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8.10.2004
Kampf um die Konfessionsschule
Das westdeutsche Bildungswesen der 50er Jahre
Von Georg Gruber

Vor 50 Jahren, Anfang Oktober 1954, gingen mehr als 10.000 Schüler in Niedersachsen nicht zur Schule: ein Warnstreik, nicht etwa für mehr Lehrer oder bessere Ausstattung der Schulen, was dringend nötig gewesen wäre - nein, ein Warnstreik gegen ein neues Schulgesetz. Gegen dieses Gesetz lief vor allem die Katholische Kirche Sturm, denn es erklärte die überkonfessionelle Gemeinschaftsschule zur Regelschule. Die katholische Kirche dagegen verlangte, dass weiterhin die Konfessionsschule die Regel sein sollte. Solche Themen bestimmten in den Fünfzigerjahren die bildungspolitischen Diskussionen in der Bundesrepublik. Während die DDR ein neues Schulsystem aufbaute, herrschten im Adenauerstaat Stagnation und Restauration im Bildungswesen.

SWR von 1957 über Dorfschule:
(Reporter) Herr Lehrer, Sie wollten mir Ihre Lehrmittel zeigen.
(Lehrer) Ja hier, habe ich in dem alten Schrank hier.
Ja mehr haben Sie nicht? Da bleibt einem ja das Herz still stehen, das ist ein Schrank, 1,20 Meter auf zwei Meter, in dem oberen Fach sind ein paar Bücher.
Ja, das ist die Schülerbücherei.


Rundfunkreportage aus einer süddeutschen Dorfschule in den 50er Jahren.

Katholikentag 1954: Die Resolution besagt, der 76. Deutsche Katholikentag erhebt mit den deutschen Bischöfen erbitterten Einspruch gegen das in diesen Tagen verabschiedete niedersächsische Schulgesetz, das Gesetz verletzt die Gewissensfreiheit ...

1954. Die katholische Kirche protestierte vehement gegen ein Gesetz, mit dem in Niedersachsen Gemeinschaftsschulen als Regelschulen gelten sollten und nicht Konfessionsschulen. Der Streit drehte sich vor allem um die Volksschulen:
Die katholische Kirche wollte eine strikte Trennung: katholische Schüler gehen auf katholische Volksschulen und werden dort von katholischen Lehrern unterrichtet, die auf katholischen Lehrerbildungsanstalten ausgebildet worden waren.

In einigen Bundesländern wie Hessen, Schleswig-Holstein und Berlin war schon früh die Gemeinschaftsschule zur Regelschule erklärt worden, in anderen überwogen in den 50er Jahren die Bekenntnisschulen, vor allem in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Bayern.

Bischof Michael Keller 1952: Wenn ihr wollt, dass eure Kinder und Kindeskinder im Lichte der Wahrheit Christi wandeln, dann tretet für die katholische Schule ein.

Michael Keller, Bischof von Münster. Trotz solcher Appelle und Großdemonstrationen mit bis zu 70.000 Teilnehmern trat das niedersächsische Schulgesetz am 1. Oktober 1954 in Kraft.
Schulstreik: Aus Protest blieben rund 12.000 katholische Schüler für einen Tag zu Hause. Im Dezember 1954 beklagte sich sogar Papst Pius XII. in einem Schreiben über die Politik der Bundesländer, die katholischen Konfessionsschulen zugunsten von Gemeinschaftsschulen zu schließen.

Reportage/ SWR: (Reporter) Dann haben Sie unten im 2. Fach ein paar Steine, mit Zettelchen, Granit, Kneiß, dann kommt das Modell eines Ohres, das ist aber neu?
(Lehrer) Ja, das hab ich im letzten Jahr angeschafft, ich muss eben jetzt immer wieder ein Teil anschaffen, es geht eben langsam.


Die 50er Jahren waren bildungspolitisch in Westdeutschland ein Jahrzehnt der Stagnation und Restauration. Die Siegermächte, allen voran die USA, hatten nach dem Zweiten Weltkrieg eigentlich eine grundlegende Reform des deutschen Schulsystems gefordert. Im "Kastensystem", in der Trennung von Volksschule für die breite Masse und höherer Schule für einige wenige, sahen sie eine Ursache für das Erstarken des Nationalsozialismus, so die Analyse einer amerikanischen Kommission, die die US-Nachkriegspolitik stark beeinflusste:

Zook-Kommission: Dieses System hat bei einer kleinen Gruppe eine überlegene Haltung und bei der Mehrzahl der Deutschen ein Minderwertigkeitsgefühl entwickelt, das jene Unterwürfigkeit und jenen Mangel an Selbstbestimmung möglich machte, auf denen das autoritäre Führerprinzip gedieh.

Reeducation - die Umerziehung der Deutschen zu Demokraten sollte in der Schule beginnen, mit gleichen Bildungschancen für alle, und einer abgestuften Einheitsschule: Statt der frühen Auslese bereits nach der 4. Klasse sollten alle Kinder gemeinsam sechs Klassen besuchen. Angestrebt wurde eine Schule, vergleichbar der Gesamtschule heute, orientiert am amerikanischen Schulsystem. Und natürlich Schulgeldfreiheit, Kindergärten als schulischer Unterbau, Lehrerausbildung auf universitärem Niveau und religiöse Toleranz statt strenger Konfessionsschulen.

Mit diesem neuartigen Schulwesen sollte auch der antidemokratischen Familienstruktur in Deutschland entgegengewirkt werden, die, wie es in dem Kommissionsbericht hieß,

Zook-Kommission: die Frauen künstlich an Küche, Kinder und Kirche band.

Reportage/ SWR: (Reporter) Im unteren Fach sind 3 Gummibälle, aber keine Fußbälle aus Leder, ganz gewöhnliche blaue Gummibälle,
(Lehrer) als ich kam, war nur ein Ball da, jetzt hab ich wenigstens einige Bälle beschafft
(Reporter) und das ist alles, was Sie für den Sport haben?
Bis jetzt schon, ja.


Umgesetzt wurde von den amerikanischen Reformvorstellungen nur wenig.

Bildung ist Ländersache, das wurde im Grundgesetz so festgelegt. Die Kirchen und die konservativen Kräfte in Deutschland wollten eine Rückkehr zum gegliederten Schulsystem und zur konfessionellen Bekenntnisschule, die von den Nationalsozialisten abgeschafft worden war. Die katholische Kirche berief sich dabei auf alte Rechtstitel, auf Vereinbarungen in Konkordaten. Mit der Verschärfung des Ost-West-Konfliktes kam noch ein ideologisches Moment dazu, die Kirche sah sich als Bollwerk gegen den Marxismus. Alois Hundhammer, CSU, der sich als bayerischer Kultusminister Ende der 40er Jahre auch für die Wiedereinführung der Prügelstrafe stark gemacht hatte:

Hundhammer 1952: Wenn wir die christliche Kulturpolitik retten vor den Gefahren, die sie bedrohen, retten wir Europa, wenn wir die christliche Kultur untergehen lassen, geht das Abendland unter.

In der DDR war die sozialistische Einheitsschule eingeführt worden, eine gemeinsame achtjährige Grundschule. Auch davon wollte sich der Westen absetzen, von dieser Form der "kommunistischen Nivellierung", die - zumindest auf den ersten Blick - für mehr Chancengleichheit sorgte. Frauen sowie Arbeiter- und Bauerkinder wurden gezielt gefördert, beim Hochschulzugang wurden Quoten eingeführt.

In Westdeutschland wurden Reformversuche, die in einigen Bundesländern versucht worden waren, wie zum Beispiel die sechsjährige gemeinsame Grundschule, in den 50er Jahren wieder rückgängig gemacht. Mit Ausnahme von West-Berlin, wo heftig um ein neues Schulgesetz gestritten worden war. Bundeskanzler Adenauer verkündete 1950 auf einer CDU-Kundgebung in Berlin:

Adenauer in Berlin 18.4.1950: Wir sind der Auffassung, dass eine christliche Erziehung die beste Grundlage für jeden einzelnen und für den Staat ist.

Die SPD dagegen sprach sich für eine klare Trennung von Kirche und Staat aus. Erich Ollenhauer:

Ollenhauer in Berlin 24.4.1950: Wir werden keinen Totalitätsanspruch irgendeiner Machtgruppe oder irgendeiner Gesinnungs- oder politischen Gruppe auf die öffentliche Erziehung des Kindes oder der Jugend anerkennen.

Reportage/ SWR: (Reporter) Und, wie ist es mit dem Kartenmaterial?
(Lehrer) da steht es ebenso, wie mit den anderen Lehrmitteln. Ich habe eine Deutschlandkarte, da schämt man sich, wenn man die aufhängen muss
ach, die da hinten?
Ja
Ja, die ist mindestens 25/30 Jahre alt, vom deutschen Wirtschaftswunder sieht man da nichts, das einzige Wunder ist, dass sie noch nicht ganz auseinander gefallen ist.


In den 50er Jahren war die Volksschule, die damals nur bis zur achten Klasse ging, in Westdeutschland die Schule der Nation: 70 bis 80 Prozent eines Jahrgangs machten dort ihren Abschluss, nur rund 15 Prozent besuchten ein Gymnasium. Und noch Mitte der 60er Jahre waren lediglich sechs Prozent eines Abiturjahrganges Arbeiterkinder.

Erinnerungen, Volksschule in Münster 1953: Schulkleidung, wie zum Beispiel in England, gab es nicht, aber die meisten Mädchen trugen bunte Schürzen über ihrer alltäglichen Kleidung. Alle Schüler hatten dunkelbraune Ledertornister, die sie auf dem Rücken trugen, und an den Seiten hingen selbst gestrickte oder gehäkelte Tafellappen heraus, zum Abtrocknen der Schiefertafeln. In den höheren Klassen durften sie dann mit Federhalter und Feder ins Heft schreiben. In den Schulbänken waren Tintenfässer eingelassen, in die man die Feder tauchte.

Viele der Volksschulen, besonders auf dem Land, waren noch einklassig, das heißt alle Jahrgänge, manchmal 60 bis 70 Schüler, in einem Zimmer bei einem Lehrer.

Reportage / SWR: In dem alten Haus, na sagen wir ruhig, in dem alten Kasten, ist oben das Bürgermeisteramt und hier unten der Schulraum, notabene für acht Schuljahrgänge gleichzeitig, der Raum ist düster.

Rundfunkreportage 1957 aus Baden-Württemberg.

Reportage / SWR: Die veralteten Schulbänke und Pulte tun einem schon beim Ansehen irgendwie körperlich weh, ja gewiss, früher hat man es auch nicht anders gekannt, aber früher ist nicht heut, heut gibt's ja auch keine Folterkammern mehr.
Wer soll das alles ändern, die Gemeinde, sie ist arm, (Kinder fangen zu singen an) jetzt singen sie, ich hab das vielleicht doch etwas zu düster gesehen, die Kinder merkens gar nicht so, aber wir, der Staat, wenn die Kinder einmal aus der Schule kommen.


Die kleinen Dorfschulen verschwinden in den 60er und 70er Jahren, werden ersetzt durch größere zentrale Schulen, eine Entwicklung, die schon in den 50er Jahren einsetzte. Der Präsident eines Schulamtes:

Reportage 1957/ SWR: Dem stehen Einwände gegenüber: Die Schule unserer Dörfer ist der geistige und kulturelle Mittelpunkt der Dörfer
(Reporter: ja, ja,)
niemand in einem solchen Dorfe wird jemals zustimmen, dass die Schule aufgelöst wird.


Die Lehrer auf dem Land übernahmen damals viele ehrenamtliche Funktionen, vom Chorleiter bis zum Bibliothekar der Dorfbücherei. Doch es fanden sich immer weniger, die bereit waren, in die Provinz zu gehen. Lehrermangel, nicht nur dort. 1958 fehlten bundesweit an den allgemein bildenden Schulen 7000 Lehrer, die geplante Einführung des 9. Schuljahres würde, so eine Berechnung aus dieser Zeit, weitere 11.500 Lehrer erfordern.

Die alteingesessenen Lehrkräfte verteidigten hingegen ihre Einklassenschule:

Oberlehrer: Gerade dadurch, dass die Schüler der oberen Jahrgänge den Unterricht der unteren Jahrgänge immer wieder mit erleben, bekommen sie eine Wiederholung ihres Wissens und prägen das viel tiefer ein, dass ihr Wissensstoff viel fester sitzt als in anderen Schulen.

Erinnerungen, Schulzeit in Capelle 1952-59: Viele Jungen sind zur damaligen Schulzeit auch mit Lederhosen und mit Holzschuhen in die Schule gegangen. Vorteile dieser Kleidung waren, dass die Lederhosen nicht so schnell kaputt gingen und die Holzschuhe schön warm waren. Kam ein Schüler zu spät zum Unterricht oder hatte er die Hausaufgaben vergessen, bekam er mit dem Rohrstock auf die Finger oder auf das Hinterteil.

Erinnerungen, Selm, 1955-63: Nachmittags gab es keinen Unterricht, und wenn Erntezeit war, durften die, die beim Bauern helfen mussten, eher gehen. (...) Alle Klassen gingen geschlossen zweimal in der Woche in den Schulgottesdienst.

Erinnerungen, Südkirchen, 1953-58: Geheizt wurde im Winter mit einem Kanonenofen. Doch dieser Ofen hatte einen enormen Nachteil: Die Kinder, die in der Nähe des Ofens saßen, mussten sehr schwitzen, und die Kinder, die hinten saßen, mussten frieren. Zwei Kinder der Klasse hatten die ganze Woche die Aufgabe, auf den Ofen aufzupassen.

Langsam beginnt im grauen Schulalltag die Moderne einzuziehen.

Thomas Ellwein, Was geschieht in der Volksschule? (1960): Der Schulfunk gehört in vielen Schulen zu den selbstverständlichen Unterrichtsbestandteilen, ebenso steht es mit dem Unterrichtsfilm. Auch das Tonband setzt sich langsam durch, sogar vom Schulfernsehen ist schon die Rede.

Eine Studie aus dem Jahr 1960. Doch Klassengröße und Ausstattung unterscheiden sich, es gibt ein starkes Stadt-Landgefälle.

SWR-Reportage 1957: (Reporter) Ja, Herr Lehrer, was machen Sie denn, wenn Sie Ihre Kinder, das müssen Sie ja dem Lehrplan nach, was beibringen wollen in den Oberklassen, Sie haben ja acht Klassen zu unterrichten in einer Klasse, wenn Sie Ihnen was beibringen wollen über Elektrizitätslehre?
(Lehrer) Ja, da kann ich nur mit ganz einfachen Mitteln arbeiten, mit Taschenlampenbatterien usw., aber das reicht an sich nicht aus für den Kenntnisstand, was heute verlangt wird, aber ich kann´s mit den Mitteln, 400 Mark im Jahr, kann ich nicht alle Einrichtungen, Lehrmittel beschaffen.


Nur langsam beginnt sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass in Bildung mehr investiert werden muss. Konrad Adenauer auf einer Pressekonferenz 1957:

Adenauer 1957: Wenn sie hören, mit welch geringer Kenntnis die jungen Menschen, die Mädchen und Jungens, von der Schule kommen um dann ins Leben zu gehen, dann kann man sehr ernst über die Zukunft des deutschen Volkes denken.

Doch durchgreifende Reformen ließen auf sich warten, bis in den 60er Jahren die "Bildungskatastrophe" festgestellt wurde - so der Titel des einflussreichen Buches von Georg Picht 1964.
Mit der Landschulreform, also der Zusammenlegung der kleinen Dorfschulen zu besser ausgestatteten Gemeinschaftsschulen, verlor in den 60er Jahren auch der Streit um die Konfessionsschulen an Härte. Die evangelische Kirche hatte sich schon früh mit den Gemeinschaftsschulen arrangiert, nun setzte auch unter katholischen Eltern und Bischöfen ein Bewusstseinswandel ein. Bildungsreformen waren nun wichtiger als das Beharren auf der überkommenen Konfessionsschule.

Der katholische Publizist Walter Dirks 1966:

In der letzten Zeit dagegen wird man sich immer häufiger bewusst, dass wegen des Bildungsrückstandes in ärmeren Gebieten, an denen der katholische Bevölkerungsteil einen überproportionalen Anteil hat, der Katholizismus an jenen Reformen geradezu noch mehr interessiert ist als die Gesellschaft insgesamt.

Trotzdem klagten Anhänger der Bekenntnisschule in den 60er Jahren vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Gemeinschaftsschule, die nun sogar im katholischen Bayern per Volksbegehren als Regelschule in der Verfassung verankert worden war. Die Kläger hatten aber keinen Erfolg.
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