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21.10.2004
Tagebuch der Stadt München
Die offiziellen Aufzeichnungen der Stadtchronisten 1818-2000
Von Georg Gruber

Als München noch "Hauptstadt der Bewegung" war: Adolf Hitler wird 1933 jubelnd  in München begrüßt. (Bild: AP Archiv)
Als München noch "Hauptstadt der Bewegung" war: Adolf Hitler wird 1933 jubelnd in München begrüßt. (Bild: AP Archiv)
Wer Tagebuch führt, kann blättern, sich erinnern an Dinge, die einmal wichtig schienen und heute nur noch kurios wirken oder umgekehrt. Dass eine Stadt Tagebuch führt, ist allerdings ungewöhnlich. In München ist dies geschehen, seit dem Jahr 1818. Das Interessanteste aus über 180 Jahren Münchener Stadtgeschichte ist nun als Buch herausgekommen: "Tagebuch der Stadt München" ist sein Titel. Georg Gruber stellt es vor.

Die Schrift ist fein geschwungen, in schwarzer Tinte.

Brigitte Huber: Sie wurde natürlich mit der Hand geschrieben, nach genauen Direktiven, damit es trotz verschiedener Schreiber immer schön ordentlich aussieht.

Brigitte Huber, seit 1999 Chronistin beim Münchner Stadtarchiv. Das Tagebuch der Stadt, es vereint Alltägliches und Besonderes, kleine Anekdoten neben politischen Großereignissen. Die Eierpreise auf dem Viktualienmarkt, den Tod eines Münchner Originals, die Wahl zur schönen Münchnerin neben den Veränderungen im Straßenbild bei Kriegsausbruch 1914 oder Eintragungen zur Bücherverbrennung und dem Boykott jüdischer Geschäfte, als München Hauptstadt der Bewegung war.

Begonnen wurde die Chronik auf einen Wunsch König Ludwig des Ersten aus dem Jahr 1829.

Brigitte Huber: Dieser Wunsch scheint aber nicht so wahnsinnig dringend gewesen zu sein, weil die Stadt München hat erst mal sieben Jahre überlegt, ob oder ob nicht, dann hat man sich entschlossen, eine Chronik anzulegen, aber dann hat es noch einmal sieben Jahre gedauert, bis damit überhaupt angefangen wurde.

Die ersten Jahre, beginnend 1818, wurden nachträglich aufgezeichnet. 1845 war der eigentliche Start der Chronik:

Brigitte Huber: Vielleicht schau ma einfach mal rein, ich hab hier einen Band von 1848, also was sie jetzt hier gleich sehen am Anfang, dass es zu vielen Beiträgen diese sogenannten Beilagen gibt, hier z. B. eine Serenade, die dem König von Bayern gewidmet ist, oder hier ein Aufruf an die Wahlmänner, die die Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung wählen sollen, weiter hinten dann geht's über in einen statistischen Teil, auch so was hat die Chronik in ihren Anfängen geleistet, Wetterstatistik, Jahresberichte von Vereinen, auch solche Sachen hat sie gesammelt, alles nur Denkbare. Sie sehen hier Druckschriften und Sie sehen hier vor allem, das Jahr 48 war ja das Jahr, in dem die große Krise hier in München war, die durch Lola Montez, die Tänzerin und Geliebte König Ludwigs, ausgelöst worden ist.

9. Februar 1848: "Von der Menge erkannt, wurde sie von derselben umlagert, ausgezischt und verhöhnt, ja selbst körperlich misshandelt. Nun eilte sie, von der Menge verfolgt, in Todesangst zurück und flüchtete in die Theatinerkirche wo sie sich vor einem Seiten-Altar auf die Knie warf und zu beten schien."

Der König trat zurück, seiner Geliebte zuliebe.

Die große Zeit der Chronik begann mit Ernst von Destouches, der auch das Münchner Stadtmuseum gründete. Er drückte ihr seinen Stempel auf, führte sie über 50 Jahre lang, bis zu seinem Tod 1916. Er war ein großer Sammler von Geschichten und Dokumenten des städtischen Lebens, vom Flugblatt bis zur Speisekarte.

Brigitte Huber: Sie sehen hier die langen Regale, in denen die Chronik untergebracht ist, es sind mittlerweile etwa 700 Bände und, ja ich zeig ihnen vielleicht mal gleich den allerdicksten, ich kann ihn kaum runter heben, ich würd mal sagen, er hat einen Rücken von etwa 30 cm.

Dank dieser Sammelwut bietet die Chronik heute so viele Einblicke in das Münchener Großstadtgeschehen.

12. Mai 1854: "Es war diese Hinrichtung mit dem Schwert die letzte in München, da der Scharfrichter Schellerer erst mit dem siebenten Hiebe das Haupt des Delinquenten vom Rumpfe trennen konnte. Der blutige Akt hatte mehrere Übelkeiten unter dem Civil wie unter dem Militär zur Folge."

Historische Ereignisse stehen neben Begebenheiten aus dem Alltag.

5. März 1878: "Obwohl wir erst am Ende des Carneval stehen, wurden auf dem Viktualienmarkte doch schon Ostereier à 6 Pfennig feilgeboten."

1878 - was geschah noch in diesem zufällig ausgewählten Jahr: Im Hofgarten wird das Kinderwagenfahren erlaubt, eine Frauenakademie sorgt für Diskussionen ...

21. März 1878: "Überall begegnet man dem Gedanken, dass unsere romanlesende Frauenwelt ohnehin phantastisch genug sei."

Auch das ist München: Oktoberfest (Bild: AP)
Auch das ist München: Oktoberfest (Bild: AP)
Der Münchner Zitherklub wird gegründet, der Schah von Persien ist auf der Durchreise, der neue Schlachthof wird eröffnet, die freiwillige Feuerwehr wird von einer ständigen Löschmannschaft abgelöst: Ein "photographisches Gedenkblatt" zeigt die Freiwilligen bei ihrer letzten Nachtwache.

10 Jahre später, am 31. Juli 1888, einer der vielen tragischen Vorfälle im Leben einer Stadt: Bei einem Festumzug geraten Elefanten des Zirkus Hagenbeck außer Kontrolle, wegen einer vorbeifahrenden Lokomotive:

"Vier (Elefanten) rannten trotz der ihnen angelegten Kettenfesseln in die Fürstenstraße, durch dieselbe über den Wittelsbacherplatz durch die Dinerstraße in die Menschenmassen auf dem Residenzplatz, eine furchtbare Panik verbreitend. (...) Wie wir nachträglich erfahren, sollen zwei Frauen, ein Kind und ein älterer Mann todt sein."

1890, im April, hängt die ganze Stadt voller Plakate, in einer Größe, wie sie sonst in München nicht gebräuchlich ist, wie die Chronik vermerkt. Große Menschenmengen sammeln sich davor.

Buffulo Bill kommt nach München!

Am 25. April 1890 sind die Indianer aus der Wildwestschau zu Gast in der Anthropologischen Gesellschaft.

Brigitte Huber: Also es gibt einfach Dinge, die sind woanders nicht vorstellbar oder sie sind so liebenswert, so kurios, die versuche ich natürlich zu berücksichtigen, und insofern kommen auch sehr viel nebensächliche Dinge in die Chronik, natürlich gibt's auch immer wieder Vorlieben, es gibt Vorgänger, die haben jedes Bayern-Heimspiel aufgenommen, das würde ich nicht tun, aber daran könnte man, wenn man jetzt ganz exakte Recherchen anstellt, sicher auch die Handschrift ausmachen, da ist kein Tagebuch davor gefeit, aber das ist auch der Reiz der Sache.

Die Chronik sei einzigartig in Deutschland, sagt Brigitte Huber, die Herausgeberin des Bandes, keine andere Stadt habe Vergleichbares für den Zeitraum seit Beginn des 19. Jahrhunderts.

21. September 1901: Das Oktoberfest erstmals mit elektrischem Strom!

Im Kleinen finden sich Spuren größerer Entwicklungen. Am 1 April 1928 wird in der Chronik vermerkt, dass der Gasthof Bögner eine Großgarage für Automobile eröffnet habe, der Schreiber sieht darin ...

"...einen weiteren Schritt in der Ausschaltung des Pferdes aus dem Verkehrswesen."

Brigitte Huber: Was man auch ganz schön an den Buchrücken ablesen kann, sind die fetten und die mageren Jahre, also Sie sehen hier die 20er Jahre, die ganz ganz dünn geworden sind, sie sehen 1936 einen Titelwechsel, das Buch heißt jetzt Jahrbuch der Hauptstadt der Bewegung, obwohl München diesen Titel eigentlich schon eher bekommen hat, aber der Chronist war ein bisschen im Verzug.

Sie sehen unseren allerdünnsten Band aus dem Jahr 1945 , der in den ersten Seiten eigentlich nur eine Auflistung von, da heißt es öffentliche Luftwarnung, am nächsten Tag öffentliche Luftwarnung, Ende 12 Uhr, 12 Uhr 45 Alarm, Entwarnung 13 Uhr, es geht so dahin, Tag um Tag , bis der Krieg endlich vorbei war.


Brigitte Huber, die Herausgeberin des Tagesbuches. Sie ist die erste Frau, die über einen längeren Zeitraum das Leben der Stadt München dokumentiert. Schon seit 1917 wird die Chronik nicht mehr handschriftlich geführt, sondern mit Schreibmaschine, inzwischen auf Computer. Auszüge werden nun auch regelmäßig im Internet veröffentlicht, Geschichten aus der Weltstadt mit Herz - so heißt München übrigens erst seit 1962, auch das ist in der Chronik vermerkt. Am 27. Juli 1962 wurde dieser Slogan in einem Wettbewerb aus 14.218 Einsendungen prämiert. Die Erfinderin des Spruches erhielt eine Urkunde und 2.500 Mark.

Der jetzt veröffentlichte Band mit Geschehnissen aus dem Münchner Stadtleben aus rund 180 Jahren endet mit einem Eintrag vom 31. Dezember 1999 - zur Jahrtausendwende. Die Geschichte der Stadt geht weiter und mit ihr auch das Tagebuch.

Service:

Das "Tagebuch der Stadt München. Die offiziellen Aufzeichnungen der Stadtchronisten 1818-2000", herausgegeben von Brigitte Huber, ist im Verlag Dölling und Galitz erschienen und kostet 22 Euro.


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