Inbegriff deutscher Kleinstaaterei wurde. Prinz Michael von Sachsen-Weimar-Eisenach:

Prinz Michael von Sachsen-Weimar-Eisenach: Albert und Ernst, Ernst war der ältere, Albert war der jüngere, und Ernst wollte die Teilung, idiotischerweise würde man heute sagen. Und es war damals üblich, derjenige, der teilen wollte, einen Teilungsvorschlag machte und der andere durfte wählen. Eigentlich eine sehr kluge Einrichtung so dass es nie Streit geben konnte. So und nun wählte Albert den sächsischen Teil und Ernst den thüringischen Teil. Während im sächsischen Teil die Primogenitur, wurde diese Primogenitur bei uns erst Anfang des 18. Jahrhunderts durch Ernst August eingeführt.

Primogenitur - das Erbe wird nicht aufgeteilt, sondern der Älteste ist Alleinerbe. Dass sich in Thüringen dieses Erbrecht so spät durchsetzte, hatte zur Folge, dass sich das Land in viele kleine Regionen zergliederte. Viele Köche verderben bekanntlich den Brei. Prinz Michael zu Sachsen-Weimar-Eisenach:

Prinz Michael von Sachsen-Weimar-Eisenach: Die Thüringer haben sich dann, und das war der Abstieg in die historische Bedeutungslosigkeit, sehr stark für die Reformation eingesetzt. Waren eigentlich die Schützer der Reformation.

Martin Luther ist seit dem Reichstag zu Worms mit der Reichsacht bedacht worden und somit vogelfrei. Ein Vorfahr des Prinzen, Johann Friedrich der Weise, will den Reformator Luther vor dem Tode bewahren, den Papst und katholischen Kaiser aber nicht vor den Kopf stoßen. Darum greift der Wettiner zu einer List und lässt Luther 1521 auf die Wartburg entführen. Der nutzt die Zeit und übersetzt die Bibel ins Deutsche. Im Schmalkaldischen Krieg bekennt sich der Ernestiner Johann Friedrich dann offen zu Luthers Thesen und kämpft an der Spitze der protestantischen Fürsten gegen Kaiser Karl den V. Die Niederlage im Jahre 1547 treffen ihn hart. Er muss die Kurwürde und große Landesteile an den kaisertreuen Verwandten Albertiner Moritz von Sachsen abtreten.

Konrad Scheuermann: Die Ernestiner haben immer wieder versucht auf allen möglichen Wegen, die Kurwürde zurückzubekommen, aber das gelang nicht, das Sachsen-Weimarische Haus ist dann im 19. Jahrhundert zum Großherzogtum ernannt worden, also so eine Art Entschädigung, aber den Kurfürstentitel haben sie nicht mehr zurück bekommen.

Konrad Scheuermann, Leiter der zweiten Thüringer Landesaustellung. Im 17. Jahrhundert kommt die Kleinstaaterei in Thüringen dann richtig in Mode. Jedem männlichen Nachkommen soll ein Herrschaftsbereich zugesichert werden. Und es gibt noch eine Reihe von katholischen Besitztümern im Stammland der Reformation, wie beispielsweise Stadt und Land Erfurt und das Eichsfeld. Sie gehören dem Erzbischof von Mainz. Nach dem Wiener Kongress werden sie sogar zur preußischen Exklave. Das hat zur Folge, dass die Landkarte des heutigen Thüringen bis ins 20. Jahrhundert hinein aussieht wie ein buntscheckiger Flickenteppich, der sich aus einem runden Hundert verschiedener Farbtupfen zusammensetzt.

Prinz Michael von Sachsen-Weimar-Eisenach: Das Problem war ja dann natürlich dieses leidige weitere Aufteilung unter den Söhnen. Es entstanden immer wieder neue Nebenlinien. Sachsen-Altenburg, Sachsen-Coburg, Hildburghausen, Sachsen-Eisenach.

Bis zu 21 Residenzen regieren nebeneinander auf bescheidenen 16.172 Quadratkilometern. Doch diese Zersplitterung hat durchaus auch ihre guten Seiten. Die thüringischen Zwergstaaten sind zu klein, um sich Armeen und Feldzüge leisten zu können. Also suchen sie ihre Erfolge auf dem Gebiet der Kultur. Während andere Staaten ihre Steuereinkünfte für den Krieg aufwenden, fördern die thüringischen Kleinfürsten, die zum großen Teil recht aufgeklärte und liberale Leute sind, die schönen Künste.

Die Herrscher holen sich Dichter und Musiker an ihre Höfe, gründen Theater und sammeln Bilder. Ihre Höfe werden zu Kristallisationspunkten deutscher Kultur. In Meiningen entsteht Ende des 17. Jahrhunderts das berühmteste Theater der damaligen Zeit. Musiker wie Richard Wagner, Franz Liszt, Max Reger und Richard Strauß wirken hier. Die Universität Jena, die nach der Niederlage im Schmalkaldischen Krieg als Ersatz für die verlorene Wittenberger Universität gegründet worden war, entwickelt sich zur intellektuellen Hochburg fortschrittlichen Denkens in Deutschland. Und die Herzöge von Sachsen-Gotha tragen eine der bedeutendsten Gemäldesammlungen zusammen. Das kulturelle Herz aber ist damals Weimar, worauf die Einwohner noch heute stolz sind. Goethe, Schiller und Herder machen die Kleinstadt zum Zentrum der Literatur. Als Goethe 1776 durch das Weimarer Land fährt, beschreibt er seine neuen Heimatgefühle Charlotte von Stein:

Da viel mir's auf wie mir die Gegend so lieb ist, das Land! Der Ettersberg! Die unbedeutenden Hügel. Und mir fuhr's durch die Seele - Wenn du nun auch das einmal verlassen musst! Das Land wo du soviel gefunden hast, alle Glückseeligkeit gefunden hast die ein Sterblicher träumen darf, wo du zwischen Behagen und Misshagen, in ewig klingender Existenz schwebst.

Gut eineinhalb Jahrhunderte später ist der Ettersberg bei Weimar ein Ort des Schreckens.

Prinz Michael von Sachsen-Weimar-Eisenach: Weimar war im Dritten Reich eine der Lieblingsplätze von Hitler. Bis morgens früh um vier standen die Weimarer auf dem Marktplatz und skandierten, lieber Führer komm heraus, komm aus dem Elephantenhaus. Buchenwald war direkt vor den Toren Weimars. Ist das ein Grund, stolz zu sein?

Am 15. Juli 1937 treffen die ersten 149 Häftlinge auf dem Ettersberg ein. Die Nazis haben insgesamt eine Viertelmillion Häftlinge aus allen europäischen Ländern von Juli 1937 bis April 1945 in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Die Zahl der Ermordeten wird auf etwa 56.000 geschätzt. Unter diesen Toten sind etwa 11.000 Juden.

Axel Stelzner: Weimar ist für mich eine ganz typisch deutsche Stadt. Es hat eine sehr lange Vergangenheit und sie reicht von einer musikalischen Tradition, von einer eingebetteten Klassik über eine romantische Phase bis zum Buchenwald I und II all das ist Weimar. Und hier fokussiert sich deutsche Geschichte in unglaublicher Weise.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bestand Thüringen noch aus sieben Großherzog-, Herzog- und Fürstentümern. Im November 1918 vereinigten sie sich zu Freistaaten. Nur Erfurt, das wie das katholische Eichsfeld Jahrhunderte lang zum Bistum Mainz gehörte, blieb Enklave und Coburg stimmte für den Anschluss an Bayern. Die neue Landeshauptstadt Weimar rückte in dieser Zeit auch politisch in das neue Herz Deutschlands. Die Nationalversammlung traf sich am 6. Februar 1919 in der Klassikerstadt, weil in Berlin Unruhen linksradikaler Kräfte befürchtet wurden. Darum wählte die Nationalversammlung am 11. Februar 1919 Friedrich Ebert in Weimar und nicht in Berlin zum ersten deutschen Reichspräsidenten. Und die neue deutsche Republik hieß fortan Weimarer Republik.

Friedrich Ebert: Meine Damen und Herren! Sie vertreten alle Gaue Deutschlands. Das aber müssen wir uns erhalten, wenn wir unser Vaterland auf Grundlagen aufbauen wollen, die unvergänglich und unzerstörbar sein sollen: die innige Liebe zur Heimat, zum Volksstamm, dem der einzelne entsprossen ist. Und dazu soll kommen die heilige Arbeit am Ganzen, das Sichindienststellen in die Interessen des Reiches. Da löst sich der Widerspruch zwischen Gesamtstaat und Einzelstaat. Da, in der engeren Heimat, liegt die Quelle unserer Kraft, in der weiteren, in der großen Heimat, das Ziel und der Kern unserer Arbeit. Das Wesen unserer Verfassung soll vor allem Freiheit sein, Freiheit für alle Volksgenossen.

Nach fast 1400 Jahren vielfältiger Zersplitterungen ist Thüringen wieder ein Land. Nicht das bedeutendste, aber immerhin das Land, in dem die erste deutsche Republik aus der Taufe gehoben wurde. Die Weimarer Republik war bekanntlich nur eine Episode, die ungefähr so lange dauerte wie Hitlers Drittes Reich. Als dann Deutschland geteilt wurde, lag Thüringen in der sowjetischen Besatzungszone. Die Grenzen wurden etwas verschoben, Thüringen verlor Gebiete an Sachsen und Sachsen-Anhalt, bekam aber Erfurt. Die neue Landesherrlichkeit war aber 1952 vorbei - als die DDR ihre fünf Länder abschaffte und in Bezirke aufteilte. Aus Thüringen wurden die Bezirke Erfurt, Gera und Suhl. Aber - aller guten Dinge sind bekanntlich drei: am 14. Oktober 1990 wurde Thüringen neues Bundesland des wiedervereinigten Deutschland.

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