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27.10.2004
Ein Barbar im Garten der Künste
Der polnische Dichter und Essayist Zbigniew Herbert
Von Jagdwiga Stawny

Der polnische Dichter und Essayist Zbigniew Herbert. (Bild: AP-Archiv)
Der polnische Dichter und Essayist Zbigniew Herbert. (Bild: AP-Archiv)
Der polnische Schriftsteller und Essayist Zbigniew ist vielleicht der europäischste aller polnischen Dichter. Jahrelang bereiste er Europa, schrieb neben Gedichten Essays über Architektur, Kunst, Geschichte, Ästhetik und europäische Mythologie. Er starb 1998 in Warschau und wäre am 29. Oktober 80 Jahre alt geworden.

"Seit ein paar Jahren sucht mich - ich weiß nicht warum - das Bild einer Insel heim. Inseln gehören nicht zum Landschaftsbild meiner Kindheit. Ich bin in Mitteleuropa geboren, auf halbem Wege zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer. Die Landschaft meiner Jugend ist die Gegend um Lemberg: Schluchten, sanfte Hügel, mit Kiefern bestanden, auf denen der erste, lockere Schnee am schönsten blüht. Dort ist das Meer etwas Unvorstellbares, und das Wort Insel hat einen märchenhaften Klang. Es war Spätherbst, als ich mich in dem kleinen schottischen Hafen Oban entschloß, auf eine der Inneren Hebriden zu fahren. Ziel der Reise war die Insel Holy Iona..."

Mit solcher Leichtigkeit, wie aus dem Nichts - wie beiläufig hingeworfen - sind die Essays des europäischsten aller polnischen Schriftsteller - Dichter und Prosaiker Zbigniew Herbert geschrieben. Nach wenigen Sätzen wird der Leser eingefangen vom Strom seiner Erzählweise, die frei ist von Geschwätzigkeit, von überflüssigem Schaum - wie ein klar fließendes Gewässer. Kein Wort zuviel, keines zuwenig.

Was auch immer der Blick Herberts beschreibend betrachtet - ob die Höhlenmalereien von Lascaux, die Ruinen antiker Tempel, die Gemälde von Piero della Francesca oder die Stilleben holländischer Maler, ob einen einfachen Hocker oder das Leben Alexanders von Makedonien, ob das Stadtpanorama von Orvieto, die griechische Landschaft oder die Morgenstimmung auf den Inneren Hebriden - beim Leser stellen sich Bilder ein, die zum festen Bestandteil seines literarischen Gedächtnisses werden.

"Ein kalter, feuchter, grauer Morgen. Ich stehe nicht weit vom Landungssteg, einem ins Meer führenden Betonpfad. Der Ozean ist stürmisch. Hohe Wellen zerschellen an den Felsen des Steilufers. Plötzlich taucht aus dem Nebel ein kleines Fischerboot auf, das auf mich zuhält. Es war, als reichte ich einem Traum die Hand..."

Zbigniew Herberts Weg zum längst anerkannten "Klassiker" der Wortkunst verlief wie der wechselvolle Lauf eines von ihm beschriebenen Flusses: Am 29. Oktober 1924 im damals polnischen Lemberg als Sohn eines Bankdirektors geboren, musste er sein junges Leben zunächst gegen den Terror der Nazizeit und die Verschleppung nach Rußland verteidigen: Er war ein konspirativer Gymnasiast, dann - beides im Untergrund des besetzten Polen - Student und Soldat zugleich. Diese Zeit hinterließ unauslöschliche Spuren in seinem dichterischen Gedächtnis. Noch Jahre später stellte er der Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz die Tröstung der Dichtung entgegen.

wovon sprachen die fünf
in der nacht vor der exekution
von den prophetischen träumen
vom abenteuer im bordell
von der seereise (...)
von mädchen
von früchten
vom leben

also darf man
in der lyrik namen von griechischen hirten verwenden
versucht sein die farbe des himmels am morgen zu bahnen
von liebe schreiben
sogar
noch einmal
mit sterblichem ernst
der verratenen welt eine rose
schenken


Nach dem Krieg studiert Herbert Handelswissenschaft, Polonistik, Kunst, Philosophie und Jura - unterwegs zwischen Krakau, Danzig, Thorn und Warschau. Bereits in diesem jungen Alter erwirbt er sein vielseitiges Wissen und den offenen Blick für die europäische Kultur, von dem seine Essays später getragen sind.

Er geht unterschiedlichsten Berufen nach - als Verkäufer, Bankangestellter, arbeitet in Büros und Zeitschriftenredaktionen. Doch er trotzt jedem menschenfeindlichen politischen System: früher dem Naziregime und nun dem Stalinismus.

Aus Protest gegen die herrschende Kunstdoktrin des sozialistischen Realismus in den von den Sowjets besetzten Ländern tritt er 1949 aus dem Polnischen Schriftstellerverband aus. Anders als viele seiner Zunftkollegen wählt Herbert das Schweigen - bis der Diktator tot und der Totalitarismus der Stalin-Ära vorüber ist.

Von 1956 - dem Jahr des politischen Tauwetters in Polen - bis '61 veröffentlicht Herbert drei Gedichtsammlungen. Die Kritiker und Leser sind sich einig: der junge Dichter wird zum "Klassiker", zum "skeptischen Meister" - stets darum besorgt, den wahren Kern des Objekts seiner Betrachtung zu erfassen.
Zbigniew Herbert in einer Aufnahme von 1979.

"Meine Erfahrung - poetische oder schriftstellerische, das sind nicht diese Entscheidungen des Fortschritts oder Zivilisation, aber was das macht in der Seele des Menschen. Erleben etwas innerlich und das innerlich bewältigen - das ist die Aufgabe vom Dichter; und auf eine höhere Stufe das bringen. Höhere Stufe, das ist nicht die Schönheit, aber etwas philosophisch höhere Stufe, damit die Leute mich verstehen, nicht überall, aber mindesten im europäischen Kreis."


Ich möchte die einfachste regung beschreiben
freude oder trauer
doch nicht wie die anderen es tun
nach strahlen des regens oder der sonne greifend (...)

mit anderen worten
ich gäbe alle metaphern hin

für einen ausdruck
der geschält wäre aus der brust wie eine rippe
für ein wort
das platz hätte
in den grenzen meiner haut

doch wahrscheinlich ist das nicht möglich(...)


Herberts Leser und Kenner teilen seine Meinung nicht. Lore Ditzen, Berliner Publizistin und langjährige Freundin Herberts und dessen Frau Katarzyna.

Lore Ditzen: Seine Besonderheit besteht darin, dass er große Stoffe reduziert hat auf ganz genaue Beobachtungen die immer auf menschliche Grunderfahrungen zurückführen.

"Beim Lesen der Werke dieses freundlichen Herren aus Lemberg...

Schreibt der Herausgeber Michael Krüger...

...hat man stets das Gefühl, sich im Zentrum eines unerhört starken Magnetfeldes zu befinden. Mühelos angesaugt und geordnet wird eine unerschöpfliche Menge an Material, die einen weniger subtilen Geist leicht zum kauzigen Historiendichter hätte werden lassen. Bei Zbigniew Herbert dagegen entsteht Ordnung, eine kleine Insel inmitten des geschichtlichen Chaos, die plötzlich auftaucht - aus Worten gebildet, aus Ideen und Erfahrungen".

Lore Ditzen: Es ist auf jeden Fall ein europäischer Dichter, denn als Stoff ist in vielen seiner Gedichte die Mythologie - die abendländische Mythologie - gegenwärtig, die ihm immer dient als Gleichnis für menschliche Grunderfahrungen, die sich durch alle Daseinsepochen und alle Möglichkeiten der Erfahrung ziehen.

Seit den 60er Jahren unternimmt er ausgedehnte Bahnreisen durch Europa - als bescheidener Tourist, später als Stipendiat - z.B. des Deutschen Akademischen Austauschdienstes oder der Ford Foundation: Den Blick stets auf die Spuren der abendländischen Zivilisation gerichtet. Gemäldegalerien, Kirchen, Archive, Städte, antike Tempel und Landschaften in Frankreich, England, Deutschland sind seine Ziele, aber vor allem und immer wieder Italien und Griechenland - "das Vaterland der Mythen".

Ein "Barbar im Garten der Künste" sei er. Der erste Band seiner Reiseessays - "Ein Barbar in einem Garten"- erscheint 1962. Allein mit seinen drei ersten Lyrikbänden und dieser Essaysammlung erwirbt er sich weit über Polen hinaus das Ansehen eines großen europäischen Dichters des 20. Jahrhunderts.

Als poetisches Ego des Dichters bereichert ab 1970 "Herr Cogito"- der Denkende - alle weiteren Gedichtbände Herberts. Stets sinniert "Herr Cogito" über Grundfragen des Rätsels der eigenen Existenz und des Wesens der Welt.
Der Literaturanalytiker Jan Blonski:

"Herr Cogito ist unter Herberts Gestalten die heldenhafteste und gebrechlichste zugleich. Er versteckt sich nicht mehr hinter der Maske der literarischen Tradition. Er ist einer von uns, von uns Passanten des Jahrhunderts..."

Für deutsche Leser entdeckten in den 60er Jahren Karl Dedecius, Nestor deutscher Herbert-Übersetzer und Mitbegründer des Deutschen Polen-Institutes in Darmstadt, Klaus Staemmler und Henryk Bereska die Werke Herberts. Seitdem erscheinen sie im Suhrkamp Verlag. In einem der Essays steht die Quintessenz der Erfahrungen dieses Pilgers durch Kunst und Historie:

"Da machte ich mir klar, dass ich durch Europa reise, um aus der langen und dramatischen Menschheitsgeschichte die Spuren, die Zeichen der Gemeinsamkeit heraufzuholen. Deshalb waren die romanische Säule in Tyniec bei Krakau, das Tympanon von St. Petronell bei Wien und die Reliefs der St. Trophime-Katedrale in Arles für mich nicht nur Quelle ästhetischer Erlebnisse, sie ließen mich auch erkennen, dass es ein größeres Vaterland gibt als die eigene Heimat."

Kaum einem anderen zeitgenössischen Dichter sind zu Lebzeiten so viele, so hohe internationale Ehrungen zuteil geworden wie diesem polnischen Dichter von grenzübergreifendem europäischen Geist: Nikolaus-Lenau-Preis, der Herder- und der Petrarca - Preis, die hochangesehenen Preise der Stadt Jerusalem und der Stadt Münster für europäische Poesie, der Literaturpreis der slowenischen Stadt Vilencia für mitteleuropäische Literatur und viele weitere mehr. Mehrfach wurde er für den Nobelpreis nominiert.

Herbert, der Analytiker von Historien, Seelen, Gefühlen der Menschen, der Poet mit der Leidenschaft eines Forschers - wie war er im Alltag? Einige seiner zahlreichen Berliner Freunde erinnern sich: Barbara Stieß, Buchhändlerin, die die Eheleute Herbert fast vier Jahre lang bei sich zu Gast hatte, der Denkmalhistoriker Michael Cullen und die Verlegerin Katharina Wagenbach:

Barbara Stieß, Buchhändlerin: Er war absolut ein Philosoph und das muss ich immer wieder betonen, das merkte man auch im Alltag. Er konnte wahnsinnig lustig sein und heiter und unvernünftig, aber es war immer präsent, dass er über alles sehr gründlich nachdachte und dass er seine Philosophie im Kopf hatte und das vermittelte er auch im Alltag.

Michael Cullen: Zbigniew Herbert konnte sich immer wundern, fast wie ein Kind. Das Fragen - das war er. Wenn man mit ihm in einem Raum war, da hatte er eine Neugierde, dass man ganz schnell in eine ganz hitzige Diskussion kam - über Gott und die Welt, über die ersten und die letzten Fragen. Wichtig war, dass Wodka da war, dass Zigaretten da waren, ja, das war ein sehr toller Typ.

Katharina Wagenbach: Es war ungeheuer sympathisch, wie er sich ein wenig über sich selbst lustig machte, andererseits sehr ernste Dinge sagte. Das war so eine Mischung, es gefiel mir sehr.


Kiesel

Der kiesel ist als geschöpf
vollkommen

sich selber gleich
auf seine grenzen bedacht

genau erfüllt
vom steinernen sinn

mit einem geruch der an nichts erinnert
nichts verscheucht keinen wunsch erweckt

sein eifer und seine kühle
sind richtig und voller würde

ich spür einen schweren vorwurf
halt ich ihn in der hand
weil dann seinen edlen leib
die falsche wärme durchdringt

- kiesel lassen sich nicht zähmen
sie betrachten uns bis zum schluß
mit ruhigem sehr klaren auge


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