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20.10.2004
Bohemienne der Wüste
Die zwei Welten der Schriftstellerin Isabelle Eberhardt
Von Anette Schneider

Kamel-Karawane in der kuweitische Wüste (Bild: AP)
Kamel-Karawane in der kuweitische Wüste (Bild: AP)
Noch heute gilt es als Abenteur, wenn sich eine junge Frau allein aufmacht in den Norden Afrikas, um dort zu leben und Leben zu studieren. Isabelle Eberhard tat das Ende des 19. Jahrhunderts. Diese unkonventionelle Grenzgängerin zwischen den Kulturen, Sprachen und Religionen schrieb und berichtete in Briefen und Aufzeichnungen über ihre Eindrücke. Am 21. Oktober vor 100 Jahren starb sie in Algerien.

Nach einem Spaziergang durch Djenane, nach langem Aufenthalt auf den Matten des maurischen Cafés kehre ich zu den Ruinen des Arabischen Bureaus zurück. Dort bereiten wir, die drei Araber und ich, im Schein der Kerze ein lustiges Mahl aus Pfeffersoße. Dann, während wir Kaffee trinken, lausche ich der Nacht, die sich über die Wüste legt...

Sommer 1903. Isabelle Eberhardt, 26 Jahre alt und Tochter aus gutem Hause, reist zum wiederholten Male allein durch Algerien.

Ulla Siebert: Die bürgerliche Frau war zuständig für das Haus. Sie sollte Kinder bekommen, sie sollte die Kinder erziehen, sie sollte da sein für ihren Ehemann...

Die Kulturwissenschaftlerin Ulla Siebert.

Ulla Siebert: ... Das Wichtige ist: Sie sollte auf das Haus begrenzt bleiben. Das Haus war ihr Feld.


Immer mehr Stimmen beleben die ruhige Nacht. Die Nomaden improvisieren Lieder über Lieder. Wie angenehm es ist, so einzuschlafen, irgendwo unter freiem Himmel, wohl wissend, dass man am nächsten Tag aufbrechen und gewiss nie mehr zurück kehren wird, dass alles, was ist, nicht dauern wird.

Sieben Jahre lang führt Isabelle Eberhardt ein nomadenhaftes Leben, bis sie 1904 im Alter von 27 Jahren in Algerien sterben wird. Bis dahin bereist sie die Wüsten Tunesiens, Marokkos und Algeriens, ist sie unterwegs mit der Eisenbahn, per Pferd oder Kamel, reist sie allein, mit Arabern oder französischen Kolonialsoldaten.

Mehr denn je möchte ich ernsthaft Schreiben!

Zu ihren Lebzeiten veröffentlicht sie nur wenige Artikel und Erzählungen. Erst Jahrzehnte nach ihrem Tod erschienen ihre zahlreichen Tagebücher, die jedoch kaum zur Kenntnis genommen werden. Erst die Frauenbewegung der 80er macht Isabelle Eberhardt bekannter.

Sie ist eine der wenigen Frauen, die aus den Konventionen ausbrach um ein rauschhaftes und ekstatisches Leben zu führen!

Eine Villa in der Nähe von Genf. Hier kommt Isabelle Eberhardt 1877 als Tochter einer wohlhabenden russischen Adligen zur Welt, die St. Petersburg verlassen hatte, um in der Schweiz ihre angeschlagene Gesundheit zu kurieren. Mit dabei: ihre Kinder und deren Hauslehrer - Madames Liebhaber.

Aktenkundlich festzuhalten: Alexandre Trofimowski. Früher russisch-orthodoxer Priester. Jetzt Anarchist. Und - Anhänger der freien Liebe!


Die Familie lebt abgeschottet von der "feinen Gesellschaft" - doch im Visier der Polizei, betreten doch ab und an russische Nihilisten die Villa.

Als ich die Familie kürzlich besuchte, waren vier halbwüchsige Knaben im Alter zwischen zwölf und achtzehn Jahren damit beschäftigt, Beete umzugraben, Unkraut zu jäten und Dünger auszufahren. Als ich näher trat, stellte ich fest: Der jüngste und kräftigste der vier, der mit einer Zigarette im Mund Holz hackte, war ein Mädchen.

Isabell in Jungenkleidern - und nach dem täglichen Unterricht Trofimowskis.

Geschichte, Philosophie, Latein, Französisch, Englisch, wissenschaftlicher Anarchismus, Arabisch.

Stehen auf dem Stundenplan.

Kamele in der Wüste (Bild: AP)
Kamele in der Wüste (Bild: AP)
Letzteres ist "a la mode", denn gerade haben Frankreich und England die arabische Welt untereinander aufgeteilt. Nun schwappt eine Orientalismus-Welle durch die Salons der High Society, die auch Isabelle Eberhardt mitreißt: Wie um dem isolierten Leben in der Villa zu entfliehen, verschlingt sie die exotistischen Romane drittklassiger französischer Schriftsteller, in denen es von Haremsphantasien und orientalischer Sinnlichkeit nur so wimmelt.
1897 ist es dann so weit:

Lieber Freund!
Ich werde Ihnen nur sagen, dass mich die Mohammedaner mit offenen Armen empfangen haben und dass ich weder einen einzigen Franzosen noch eine Französin kennen gelernt habe.


Isabelle Eberhardt im Land ihrer Träume: mit ihrer kranken Mutter ist sie in die algerische Hafenstadt Annaba gereist, auf deren prachtvollen Kolonialboulevards zahlreiche Europäer flanieren.

Was mir hier zuwider ist, ist das unausstehliche Verhalten der Europäer gegenüber den Arabern, dem Volk, das ich liebe, Inch' Allah (wenn Gott es will) wird dieses Volk meines werden. Ich bin seit einem Monat hier und beginne das algerische Arabisch zu sprechen und zu verstehen.

Als ihre Mutter nach einigen Monaten stirbt, wirft sich die 20-Jährige den Burnus über - das lange formlose Gewand arabischer Männer - verbirgt ihr kurzgeschnittenes Haar unter einem weißen Tuch und zieht los.

Durch die Gassen der Altstadt und in die Moscheen. In die Kaffeehäuser und Bars - an Orte, die nur Männern offen stehen!

Von denen sie vermutlich trotz ihrer Verkleidung als Frau erkannt wird. Doch da sie fließend arabisch spricht und den Einheimischen gegenüber nicht arrogant auftritt, lässt man sie gewähren.

Aktenkundlich festzuhalten: In der Stadt ist eine britische Agentin unterwegs, die die Araber zum heiligen Krieg gegen die Franzosen aufstacheln will!

Beargwöhnt wird die exzentrische junge Frau dagegen von der französischen Polizei. Auch in den Salons brodelt die Gerüchteküche.

Eine polnisch-jüdische Suffragette, die Unruhe in den Harems stiften will!

Besonders empört sind die Damen der Gesellschaft, sie kennen schließlich die Aufgaben einer jungen Frau.

Ulla Siebert: Sie trifft sich mit anderen Frauen, sie tauscht sich aus über Fragen der Kindererziehung, über Fragen der Bildung, vielleicht liest sie auch mit anderen gemeinsam Bücher. Es gab auch in dieser Zeit bereits diese berühmten Familienzeitschriften und auch Frauenzeitschriften. Und daran kann man sehr gut erkennen, was so die Interessensfelder dieser Frauen waren - oder sein sollten: Da finden sich Artikel über Mode, über Alltagsthemen, über Kosmetik...


Gestatten: Si Mahmoud Saadi.

Isabelle Eberhardt hat sich eine zweite Identität zugelegt.

Freitag breche ich nach Had-Sahari auf. Um nach Boghari zu kommen, brauche ich drei Tage, und für die Strecke bis Berronaghia noch einmal einen Tag. Vielleicht schaffe ich es bis zur Karawanserei der Assaoua...

Außerdem möchte sie...

Mehr denn je möchte ich meine Zeit ernsthaften Studien und dem Schreiben widmen...

Doch immer wieder kommt etwas dazwischen.

Oh, auf den Teppichen irgendeiner stillen Moschee zu liegen, weit entfernt vom stumpfen Lärm der verseuchten Stadt, und mit geschlossenen Augen, den Blick der Seele gen Himmel gewandt, endlos diesem Triumphgesang des Islam lauschen!

Frei von jeglichen Verpflichtungen lässt sich Isabelle Eberhardt treiben. Schreiben tut sie nach Lust und Laune. Endlos wie die Wüste, durch die sie reist...

Das Spiegelbild meiner Seele...

... reihen sich dann ihre inneren wie äußeren Stimmungsbilder aneinander, die sprachlich bis zum Schluss an die drittklassigen literarischen "Vorbilder" erinnern.

Wüstenwanderer (Bild: AP)
Wüstenwanderer (Bild: AP)
In der Karawanserei des Sidi Abdelkader von Bagdad finde ich den großen Frieden wieder, die Regungslosigkeit und die ernste Heiterkeit der alten Städte des Islam, alles, was sie so zauberhaft und reizvoll macht.


Komm sofort nach Hause. Stop. Trofinowski erkrankt. Stop. Dein Bruder Augustin.

Nach fast zwei Jahren des Herumreisens kehrt Isabelle Eberhardt zurück nach Genf. In Paris besucht sie einen arabischen Freund, dessen Salon Treffpunkt von Autoren, Verlegern und Mäzenen ist. Isabelle Eberhardt möchte dort ihre Reiseskizzen loswerden. Zwar weckt ihre Verkleidung als Orientale Neugierde - literarische Aufträge aber bleiben aus.

In jeder Stunde habe ich nur einen Wunsch: mich so schnell wie möglich wieder in die geliebte Person zu verwandeln, die in Wirklichkeit die wahre ist, und zurückzukehren nach Afrika, zu diesem Leben.

Ulla Siebert: Das geht uns heute ja nicht anders, wenn wir auf langer Reise waren und wieder nach Hause kommen: dass der Blick sich verändert hat, und einem möglicherweise Dinge auffallen, die einem vorher nicht aufgefallen sind. Es gibt sehr viele Berichte auch von Ethnologen beispielsweise, die dann im Ausland leben, zurückkommen und nicht wissen, was eigentlich für sie fremd ist: Das eigentlich Vertraute, was sie verlassen haben? Oder tatsächlich die Fremde, die wir als Fremde definieren würden, wo sie sich sehr gut und sehr zuhause gefühlt haben? Das heißt: Die Perspektive verändert sich.


Alles ist fertig gepackt, verschnürt. Morgen um ein Uhr fahre ich nach Algier. Auf jeden Fall muss ich dort unten unbedingt arbeiten, schreiben... Mein Gott, wenn ich nur die Energie fände, mir einen kräftigen Ruck zu geben und wenigstens einen Teil von dem, was ich zu tun habe, zu erledigen!

Im Sommer 1900, nach dem Tod des Vaters, reist Isabelle Eberhardt erneut in die Wüste.

O Sahara, bedrohliche Sahara, die du deine schöne unverständliche Seele in deinen ungastlichen trübseligen Einöden verbirgst. Ja, ich liebe dieses Land aus Sand und Stein, dieses Land der Kamele und der ursprünglichen Menschen.

Wieder lässt sie sich treiben, kifft, trinkt, hat Liebschaften - und ist immer auf dem Sprung.

Ulla Siebert: Sie musste sich lady-like verhalten. All das, was mit der männlichen Rolle assoziiert wurde, das sollte sie tunlichst nicht tun: Rausgehen. Unterwegs sein. Möglicherweise auch mal schwitzen. Alles das, was mit Körperkraft zu tun hat. Das Reiten ist ja auch ein Beispiel dafür.

Monatelang quert sie Wüsten und Gebirge. Sie bleibt, wo es ihr gefällt. Als ihr Geld knapp wird, setzt sie auf die Gastfreundschaft der Muslime - sprich: sie schnorrt sich durch.

Ach, ich müsste schreiben...

Stattdessen verliebt sie sich in einen jungen Algerier, bezieht mit ihm eine Hütte und...

Der Boden ist hier sehr fruchtbar, man müsste Gemüse anbauen...

... und frönt dem Müßiggang, lebt für alle sichtbar - und damit ein Affront gegen arabische Sitten - ihre Liebe.

Aktenkundlich festzuhalten: Abgesehen von ihrem exzentrischen Verhalten und ihrer Kleidung ist sie, physisch betrachtet, eine nervöse, gestörte Person.

Notiert der französische Hauptmann von El-Oued. Dann zieht sie wieder los - als würde das Unterwegssein den fehlenden Daseins-Sinn verschleiern.

Das Volk von Bou-Saada ist ähnlich wie das Volk der Sahara zutiefst an die alten Bräuche, die Sitten von einst gebunden... Je mehr man sich von den kosmopolitischen und korrumpierten großen Städten entfernt, umso stärker scheint dieses Volk in die verflossenen Jahrhunderte hinab zu steigen.

Immer weltfremder werden ihre Stimmungsbilder, von denen sie nun einige an eine arabisch-sprachige Zeitung in Algier verkauft. Einmal reist sie noch kurz zu ihrem Bruder nach Frankreich. Als sie 1902 zurückkommt, ist es für immer.

Die Imam-Ali-Moschee in Nadschaf (Bild: AP)
Die Imam-Ali-Moschee in Nadschaf (Bild: AP)
Was mich am islamischen Leben verzaubert, zu recht oder zu unrecht, ist genau dieser Anschein von Unbewegtheit, der Vertrauen in die Ewigkeit gibt und das Schwindelgefühl vor dem Nichts, das uns im Abendland quält, ein wenig mildert.

Geprägt durch und verführt vom Orientalismusbild ihrer Zeit beschwört Isabelle Eberhardt eine heile islamische Welt, die ihr gleichzeitig Rückhalt sein soll. Nur selten kommen ihr Zweifel an diesem Unterfangen.

Ich muss die Kraft haben fortzugehen. Doch woher die Kraft zu einer Reaktion nehmen, die meiner Natur in jeder Hinsicht widerstrebt?

Isabelle Eberhardt ergibt sich in die angebliche Unausweichlichkeit ihres Schicksals. Kritik an bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen wird damit eben so obsolet wie politisches Engagement.

Woher die Kraft nehmen...

Dies entspricht exakt der Stimmung ihrer Klasse um die Jahrhundertwende: Geben sich im Fin de Siècle doch Adel und Großbourgeoisie mit großer Geste einer Langeweile hin, die jegliche Handlung lähmt; einer tiefen Erschöpfung und Kraftlosigkeit, die einer Ahnung des baldigen Untergangs ihrer Klasse zu entspringen scheint.

Ich müsste ernsthaft Schreiben... Oder weggehen...?

Im Herbst 1904 flüchtet Isabelle Eberhardt von Malaria geschwächt in ein Hospital, dann ins algerische Ain Sefra, wo sie sich im Flusstal der Ortschaft eine Hütte mietet.

So werde ich als Nomade, mit keiner anderen Heimat als dem Islam, ohne Familie und ohne Vertraute, allein in der erhabenen, dunkel sanften Einsamkeit der Seele meinen Weg durchs Leben fortsetzen, bis dass die Stunde des großen ewigen Schlafs im Grabe schlägt.

Am Abend des 20. Oktober 1904 verwandeln wolkenbruchartige Regenfälle das ausgetrocknete Flussbett des Ortes binnen Kurzem in ein tobendes Gewässer, das die Lehmhäuser der tiefer gelegenen Viertel mit sich reißt. Einige Tage später wird Isabelle Eberhardt tot in den Trümmern ihres Hauses gefunden. Neben ihr ein Ledersack mit ihren Tagebüchern.



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