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1.11.2004
Montagsdemonstrationen
Der Machtkampf zwischen den Bürgern und der SED
Von Tobias Barth

Montagsdemonstration im Leipzig, 17.10.1989 (Bild: AP Archiv)
Montagsdemonstration im Leipzig, 17.10.1989 (Bild: AP Archiv)
Prag am 30. September 1989.
Hans-Dietrich Genscher, 30.09.1989: Ich darf Sie im Namen der Bundesregierung begrüßen.... (Jubel) Ich bin zu Ihnen gekommen - (Zurufe im Publikum: ”Ruhe!” , ”Lauter!”) - Ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...”

Die Ansprache von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher weckte nicht nur in der Prager Botschaft neue Hoffnung bei denen, die auf ihre Ausreise in die Bundesrepublik hofften, sondern auch in der DDR. Aber es gab auch diejenigen, die dem Ruf der Leipziger Montagsdemonstration folgten, und dieser Ruf hieß zu dieser Zeit: "Wir bleiben hier."

Frank Eigenfeld: Unsere Position war, Leute mischt euch ein. Ihr müsst selbst aktiv werden, egal an welcher Stelle ihr seid, macht euch mündig und misch dich ein - ne andere Botschaft hatten wir nicht.

Frank Eigenfeld, ein promovierter Geologe an der Martin-Luther-Universität in Halle. Seit Mitte der 80er musste er wegen eines Berufsverbotes als Hausmeister in einer Kirche arbeiten. Er hatte sich geweigert, die paramilitärische Ausbildung von Studenten durchzuführen. Der Hallenser gehörte am 11. September 1989 zu den 30 Gründern des Neuen Forums.

Heidi Bohley zu Neues Forum: Als das in der Zeitung stand, das ist verfassungsfeindlich, da hatte ich eigentlich erwartet, dass jetzt Leute kommen und sagen: ich möchte meine Unterschrift zurückziehen.

Auch Heidi Bohley war 1984 aus politischen Gründen von ihrer Bibliothekarsstelle entlassen worden. Sie hatte sich bei Friedens- und Menschenrechtsgruppen engagiert. Im Herbst 1989 gehörte sie zu den Bürgerrechtlern, die in Halle für das NEUE FORUM warben.

Und das hatte ich erwartet und stattdessen hat es geklingelt und es standen Leute vor der Tür und hatten gesagt: Wenn das staatsfeindlich ist, na dann möchte ich das jetzt auch unterschreiben. Und das war für mich der Moment, wo ich dachte na holla, was ist denn jetzt los? Es war die revolutionäre Situation.

Die Massenflucht über die Botschaften und über Ungarn offenbarte das Dilemma der DDR: das Volk wollte nicht mehr, die Regierung konnte nicht mehr. Sie behalf sich mit verschärfter Meinungsmache - zum Beispiel im ADN-Kommentar zu den Ereignissen von Prag:

Archivton ADN mit Erkennungsmelodie "Aktuelle Kamera": Die Regierung der DDR ließ sich davon leiten, dass jene Menschen bei Rückkehr in die Deutsche Demokratische Republik, selbst wenn es möglich gewesen wäre, keinen Platz mehr im normalen gesellschaftlichen Prozess gefunden hätten. Sie haben sich selbst von ihren Arbeitsstellen und von den Menschen getrennt, mit denen sie bisher zusammenlebten und arbeiteten. Sie alle haben durch ihr Verhalten die moralischen Werte mit Füßen getreten und sich selbst aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt. Man sollte ihnen deshalb keine Träne nachweinen.

Erich Honecker selbst hatte die Formulierung "keine Träne nachweinen" in den Kommentartext eingefügt. Was war das für eine Regierung, die nicht einmal die Trauer darüber zulassen wollte, dass ihr das Volk davonlief?! Am 7. Oktober feierte die DDR-Regierung den 40. Jahrestag der Republik.

Archivton Honecker (Festakt 7. Oktober): Unsere Position leiten wir nicht ab von einem der Revolverblätter der BRD oder von den dortigen Rundfunk- und Fernsehsendern, sondern von der der festen Haltung des Marxismus-Leninismus …

In Berlin, Potsdam und Dresden kommt es während der Feierlichkeiten zu Gegendemonstrationen. Auch in Halle regt sich Protest:

7. Oktober:
Gottesdienst in der Marktkirche mit 200 Besuchern. Einige der Besucher bleiben in Gruppen auf dem Markt stehen.

Olaf Parusel: Es waren einfach nur ein paar Leute, die dastanden, und Halle ist ja manchmal auch ein bisschen bodenständig, und was die dort so gerufen haben, das waren keine Revolutionäre irgendwie, sondern die haben höchstens mal "Gorbi" gerufen oder so was - ja, da haben die anderen eben Angst gehabt davor, dass so was gerufen wird - ja, das war ne gespenstische Atmosphäre.

Olaf Parusel arbeitete damals als Hauswirtschaftspfleger. Er war Punker - und sein unangepasstes Aussehen und die Tatsache, an diesem 7.Oktober auf dem Marktplatz herumzustehen genügten, um ihn zu verhaften. Die Nacht verbrachte er in einer Garage der Transportpolizei breitbeinig stehend zusammen mit etwa 40 Inhaftierten

Olaf Parusel: Und auf einmal kam dann so ein Jeep, so ein offener, da rein gefahren, so ein offener, ein Armeeauto und ein paar Typen sprangen da runter und hatten ein MG in der Hand und entsicherten die, machten jedenfalls diese typischen Klack-Klack-Geräusche, und wenn man dann so in der Garage an der Wand steht, dann wird's einem schon mulmig.

8. Oktober:
Die Pfarrer Manser, Körner, Herzfeld sowie Frank Eigenfeld verabreden in der Marktgemeinde, dass am folgenden Tag ab 17 Uhr eine Mahnwache vor der Marktkirche stattfinden soll.

9. Oktober:
In Halle wird an der Marktkirche demonstriert - unter der Losung "Gewaltfrei widerstehen - Schweigen für Leipzig - Schweigen für Reformen - Schweigen fürs Hierbleiben”.

Matthias Watschitschka: Also, das war ne Idee von uns beiden. Wir erzählen rum, wenn wir in die Kneipe gehen, ins Café, überall, wir erzählen rum: 17 Uhr an der Marktkirche, und da haben wir beide das also gestartet, haben uns ins Café gesetzt und angefangen, das zu erzählen und haben das immer weiter getragen und haben das Transparent gemalt bei ihm in der Wohnung - der war damals Hausmeister in der Paulus.

Matthias Waschitschka, Bibliothekshelfer in der Akademie der Naturforscher Leopoldina. Er streut zusammen mit dem Kirchenmitarbeiter Roberto Ende am Wochenende vor dem 9. Oktober das Gerücht über die bevorstehende Demonstration.

Matthias Watschitschka: Und offensichtlich haben wir es so gut gemacht, dass sie also auf ihn nicht gekommen sind, dass er mit dem Transparent durchgekommen ist bis zur Marktkirche - aber mich haben sie nachmittags schon in der Leopoldina abgeholt und haben mich da nachmittags schon raus gefahren in diesen Zuführungsstützpunkt, wo es abends dann diese gruseligen Szenen gab, von der Reichsbahnpolizei.

Erneut kommt es am Marktplatz zu Verhaftungen. Die Kirche wird von Polizisten abgeriegelt, sie hindern mehrere hundert Teilnehmer des Friedensgebetes am Betreten des Marktplatzes. Die Kirchgänger müssen das Gotteshaus über den Hintereingang verlassen.

An diesem 9. Oktober gehen in Leipzig 70.000 Menschen auf die Straße, darunter auch viele Auswärtige aus Halle und anderen Orten, die an den Polizeikontrollen auf den Straßen und Bahnhöfen vorbei gekommen sind. In Leipzig schreiten Polizei, Staatssicherheit und Kampftruppen nicht ein. Das ist der eigentliche Wendepunkt in der DDR. Aber noch immer herrscht berechtigte Angst vor der Staatsgewalt.

Halle, 10. Oktober:
In der Georgenkirche startet die "Mahnwache für die zu Unrecht inhaftierten". Nach wenigen Tagen ist der kleine Platz vor der an einer Hauptverkehrsstraße gelegenen Kirche übersät mit hunderten brennenden Kerzen.

15. Oktober:
Etwa 2.000 Hallenser versammeln sich in der Pauluskirche und wählen eine 15köpfige Delegation, die mit dem Bürgermeister verhandeln soll.

Heidi Bohley zum 15. Oktober: Also ich hatte das Gefühl wie im amerikanischen Western: jetzt versammeln sich die Bürger, um Schaden von ihrer Stadt abzuwenden. Und es hing ja da dieses große Plakat "Gewaltfreiheit für unsere Stadt". Es war ja eine Reaktion auf diesen Prügelmontag, inzwischen wussten wir ja, was da passiert ist, und der nächste Montag nahte. Und man wusste auch, dass in Leipzig am 9. Oktober diese riesige Demonstration friedlich verlaufen ist, während in Halle geprügelt worden ist. Also die Chancen, dass der nächste Montag friedlich läuft, waren durch Leipzig ja gestiegen. Aber da ja in Halle alles immer ein bisschen anders ist, (lacht) konnte man ja nicht davon ausgehen, dass das schon nach Halle durchgedrungen ist.

16. Oktober:
In Leipzig demonstrieren 150.000 Menschen. In Halle 1.500. Jeder vierte trägt eine Kerze. Auf zwei Transparenten steht: "Gewaltfreiheit für unsere Stadt!" und: "Keine Gewalt - Reformen!"

Am 18. Oktober tritt Erich Honecker zurück. Neuer Generalsekretär der SED wird Egon Krenz. Ausgerechnet der Mann, der noch Anfang Oktober in China der Staatsführung zur blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung am Platz des "Himmlischen Friedens" gratuliert hatte. In seiner Antrittsrede spricht er von Erneuerung und Kontinuität - vielen scheint das wie ein Schlag ins Gesicht.

20. Oktober:
Erstmals berichtet das DDR-Fernsehen von der Bürgerbewegung in Halle. In einer Jugendsendung wird ein Beitrag ausgestrahlt, in dem Pfarrer Hans Hanewinckel zu Wort kommt. In seiner Georgen-Kirche fanden seit dem 10. Oktober die Mahnwachen für die Inhaftierten statt:

Dok-Ton Hans Hanewinckel: Wir entwickeln hier nicht die großen gesellschaftlichen Programme, wir möchten in einer Gesellschaft leben, in der alle Menschen, und da komme ich noch mal auf die Politbüroerklärung zurück "alles zum Wohl des Volkes" und dazu möchten wir einen ganz konkreten Beitrag leisten, an einem ganz konkreten Punkt, da wo es um den einzelnen Menschen geht, dessen Würde geschlagen ist, es geht um das Vertrauen. Wir müssen wieder neues Vertrauen herstellen in der Gesellschaft, nur auf Vertrauen und auf Wahrheit lässt sich eine wirklich gelingende Gemeinschaft aufbauen.

Den Begriff Mahnwache verschweigt der Beitrag - aber dennoch wird es als Sensation angesehen, dass sich Hans Hanewinckel auf diese Weise im DDR-Fernsehen äußern kann.

26. Oktober:
Im Volkspark, einer Traditionsstätte der Arbeiterbewegung, findet die erste "Dialogveranstaltung" statt. 6000 Hallenser kommen, 1300 passen in den Saal, der Rest steht vor dem Haus und verfolgt die Diskussion über Lautsprecher.

Dok-Ton Volkspark 26.10.1989: - Ich hab eine ganz aktuelle Meldung, die unwahrscheinlich ist. Die mich so empört hat, dass ich hierher gekommen bin. In Buna sollten heute tausend Demonstranten verpflichtet werden, dass sie eine Gegendemonstration in Halle führen. (Buhrufe, Pfiffe)
-Also ich bitte um Sachlichkeit. Wenn jemand im Präsidium Antwort geben kann auf diese letzte Information…
-Also ich bin Arbeiter im Kombinat Buna. Mein Name ist Heiko Becker und bei uns Genosse Jens Thieme und Erhard Müller, die arbeiten in meiner Brigade, die waren heute früh bei einer Parteiinformation, und deren Parteisekretär, der Genosse Stürmer, hat ihnen die Meldung gegeben, dass der Genosse Böhme, Parteisekretär von Halle, Bezirk Halle ihnen die Meldung durchgegeben hat, zu einer großen Demonstration aufzurufen, man wollte mit Bussen nach Halle fahren und einen Sternmarsch zum Markt durchführen. (Pfiffe und Buh im Saal) Ich will noch von der Belegschaft in Buna was sagen. (Wir sind das Volk-Rufe im Saal, im Chor) Ruhe, Ruhe, Ruhe! Aber jetzt noch was im Namen der normalen Parteimitglieder in Buna. Sie haben Nein gesagt. (Beifall)


"Rote Fahnen gegen weiße Kerzen" sollte das Motto der parteitreuen Demonstration am 30 Oktober lauten. Diese gefährliche Idee scheiterte am Widerstand der eigenen Genossen. Stattdessen gingen an jenem letzten Oktobermontag in Halle 70.000 Menschen auf die Straße: Für Reformen und Demokratie.


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