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11.10.2004
Geist und Wort
Wie Nobelpreisträger Politik machten
Von Matthias Eckoldt

Albert Einstein (Bild: AP)
Albert Einstein (Bild: AP)
Der Reigen ist zu Ende. In der vergangenen Woche wurden die Namen der diesjährigen Nobelpreisträger genannt. Und wir konnten wieder beobachten wie diesem höchsten aller Preise ein ungebrochen starkes Medieninteresse beschieden ist. Was damit anfangen? Nutzen die Vertreter des Geistes ihre neuen Wirkungsmöglichkeiten für politische Einmischungen?

Thomas Mann: European Listeners!

Albert Einstein: Verehrte An- und Abwesende!

Thomas Mann: Deutsche Hörer!

Heinrich Böll: Herr Ministerpräsident, liebe Frau Palme, meine Damen und Herren!

Als Alfred Bernhard Nobel im Jahre 1896 starb, besaß er nicht weniger als 355 Patente, darunter das für die Erfindung des Dynamits. Vor seinem Tod verfügte er, dass sein Vermögen, das etwa 31, 5 Millionen Kronen betrug, einem Fonds zufließen sollte, …

… dessen jährliche Zinsen als Preise denen zugeteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben.

Doch was bedeutet es, der Menschheit zu nutzen? Dass Erfindungen nicht nur Fortschritt, sondern zugleich auch Tod und Verderben bedeuten können, war nicht nur Alfred Nobel bewusst, der deshalb neben naturwissenschaftlichen und literarischen Leistungen auch ein besonderes Engagement für Frieden und Völkerverständigung auszeichnen ließ. Die Verantwortung des Wissenschaftlers und Künstlers sollte angesichts zweier Weltkriege das große Thema des 20. Jahrhunderts werden. Physiker, Chemiker und Literaten nutzten immer wieder die weltweite Aufmerksamkeit, die ihnen durch die Nobelpreisverleihung zuteil wurde, um sich politisch zu engagieren; Irrtümer inbegriffen. Unter dem Eindruck der Atombombe von Hiroshima formulierte Bertolt Brecht die Gefahren, die eine Wissenschaft ohne Moral mit sich bringt in seinem Stück "Das Leben des Galilei":

Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so groß werden, dass euer Jubelschrei über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte.

Brecht bekam keinen Nobelpreis - gewiss aus politischen Gründen. Dafür sein Erzrivale, der bürgerliche Schriftsteller Thomas Mann - 1929 für sein knapp dreißig Jahre altes Romandebüt "Die Buddenbrooks". "Der Zauberberg", den Mann als sein Hauptwerk betrachtete, gefiel Frederik Bröök, einem einflussreichen Mitglied der Stockholmer Akademie nicht besonders. Dafür schätzte der Schwede "Die Betrachtungen eines Unpolitischen", in denen Thomas Mann 1915 einen abendländischen Kulturpessimismus predigte und sich nicht selten in nationalistische oder gar militaristische Polemik verrannte.

Das deutsche Volk, als Volk durchaus heroisch gestimmt, bereit Schuld auf sich zu nehmen und ungeneigt zu moralischer Duckmäuserei, hat nicht geflennt über das, was die ihrerseits radikal erbarmungslosen Feinde seines Lebens ihm antaten … Und wie der Krieg nun ausgehen möge, den deutschen Anteil der "Schuld" daran wollen wir auf uns nehmen, jeder einzelne, eine Handvoll Pazifisten und Literaturheilige etwa ausgenommen.

Albert Einstein: Ich achte stets das Individuum und hege eine unüberwindliche Abneigung gegen Gewalt und Vereinsmeierei. Aus all diesen Motiven bin ich leidenschaftlicher Pazifist und Antimilitarist, lehne jeden Nationalismus ab, auch wenn er sich nur als Patriotismus gebärdet.

Dieses Glaubensbekenntnis Albert Einsteins, der bereits im Ersten Weltkrieg öffentlich gegen die deutsche Kriegspolitik Stellung bezogen hatte, steht in krassem Gegensatz zu Thomas Manns "Bekenntnissen". Einstein erhielt 1921 den Nobelpreis für seine physikalischen Arbeiten. Er nutzte seine Popularität, um sich für Frieden und Völkerverständigung einzusetzen und bediente sich dabei immer wieder des neuen Massenmediums jener Jahre.

Albert Einstein: Verehrte An- und Abwesende … Was speziell den Rundfunk anlangt, so hat er eine einzigartige Funktion zu erfüllen im Sinne der Völkerversöhnung. Bis auf unsere Tage lernten die Völker einander fast ausschließlich durch den verzerrten Spiegel der eigenen Tagespresse kennen. Der Rundfunk zeigt sie einander in lebendigster Form und in der Hauptsache von der liebenswürdigen Seite. Er wird so dazu beitragen, das Gefühl gegenseitiger Fremdheit auszutilgen, das so leicht in Misstrauen und Feindseligkeit umschlägt.

Der deutsche Jude und Pazifist Albert Einstein war längst ins Visier der Nationalsozialisten geraten, als er 1933 von einem Gastaufenthalt in den USA nicht mehr nach Deutschland zurückkehrte. Fortan forschte und lehrte er im amerikanischen Princeton, wo auch Thomas Mann nach seiner Emigration in die USA die Ehrendoktorwürde erhielt. Mann, mittlerweile als angesehener Repräsentant der deutschen Kultur mit Vorträgen über Goethe, Freud und Schopenhauer in den USA unterwegs, versuchte der Gleichsetzung des deutschen Volkes mit der nationalsozialistischen Ideologie entgegenzuwirken. Nach Ausbruch des Krieges wandte er sich über die BBC auch direkt an seine Landsleute:

Thomas Mann: Deutsche Hörer! … Ich suchte mit meinen schwachen Kräften hintan zu halten, was kommen musste … - den Krieg, an dem eure lügenhaften Führer Juden und Engländern und Freimaurern und Gott weiß wem die Schuld geben, während er doch für jeden Sehenden gewiss war von dem Augenblick an, wo sie zur Macht kamen und die Maschine zu bauen begannen, mit der sie Freiheit und Recht niederzuwalzen gedachten.

Albert Einstein indes rang mit seinem Gewissen. Die so genannte Einsteinformel aus seiner Relativitätstheorie, die besagte, dass Energie gleich Masse mal dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit sei, E = mc², bildete die Grundlage für die Nutzung der Kernspaltung, die Otto Hahn und Fritz Straßmann 1938 erstmals gelungen war. Aus Angst, die deutschen Wissenschaftler könnten eine Atombombe entwickeln, unterzeichnete Einstein einen Brief an den amerikanischen Präsidenten Roosevelt, in dem er zum Bau der neuen Waffe riet. Die Atomblitze über Hiroshima und Nagasaki und deren Folgen waren dann ein Schock für den engagierten Physiker. Noch wenige Wochen vor seinem Tod im Jahre 1955 sprach er von seinem "Sündenfall".

Wenn ich gewusst hätte, dass die Deutschen nicht mit Aussicht auf Erfolg an der Atomwaffe arbeiten, hätte ich nichts für die Bombe getan. ... Ich beging einen großen Fehler in meinem Leben - als ich den Brief an Präsident Roosevelt unterschrieb, in dem ich die Herstellung der Atombombe empfahl.

Heinrich Böll: Herr Ministerpräsident, liebe Frau Palme, meine Damen und Herren!

Über ein Vierteljahrhundert musste nach der Zerschlagung des Dritten Reiches ins Land gehen, bis wieder ein Deutscher für würdig befunden wurde, mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet zu werden - Heinrich Böll. In seiner Preisrede sprach er am 10. Dezember 1972 in Stockholm von den Erfahrungen seiner Generation, die untrennbar mit Krieg und Zerstörung verbunden waren.

Heinrich Böll: Als Junge hörte ich in der Schule den sportlichen Spruch, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei. Und ich hörte gleichzeitig in Schule und Kirche, dass die Friedfertigen, die Sanftmütigen, die Gewaltlosen also, das Land besitzen würden. … Frieden, ich bin 1917 geboren, Frieden nur ein Wort!

Heinrich Böll, der mit seinen Büchern "Haus ohne Hüter" oder "Das Brot der frühen Jahre" als Chronist Nachkriegsdeutschlands in Erscheinung trat, geriet in den siebziger Jahren als angeblicher RAF-Sympathisant ins Visier des Staatsschutzes und nahm den ausgewiesenen Sowjetdissidenten Alexander Solschenizyn, der zwei Jahre vor ihm den Literaturnobelpreis erhalten hatte, bei sich auf. Nach dem Nato-Doppelbeschluss zur Stationierung von Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik stellte Böll sich an die Spitze der Friedensbewegung.

Moderator: Am 10. Oktober 1981 hat er im Hofgarten das Schlusswort gesprochen. Seitdem ist er gemeinsam mit uns konsequent den Weg des Friedens gegangen. Er hat in Mutlangen das Pershing-II-Depot mit uns blockiert und gestern mit uns vor dem Ministerium gesessen. Es spricht zu uns Heinrich Böll. (Applaus)

Heinrich Böll: Wir haben inzwischen eine Partei im Parlament, die Grünen, fünf Prozent (Applaus). Eine Gott sei Dank ärgerliche Minderheit. Die Basis der CDU bröckelt, hoffen wir, dass es zum Bruch wird. (Applaus)

Die Formulierung humaner Glaubenssätze, die über das eigene Fachwissen hinausweisen, gehören heute sicher zum guten Ton. Wie konsequent aber die geehrten Vertreter des Geistes ihre neuen Wirkungsmöglichkeiten im Disput mit den politischen Mächten nutzen, ist immer wieder offen. Wer heute im exklusiven Club der Nobelpreisträger angelangt ist, kann immerhin an wegweisende Vorbilder anknüpfen. Der Chemiker Peter Agre, der im vergangenen Jahr den Nobelpreis für die Entdeckung von Wasserkanälen in Zellmembranen erhielt, hat nur wenige Stunden nach der Auszeichnung schwerwiegende Vorwürfe gegen die Regierung Bush erhoben. Einen Teil seines Preisgeldes spendete Agre, um die Verfolgung von Wissenschaftlern in den USA zu bekämpfen. Als Beispiel nannte er den Fall des Wissenschaftlers Thomas Butler, der den Verlust von krankheitserregenden Mikroben gemeldet hatte und daraufhin von den Behörden angezeigt worden sei. Er werde nun des illegalen Transports von Mikroben beschuldigt.

Die Botschaft an die jungen Wissenschaftler ist: Untersucht keine ansteckenden Krankheiten, die Millionen Menschen in armen Ländern töten, weil ihr hinter Gittern landen könntet.

Gemeinsam mit 48 weiteren Nobelpreisträgern unterstützt Peter Agre nun den Wahlkampf des Demokraten John Kerry, um eine Wiederwahl Bushs zu verhindern. In einem "offenen Brief an das amerikanische Volk" schrieben die ausgezeichneten Forscher:

Die Regierung Bush hat in politischen Fragen, die für unser Gemeinwohl äußerst wichtig sind, unvoreingenommene wissenschaftliche Ratschläge missachtet. Im Gegensatz zu früheren Regierungen hat sie bei ihrer Politikfindung neutralen wissenschaftlichen Rat ignoriert. Sie untergräbt durch die Mittelkürzungen für die wissenschaftliche Forschung die Zukunft Amerikas. Zudem hält die restriktive Einwanderungspolitik der Regierung wichtige wissenschaftliche Talente von den USA fern.

Als Vorbild nannte Agre Linus Pauling, einen Freund seines Vaters. Pauling hatte 1954 ebenfalls den Chemie-Nobelpreis erhalten. Danach setzte er sich intensiv gegen die Verbreitung von Nuklearwaffen und die Durchführung von Kernwaffentests ein, wofür er 1962 auch den Friedensnobelpreis erhielt. Den Grund, warum es Nobelpreisträger immer wieder als ihre Pflicht empfinden, ihre Popularität für politische Aktivitäten zu nutzen, formulierte Pauling in zwei Sätzen:

Pauling: Fast alles, was Menschen erfinden, wird früher oder später zur Waffe. Ist das wirklich nicht zu verhindern?
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