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29.9.2004
Pflichtlektüre einer Generation
Nikolai Ostrowski und sein Buch "Wie der Stahl gehärtet wurde"
Von Dunja Welke

Vor hundert Jahren wurde der politische Kultautor Nikolai Ostrowski in der Ukraine geboren. Der "Leipziger Kinderbuchverlag" veröffentlicht deshalb dieser Tage noch einmal seinen autobiografischen Roman "Wie der Stahl gehärtet wurde". Angekündigt wird "die schonungslose, pralle Geschichte eines jungen Rebellen, eines aufsässigen Schülers", "der zunächst Rotarmist bei der legendären Ersten Reiterarmee Budjonnys ist und zu einem 'Erbauer der neuen Gesellschaft' wird". Das Buch, das als Abenteuergeschichte vor historischem Hintergrund beworben wird, war ein Kultbuch nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch in der DDR. 1934 erschien es erstmals auf Russsich. "Wie der Stahl gehärtet wurde" erlebte in den verschiedenen Sprachen der Sowjetunion weit über 200 Auflagen, in der DDR eine Gesamtauflage von etwa einer Million Exemplaren. Der Roman gehörte in der DDR zu den seltenen stets lieferbaren Büchern. Ostrowskis Held Pawel Kortschagin wirkte erzieherisch. Sein Vorbild sollte anregen, sich für die sozialistische Gesellschaft zu engagieren.

Der 27-jähringe, todkranke Nikolai Ostrowski lebte auf, als sein Manuskript "Wie der Stahl gehärtet wurde" im Februar 1932 vom Komsomol-Verlag "Molodaja gwardija" zum Druck angenommen wurde:

Ich erhalte Briefe von Menschen, die mich lange vergessen hatten. Das Buch soll zum Jahrestag des Komsomol erscheinen, zunächst 10.000 Exemplare. Das Leben liegt wieder offen vor mir. Ich bin zum aktiven Kämpfer geworden.

Heute vor hundert Jahren wurde Nikolai Ostrowski in einem ukrainischen Dorf geboren. Sein Vater war Eisenbahner, seine Mutter Köchin. Die russische Revolution prägte sein politisches Bewusstsein. Schon mit fünfzehn arbeitete er im Revolutionskomitee des Eisenbahnstädtchens Schepetowka. 1919 meldete sich Nikolai Ostrowski freiwillig an die Front, kämpfte in Budjonnys Reiterarmee gegen die Weißgardisten, wurde schwer verwundet und demobilisiert. Mit zwanzig Jahren trat er in die Kommunistische Partei ein. Infolge seiner Verletzung und einer verschleppten Typhuserkrankung wurde er gelähmt und verlor das Augenlicht. Seit 1927 konnte er das Bett nicht mehr verlassen. Wie sein Romanheld Pawel Kortschagin verstand Ostrowski nun das Schreiben als seine Waffe im kommunistischen Kampf. Seine Witwe erinnert sich:

Den Roman begann er 1929 zu schreiben. Da er nicht sehen konnte und wegen seiner Lähmung eine sehr unbequeme Körperlage einnehmen musste, benutzte er eine Schablone für Linien und malte die Buchstaben sehr sorgfältig nach dem Gefühl. Aber es war trotzdem sehr schwer, das Geschriebene wieder zu lesen. Da begann er zu diktieren. Er lag und diktierte den Roman "Wie der Stahl gehärtet wurde".

Der autobiografische Roman erzählt von spannenden Abenteuern und ist zugleich ein Muster sozialistischer Erziehungsliteratur. Vor seinem frühen Tod 1936 erlebte Ostrowski noch, dass viele Leser seinen Helden als ihren Gefährten und als Leitfigur empfanden. Der Junge Pawel Kortschagin prügelt sich oft, er flucht gern und widersetzt sich Disziplin und Gehorsam. Ein Abenteurer und Raufbold aus der Arbeiterschaft, über dessen Geschichte der Leser von den sozialen Zuständen Russlands in den 20er Jahren, von Bürgerkrieg und Revolution erfährt. Seine Mutter verspricht Kortschagin:

Kein Mädchen anzurühren, bis wir auf der ganzen Welt mit den Burshuis fertig sind.

Bis zu seiner schweren Verletzung kämpft er in den bolschewistischen Truppen gegen Kulaken und Weißgardisten. Nach der Zerschlagung der Konterrevolution propagiert er die führende Rolle des Komsomol und der kommunistischen Partei. Vom Kämpfer mit der Waffe wird Pawel Kortschagin zum Agitator der Revolution und zum Organisator des sozialistischen Aufbaus. Gelähmt, erblindend und ans Bett gefesselt kehrt er als Schriftsteller zurück "in Reih und Glied und ins Leben". Selbstzweifel und Depression sind überwunden. Er ist zu einem unbeugsamen und ergebenen Kämpfer geworden, zum Sinnbild des "neuen Menschen". Allerdings wirkt er im zweiten Band zunehmend wie ein entrückter Heroe des Kommunismus ähnlich einem religiösen Märtyrer. Der Verlagslektor Ernst Dornhof, der in der DDR die frühe Übersetzung ins Deutsche redigierte.

Darum hat er auch diesen Titel vehement verteidigt. "Wie der Stahl gehärtet wurde" soll heißen: wir sind in den Feuern des Kampfes, des Krieges, des Bürgerkrieges zu Kommunisten geworden.

Pawel Kortschagins Lebensphilosophie mündet in die Überzeugung:

Das Kostbarste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und leben soll er so, dass nicht sinnlos vertane Jahre ihn schmerzen, dass nicht die Scham um eine schäbige und kleinliche Vergangenheit ihn brennt und dass er im Sterben sagen kann: Mein ganzes Leben und all meine Kräfte habe ich hingegeben für das Schönste der Welt - den Kampf um die Befreiung der Menschheit.

Wie Fadejews "Junge Garde", Furmanows "Tschapajew", Paustowskis "Der wahre Mensch" oder Gaidars "Timur und sein Trupp" zählt Ostrowskis Roman zu den frühen Werken sozialistisch-realistischer Sowjetliteratur, die den Kampf um eine neue Gesellschaft verklären. 1947 erschien er als erstes belletristisches Buch des Verlages "Neues Leben" und sollte eine eigene deutsche Jugendliteratur anregen. Der Leipziger Reclam Verlag gab eine Ausgabe für nur drei Mark heraus, die im Literaturunterricht verwandt wurde. Schulen bewarben sich im Wettbewerb um den Namen "Nikolai Ostrowski", Kinder wurden nach Ostrowskis Held Pawel genannt. Der Bürgermeister von Stadtroda schwor Eltern bei der "sozialistischen Namensgebung" ihrer Kinder 1958 auf dessen Überzeugung ein.

In dieser feierlichen Stunde bitte ich Sie, verehrte Eltern und Paten, im Namen und im Auftrag unseres Arbeiter- und Bauernstaates das Gelöbnis abzulegen die Kinder im Geiste des Humanismus zu erziehen. Als Lebensspruch sollen ihre Kinder Worte von Nikolai Ostrowskis bekommen. Er sagte: ... 'Meine ganze Kraft, mein ganzes Leben habe ich dem Herrlichsten der Welt gewidmet, dem Kampf für die Befreiung der Menschheit.' Damit, verehrte Eltern und Paten, richte ich an Sie die Frage: Sind Sie bereit, diese hohe und ehrenvolle Aufgabe zu erfüllen, dann bitte ich Sie, dies mit einem Ja zu bestätigen. ... Ja.

In der DDR war das Buch Pflichtlektüre. In den achten Klassen der Polytechnischen Oberschulen stand es mit vier Stunden im Lehrplan. "Wie der Stahl gehärtet wurde" lasen die Schülerinnen und Schüler alljährlich in Auszügen. Pawel Kortschagin schaffte es sogar in einen Song des Liedermachers Gerhard Schöne:


Jetzt schreibt er beflissen,
denn sie woll'n sein Vorbild wissen,
und als Klassenbester hat er so was drauf.
Echter Prolet, der zu seiner Sache steht.
Der Kortschagin war ein Held der neuen Zeit.
Und er wär' gern wie er
solch ein Revolutionär
und von solcher Prinzipienfestigkeit.
Geil, geil, dieser Typ ist geil …


Nicht um ästhetische Einsichten ging es im Unterricht, sondern - wie das Ministerium für Volksbildung noch 1986 vorgab - um Moral und Ideologie:

Die Schüler sollen Werte wie Parteilichkeit und Prinzipientreue, Verantwortungsbewusstsein und eine hoher Einsatzbereitschaft für den Sozialismus, die für die Pawels Lebenseinstellung charakteristisch sind, auch für ihre eigene Einstellung und Haltung als beispielgebend empfinden.

Der ehemalige Verlaglektor Ernst Dornhoff zur Resonanz:

Viele empfanden es ja auch als - wie das immer so ist bei Pflichtlektüre - ein bisschen lästig. Wenn man die vergleichbare Literatur aus Russland, zur gleichen Zeit erschienen wie "Die junge Garde" oder Gorki oder Scholochow erwähnt, dann hält natürlich das Buch des jungen überzeugten Kommunisten, der ist ja mit zweiunddreißig schon gestorben ist, nicht stand. Aber die Abenteuer, die er erlebt, die bleiben in Erinnerung.

... und die Lehrerin Ute Otto, die über dreißig Jahre in DDR-Schulen Literatur unterrichtete:

In Klasse 8 wurden ja die Schüler vorbereitet auf die Jugendweihe. Und ein Schwerpunkt war eben auch, nachzudenken über den Sinn des Lebens, was ist wichtig im Leben? Wie will ich selber mein Leben gestalten? Und hier gab es also auch Möglichkeiten, mit den Schülern zu erörtern den wichtigen Satz, den der kranke Pawel Kortschagin gesprochen hat. Das ist natürlich 'Befreiung von Ausbeutung' für die Schüler ganz weit weg. Man muss sich die Schüler vorstellen, was sie für Interesse sie haben in dem Alter. Aber aus seinem Leben was zu machen, da waren wir schon, wenn man das ideologisch Überhöhte wegnimmt, recht weit. Viele sagten ja, ich möchte mal ein guter Lehrer werden, ne gute Lehrerin werden oder andere, die naturwissenschaftlich interessiert waren: ich würde gerne was erfinden.

Dass da offenbar ein Übermensch und Superheld agiert, wurde in den DDR-Schulen nicht diskutiert. Die stalinistischen Tendenzen klammerten die Deutschlehrer aus. Boris Groys, der in Karlsruhe Philosophie und Ästhetik lehrt, hat die Sowjetgesellschaft der 30er analysiert. Er kennt die Superhelden der Literatur:

Sie überwinden die Tuberkulose, züchten ohne Treibhäuser tropische Gewächse in der Tundra, paralysieren mit der bloßen Kraft des Blicks den Feind. Zur Losung der Stalin-Zeit wurde: 'Einem Bolschewiken ist nichts unmöglich.' Jeglicher Verweis auf objektive Grenzen wurden als 'Kleinmut' und 'mangelnde Zuversicht' behandelt. Allein durch den Einsatz des eigenen Willens konnte man, so schien es, eine beliebige, unüberwindbar scheinende Schwierigkeit meistern. Beispiel eines solchen 'stählernen' Willens war Stalin selbst, dem nichts unmöglich war, denn er lenkte, wie es schien, mit seinem bloßen Willen das gesamte Land. Ganze Generationen wuchsen mit dem Vorbild Pawka Kortschagin oder Polewojs Maresew auf, die dank ihres Willens extreme, individualitätsbedingte körperliche Hilflosigkeit kompensierten - zweifellos Symbole des Stalinschen Willens.

Das offiziell verbreitete Porträt des Schriftstellers Nikolai Ostrowski zeigt ihn als asketischen, ausgemergelten Kämpfer in der Uniform eines Rotarmisten mit dem Leninorden auf der Brust. Sein Schreiben verstand er als Parteiarbeit:

Die neue Gesellschaft braucht keine kalten Beobachter und auch keine gefühlvollen 'Sympathisierenden', sondern leidenschaftliche und aufrechte Teilnehmer am großen Aufbau!

Bevor 1935 in der Sowjetunion eine neue Massenauflage von 100.000 Exemplaren herauskam, überarbeitete der Autor sein Buch nicht stilistisch, sondern ideologisch. Er begründete:

In dieser dritten Ausgabe wurde auf meinen Wunsch hin die Episode gestrichen, wo Pawel, genannt Pawka, in die Arbeiteropposition gerät. Ich habe es darum getan, weil die Gestalt eines jungen Revolutionärs unserer Epoche makellos sein muss und Pawka in der Opposition nichts zu suchen hat.

Anfang der 70er Jahre brachte Thomas Reschke, der auch oppositionelle Sowjetautoren wie Boris Pasternak und Isaak Babel übersetzt hatte, den Roman für eine nachgewachsene DDR-Lesergeneration noch einmal in ein lebendiges, jugendgemäßes Deutsch. Er hob mit seiner Übersetzung die Abenteuerlichkeit des ersten Bandes hervor, konnte aber den hehren Parteipatriotismus kaum mildern.

Nach meiner Erinnerung ist diese trotzkistische Gruppe dazu da, die Trotzkisten niederzumachen. In denen sah Stalin seine schlimmsten Feinde. Und was erfahren wir über diese Trotzkisten? Sie wachen morgens noch in halb besoffenem Zustand auf, sind unrasiert, sind arbeitsscheu und saufen wahnsinnig viel und haben überhaupt keine Moral und taugen überhaupt in gar keiner Weise was. Aber was die Trotzkisten eigentlich wollten und worin das Wesen ihres Zerwürfnisses mit Stalin bestand, darüber erfahren wir kein Wort nach meiner Erinnerung.

Mit Pawel Kortschagin zogen Soldaten in den "Großen Vaterländischen Krieg", Komsomolzen rangen mit ihm in Sibirien um neues Land. Bulgarische und jugoslawische Partisanen durften, wenn sie sich besonders mutig einsetzten, das Pseudonym Pawel Kortschagin tragen. Auch in Vietnam begleitete die Kämpfer gegen die amerikanischen Eindringlinge Ostrowskis "Wie der Stahl gehärtet wurde". In allen sozialistischen Ländern und an Brennpunkten der Systemauseinandersetzung war Ostrowski und sein Held ungewöhnlich verbreitet und beliebt. Diese Popularität wurde zum Teil propagandistisch gelenkt. Die Anziehung des parteiergebenen, selbst bezwingenden Helden Pawel Kortschagin verblasste in dem Maße, wie der Sozialismus an Boden verlor und sich selbst diskreditierte.
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