MerkMal
MerkMal
Montag bis Freitag • 16:15
4.10.2004
Mit patriotischem Eifer
Zum 100. Todestag von Frederic Auguste Bartholdi - Schöpfer der New Yorker Freiheitsstatue

Die "Statue of Liberty" auf der New Yorker Insel  "Liberty Island" (Bild: AP)
Die "Statue of Liberty" auf der New Yorker Insel "Liberty Island" (Bild: AP)
Die Freiheitsstatue gehört zu den berühmtesten Skulpturen der Welt. Sie ist das Symbol der USA schlechthin, die Stadt New York ist ohne sie nicht denkbar. Doch das uramerikanische Emblem war in Wirklichkeit ein Geschenk der Franzosen. Ihr Schöpfer Frédéric Auguste Bartholdi wurde 1834 im elsässischen Colmar geboren und ist ein Bildhauer, dessen Werke heute weitaus bekannter sind als sein Name. Auch sein zweites Hauptwerk ist von gigantischen Ausmaßen und zum historischen Emblem geworden: der zwölf Meter hohe "Löwe von Belfort", der über Bartholdis kleiner Heimatstadt thront als Zeichen des Widerstands der Franzosen gegen die deutsche Belagerung im deutsch-französischen Krieg von 1870/71. Heute vor 100 Jahren starb Frederic Auguste Bartholdi.

Wenn man in das 60.000 - Einwohnerstädtchen Belfort im Departement Franche-Comté kommt, sieht man ihn sofort: Vor dem Felsen der Zitadelle scheint er über die Stadt zu wachen. Der Löwe von Belfort aus rosarotem Sandstein ist ein riesiger Koloss, zwölf Meter hoch.

Der Löwe in Belfort - das ist eine ganze Symbolik für Elsass. Für Zeiten, in denen Franzosen und Deutsche nicht Freunde waren. Und das ist wichtig auch, dass heute man kann anders den Löwen anschauen. Aber heute braucht man nicht mehr: ach, Deutsche sind unsere Feinde. Das ist Vergangenheit. Ich denke, das Symbolik der Löwe ist heute anders.

Im Gegensatz zum Elsass war Belfort niemals deutsch. Drei Monate lang, im Winter 1870, widerstand die Stadt Belfort der deutschen Belagerung. Mit dem Historiker Robert Belot, der soeben die erste 500-seitige Biografie über Auguste Bartholdi verfasst hat, steigen wir die Stufen zum Löwen hinauf.

Robert Belot: Wir sind jetzt direkt unter ihm. Sehr beeindruckend. Sie sehen die Inschrift: an die Verteidiger von Belfort. Aber es ist keine Botschaft an die Deutschen - er dreht Deutschland den Rücken zu und blickt in den Süden. Er ist friedvoll und nicht aggressiv. Das einzige Symbol, dass die Kraft des Feindes zerstört ist, ist der zerbrochene Blitz, sehr diskret, unter der Tatze. Bartholdi wollte niemals, dass Frankreich für die "verlorenen Provinzen" Krieg führen sollte - er war nicht so ein glühender Patriot, wie man lange meinte. Warum hätte er sonst ein historisches Ereignis durch ein Tier dargestellt? Das war äußerst ungewöhnlich. Ein Tier erlaubt völlige Interpretationsfreiheit.

Bis etwa zehn Jahre nach dem deutsch-französischen Krieg, meint Robert Belot, wollte die französische Regierung alles vermeiden, um die Deutschen zu provozieren - deshalb kam es noch nicht einmal zu einer regulären Einweihungsfeier des Löwen. Dennoch wurde er im Laufe der Jahre zum antideutschen Symbol und Belfort zum nationalen Wallfahrtsort. Jedes Jahr am 14. Juli veranstalteten die Franzosen einen Volkslauf von Paris nach Belfort, um "französische Luft" zu schnuppern. In vielen Gedichten wurde der Löwe zum Symbol der Deutschenfeindlichkeit, zum Beispiel im Gedicht des flammenden Revanchisten Jean Bonnefous aus dem Jahr 1914:

Löwe, hisse deine Wut, bis zum Heiligen Zorn. Hasse, im Namen Frankreichs, des denkenden Volkes, Hasse das Volk des geistigen Verfalls. Hasse es, um es auszulöschen.

Auch jenseits solcher Hasstiraden stand der Löwe von Belfort im Kollektivgedächtnis der Franzosen lange Zeit an erster Stelle. Waschmittel und Peugeot warben mit ihm, es gab Löwen-Süßigkeiten, er tauchte in Kriminalromanen und auf Gemälden der Surrealisten auf. Heute jedoch hat die Freiheitsstatue ihm den Rang abgelaufen, meint Robert Belot:

Robert Belot: Im Moment, wo Bartholdi stirbt, war der Löwe die bekanntere Skulptur. In allen Straßen Frankreichs gab es eine Belfort-Straße. Aber kurz danach gewinnt die Freiheitsstatue das Match der Unsterblichkeit. Der Löwe wird reduziert auf seine historischen Wurzeln - den deutsch-französischen Krieg. Die Freiheitsstatue wird dagegen ein universelles Symbol für Freiheit und Demokratie, man gibt ihr Gefühle und Bewegungen. Im September 2001 zum Beispiel wurde sie in amerikanischen Geschäften sitzend und weinend dargestellt. ... sie passt sich den Forderungen der Aktualität an.

Bartholdis zwei gigantische Hauptwerke passen in kein Museum. Sie sind Insignien der Maßlosigkeit, eines Fortschrittsglaubens aus dem 19. Jahrhunderts, der längst überholt scheint. Er schuf sie etwa zur gleichen Zeit, und doch ist kein größerer Gegensatz möglich:

Robert Belot: Sie zeigen eine Spannung von Bartholdi: einerseits die Sorge um das erniedrigte Heimatland, die Trauer um Elsass-Lothringen, und gleichzeitig diese Vision des Großen, die USA, die Idee von universeller Freiheit und Demokratie. Während der Löwe einem Mikro-Ereignis der Geschichte entspricht, verkörpert die Statue ein philosophisches Ideal. Bartholdi lebte in einer Spannung zwischen Vaterlandsliebe und Universalismus.

Frédéric Auguste Bartholdi war ein echter Elsässer - und in seiner Geburtsstadt Colmar wird die Erinnerung an ihn noch immer zelebriert, auch wenn er bereits mit neun Jahren nach Paris zog. Sein zweiflügeliges, zitronengelbes Stadtpalais in der Rue des Marchands beherbergt heute das Bartholdi-Museum. Es gibt keinerlei Nachkommen mehr von Bartholdi. Der Leiter des Museums, Régis Hueber fühlt sich berufen, die Erinnerung an ihn aufrecht zu erhalten:

Régis Hueber: Bartholdi hat sein Geburtshaus sein Leben lang behalten. Es wurde dann von seiner Witwe 1907 der Stadt geschenkt. Vor dem Krieg von 1870 kam er sehr oft nach Colmar, obwohl er hier kein Atelier hatte. Er besuchte seine Mutter, er machte hier Urlaub. Nach dem Krieg und mit der deutschen Besatzung wurde das zwar schwierig, aber er kam mindestens einmal im Jahr. Für Colmar hat er viel gearbeitet - es gibt keine Stadt, die mehr Skulpturen von ihm besitzt. Er nahm kaum jemals Honorare. Weder für den Löwen, noch für die Freiheitsstatue.

Bartholdi brauchte kein Honorar zu nehmen, denn er war adelig und wohlhabend. Er war ein Bildhauer aus Leidenschaft. Aber seine Berufung kostete ihn auch viel. Die Freiheitsstatue lag ihm so sehr am Herzen, dass er einen großen Teil seines eigenen Vermögens zu ihrer Finanzierung beisteuerte.
Bartholdis Ausbildung begann mit etwa zwölf Jahren in Paris. Er nahm Zeichenunterricht beim Maler Ary Scheffer. Régis Hueber:

Régis Hueber: Es ist Ary Scheffer, der Auguste sein außergewöhnliches Talent für das Modellieren enthüllt: "Mein Lieber Auguste, sie sind geschaffen, um Bildhauer zu werden." - Mit 20 Jahren realisiert Auguste bereits seine erste Auftragsarbeit: die Statue des General Rapp in Colmar. Es war ein erstes, erstaunliches Meisterwerk, kurz nach dem Abitur und der Beginn seiner Karriere. Und da passiert etwas eigenartiges: kurz danach macht er eine Art von Pause.

Bartholdi unternimmt mit 21 Jahren seine erste Reise nach Ägypten, die in ihm den "Geschmack am Monumentalen" weckte. Es ist für ihn die letzte große Inspiration auf dem Weg zum Bildhauer. Noch entscheidender ist aber die Reise fünfzehn Jahre später nach Amerika im Jahr 1871, wo er bei seiner Ankunft an Bedloes Island, der heutigen Liberty Island, vorbeifährt. Bartholdi berichtet in Briefen an seine Mutter davon, der er Zeit seines Lebens fast jeden Tag schreibt:

Bartholdi: Von hier aus sieht man New York, zwischen Brooklyn und New Jersey, es scheint ein Körper zu sein, dabei sind es drei Städte. Fast könnte es als Beispiel dienen für die Geheimnisse der Dreifaltigkeit. Der East River und der Hudson, die die Städte teilen, sind von Segelbooten bedeckt, soweit das Auge blickt - die Masten ähneln den vertikalen Schraffuren einer Zeichnung. Diese kleine Insel scheint mir der beste Ort für mein Projekt zu sein. Aber wenn du anderen Leuten von meinen Briefen erzählst, lass dies doch außen vor. Es gibt Menschen, denen könnte ich extravagant erscheinen.

Robert Belot: In den allerersten Tagen seines Besuchs in Amerika hat Bartholdi eine ungeheuerliche Intuition und ihm ist völlig klar, dass es sich um etwas völlig Verrücktes handelte: er sieht vom Schiff aus den Ort, wo seine Statue stehen soll - und hat die Ahnung, dass dies das Werk seines Lebens wird. Das ist außergewöhnlich genug, denn nichts ist unwahrscheinlicher. Ein kleiner Franzose, der in die USA kommt. Zudem war es militärisches Gebiet. Aber das macht seine Genialität eben aus: dieser Mut, diese Intuition, und auch diese Hartnäckigkeit. Er geht bis zum Ende seiner Ideen, selbst, wenn es ihn enorm viel Geld kosten wird. Er war nicht unbedingt ein Schöpfer neuer Formen - sondern mehr ein Visionär und Architekt, ein Erfinder von Orten und ihrer Symbolik.

Bartholdis Bedeutung als Bildhauer ist heute umstritten. Und obwohl er eine der berühmtesten Skulpturen der Welt geschaffen hat, kennt man seinen Namen kaum. Régis Hueber:

Régis Hueber: Bartholdi - das ist ein wenig wie der Komponist Richard Strauss. Strauss konnte, je nach Laune, neobarocke Musik schreiben wie "Der Rosenkavalier". Oder er konnte serielle Musik machen wie Schönberg. Bei Bartholdi ist es das Gleiche. Je nachdem was er tun will, macht er Neogotik, Neobarock oder Neoklassik. Aber warum soll man ihm das vorwerfen, jeder zeitgenössische Künstler tut das. Bartholdi ist allem gegenüber offen, er inspiriert sich von allem.

Auf die Idee, in New York ein Symbol für die Freiheit zu errichten, waren die Franzosen 1865 gekommen. Es sollte ein Geschenk Frankreichs an die Vereinigten Staaten sein, anlässlich der Feierlichkeiten zur Hundertjahrfeier 1876, Anerkennung für die amerikanische Revolution und Bestätigung der eigenen. Doch der Plan, sie zur Einhundertjahrfeier Amerikas aufzustellen, scheitert am Geld. Die Franzosen brachten zwar 250.000 Dollar an Spendengeldern auf, wollten aber, dass die New Yorker für die Statue ein würdiges Podest errichten. Die New Yorker sahen jedoch nicht ein, warum sie für ein Geschenk bezahlen sollten. Letztlich ist die Lösung dem Herausgeber der Zeitung "The World", Joseph Pulitzer, zu verdanken: Um die New Yorker von der Idee zu begeistern ließ er im Central Park, den 13 Meter langen Arm der Freiheitsstatue ausstellen und rief zu einer Spendenaktion auf. Und so konnte sie am 28. Oktober 1886 eingeweiht werden. Während Bartholdi bald als "größter Mann Amerikas" gefeiert wurde, wurde er in seiner Heimat immer stärker kritisiert:

Robert Belot: Bartholdi idealisierte Amerika, und das hat man ihm in Frankreich sehr zum Vorwurf gemacht. Besonders, als man in Frankreich entdeckte, dass die Amerikaner nichts zur Finanzierung beitragen wollten und es fünfzehn Jahre dauerte, bis die Statue realisiert war. Das empfand man als schwere Beleidigung. Was man in Frankreich auch kritisierte: damals emigrierten viel mehr Deutsche in die USA als Franzosen. Man beklagte sich also, warum soll man eine Statue errichten, die vor allem Deutsche empfängt, die uns Elsass-Lothringen genommen haben? Allerdings war die Konkurrenz mit Deutschland letztlich auch Grund für das Geschenk: Nach der Niederlage von 1871 galt Deutschland in Amerika als die kommende Nation. Mit der Statue wollte Frankreich sicherstellen, dass die USA nicht nur auf Deutschland setzten.

Heute noch ranken sich Legenden um die Statue. Zum Beispiel, inwiefern die Freimaurer an ihrer Finanzierung beteiligt waren. Oder wer die junge Frau war, die ihr das Gesicht gab. Manche meinen, es sei eine junge Prostituierte, die er in Paris aufgegabelt hatte - dabei meint Belot, dass Bartholdi homosexuell gewesen ist. Nicht nur, weil er seiner Mutter fast täglich schrieb. Auch, weil er eine Scheinehe führte - und seine Mutter darüber manche Unwahrheit erzählte:

Robert Belot: Meiner Meinung nach hat er die Geschichte des Mädchens komplett erfunden. Er schickt Telegramme an seine Mutter und sagt: ich habe eine junge Frau getroffen, jünger als ich - dabei war sie zehn Jahre älter. Er erfand ihr eine adelige Herkunft und machte sie zur Waise und rein zufällig starb ihre angebliche Adoptivmutter, bevor sie seine Mutter treffen konnte. Meiner Ansicht hat er die Vergangenheit seiner Frau erfunden, damit seine Mutter ihn in Ruhe ließ. Ich glaube, sie war eine Art Modell, eine alternde Prostituierte, der Bartholdi helfen wollte - er hat sie nie richtig geliebt.

Dennoch war es seine Witwe Jeanne-Emily, die der Stadt Colmar das Wohnhaus im Elsass und Bartholdis Werke überließ. Am 4. Oktober 1904 starb Frédéric Auguste Bartholdi - mit 70 in seinem Bett, eines natürlichen Todes. Hartnäckige Legenden meinen, er habe Selbstmord begangen, weil er bei der Konstruktion des Löwen die Zunge vergessen habe - doch das ist reine Erfindung, sind sich die Historiker einig. Ganz hinten im Rachen sitzt sie, zurückgenommen wie der Löwe selbst - und doch mit geradezu mythischer Ausstrahlung.
-> MerkMal
-> weitere Beiträge