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1.10.2004
Ende eines verzweifelten Kampfes
Der Warschauer Aufstand 1944
Von Joanna Wiórkiewicz

Ein Veteran sieht sich historische Fotos im Museum des Warschauer Aufstands an. (Bild: AP)
Ein Veteran sieht sich historische Fotos im Museum des Warschauer Aufstands an. (Bild: AP)
Vor 60 Jahren beging die Wehrmacht eines der großen deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkrieges. Wochenlang hatte die polnische Heimatarmee in einem verzweifelten Aufstand gegen die hitlerdeutschen Besatzer gekämpft. Weil sowjetische die Rote Armee diesen Kämpfen aus der Nähe tatenlos zusah, hatten die polnischen Aufständischen keine Chance. Anfang Oktober war der Warschauer Aufstand niedergeschlagen und in einem barbarischen Akt zerstörte die Wehrmacht die polnische Hauptstadt, ermordete und versklavte ihre Bewohner.

Überraschend kam der Aufstand für die Deutschen nicht. Zwar herrschte schon eine spürbare Unsicherheit, aber sie hatten sich gut vorbereitet: Zwanzigtausend Mann und zwei Wochen später schon fünfzigtausend, teils mit militärischer, teils mit polizeilicher Ausbildung, unterstützt von Panzern, schwerer Artillerie, Flugzeugen. Auf der anderen Seite standen etwa vierzigtausend Aufständische, Angehörige der Armia Krajowa, der Heimatarmee, dem bewaffneten Arm der polnischen Exilregierung in London: Männer jeden Alters, meist mit Pistolen bewaffnet, junge Frauen als Krankenschwestern, Pfadfinder als Boten. Die einzige Waffe gegen die deutschen Panzer waren Brandflaschen.

Es war ein lähmend heißer Nachmittag am 1. August 1944, als in der okkupierten Hauptstadt Polens die ersten Schüsse fielen. Stefan Baluka erinnert sich:

Stefan Baluka: Vor 60 Jahren gegen 17 Uhr saß ich auf einem der Gräber von diesem Evangelischen Friedhof und wartete auf die Stunde Null. Wir haben sie zur Tarnung "Stunde W" genannt. Ich gehörte zu der Einheit von Radoslaw, die zum Bataillon Faust gehörte und unsere Aufgabe war, den Stadtteil Wola zu verteidigen.

Aber es gelang dem Bataillon Faust nicht, den Stadtteil Wola zu verteidigen. Dort wüteten in den ersten Tagen die berüchtigten SS-Brigaden Dirlewanger, Reinefarth und Kaminski mit unvorstellbarer Brutalität. Sie plünderten, vergewaltigten, mordeten und schonten niemanden, sie verschonten weder Frauen noch Kinder.
Ganze Häuserblocks wurden gesprengt, mit ihren Bewohnern, Menschen verbrannt, als menschliche Schutzschilde vor den Panzern gegen die Barrikaden der Aufständischen hergetrieben. Am 5. August, es war ein sonniger Samstag, ermordete die Dirlewanger-Brigade die meisten Bewohner von Wola: fast zwanzigtausend Zivilisten an einem einzigen Tag. Hier ein Zitat aus einem Funkgespräch zwischen dem Oberbefehlshaber der 9. Armee, von Vormann, und dem SS-Gruppenführer Heinz Reinefarth, später "der Henker von Warschau" genannt:

V. Vormann: Wie Lage?

Reinefarth: Langsam … Was soll ich mit den Zivilisten machen? Ich habe weniger Munition als Gefangene.

Vorschlag, bekannt machen: Alles aus Warschau abziehen. Warschau wird vernichtet. Bach hat doch den Auftrag?

Ja

Der Führer hat mir gesagt, er kann eine Million Menschen gebrauchen.

Eigene Verluste sechs Tote, 24 schwere, 12 leicht.

Feind?

Mit Erschossenen über zehntausend.

Die Niederschlagung des Aufstands fiel als "Bandenangelegenheit" an Heinrich Himmler und seinen Oberbefehlshaber in Warschau, Erich von dem Bach-Zelewski. Offensichtlich um Munition zu sparen, befahl er später, Frauen und Kinder unter elf Jahren zu verschonen.

Die Warschauer reagierten zunächst mit Begeisterung auf den Aufstand, bauten Barrikaden, schlugen Durchgänge durch Keller, zeigten deutsche Positionen an und bekochten die Kämpfenden. Die kleinen Pfadfinder hielten unter großen Verlusten die militärische Verbindung zwischen den Einheiten der Aufständischen. Waclaw Gluth-Nowowiejski, damals 16-jähriger Kämpfer, erinnert sich:

Waclaw Gluth-Nowowiejski: Die Bewohner haben sich fantastisch verhalten, obwohl es verschiedene Phasen gab. In den ersten Tagen gab es einen unglaublichen Enthusiasmus. Fast alle haben uns geholfen. Später aber, wenn eine Gruppe der Kämpfer Position in einem Treppenhaus einnahm, haben sie die in den Kellern versteckten Zivilisten beschimpft und zum Teufel gejagt. Es ging doch um Leben und Tod. Es wurde um jedes Haus gekämpft.

War der Aufstand notwendig? Die Meinungen sind geteilt. Eines stand damals fest und ist bis heute klar - er war unvermeidlich. Seit Kriegsanfang hatten sich die jungen Leute auf den Befreiungskampf vorbereitet. Als das Ende der Okkupation nahe schien, wollten sie nicht stillhalten. Die heimliche Widerstand wuchs. Die Aufstandsführung unter General Bor-Komorowski selbst und die Militärexperten rechneten damals mit 3 bis 5 Tagen Kampf gegen die deutschen Besatzungstruppen. Entscheidend für den Beginn des Aufstandes war die Hoffnung auf das Eingreifen sowjetischer Truppen, in deren Reihen auch polnische Soldaten kämpften. Stalin hatte jedoch seinen eigenen Plan. Sir Norman Davies, britischer Historiker und Osteuropaexperte:

Norman Davies: Schon am 8. August rieten Stalins Berater, die Generäle Rokossowki und Shukov, zur schnellstmöglichen Einnahme Warschaus und zum Marsch nach Berlin. Von der Weichsel nach Berlin waren es doch nur 700 Kilometer. Es war zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede von einem Wettkampf zwischen den Alliierten über die Frage, wer zuerst in Berlin eintrifft. Die Amerikaner waren die ersten in der Normandie. Und dann macht Stalin etwas völlig anderes: er biegt auf den Balkan ab. Das war höchstwahrscheinlich die Geburtstunde des Ostsblocks.

63 Tage und Nächte dauerte der ungleiche Kampf in Warschau. Fünfzig Tage lang hatte die Rote Armee am anderen Ufer der Weichsel dem Untergang der Hauptstadt Polens regungslos beigewohnt. Die unschlüssigen Westalliierten versorgten die Aufständischen aus der Luft mit Waffen und Lebensmitteln. Aber von den dreizehntausend abgeworfenen Behältern gelangten lediglich 228 in die Hände der Aufständischen.

Auszug aus der "Wochenschau" 1944: Schlagartig setzt die deutsche Gegenwehr ein. Die Widerstandnester werden unter konzentrisches Feuer genommen und zusammengeschlagen.

Der "Henker von Warschau", SS-Gruppenführer Heinz Reinefarth, der nach dem Krieg Bürgermeister von Westerland auf Sylt wurde und als Heimatvertriebener im Kieler Landtag saß, hat später zugegeben, dass die Kämpfe in Warschau eine Hölle waren. Bei der Gelegenheit nutzten die Deutschen die Häuserkämpfe, um neue Waffen auszuprobieren. Zum Beispiel den Goliath, ein kleiner, ferngesteuerter Sprengpanzer, 80 Zentimeter hoch, mit 500 kg Dynamit Ladung.

Zbigniew Scibor-Rylski: Von einem oberen Stockwerk aus beobachtend konnte man sehen, wie sich ein Minipanzer auf uns zu bewegte. Plötzlich sah ich, wie ein etwa zwölfjähriger Junge mit einer Axt das Verbindungskabel durch getrennte und dadurch der Panzer zum Stillstand kam - zwei Meter vor dem Haus.

Dann kam das Schlimmste: der Kampf verlagerte sich von der Straße in die Abwasserkanäle Warschaus. Das weit verzweigte Röhrensystem stellte die einzige Möglichkeit dar, dem Feind zu entkommen. Nach dem wundersamen Verschwinden der aufständischen Bataillone aus der Altstadt warfen die Deutschen regelmäßig Granaten in die Kanäle, gossen Säure oder leiteten Gas hinein.

Jan Nowak-Jezioranski: Wir hatten keine Illusionen über unser baldiges Ende. Warum sollten wir also unser Leben nicht mit einer Heirat beenden? Ich ging zur Skorupka-Straße, wo die Militärkapellane einquartiert waren, und fragte, ob es nicht aufgrund der besonderen Situation möglich wäre, den ehelichen Segen noch am gleichen Tag zu bekommen. "Hören Sie - sagte der Kapellan - wir sind von früh morgens bis spät abends mit Begräbnissen voll beschäftigt und sie wollen heiraten?" Ein paar Stunden später gingen wir zum Altar in der Kirche - alle Fenster ohne Scheiben, und das Glas knirschte unter unseren Füßen. Meine Frau hat uns Eheringe aus Dosenblech gemacht. Später, als wir uns nach London durchgekämpft hatten, haben wir uns die echten Ringe aus Gold gekauft. Heute bedauere ich, dass wir diese aus Blech nicht behalten haben. Zur Erinnerung.

Die Polen wussten nicht, dass ihr Schicksal zu diesem Zeitpunkt schon entschieden war. Auf der Konferenz in Teheran im November 1943 wurde zwischen Roosevelt, Churchill und Stalin ausgehandelt, dass Polen nach dem Krieg mit einem neuen, anderen Grenzverlauf in den sowjetischen Machtbereich fallen würde. Norman Davies:

Norman Davies: Die Amerikaner waren damals auf einer anderen Ebene mit der Politik beschäftigt. Sie haben zu dieser Zeit eine neue Weltordnung nach dem Krieg geplant. Die Gründung der UNO, ein neues Monetärsystem. Es war ihnen wichtig, die Beziehung zu Stalin nicht zu gefährden. Für Roosevelt war ein Aufstand in einem Land, das er nicht einmal kannte, nur Ballast. Es gibt keinen Zweifel, dass die Niederschlagung des Aufstandes den Sowjets sehr gelegen war. Und wenn wir so salopp heute sagen, dass Roosevelt Osteuropa an Stalin verkaufte, dann war es so, weil er wollte, dass Stalin ihm im Gegenzug dafür im Krieg mit Japan half.

Wochenschau von 2. Oktober 1944: Der Aufstand in Warschau, der am 1. August begann, ist zusammengebrochen. General Bor, der Führer der Aufständischen, nach der Verhandlung mit dem SS-Obergruppenführer von dem Bach. Als Folge der Kapitulation erfolgt in langen Kolonnen der Marsch der Aufständischen in die Gefangenschaft.

Nach 63 Tagen brach der Aufstand zusammen. Fast 250.000 Tote waren zu beklagen, die meisten davon Zivilisten. 90.000 kamen in deutsche Kriegsgefangenschaft und zur Zwangsarbeit. 60.000 wurden in KZs verschleppt. Für den Schriftsteller und Drehbuchautor Jerzy Stawinski wurden diese zwei Monate zum Lebensthema:

Jan Maria Stawinski: Ich habe Warschau als der zweite Soldat verlassen. Mein Vorgesetzter, Leutnant Kaminski, ging als erster und ich neben ihm. Die Wochenschau hat uns gefilmt. In der "Signal" gab es ein riesiges Foto von uns. "Signal" war eine Zeitung für die okkupierten Völker in Europa. Es wurde auch auf polnisch gedruckt. Auf dem Platz vor der Technischen Universität, wo die Zeremonie der Kapitulation stattfand, wartete auf uns ein Polizeibataillon. Die Wehrmacht war mit der Vertreibung der Zivilbevölkerung beschäftigt. An der Spitze stand der Führer von diesem Polizeibataillon, ein Oberst, der sah so aus, als ob er lebendig aus der Zeit von Kaiser Wilhelm transferiert worden war. Wir wussten nicht, was mit uns geschehen wird. Was soll diese Polizei? Werden sie uns jetzt erschießen? Mein Leutnant fragte den Oberst und der sagte pathetisch: "Ein deutsches Wort ist ein Ehrenwort".

Also, zuerst wurde ich ins Übergangslager Lambsdorf in Schlesien gebracht. Es war ein Lager für russische Soldaten, die dort schrecklich behandelt wurden, und die meisten starben. Nach einer Woche wurde ich in das Oflag 7 A nach Murnau transportiert, wo diese armen polnischen Offiziere seit 1939 gefangen gehalten wurden. Dort konnte ich mich langsam erholen. Über den Winter habe ich mich dort in der Sonne erwärmt, mit dem Blick auf Garmisch Partenkirchen und die Zugspitze. Dann kamen Lastwagen von General Anders, dem Chef der polnischen Armee an der Westfront, und wir wurden nach Italien gebracht, wo ich das Kriegsende erlebt habe.


Nach der Räumung Warschaus gingen die deutschen Sprengkommandos ans Werk. Wladyslaw Bartoszewski erinnert sich:

Wladyslaw Bartoszewski: Getarnt als Zivilist habe ich erst am 7. Oktober Warschau verlassen und dabei habe ich persönlich gesehen, wie sie, die Zerstörungskommandos, die Häuser in Brand gesetzt haben mit Flammenwerfern, leere Häuser, wie sie in Brand gesetzt waren ... mutwillige Zerstörung.

Als im Januar 1945 die Rote Armee einrückte, lebten in den Ruinen nur noch 5000 Menschen. Sie nannten sich Robinsons. Nach dem Krieg fielen diejenigen, die aus deutschen Gefangenenlagern, dem Exil und aus den Untergrundverstecken zurückkamen, dem stalinistischen Terror zum Opfer. Die Rehabilitierung und Ehrung kam erst nach dem Systemwechsel 1989.
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