MerkMal
MerkMal
Montag bis Freitag • 16:15
25.10.2004
Aufbruch
Die DDR im Spätsommer 1989
Von Ralf Geißler

Montagsdemonstration im Leipzig, 17.10.1989 (Bild: AP Archiv)
Montagsdemonstration im Leipzig, 17.10.1989 (Bild: AP Archiv)
DDR 1989: Vor 15 Jahren gärte es hinter dem Eisernen Vorhang. Noch war nicht absehbar, dass in wenigen Wochen die Leute auf der Mauer tanzen würden - aber nach jahrelangem Stillstand erlebte die DDR schon seit dem Sommer 1989 einen doppelten Aufbruch: Tausende DDR-Bürger flohen über die ungarische Grenze in den Westen. Zahlreiche andere entschieden sich zu bleiben und protestierten gegen das SED-Regime. Sie wollten Reformen, wie sie der sowjetische Staatschef Michael Gorbatschow in der Sowjetunion eingeleitet hatte. Der Ruf "Wir wollen raus" wurde bald übertönt durch "Wir bleiben hier".

Hier ist das Wahlstudio. Guten Abend meine Damen und Herren.

Die DDR am 7. Mai 1989. Kommunalwahlen. Im Fernsehen verkündet Egon Krenz:

Krenz: Die Kommunalwahlen im 40. Jahr unseres Arbeiter- und Bauernstaates wurden zu einem eindrucksvollen Votum für die Kandidaten der Nationalen Front der Deutschen Demokratischen Republik. Für die Wahlvorschläge der Nationalen Front wurden 12.182.050 gültige Stimmen abgegeben. Das sind 98,85 Prozent.

Nur wenige haben damals Egon Krenz geglaubt. Die DDR 1989 - das waren verfallene Altstädte, eine marode Industrie, eine miserable Versorgung. Die Regierung schämte sich nicht, ihr Volk zu belügen.

Oltmanns:
Für mich war die Situation in der DDR schon eine existentielle.

Gesine Oltmanns aus Leipzig.

Oltmanns:
Zum einen hatte ich keine Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen. Zum anderen war die Lebensperspektive in diesem Land unter dem totalitären System einfach dadurch deprimierend, dass man eigentlich nur diesen Weg sah: Sich entweder zu engagieren oder zu gehen.

Gesine Oltmanns entschied sich für das Engagieren. Gemeinsam mit der Leipziger Demokratischen Initiative wollte sie im Land etwas verändern. Am Wahltag hatte die Gruppe auf dem Leipziger Marktplatz eine schwarze Urne aufgestellt. Dort sollten alle, die nicht wählen waren, ihren Wahlschein einwerfen. So wollte man den Wahlbetrug entlarven. Die Beteiligung an der Protestaktion war überraschend hoch.

Oltmanns:
Das war für uns schon ein Erfolg, dass die Leute sich dazu aufrafften. Dass die Leute lernten, Haltung zu zeigen und ihre Meinung wirklich kundzutun. Das war ein langer Lernprozess, den wir eigentlich mittragen wollten oder mit provozieren wollten.

Ermutigt von dieser Aktion organisierte die Initiative am 10. Juni 1989 ein Straßenmusikfestival in Leipzig.

Mit der Veranstaltung wollten die Bürgerrechtler zeigen, wie die grauen Innenstädte der DDR durch Musiker bunter werden könnten. Eine Genehmigung dafür gab es freilich nicht.

Oltmanns:
Wir hatten DDR-weit Straßenmusikanten eingeladen und es kamen viele Musikanten aus der DDR und kleine Kabarettisten. Es war ein sehr buntes Treiben. Bis dann nachmittags die Polizei rigoros vorging gegen diese Musiker.

Polizisten jagten Jugendliche, nur weil sie Instrumente bei sich trugen. Zahlreiche Künstler wurden verhaftet. Das Vorgehen der Staatsmacht wurde vier Wochen später Thema des Kirchentages, der ebenfalls in Leipzig stattfand.

Fürbitten Kirchentag:
Herr, Du hast uns das Denken, die Freiheit und die Liebe gegeben. Und doch müssen Menschen für friedliches Musizieren in der Innenstadt Leipzigs Strafen bezahlen. Und doch befindet sich Sven Kuhlo in Untersuchungshaft, weil er nach den Friedensgebeten nicht schnell genug nach Hause ging. Und doch werden Menschen gehindert und bestraft, weil sie sich für eine bessere Umwelt einsetzen. Herr, erbarme Dich!

Die meisten Gespräche auf dem Kirchentag drehten sich allerdings um die wachsende Zahl von DDR-Bürgern, die ihrem Land den Rücken kehrten. So viele wie nie zuvor hatten 1989 einen Ausreiseantrag gestellt. Der Liedermacher Gerhard Schöne sang sein Lied vom Weißen Band.

Musik - Gerhard Schöne:
An manchen Autos weht heute ein schlohweißes Band. Das ist das Zeichen der Leute, die nichts mehr hält hier im Land. Die uns signalisieren, dass sie kapitulieren, dass sie nun aufgeben, hier noch weiter zu leben. Trotzig flattert die Binde wie ein Vorwurf im Winde. Ich schwöre mir heimlich und leis: Nie hisse ich weiß.

Zu denen, die für sich in der DDR keine Perspektive sahen, gehörte auch der Leipziger Renato Bodenburg. Er war 1989 gerade 18 Jahre alt und witterte in diesem Sommer die Chance seines Lebens. Im Mai hatte die ungarische Regierung damit begonnen, ihre Grenzanlagen nach Österreich abzubauen.

Bodenburg:
Also es waren ein paar Freunde in dieser Zeit, wir sind immer nach Ungarn gefahren. Und nun war es aber schon so kritisch, überhaupt noch ein Visum zu bekommen. Und irgendwann reifte so dieser Gedanke: Wenn es denn noch mal klappt, dann ist es auch das letzte Mal, dass ich eins beantrage in der DDR, weil ich dann nicht bleiben wollte. Also ich wollte dann schon die Chance nutzen und nicht wieder zurückkommen.

Schon seit 1988 trafen sich die ausreisewilligen DDR-Bürger jeden Montag in der Leipziger Nikolaikirche zum Friedensgebet. Die Veranstaltung wurde stets von der Staatssicherheit überwacht. Trotzdem kamen jede Woche ein paar mehr, die nur darauf warteten, das Land endlich verlassen zu können.

Bodenburg:
Ich glaube schon, dass viele gedacht haben: Es passiert doch nichts. Sie konnten ihren Unmut bekunden, aber letzten Endes haben sie nicht daran geglaubt, dass wirklich soweit Veränderungen stattfinden, dass es für sie lebenswert wird. Und nach den Äußerungen von Egon Krenz damals nach den Ausschreitungen in Peking. Das war ja dieses ganze am Platz des Himmlischen Friedens und es wurde geschossen und dass dann angedroht wurde: Das passiert hier auch, also das wurde ja für gut geheißen. Und da hat man schon die Richtung erkannt, die durchgezogen werden sollte. Aus dem Grund hat, glaube ich, niemand damit gerechnet, dass man hier wirklich was verändern kann.

Im August 1989 packte Renato Bodenburg seinen Rucksack und reiste nach Sopron an die ungarisch-österreichische Grenze. Doch er konnte keineswegs einfach in den Westen spazieren. Obwohl einige Befestigungsanlagen abgebaut worden waren, war die Grenze noch immer stark gesichert. Renato Bodenburg scheiterte drei Mal beim Versuch, nach Österreich zu gelangen. Beim vierten Anlauf traf er hinter einem Restaurant eine Gruppe weiterer DDR-Bürger.

Bodenburg:
Wir sind dann hinter dieser Kneipe, die es da gab, in den Wald. Gleich danach war Stacheldraht und da ging es dann anderthalb Stunden durch den Wald. Ohne zu sprechen. Man gab sich immer nur irgendwelche Zeichen, dass man auf irgendwelche Stolperfallen achten musste. Dann hörten wir Schüsse. Und ich hatte dann schon so das Gefühl, wir schaffen es nicht. Und wir sind gelaufen, gelaufen, gelaufen. Und irgendwann sah ich Leute im Wald stehen. Und da war ich schon sicher, das sind Grenzer, die sehen uns. Und als wir dann aber doch noch weiter darauf zugingen, habe ich mich schon gewundert, dass vor diesen Leuten ein Zaun war, der völlig zerschnitten war und hinter diesen Leuten die österreichische Fahne. Und ich dachte nur: Das kann nicht sein, das kann nicht sein. Wir sind durch diesen Zaun gekrochen, die haben uns begrüßt und dann waren wir in Österreich.

Allein im August 1989 gelangten auf solchen Trampelpfaden etwa 3000 DDR-Bürger in den Westen. Wenig später füllten sich in Osteuropa die Botschaften der Bundesrepublik mit DDR-Bürgern. Budapest, Prag, Ost-Berlin - Hunderte strömten in die diplomatischen Vertretungen und forderten ihre Ausreise. Als in Budapest die Botschaft wegen Überfüllung schließen musste, campierten die DDR-Bürger vor den Toren - in der Hoffnung auf Asyl.

Reportage:
Die Menschen sehen müde aus. Sie haben schwarze Ringe unter den Augen. Viele haben in ihren Autos übernachtet. Monika aus dem Bezirk Dresden steht vor der offenen Kofferklappe ihres blauen Wartburgs. Sie kramt in offenen Sporttaschen nach der letzten sauberen Wäsche. Im Kofferraum auch vier neue Kasperpuppen. Die Tochter ist vorgestern vier Jahre alt geworden. Das Geburtstagsgeschenk.

Musik - Gerhard Schöne:
Ein schwarzes Band werd' ich hissen. Ich leg' Trauer an, um alle, die uns verließen und noch gehen irgendwann. Die sich gern mit uns stritten, mit uns lachten und litten, die das Fernweh fortwehte, die der Wohlstand verdrehte, die ´ne Lippe riskierten, irgendwann resignierten und zogen den trennenden Strich. Um die trauer ich.

Während immer mehr DDR-Bürger das Weite suchen, bereitet sich die Bürgerbewegung in der DDR auf einen Herbst mit vielen Protesten vor. Auch die Gruppe von Gesine Oltmanns denkt über neue Aktionen nach.

Oltmanns:
Wir hatten nun die Entwicklung in Ungarn und die Grenzöffnung und die vielen Abwanderungen miterlebt und hatten das Gefühl, wir müssen zeigen, dass wir noch da sind. Dass wir immer noch dafür einstehen, was wir auch schon immer auf unsere Flugblätter geschrieben haben, nämlich die Forderung nach Demokratie, nach Menschenrechten, nach Reisefreiheit.

Schon seit Juli kursierte in der DDR ein Aufruf zur Gründung einer Sozialdemokratischen Partei. In Berlin entsteht im September das "Neue Forum". Die Bürgerinitiative "Demokratie Jetzt" gründet sich und der "Demokratische Aufbruch". In Leipzig wächst der Protest auf der Straße. Am 4. September findet das erste Friedensgebet in der Nikolaikirche nach den Sommerferien statt. Im Anschluss daran formiert sich die erste Montagsdemonstration.

Oltmanns:
Da haben wir in der Wohngemeinschaft im Osten, in der Mariannenstraße, da haben wir die Plakate gemalt und haben die dann, um überhaupt aus dem Haus rauszukommen, denn wir wurden da auch stark überwacht, haben wir die um unseren Bauch gewickelt und eine weite Kutte drüber. Und dann liefen uns aber die Stasi-Leute hinterher und wir hatten keine Autos und wollten mit der Straßenbahn zur Nikolaikirche fahren und haben gemerkt, dass die uns hinterher kommen. Und wir sind in die Straßenbahn eingestiegen und die beiden Herren auch. Und wir kurz vorm Klingeln wieder raus und die beiden Herren blieben drin. Und wir konnten dann verhältnismäßig unbewacht zur Nikolaikirche gelangen.

Es ist Herbstmesse in Leipzig. Hunderte Journalisten aus der ganzen Welt sind in der Stadt. Und so hält ein Reporter des Bayrischen Rundfunks fest, was sich an jenem Montag in der Innenstadt abspielt.

Bayrischer Rundfunk:
Heute Abend um sechs nach der traditionellen Friedensandacht. Friedlich verlassen die Menschen das Gotteshaus. In den Nebenstraßen ist die deutsche Volkspolizei angetreten. Die Zivilfahnder des Staatssicherheitsdienstes sind auf Posten. Dann das erste Transparent: "Für ein offenes Land mit freien Menschen" steht drauf. "Reisefreiheit statt Massenflucht" heißt es auf anderen. Dann das: (Lärm, Rufe: "Schweine"). Rufe: "Wir wollen raus". Etwa 1000 Demonstranten. Zur Hälfte Ausreisewillige. Zur Hälfte oppositionelle Gruppen, die bleiben wollen, aber für Reformen im Land auf die Straße gehen und dafür hohe Geldstrafen und neuerdings auch Freiheitsstrafen riskieren.

Musik - Gerhard Schöne:
Ein rotes Band lass ich wehen. Das heißt: Ich bleib hier! Mann kann es nicht übersehen. Damit sage ich Dir: Ich will hier was bewegen, mich zur Ruhe nicht legen. Nicht die Freunde verlieren, sie mit Mut infizieren. Wenn ich fall, mich erheben und es noch nicht aufgeben. Das Salz auf dem Brot will ich sein, nicht Zucker im Wein.

Renato Bodenburg ist inzwischen in Frankfurt am Main angekommen. Er hat seinen vorläufigen Pass erhalten, sehr schnell einen Job gefunden und ist bei einem Bekannten untergekommen. Doch das Leben auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs gestaltet sich trotzdem schwieriger als er dachte.

Bodenburg:
/Als ich in Frankfurt angekommen bin, war mein Heimweh auf einmal da. Es wurde von Tag zu Tag wahnsinnig schlimm. Und schlimmer und schlimmer und ich hätte mir das nie vorgestellt, dass es einem wirklich zum Wahnsinn treibt, wo man kaum noch sprechen kann.

Immer wieder kreist in seinem Kopf ein Gedanke: Möglicherweise würde er seine Familie in der DDR nie wieder sehen. So entscheidet er sich für einen ungewöhnlichen Schritt. Er packt erneut seinen Rucksack und fährt mit dem Bus zurück an die ungarische Grenze, wo noch immer täglich zig DDR-Bürger durch den Zaun klettern.

Bodenburg:
Und dann irgendwann hockte ich vor diesem Grenzzaun. Es waren wie immer diese riesigen Löcher drin und es war keiner weit und breit zu sehen. Und dann habe ich da bestimmt eine halbe Stunde mit mir gekämpft und irgendwann war mir klar: Mach es! Und dann bin ich auf die andere Seite vom Zaun und habe auch nicht überlegt, noch mal zurückzugehen. Und dann bin ich gelaufen und gelaufen.

Bodenburg setzt sich in einen Zug Richtung DDR. Auf der Toilette vernichtet er seinen vorläufigen westdeutschen Pass. Es ist der letzte Tag, an dem sein DDR-Visum für Ungarn gültig ist. Der letzte Tag, an dem er zurückkehren kann, ohne dass die Sicherheitsbehörden etwas von seinem Westausflug erfahren.

Renato Bodenburg schließt sich nach seiner Rückkehr den Montagsdemonstranten an. In der Nikolaikirche ist aus den Ausreisewilligen eine Minderheit geworden. Die Menschen rufen nicht mehr "Wir wollen raus". Sie rufen: "Wir sind das Volk. Wir bleiben hier" - eine Drohung, die für die DDR-Führung mindestens so unangenehm ist wie die Flucht Tausender in den Westen.

Wir sind das Volk//
-> MerkMal
-> weitere Beiträge
-> Erosion (MerkMal)