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29.10.2004
Nachwuchs für die DEFA
Vor 50 Jahren wurde die Hochschule für Film in Babelsberg gegründet

Winfried Glatzeder, Absolvent der Hochschule für Film in Babelsberg (Bild: AP Archiv)
Winfried Glatzeder, Absolvent der Hochschule für Film in Babelsberg (Bild: AP Archiv)
In diesen Tagen feiert die älteste deutsche Filmhochschule Jubiläum: Vor 50 Jahren wurde im Potsdamer Stadtteil Babelsberg die Deutsche Hochschule für Filmkunst gegründet. Ab 1969 hieß sie Hochschule für Film und Fernsehen, seit 1985 trägt sie den Namen des DDR-Star-Regisseurs Konrad Wolf, der mit seinen Filmen "Geteilter Himmel", "Ich war 19" oder "Solo Sunny" bis heute einen wichtigen Platz in der gesamtdeutschen Filmgeschichte einnimmt. Bekannte Schauspieler wie Angelica Domröse, Jutta Wachowiak und Winfried Glatzeder haben an der Babelsberger Hochschule Schauspiel studiert.

Am 1.11.1954 wurde der Beschluss im Ministerrat der DDR gefasst, am 4.11.1954 erfolgte die Veröffentlichung der Entscheidung im Gesetzblatt der DDR.

Konrad Wolf, komm vom Himmel herab, … bitte komm, bitte komm.

Zum Jubiläum der Filmhochschule hat der Studiengang Ton diese CD herausgebracht, die Studenten mit dem Filmorchester Babelsberg eingespielt haben.

1954, als die Filmhochschule gegründet wurde, ging es in der ehemaligen Stalin-Villa und den Nachbargebäuden am Potsdam-Babelsberger Griebnitzsee noch recht ruhig zu. Da kamen gerade 50 Filmstudenten zusammen. Kein Verwaltungsmensch, sondern ein Praktiker sollte zum ersten Rektor der Filmhochschule bestellt werden. Sein Name: Kurt Maetzig. Er hatte damals mit seinem Nachkriegsfilm "Ehe im Schatten" über das tragische Schicksal des Schauspielerehepaares Gottschalk im Dritten Reich Maßstäbe gesetzt und befand sich in künstlerischer Nähe zu Wolfgang Staudtes "Die Mörder sind unter uns". Die unter gestandenen Regisseuren verbreitete Abneigung gegen den Nachwuchs einer neuen Filmschule sollte abgebaut werden, indem man die Kritiker mit ins Boot holte. Diese hatten eher die klassischen Universitäten favorisiert. Mit Kurt Maetzig, dem heute 93-jährigen Nestor der DEFA-Filmkunst, der in einem Dorf in Mecklenburg wohnt, gelang der Neuanfang.

Kurt Maetzig: Der Mangel auf allen Gebieten war die Peitsche, die hinter uns stand und die uns angetrieben hat und die eigene Unerfahrenheit brachten wir alle als bestes Kapital mit ein. Das hat vielleicht wenigstens dazu geführt, dass wir nicht gar zu strikte und strenge Strukturen aufgebaut haben, sondern dass die ganze Hochschule noch ziemlich beweglich blieb, über einen verhältnismäßig langen Zeitraum, indem man experimentierte, ausprobierte, auch wieder verwarf und auf diesem Gebiet schrittweise versuchte, voranzukommen.

Zehn Jahre stand Maetzig an der Spitze der Filmhochschule in Babelsberg. Sein Resümee fällt eher kritisch aus.

Kurt Maetzig: Insbesondere scheint mir, wie ich es dann aus der Distanz beobachtet habe, war der Einfluss des Fernsehens nicht immer glücklich, aus dem Grunde, dass das Fernsehen in seiner Aufbauphase einen ganz enormen Personalbedarf hatte und schnell Leute haben wollte, die praktisch ausgebildet waren.

Die DDR-Geschichte der Hochschule verlief zwischen Anpassung und Widerspruch. Oft waren die Studenten dem Drill realsozialistischer Beschränktheit ausgesetzt. Als sich in einigen Staaten des Warschauer Paktes Reformen vorübergehend andeuteten, begann man in Babelsberg auszusortieren. Winfried Junge hatte die Studentenausweisnummer 7.

Winfried Junge: Zusammen mit den ungarischen Ereignissen 56 und den Nachwehen des 20. Parteitags in der Sowjetunion war man schon interessiert, erst mal die loszuwerden, die so unsichere Kantonisten waren. In einer zweistündigen Prüfung hat mich Kurt Maetzig wirklich aufs Kreuz gelegt. Ich war ihm rhetorisch nicht gewachsen, war mit viel Wenn und Aber, wie es meine Art ist, belastet und er fand an allem etwas und an allem etwas nicht. Er wollte dann immer auf die kleinbürgerliche Standpunktlosigkeit hinaus und die Eierschalen eben, die ich nicht loswerde und dass das keinen Zweck habe, und dann war ich draußen.

Viel später gelang es ihm wieder hineinzukommen. Junge ist der einzige des allerersten Studienjahres der damaligen Deutschen Hochschule für Filmkunst, der heute noch auf dem Gebiet des Films unverdrossen arbeitet: an der umfangreichsten Langzeitdokumentation der internationalen Filmgeschichte über die Kinder der Oderbruchgemeinde Golzow. Begonnen 1961. Innenansichten über ostdeutsches Leben, das seit dem politischen Umbruch gesamtdeutsch veranstaltet wird. Grundlagen für diese einmalige Filmreihe wurden an der Hochschule gelegt. Auch Seiteneinsteiger hatten dort manchmal Glück. Zu ihnen gehört in den 50ern die "Uschi Glas der DDR" mit ihrem Film über Ostberliner Halbstarke. Damals war sie ein Jungstar. Annekatrin Bürger, die auch heute noch im Fernsehen präsent ist.

Annekatrin Bürger: Dahin gekommen bin ich, nachdem ich die "Berliner Romanze" gedreht hatte, als so genannter Laie und hab ein halbes Jahr nachgeholt und dann war ich automatisch auf der Filmhochschule. Die praktikable Ausbildung war schon gut, mit viel Szenenstudium und wie ich heute gerade in einer alten Filmzeitschrift, einem alten "Filmspiegel" nachgelesen habe, haben wir sogar Kleindarstellerei machen können schon im Studium, bei Martin Hellberg in einem Märchenfilm.

Film in Babelsberg damals zu studieren und sich umfassend mit neuesten Produktionen auseinanderzusetzen, das war auch vor dem Mauerbau nicht immer einfach, aber es war möglich. Der Zugriff auf die aktuellen eigenen, die sowjetischen und osteuropäischen Filme funktionierte einigermaßen. Aber die taufrischen und vor allem experimentierfreudigen Produktionen der klassischen Filmländer Frankreich, Italien und USA liefen im freien Teil Berlins. Und da lag an der S-Bahn-Strecke nach Griebnitzsee die traditionsreiche Westberliner Filmbühne am Steinplatz. Eine Erinnerung des verstorbenen Schauspielers Rolf Römer:

Rolf Römer: Ich werde also auch nie vergessen, gerade am Steinplatz, wir die frechen Schauspielstudenten, die gingen natürlich öffentlich da rein und ließen sich sehen und es war nicht verboten, aber es war höchst unerwünscht und wenn dann das Licht eingezogen wurde, wenn es dunkel wurde, dann schlichen ein paar Dozenten schnell noch rein, nahmen am Rand oder in den hinteren Reihen noch Platz und wenn das Licht wieder an ging, waren diese Plätze schon wieder leer, denn die gingen noch im Schutz der Dunkelheit, um von den Studenten nicht gesehen zu werden, wieder raus. okay. - das war eben so.

Nach dem Bau der Mauer gab es eine kurze Tauwetterperiode für die Kultur in der DDR. Christiane Mückenberger war zu jener Zeit Dozentin.

Christiane Mückenberger: 64 sind wir noch nach Prag gefahren und haben dort die Filme kennen gelernt, die, das konnten wir damals natürlich nicht wissen, den Prager Frühling vorbereitet haben. Die haben uns so unglaublich interessiert und das waren solche Gedanken, die wir gar nicht gewagt haben zu äußern und diese Filme haben wir uns alle bestellt, um sie den Studenten zeigen zu können. Das ist dann auch noch verschärfend angeführt worden bei unserer Verurteilung, und einige wenige konnten wir noch zeigen, die anderen, da war es dann zu spät. Also das waren so Sachen, wo wir uns sehr wohl gefühlt haben, das wir den Eindruck hatten, dass wir so alles Interessante aus Ost und West ranholten für die Studenten. Die Filmgeschichte hatten wir damals als etwas sehr lebendiges Fach empfunden und es ist auch von den Studenten so goutiert worden. Ich weiß gar nicht, woher wir damals den Mut genommen haben. Es war gar nicht mutig. Ich hab geglaubt, man müsse jetzt alles, was neue Gedanken bringt und so ein bisschen die geistigen Mauern aufbricht, das hätten wir doch das Recht, das jetzt ranzuholen.

Christiane Mückenberger und einige ihrer Kollegen wurden fristlos entlassen. Die Folgezeit war von Ernüchterung geprägt. 1965, als das 11. Plenum des SED-Zentralkomitees gegen kritische Künstler und deren Werke zu Felde zog, war die Babelsberger Filmhochschule sogar extrem gefährdet. Die SED-Führung spielte mit dem Gedanken, diese Kunsthochschule zu schließen. Immer wieder wurden Studentenfilme verboten. Devote und unkritische, mittelmäßige Elaborate mit Titeln wie "Gewehre in Arbeiterhand" und "Die Kraft der Arbeiterklasse" waren dagegen willkommen und bestimmten die Produktionslisten. Als Lothar Bisky die Hochschule Mitte der 80er Jahre übernahm, gewann die Einrichtung wieder stärkeres Profil. Studenten wie Matti Geschonneck , Andreas Dresen, Andreas Höntsch oder Petra Tschörtner wurden zu Hoffnungsträgern. Die Wende verkraftete die Hochschule, indem sie rechtzeitig auf den Wandel der Medienlandschaft reagierte. Heute befindet sich die Ausbildungsstätte in guter Nachbarschaft zum rbb, dem Rundfunk Berlin-Brandenburg und dem Studio Babelsberg. Ein Zusammenspiel zwischen Film und Fernsehen ist also gewollt. Der Rektor heißt nicht mehr Rektor, sondern Präsident. Seit vielen Jahren führt das Amt Dieter Wiedemann und vergleicht heutige mit früheren Studentengenerationen.

Dieter Wiedemann: Sie sind selbstbewusster, sie sind, glaube ich, berufsorientierter, nicht karriere-, aber berufsorientierter. Sie sind stringenter als meine Generation. Das gilt vielleicht nur für Kunststudenten, das kann ich jetzt nicht beurteilen, weil ich merke, an anderen Hochschulen ist sozusagen das kritische Personal größer. Die Studenten dieser Hochschule sind ungeheuer selbstbewusst, auch Professoren gegenüber.

Ein Geschenk zum Jubiläum macht sich die Hochschule jetzt selbst - mit der Eröffnung des neuen Studienganges Filmmusik. An "Muxmäuschenstill", dem wahrscheinlich deutschen Kinoerfolg Nr.1 dieses Jahres, partizipiert die Hochschule ebenfalls.

Film-Szene "Muxmäuschenstill": Entschuldigen Sie, kann ich schon gehen? Herr Strassmann, Sie haben wohl den Arsch offen. Sind Sie Täter oder nicht? Soll ich mal ihr soziales Umfeld informieren? Dann sind sie nicht mehr so lange Pförtner. Ist das klar! Und nur weil Sie selber keine Kinder haben, anderen zuzugucken, wenn die gerade gefickt werden. Finden Sie das in Ordnung, ist das nötig? Nicht doch. Jetzt wird ihm bewusst, dass er auf dem Holzweg ist. Nicht wahr, Herr Strassmann. Selbstverständlich, Sie haben ja Recht.

Die Studentin Sarah Clara Weber wurde für diesen Low-Budget-Film auf Bitten des Drehteams um Jan Henrik Stahlberg und Marcus Mittermeier für Montage und Schnitt freigestellt. Eine Geste der Hochschule, die sich ausgezahlt hat. Im Sommer holte der Film Gold für den besten Schnitt. Die junge Frau erhielt den Deutschen Filmpreis.

Sarah Clara Weber: Ich bin in Berlin groß geworden. Ich hab eigentlich einen Anspruch, gesellschaftspolitische Filme zu machen, das ist mein Film, ich werd da, wie groß meine Erfahrungen auch sein mögen, ich werde da alles geben, dass er so gut wird, wie er nur kann.

Jetzt hat sie sich wieder ins Studium zurückgezogen.

Sarah Clara Weber: Es haben beinah alle gesagt, ich bräuchte nicht mehr zur Hochschule zu gehen und ich habe meine Haltung dazu eigentlich nie geändert. Ich bin sehr, sehr stolz, dass ich da studieren darf und mir bedeutet der Abschluss sehr viel. Ich werde jetzt eigentlich Gegenteiliges machen, ich werd gar nicht schneiden, mindestens das nächste Jahr und nur studieren und ich find die Verführung gefährlich, da auszusteigen.

Filmförderung und Filmindustrie haben vorher das ironische Drehbuch über den Filmhelden, den Weltverbesserer Herrn Mux, abgelehnt. Nach der Auszeichnung häufen sich plötzlich Angebote von dieser Seite für die junge Cutterin. Doch die Ausbildung an der Filmhochschule Babelsberg abzuschließen, ist ihr wichtiger. .

Sarah Clara Weber: Ich werde Diplomschnittmeisterin genannt mit Abschluss und liebe diesen Titel auch, möchte ihn unbedingt haben und ich denk auch, dass man als Frau, wenn man vor hat, Kinder zu kriegen, mit so einem Abschluss sehr gut bedient ist, mit Abschluss und Preis noch viel besser, weil ich wird immer wieder aussteigen für ein neues Kind oder weil die Kinder das auch brauchen. Ich hoffe, dass ich dann eben problemloser wieder einsteige. Ich werde den Abschluss in schätzungsweise drei Jahren, zweieinhalb Jahren schaffen.

Oh, Konrad Wolf, komm vom Himmel herab, sei mir ganz nah, denn ohne Dich schaff ich es nicht.
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