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18.10.2004
Erosion
Die innere Entwicklung in der DDR in den 80er Jahren

Bruderkuss: Der die beiden Staats- und Parteichefs der Sowjetunion und der DDR, Michail Gorbatschow und Erich Honecker am 6. Oktober 1989. (Bild: AP)
Bruderkuss: Der die beiden Staats- und Parteichefs der Sowjetunion und der DDR, Michail Gorbatschow und Erich Honecker am 6. Oktober 1989. (Bild: AP)
Vor 15 Jahren, im Herbst 1989, war für die meisten Deutschen in Ost und West die Vorstellung, frei hin- und herreisen zu können und in einem gemeinsamen Staat zu leben, noch undenkbar. Dabei war die Entwicklung, die zum Zusammenbruch der DDR führte, schon längst im vollen Gange.

Honecker: Liebe Genossinnen und Genossen !
Die gesamte Entwicklung der Deutschen Demokratischen Republik zeigt mit großer Überzeugungskraft, was der Sozialismus ist, was er dem Volke Vorteilhaftes bringt und dass es keine andere Gesellschafts-Ordnung gibt, die sich mit seinen Errungenschaften auch nur annähernd messen kann!


80 war ich noch in der Lehre, in Greifswald. ‘ne ganz typische Kleinstadt: Innenstadt war richtig kaputt, nix los an Kultur. Um diese Zeit war ich auf Montage unterwegs. Wir haben da gewohnt in Wohnwagen. Wasser haben wir uns aus der Nachbarschaft geholt, eimerweise. (lacht) Geheizt haben wir elektrisch, und das konnte manchmal dumm ausgehen: wenn nachts der Strom ausfiel, dann waren die Bettdecken an der Wand angefroren. Ich war 1980 in der 7. Klasse. Und ich habe teilgenommen am "Fest des Liedes und des Marsches" (lacht), der jedes Jahr stattgefunden hat. Und gewohnt habe ich noch zu Hause. In einer Erdgeschoss-Wohnung in zwei Zimmern mit meiner Mutter, wovon ein Zimmer restlos von Schimmel befallen war, ja.

Eike Böhm, Wilfried Dreßler und Cathleen Horsch - unverkennbar in der DDR aufgewachsen. Von der Rede ihres Staatsratsvorsitzenden haben sie damals nichts mitbekommen, denn in Gera waren sie nicht dabei und das "Neue Deutschland" haben sie auch nicht studiert. Wer tat das schon in diesem Land:

Horsch / Dreßler: Mein Vater lehnte es ab, diese Zeitung im Hause zu haben. Ich hab‘ keine Ahnung, was da drin steht. (lacht)
Ich weiß noch, wie groß diese Zeitung war. Und eigentlich recht unhandlich zu lesen. Ich hab's mal probiert, aber ansonsten ... Stand ja auch nichts Interessantes drin.


Zum Beispiel stand nicht drin, dass Erich Honecker - drei Monate vor seiner Rede in Gera - einen Brief von Gerhard Schürer, dem Chef der staatlichen Plankommission, bekommen hatte - mit einer recht unangenehmen Nachricht:

Schürer: Wenn die kapitalistischen Banken der DDR keinen Kredit mehr gewähren, würde schon in wenigen Monaten die Lage eintreten, dass die DDR nicht mehr zahlungsfähig ist.

Die drohende Pleite hing Anfang der Achtzigerjahre wie ein Damoklesschwert über dem ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat, und die Parteispitze hat sich ausführlich den Kopf zerbrochen, wie diese zu verhindern sei.
Die Lösung: weniger Waren für die Bevölkerung, dafür mehr für den Export. Denn harte D - Mark musste in die Staatskasse, um wenigstens die Kreditzinsen zu zahlen. - Die Leute im Osten bekamen das sogleich zu spüren. Wer damals zum Beispiel im Disco-Alter war, fand in den "Jugendmode-Läden" einfach nichts mehr, was man anziehen konnte:

Horsch: Na, fürchterlich. Wir haben versucht, uns irgendwas zusammenzuschustern oder angefangen, selber zu nähen, aber sonst war's halt schlimm. Ich hab‘ jede Woche ein Westpaket bekommen und war damit dicke da. Ich hab‘ nämlich die abgelegten Sachen meiner Verwandtschaft gehabt. Da konnte ‘mer auch gute Geschäfte damit machen (lacht).

Dreßler: Mir fällt ein Spruch ein, der Erich Honecker nachgesagt wird. Der lautete: "Es ist noch viel mehr aus den Betrieben herauszuholen." Und dementsprechend reagierte die gesamte Bevölkerung der DDR, sprich: jeder schuf während der Arbeitszeit die Dinge, die er für zu Hause brauchte. (alle lachen)

Als man in der DDR kaum mehr in der Lage war, den Gürtel noch enger zu schnallen, überraschte der bundesdeutsche Regierungssprecher Peter Boehnisch die Fernseh-Zuschauer in Ost und West mit dieser Nachricht:

Boenisch: Zwischen einem Banken-Konsortium der Bundesrepublik Deutschland und der Außenhandels-Bank der DDR steht ein Vertrag über die Gewährung eines Finanz-Kredits vor dem Abschluss. Der Kredit beträgt eine Milliarde D-Mark. Die Bundes-Regierung übernimmt dafür eine Bürgschaft.

In der DDR hatte man gehört: da hilft einer den Genossen aus der Patsche, der ihnen bis dato als fleischgewordenes Feindbild galt: Franz Joseph Strauß hat den Kredit lanciert.

Horsch: Also, ich kann mich noch gut erinnern, dass ich mich sehr gewundert habe, dass der Osten jetzt mit dem Westen solche Pakte schließt, ich hab‘ das nicht verstanden.

Dreßler: Irgendwie haben wir auch mitbekommen, dass auch Grenzanlagen teilweise demontiert wurden - sprich: Mienen, Selbstschuss-Anlagen, und dass das offensichtlich Teil des Kreditvertrages war. Also, dass es da ein gegenseitiges Geben und Nehmen gab.

NVA-Soldaten in Ostberlin, 1989 (Bild: AP)
NVA-Soldaten in Ostberlin, 1989 (Bild: AP)
Selbstschuss-Anlagen. Das Wort war den DDR-Bürgern neu. Bisher hatte man immer nur von Grenzsoldaten gehört, die "Dienst an der Waffe tun, um die sozialistische Heimat zu verteidigen ":

Honecker: Die Herren von der Springer-Presse und jene, die assistieren, scheinen zu vergessen, dass es eine ständige Aufgabe der Regierung eines jeden Staates sein sollte, seine Bürger vor Ausplünderung zu schützen. (Beifall)

Horsch: Das hab‘ ich damals nicht verstanden, wieso wir nicht raus dürfen, aber der "Feind" darf rein.

Honecker: Mit dem Bau des antifaschistischen Schutzwalls im Jahre 1961 wurde die Lage in Europa stabilisiert und der Frieden gesichert.

Horsch: Also, ich kann mich erinnern, dass mittwochs immer die Sirenen gingen, um 14 Uhr. Und ich hatte immer Angst, dass jetzt die Amerikaner angreifen. Oder die Russen. - Das hat mich sehr geprägt.

Man kann ja auch ohne Bananen leben, aber nicht ohne Frieden. - Ja. Der Frieden. Der musste in den 80er Jahren in der DDR für so ziemlich alles herhalten. Im Berliner Palast der Republik wurde für den Frieden "gerockt":

Während in der DDR politisch alles beim Alten bleibt, hört man im Mai1985 erstaunliche Nachrichten aus der Sowjetunion. Die Kommunistische Partei hat einen neuen Generalsekretär gewählt: Michail Gorbatschow. Erstaunlich jung für einen Kreml-Chef - und mit frischen Ideen:

Dreßler: Also, das erste Mal, als ich aufmerksam geworden bin: das war das mit diesem strikten Alkohol-Verbot in der Sowjetunion. Das war so' ne eigentümliche Geschichte, eigentlich untypisch für dieses Land. Und dann kamen dann doch ein paar Sachen auf mit dieser "Perestroika" oder "Glasnost", die eigentlich mit dem "gelernten" Sozialismus gar nicht mehr vereinbar waren. Dass wirklich offen geredet werden sollte.

Die DDR-Regierung hingegen sieht sich nicht veranlasst, etwas an ihrem politischen Kurs zu ändern - im Gegenteil: die SED-Führung fühlt sich bestätigt, als Honecker im Herbst 1987 zu einem Staatsbesuch in die Bundesrepublik eingeladen wird. Das Fernsehen der DDR berichtet in aller Ausführlichkeit:

DDR-Fernsehen: Es beginnt nun der offizielle Besuch des General-Sekretärs des ZK der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik in der Bundesrepublik Deutschland. So wie es das Bonner Protokoll für den Besuch von Staatsoberhäuptern vorsieht, wird Erich Honecker in etwa einer halben Stunde mit militärischem Zeremoniell vor dem Bundeskanzleramt in Bonn von Kanzler Helmut Kohl empfangen werden.

Böhm / Horsch: Da fällt mir nur ein: peinlich ohne Ende. Dieser kleene Honecker mit seiner putzigen Mütze neben diesem großen Kohl, also erst mal war das schon vom Bild her eigenartig. Ich fand 's verlogen von beiden Seiten. Dass mer so 'nen Staatsbesuch machen muss und sich gegenseitig die Hände reicht, als wär‘ mer gut Freund schon über Jahrzehnte, das hat mich geärgert.

Honecker: Die Mauer wird in 50 und auch in noch 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind.

Erich Honecker im Januar 1989.

Böhm / Dreßler: Das hab‘ ich ihm erst mal so abgenommen, zumindest, dass er dafür sorgen will, dass die noch fuffzig Jahre steht. Anfang 1989 sah alles noch so aus, als würde 's noch so bleiben die nächsten fünfzig Jahre.

Bis zu den Kommunal-Wahlen im Frühjahr, da tut sich was. Wilfried Dressler erinnert sich noch gut an diesen Sonntag, den 7. Mai 1989:

Dreßler: Ich bin mit ein paar Freunden hin zur Wahl. Und jeder ist dann in die Kabine gegangen, gab ja bloß eine, die irgendwo in der Ecke ganz verschämt stand. Und ich hab‘ dann alles durchgestrichen einzeln und meine Freunde ebenfalls. Und dann war' n mer eigentlich ganz zufrieden, mal richtig mutig gewesen zu sein und haben uns bei einem Freund noch zu einem kleinen Umtrunk zusammengefunden, Musik gehört …

Umso erstaunter sind Wilfried Dressler und seine Freunde, als sie abends den Fernseher einschalten. Dort verkündet Egon Krenz, Vorsitzender der Wahl-Kommission, gerade das Wahl-Ergebnis:

Krenz: Liebe Bürgerinnen und Bürger der Deutschen Demokratischen Republik, liebe Freunde und Genossen! Die Kommunalwahlen im 40. Jahr unseres Arbeiter- und Bauernstaates wurden zu einem eindrucksvollen Votum für die Kandidaten der Nationalen Front der Deutschen Demokratischen Republik. Für die Wahlvorschläge wurden 12.182.050 gültige Stimmen abgegeben. Das sind 98,85 %. Gegen die Wahlvorschläge wurde 142.301 Stimme abgegeben. Das sind 1,15 %.

Böhm: Das war schon ‘ne Unverschämtheit, was der Krenz da erzählt hat. Das war zuviel des Guten, was er da gelogen hat.

Dreßler: Die Stimmungslage war ab dieser Wahl zunehmend politischer im Volk. Und viele haben Wege gesucht, sich zu betätigen, um dieses Land ... sag‘ mer mal: zu retten. Und jeder hat einen gekannt, der einen kennt, und da hat man sich eben zusammengefunden, abends privat irgendwo.

Am 10.11.1989 tanzen Menschen auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor (Bild: AP)
Am 10.11.1989 tanzen Menschen auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor (Bild: AP)
Wilfried Dressler hat Eike Böhm und Cathleen Horsch im Sommer ‘89 in Leipzig kennengelernt. Man traf sich in einer der politischen "Basis-Gruppen", die sich später unter der Flagge des "Neuen Forum" vereinten:

Böhm / Horsch: Ja, bei den ersten Treffen wurde diskutiert, was es zu diskutieren gibt. Natürlich: es ging um Demokratie. Um grundlegende Sachen: wollen wir uns basisdemokratisch verwalten oder woll'n wir uns von oben verwalten? Was woll'n wir denn eigentlich?

Und die Beseitigung der Mauer, die deutsche Einheit?

Böhm / Horsch: Nein. / Das war kein Thema für uns, wir wollten diese DDR reformieren. In einen demokratischen, vielleicht auch sozialistischen Staat. In einen nicht diktatorischen, sondern wirklich sozialistischen Staat, so wie wir's gelernt haben. Genau so, wie wir's gelernt haben.


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