MerkMal
MerkMal
Montag bis Freitag • 16:15
13.10.2004
Burgen, Schlösser, Weinberge
Die Rheinromantik und ihre Geschichte
Von Caroline Michel und Karin Lamsfuß

Der Rhein (Bild: AP)
Der Rhein (Bild: AP)
Herbst im Rheinland - das ist die Zeit der Weinlese und der Weinfeste. Touristen genießen die außergewöhnlich schöne Landschaft, die malerischen Dörfer und Städte. Vielleicht ist das Rheintal die deutscheste aller deutschen Kulissen, geprägt von dem mächtigen Strom, der sich durch die geschwungenen Täler hindurcharbeitet, zwischen Weinbergen und bewaldeten Hügeln, deren "Häupter" von historischen Ruinen gekrönt sind. Eine Landschaft, die seit jeher Balsam auf den Seelen der Melancholiker war. Der Rheinabschnitt zwischen Koblenz und Bingen ist inzwischen sogar Weltkulturerbe.

Schäfke: An den Rhein, an den Rhein, zieh nicht an den Rhein, mein Sohn; ich rate dir gut, da geht dir das Leben zu lieblich ein, da geht zu freudig dir der Mut, siehst du die Mädchen so frank und die Männer so frei, als wär's ein adlig Geschlecht, so dünkt es dich billig und recht.

Die Anfänge der Rheinromantik haben nichts mit kitschigen Sonnenuntergängen über sanft geschwungenen Weinbergen zu tun und auch nichts mit schnulzigen Rheinballaden, gesungen zur Hammond-Orgel.
Der Dichter und Literaturhistoriker Karl Simrock traf mit seinem Gedicht "Warnung vor dem Rhein" in der Mitte des 19. Jahrhunderts den Nerv einer ganzen Epoche - der Romantik als geistes- und literaturwissenschaftlicher Strömung.
Die Zutaten dieser melancholischen Texte, die sich gerne auf das angeblich so glorreiche Mittelalter besannen: Ausdruck eines extremen Freiheitswunsches und Warnung vor dem lieblichen Leben mit all seinen bösen Verlockungen:

Schäfke: Ud zu Schiffe, wie grüßen die Burgen so schön und die Stadt mit dem ewigen Dom, in den Bergen wie klimmst du zu schwindelnden Höhn - 300 Meter über dem Meeresspiegel sind schon viel, aber als schwindelnde Höhe? Beim Runterfallen reicht das ... - und blickst hinab in den Strom. Und im Strome, da tauchet die Nix aus dem Grund, und hast du ihr Lächeln gesehen, und ich sag dir, die Loreley mit bleichem Mund, mein Sohn so ist es geschehen. Dich bezaubert der Laut, dich betört der Schein, Entzücken fasst dich, und Graus, nun singst du nun immer am Rhein, am Rhein, und kehrst nicht wieder nach Haus.

Nein, ganz ungefährlich ist es nicht, das Mädchen mit dem klangvollen Namen "Loreley", das im sanften Abendlicht auf dem Felsen thront und unermüdlich sein goldenes Haar bürstet. Um diese Sagenfigur ranken sich seit der Romantik viele Mythen - so sorgte sie angeblich aus Enttäuschung über die Männerwelt dafür, dass die in ihren Booten an der Felswand zerschellten. Für Werner Schäfke, Direktor des Kölnischen Stadtmuseums, seit jeher das Sehnsuchtsmotiv schlechthin.

Schäfke: Romantik bedeutet eigentlich immer noch: Sehnsucht nach etwas Verlorenem, Hoffnung auf eine Welt voller Gefühle, Anblick von Schönem, nach dem man sich verzehrt - und genau das war der Anlass, Ende des 18. / Anfang des 19. Jahrhunderts für viele besonders deutsche Dichter, am Rhein sich an vergangene glorreiche Zeiten des Deutschen Reiches zu erinnern, gerade in dem Moment, wo die Rheinlande von den Franzosen besetzt waren, zieht zum Beispiel Moritz Arndt durch die Lande und träumt davon, wie schön es doch früher am Rhein gewesen war, als die Burgen noch heil waren, wo noch nicht der französische Erbfeind die Ruinen dann so romantisch gemacht hatte - bzw. die Burgen zu Ruinen - und damit so romantisch gemacht hatte …

Vater Rhein mit seinen zahllosen Burg- und Schloss-Ruinen war also geradezu prädestiniert, die Sehnsüchte seiner deutschen Kinder mit unzähligen Gute-Nacht-Geschichten zu nähren: lieblichen Märchen, spannenden Sagen, blutrünstigen Legenden und schwärmerischen Gedichten. Vor der beeindruckenden Kulisse von Flussbiegungen, Felsen, Bergen, Wäldern, Weinhängen und mittelalterlichen Burgen wirkten sie umso verwunschener. Und um diese Phantasien auf ihren Realitätsgehalt zu überprüfen, ließen sich "Rhein-Romantiker" zu allen Zeiten an die ganz besonders "romantischen" Plätze bringen.

Der Reiseboom entlang des Rheins begann bereits im 18. Jahrhundert, doch diese Rheinpartien waren lange nicht so bequem wie heute, wo Touristen gemütlich auf dem Ausflugsdampfer schippernd bei Kaffee und Kuchen den dreisprachigen Schilderungen vom Band lauschen.

Scheuren: 1802 sind mal wieder Leute auf dem Rhein gefahren - so ganz sensationell war das nicht - aber: 1802 waren's ein paar Prominente, die Spuren hinterlassen haben: das waren einmal Clemens Brentano und Achim von Arnim, die gemeinsam den Rhein befahren haben - das war im Juni 1802 - und die haben dann anschließend hier auch beschlossen, sie wollen sich mehr um die Volksüberlieferung kümmern, und aus dieser Idee, die hier am Rhein geboren ist unter dem Eindruck dieser Reise, ist dann zwei Jahre später "Des Knaben Wunderhorn" entstanden, also eine später sehr berühmt gewordene Textsammlung, und im gleichen Jahr, im Sommer, ist auch Friedrich Schlegel am Rhein lang gefahren und auch er hat ne Reisebeschreibung niedergeschrieben, die dann einige Furore gemacht hat.

Urlauber zu Zeiten von Brentano und von Arnim erkundeten die Rheinlandschaft per Segelschiff, berichtet Elmar Scheuren, Historiker und Leiter des "Siebengebirgsmuseums" in Königswinter. Rheinabwärts kein Problem, doch rheinaufwärts mussten die Schiffe mühsam von Pferden gezogen werden.
Der englische Dichter Lord Byron wählte die Kutsche, als er 1816 diesen Rheinabschnitt bereiste: die Initialzündung für die Flut englischer Bildungsreisender, für die ein Besuch des "romantischen Rheins" fortan auf dem Pflichtprogramm stand:

Scheuren: Wenn man's ganz kurz zusammenfasst, war's im Grunde die Verknüpfung von Gefühl, von Seelenleben, vom Innersten und wirklich gravierenden Gefühlen, die da der Mensch halt so haben kann - das hat meistens mit Liebe zu tun - und das mit Landschaftseindrücken. Das war eigentlich so das Entscheidende, was Lord Byron neu gebracht hat. Er sah plötzlich die Landschaft als Spiegel seines eigenen Innenlebens und das Rheintal speziell wurde für ihn zu einer tragischen Lebensphase, wo er große Probleme hatte und aus England sogar verschwinden musste, sah er nun im Grunde im Rheintal das wieder, was sich in ihm abspielte. Fand die passenden Bilder in dramatischen Ruinen, in ner imposanten Landschaft, in solchen Bildern, in der Mischung aus Lebensfreude und Verfall.

Lord Byron war ein Pionier: vor ihm bereisten nur Adelige den Rhein, die auf der "Grand Tour" - der klassischen Bildungsreise nach Griechenland und Italien zu den Stätten der klassischen Antike - das Rheintal als Transitland nutzten.

Jetzt wollten auch die wohlhabenden englischen Bürger, die schon immer etwas übrig hatten für geheimnisumwitterte Orte wie verfallene Ruinen, spukende Schlösser und Friedhöfe, den sagenumwobenen Rhein mit eigenen Augen sehen. Sich in wohligem Gruseln vorstellen, wie Mary Shelley's Frankenstein vor seinem selbst geschaffenen Monster den Rhein hinunter bis nach England flieht.

Inbegriff der romantisch verklärten Wünsche: ein Leben als mittelalterliches Burgfräulein und edler Ritter auf einer Burg, hoch oben auf einem Berg, ohne Elektrizität und Heizung - dafür aber mit Zofen und Knappen. Und mit einem verschwiegenen geheimen Turmzimmer. Ideal für ein romantisches Tête-à-Tête.

Schäfke: Für die Zeitgenossen ist das, was die Nachfahren als "romantisch" empfinden, immer normal gewesen - und mit Arbeit verbunden gewesen. Es gibt natürlich auch für das Mittelalter die entsprechenden Minnesänger, die das Leben auf den Burgen romantisch machen, aber romantisch ist das Leben auf den Burgen damals mit Sicherheit nicht: wo der einzige geheizte Raum neben der Küche die Kemenate für die Frauen ist und ansonsten dicke Steinwände im Sommer heiß werden und im Winter eisig kalt werden. Rheuma im Wohnsitz inbegriffen.

Trotzdem gehörte es seit dem 12. Jahrhundert vor allem im Rheintal zum guten Stil, Burgen zu bauen: jeder, der etwas auf sich hielt, stellte sich eine solche Prunkresidenz hoch oben auf einen der vielen Hügel. Das Resultat: 31 Burgen - von denen heute einige noch als Ruinen zu bewundern sind - auf knapp 60 Kilometern.
"Arbeit" auf einer Burg bedeutete damals zumeist: Geld-Eintreiben. Entweder als "ehrlicher", vom Fürsten beauftragter Zöllner oder auf "eigene Rechnung" als Raubritter. Das heißt: die romantischen Burgen wurden keinesfalls, wie es gut in das verklärte Bild gepasst hätte, der pittoresken Aussicht wegen an den schönsten Stellen am Strom errichtet.

Schäfke: Zollstätten lohnen sich an Stellen, wo viele Leute vorbeikommen, die man zum Zahlen verpflichten kann! Und: der Rhein ist - noch heute ja - die große Schiffsroute in Mitteleuropa. Und wer die Gelegenheit hatte, den Schiffsfahrern für das Vorbeifahren Geld abzunehmen, hatte eine wunderbare dauerhafte Einnahmequelle. Und solche Zolleinnahmestellen, die musste man entsprechend gut bewachen und bewehren, und dafür gab es Burgen im Tal - so wir sie in Bacherach zum Beispiel. sehen oder in Rüdesheim - oder dann die Höhenburgen, wo jeder von uns die Marxburg oder anderes in Erinnerung hat.

Ein paar Jahrhunderte lang lebten die Ritter recht gut auf oder von ihren Burgen. Bis sich der Ludwig XIV, der Sonnenkönig, 1689 entschloss, keine Zölle mehr zu bezahlen und alleiniger Herr des Rheins zu werden. Fast alle Rheinburgen wurden in diesem Jahr in Brand gesetzt.

Heute sind die meisten Burgen und Schlösser den neugierigen Besuchern aus aller Welt zugänglich: als Ausflugslokale, Museen, als Ansammlung loser Steine, zwischen denen es sich prima picknicken lässt - oder als Haupthaus eines Weinguts.

Schneider: Schloss Arenfels ist bekannt als "Jahresschloss": mit Fenster so viel wie Tage im Jahr, Türen so viel wie Wochen im Jahr und Türme so viel wie Monate. Zur Zeit in der Renovierung kann man schon die Spuren des alten Glanzes wieder erkennen: der Giebel des ältesten Teiles von Arenfels, des nördlichen Teils, ist mittlerweile komplett fertig mit seinen Skulpturen und erstrahlt wiederum in einem vollkommen neuen Glanz. …

Obwohl der Weinbau am Rhein eine etwa tausendjährige Tradition hat, ist, seitdem sich Fabriken im Rheintal breit gemacht und Teile der Weinlandschaft zerstört haben, kaum noch das große Geld damit zu verdienen. Winzer Bernhard Schneider aus Bad Höningen ist also auf Touristen angewiesen, die an schönen Wochenenden sein Ausflugsrestaurant füllen.

Zu den alljährlichen Weinfesten kommen sie heute von nah und fern - auch Touristen aus England, Holland oder Japan. Im benachbarten Königswinter, wo der Romantik-Berg par excellence steht - der Drachenfels -, werden sie versorgt mit Souvenirs "made in Hong Kong": der Drachenfels als Schneekugel oder goldener Plastik-Schlüsselanhänger prangt neben Muscheldöschen und Kuckucksuhr.

Tourismus auf dem Rhein - zwischen Romantik und Kitsch. Vor zwei Jahrhunderten gab es feinste Porzellanteller, die mit Landschaftsmotiven bemalt waren, in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts den Holzesel, vor dem sich die Touristen ablichten lassen konnten.

Die vielleicht kurioseste Attraktion, die zurzeit im Siebengebirgsmuseum steht, ist der blecherne Wahrsage-Automat, in dem eine schrullige, hölzerne Wahrsagerin mit dicken Warzen im Gesicht Schicksal spielt:

Birkenstein: Jetzt machen wir mal einen Blick hier rein, ist alles noch mechanisch, ich werf jetzt mal noch ein altes 50-Pfennig-Stück ein, jetzt sollten fast alle meine Fragen beantwortet sein: Ihre Glückszahl ist Ihre Schuhnummer: 12 - nun meine ist 39, das passt nicht - und nun steht der Lottotipp auch da

Tanztee unter der Disco-Kugel in Bad Honnef und angetrunkene Kegelbrüder in Rüdesheim - Rheinromantik heute. Wer am Rhein heute seine Sehnsucht nach romantischen Gefühlen befriedigen will, wird allerdings nicht nur durch den Rummel gestört, sondern mehr noch durch den Verkehr - die Landstraßen, die auf beiden Seiten des Rheinufers durch das enge Tal führen und die Bahntrasse, auf der alle drei Minuten ein Zug rattert.

Die volkstümliche "Rheinromantik" hat die literarische Strömung der Romantik überlebt. In schlechten Zeiten - zum Beispiel. während und nach den beiden Weltkriegen - sehnte man sich nach schöner Landschaft, besann sich einer glorreichen Vergangenheit. Und Museumsdirektor Werner Schäfke erkennt sogar einen romantischen Aspekt - nämlich die Klage über den Verlust der Naturschönheit - in einer Aktion von Josef Beuys:

Schäfke: Er hat 20 Flaschen Rheinwasser abgefüllt seinerzeit in Düsseldorf - das heißt also das Kölner Elend ist da schon mit drin an Abwassern - und damit eben deutlich gemacht, das Wasser auch noch zusätzlich eingefärbt, deutlich gemacht, dass hier mit all dem, was an Umweltgiften und anderem damals in den Rhein abgefüllt wurde (...), dass hier ein drohender Verlust vor uns steht. Und das gehört ja immer zur depressiven Seite der Romantik.
-> MerkMal
-> weitere Beiträge