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15.10.2004
Harter Kampf um die badische Selbstbestimmung
Geschichte Baden-Württembergs
Von Winfried Sträter

Zwei Bundesländer zu vereinigen, das gehört zu den schwierigsten politischen Unternehmungen in der Bundesrepublik. Soeben hat Brandenburg die lange geplante Fusion mit Berlin in eine ungewisse Zukunft verschoben. Es gibt aber den Fall einer gelungenen Fusion: Baden-Württemberg. Lohn der guten Tat: Heute ist Baden-Württemberg mit seiner Wirtschaftsleistung das Vorzeigeland der Bundesrepublik. Dabei hatten es auch Badener und Schwaben zunächst nicht leicht, zueinander zu kommen.

"Alemagne": So nennen die Franzosen Deutschland - in Erinnerung an die uralten Zeiten, als sich die Alamannen im Südwesten ansiedelten und im 3. Jahrhundert die Römer zurückdrängten. Die Alamannen besiedelten den Südwesten bis in die Schweiz - Gebiete des heutigen Baden und des heutigen Württemberg. Zu den Alamannen gehörten auch die Sueben, von denen der Name "Schwaben" stammt.

Baden-Württemberg verbindet die alte, aber nicht unbedingt die jüngere Geschichte. Dass die Badener und die Württemberger unter das Dach eines gemeinsamen Bundeslandes kamen, war keineswegs selbstverständlich, im Gegenteil.

Leo Wohleb: Lassen wir uns nicht durch vage Versprechungen und Hoffnungen betören! Südweststaat: nein!

Leo Wohleb, der badische Staatspräsident, kämpfte Anfang der Fünfzigerjahre wie ein Löwe gegen die Bildung eines gemeinsamen Bundeslandes Baden-Württemberg.

Leo Wohleb: Ich verstehe schon, Sie wollen gar nichts anderes in Deutschland als diese eine Neuordnung, den Südweststaat. Der Staat Hamburg, der Staat Bremen ist Ihnen groß genug. Der ist nicht zu klein gegenüber Baden. Nur das Eine steht für Sie fest, hier muss Württemberg und Baden zusammengeschlossen werden, Sie müssen - Beifall - … wollen Sie nichts anderes.

Die Wogen haben sich geglättet, zumal sich Baden-Württemberg mit seiner Wirtschaftsleistung heute stolz als Musterland der Bundesrepublik präsentieren kann. In den Fünfzigerjahren aber trieb der Stammeskonflikt zwischen Badenern und Württembergern merkwürdige Blüten. Als eine Tante von mir - eine Westfälin - 1948 nach Karlsruhe heiratete, erhielt sie von Onkel Karl, ihrem badischen Ehemann, die Instruktion: Das müsse sie noch lernen: die Württemberger zu hassen.

Grund: Es ist unbestritten, dass dieses Land Baden-Württemberg manipuliert worden ist, dass es ein Unrechtsstaat ist in unserem Sinn. Der Südweststaat hat seine Aufgabe nicht erfüllt, zumindest nicht erfüllt im Sinne dieser badischen Bevölkerung hier am Rhein, nicht im Sinne der wirtschaftlichen Entwicklung am Rhein, nicht im Sinne der Bundesrepublik und schon gar nicht im Sinne Europas. (Applaus)

So kommentierte Mitte der Fünfzigerjahre der Vorsitzende des Heimatbundes Badenerland, Reinhold Grund, die Gründung des Bundeslandes Baden-Württemberg.

Von Mannheim bis Lörrach erstreckt sich Baden entlang der oberrheinischen Tiefebene, und im Süden von Freiburg bis zum Bodensee.

Im hohen Mittelalter waren die Zähringer (benannt nach der Burg Zähringen bei Freiburg) das mächtigste Adelsgeschlecht in diesem Raum. Im 12. Jahrhundert waren sie scharfe Konkurrenten der Staufer, die als Herzöge von Schwaben über hundert Jahre lang die deutschen Könige und Kaiser stellten.

Im 15. Jahrhundert war die Markgrafschaft Baden ein bedeutender Staat am Oberrhein. Dann kam es zur Teilung in einen protestantischen und einen katholischen Kleinstaat, die erst 1771 überwunden wurde.

Baden gehört zu den deutschen Ländern mit einer ausgeprägt liberalen Tradition: Reformen im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus im 18. Jahrhundert, Verabschiedung einer fortschrittlichen Verfassung 1818, als das wiedervereinigte Baden bereits Großherzogtum war. Dann - die Revolution von 1848. Führende deutsche Revolutionäre kamen aus Baden: Friedrich Hecker, Gustav Struve. Vor allem Hecker ist bis heute ein Volksheld.

Ain Geyr ist ausgeflogen
Im Högew am Schwarzwald.
Er hat vil Jungen auszogen
Die Bauern allenthalb.
Sie sind aufrürig worden
In teutscher Nation
Und hand ain bsunder Orden,
Vielleicht wird in wol gon.


Ein Gespenst geht um im Südwesten Deutschlands zu Anfang des 16. Jahrhunderts: der Bundschuh. Den Bauern geht es schlecht. Die Herrschaft der Adligen und der Kirchenfürsten wird immer drückender. Unter dem Zeichen des Bundschuhs (eines Schnürschuhs, den die Bauern tragen) kommt es schon Ende des 15. Jahrhunderts zu ersten Aufständen. Die Misswirtschaft des Herzogs Ulrich von Württemberg führt 1514 zum so genannten Aufstand des Armen Konrad.

1517 löst Martin Luther die Reformation aus. Ein halbes Jahr später wirbt Luther in Heidelberg für seine reformatorischen Thesen. 1524/25 ist im gesamten Südwesten Deutschlands der Teufel los. So jedenfalls empfinden Adel und Kirche den Bauernaufstand - die erste revolutionäre Bewegung in der deutschen Geschichte.

Die Bauern sind einig geworden
Und kriegen mit Gewalt,
Sie haben einen großen Orden,
Sind aufständig mannigfalt:
Und tun die Schlösser zerreißen
Und brennen Klöster aus:
So kann man uns nicht mehr bescheißen
Was soll ein bös' Raubhaus?


Gegen die aufständischen Bauern formieren sich süddeutsche Fürsten im Schwäbischen Bund. Vom Kaiser unterstützt schlagen sie den Aufstand blutig nieder. Kaiser und Papst danken dem Schwäbischen Bund für diese Leistung. Und Luther meint:

Der Esel will Schläge haben, und der Pöbel will mit Gewalt regiert sein.
Die Bauern wollten auch nicht hören, da musst man ihn die Ohren aufknüffeln mit Buchsensteinen, dass die Köpfe in der Luft sprungen.


Dem Bauernkrieg folgt im 17. Jahrhundert der Dreißigjährige Krieg. Auch wenn Süddeutschland nicht ganz so hart getroffen wird wie der Norden und Osten Deutschlands, bedeutet der Krieg auch hier einen erneuten Aderlass, und die politische Zersplitterung setzt sich fort. Um 1800 ist Südwestdeutschland in sage und schreibe 350 Klein- und Kleinstherrschaften aufgeteilt. Der Südwesten ist geradezu sprichwörtlich für die deutsche Kleinstaaterei. Napoleon ist es, der hier Ordnung schafft. Baden wird Großherzogtum, Württemberg gar ein Königreich, das im Süden an die Hohenzollern-Fürstentümer Sigmaringen und Hechingen angrenzt.

Dabei bleibt es, auch als Napoleon besiegt ist. Was auch bleibt, ist die relative Machtlosigkeit der Badener, Württemberger und der Hohenzollern im Süden Deutschlands. Ein halbes Jahrhundert gibt der österreichische Kaiser den Ton an, dann der preußische König und deutsche Kaiser. 1871 haben die südwestdeutschen Staaten nur noch eine Wahl: Sie werden Teil des Deutschen Reiches.

Scheidemann, 9. 11. 1918: Das Alte und Morsche, die Monarchie, ist zusammengebrochen, es lebe das Neue, es lebe die deutsche Republik.

Auch im Südwesten endet mit der Novemberrevolution 1918 die Zeit der Fürstenherrschaft. Der Großherzog von Baden nennt sich Markgraf, der König von Württemberg nur noch Herzog - beide ziehen sich aus dem politischen Geschäft zurück. Baden ist nun "demokratische Republik", Württemberg ein "freier Volksstaat". Hitler macht daraus den Gau Baden und den Gau Württemberg-Hohenzollern. Das ist die Situation 1945, als Amerikaner und Franzosen den Südwesten Deutschlands besetzen, in Besatzungszonen aufteilen und politisch neu gliedern, in drei Länder:

Württemberg-Baden - mit dem Regierungssitz Stuttgart.
Württemberg-Hohenzollern - mit dem Regierungssitz Tübingen.
Und Baden - mit dem Regierungssitz Freiburg.


Schon nach dem Ersten Weltkrieg hatte es Überlegungen gegeben, einen Südweststaat zu schaffen. Nach dem Zweiten Weltkrieg steht diese Frage unwiderruflich auf der Tagesordnung. Ein erbitterter Kampf entbrennt. Die Badener haben Angst vor der Vorherrschaft der Württemberger. Leo Wohleb, der badische Staatspräsident, beschwört die badische Eigenständigkeit:

Wir alle beide, Baden und Württemberg, wollen uns gemeinsam, aber frei und unabhängig voneinander in deutscher Treue um die Bundesgewalt der deutschen Bundesrepublik scharen. Hören Sie deshalb meinen vom Herzen und vom Verstand kommenden Ruf. Verzichten wir in diesen unruhigen Zeiten auf die Schaffung eines neuen Staatsgebildes, das ein Experiment darstellt, von dem wir nicht wissen, was es uns bringt. Halten wir fest an unserer badischen Tradition. Erwecken wir das alte Baden unserer Väter zu neuem Leben. Wir können dann dessen gewiss sein, dass es blühen und gedeihen wird, eingebettet im Deutschen Bund, nicht in einem sagenhaften uns Badenern fremden Südweststaat.

Am 9. Dezember 1951 findet in den drei Ländern eine Volksabstimmung statt. Die Bürger entscheiden, ob es einen einheitlichen Südweststaat geben soll. Ergebnis: In Württemberg und Hohenzollern stimmen über 90 Prozent der Wähler für die Fusion, in Baden 52 Prozent dagegen. Trotzdem wird dieses Ergebnis als Votum für den Südweststaat gewertet. Eine nicht ganz saubere Lösung, und so ist die Stimmung gereizt, als Ministerpräsident Reinhold Maier am 25. April 1952 auf der Verfassunggebenden Landesversammlung die Gründung des gemeinsamen Bundeslandes verkündet:

Meine Frauen und Männer, Gott schütze das neue Bundesland. Gott schütze die neue Bundes-… (Tumult - Glocke) .. Ich muss es noch mal sagen. Gott schütze das neue Bundesland.

Auch bei der Namensfindung geht es im Landtag noch hoch her: Sollen die Badener namentlich erwähnt werden - oder lieber die Schwaben?

Parlamentsdebatte: (Frau) "Mir gefällt schon allein der schöne weich umfassende Klang in diesem Namen: Schwaben.
In dieser Schicksalsstunde einer Nation darf die Stimme des badischen Volkes nicht schweigen. Wenn man Kavalier ist, Kollege Pflüger, und heiratet eine so nette Dame, wie man Baden geheiratet hat, dann muss man dieser Dame auch etwas entgegenkommen. Wenigstens in der ersten Zeit der Ehe. Ich bitte also vom Standpunkt des Doppelnamens keine Sorge zu haben, dass der Name Baden-Württemberg durchaus gängig ist und sich einbürgern wird.


Bei den Badenern bleibt für lange Zeit das bittere Gefühl, mit unsauberen Tricks in den Südweststaat eingemeindet zu werden. Die Hardliner vom Heimatbund Badenerland kämpfen mit großer Zähigkeit um eine Revision der Volksabstimmung. Tatsächlich erreichen sie ihr Ziel: Baden darf 1970 noch einmal abstimmen und entscheiden, ob es wieder eigenständig werden will. Das Ergebnis verblüfft alle: Über 80 Prozent stimmen für den Verbleib im Land Baden-Württemberg. Der alte Streit ist begraben, Baden-Württemberg ist auf dem Weg zum bundesdeutschen Musterländle.

Was eine baden-württembergische Hebamme schon 1953 wusste, ist Gemeingut geworden ...

Rundfunkinterview 1954 mit einer Hebamme: Jetzt aber, Frau Magdalena Sauer, eine ganz indiskrete Frage an Sie als Hebamme. Es wird doch sehr oft behauptet, dass zwischen den Badenern und den Württembergern ein sehr großer Unterschied besteht. Sie als Hebamme, die Sie nun die jungen Menschlein in die Hände bekommen, Sie müssen das doch ganz genau wissen.
Ich seh keinen Unterschied, also es besteht kein Unterschied.
Das können Sie uns ganz fest sagen?
Das kann ich ganz fest sagen!

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