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5.11.2004
Algerien - Offener Widerstand gegen Frankreich
Vor 50 Jahren
Von Jochen R. Klicker

Ahmed Ben Bella, eines der Mitglieder des Führungskomitees der FLN, bei seiner Verhaftung in Algier, 1956. (Bild: AP-Archiv)
Ahmed Ben Bella, eines der Mitglieder des Führungskomitees der FLN, bei seiner Verhaftung in Algier, 1956. (Bild: AP-Archiv)
In der Nacht zu Allerheiligen 1954 werden die Menschen in den algerischen Großstädten aus dem Schlaf gerissen. Schwere Explosionen erschüttern die Nacht. In 17 Orten werden französische Polizei- und Regierungsstellen lahm gelegt; die Häuser und Güter französischer Großgrundbesitzer beschossen; Ölpipelines unterbrochen. Im Hafen von Algier wird sogar ein Tanklager in die Luft gejagt. Am folgenden Morgen klären Tausende von Flugblättern die algerische Bevölkerung auf:

Heute hat eine starke Elite der freien Söhne Algeriens den Aufstand für die Befreiung des Landes vom tyrannischen französischen Imperialismus in Nordafrika ausgelöst. Wir bieten Patrioten aus allen sozialen Schichten und allen rein algerischen Parteien und Bewegungen die Möglichkeit, sich dem Befreiungskampf anzuschließen. Die FLN ist Deine Front und ihr Sieg wird auch der Deine sein!

Frankreich ist sprachlos. Weder die politische Klasse noch die demokratische Basis können formulieren, was geschehen ist.

Ein Narrentanz. Eine Rebellion. Kolonialer Ungehorsam. Unpatriotischer Verrat. Ein Eingeborenen-Aufstand. Anschlag auf das französische Vaterland.

Die Zeitungsschreiber versuchen sich in patriotischen Begrifflichkeiten. Zwei Wörter wollen sich nicht einstellen:

Unabhängigkeitskampf und Krieg.

Begonnen hatte der Algerienkrieg eigentlich schon an einem Tag, der weltweit als Fest begangen wurde: am 8. Mai 1945, der Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschland. Auch in den algerischen Städten zogen Zigtausend Menschen los, um das Ende des Zweiten Weltkrieges und den Frieden zu feiern. Denn auch Algeriens Männer hatten an den alliierten Fronten mit gekämpft. 80.000 Harkis - arabische und berberische Unteroffiziere und Mannschaften - waren von den Schlachtfeldern nicht in ihre heimatlichen Dörfer zurückgekehrt.

Als sich die Friedensdemonstranten den Innenstädten näherten, sahen sie sich plötzlich schwer bewaffneten Polizisten und Milizen gegenüber, die ohne jede Vorwarnung in die Menge schossen.

Diese brutale Reaktion der Ordnungsmacht löste einen Flächenbrand von Mord und Totschlag aus. Fälschlicherweise nämlich meinten die "weißen" Algerier, dass die "farbigen" Algerier nun zur kolonialen Entscheidungsschlacht gerufen hätten. Tatsächlich hatte ja Paris zuvor Algerien gegenüber immer wieder beteuert, dass nach dem Ende des Krieges eine grundsätzlich neue staatliche Ordnung für das Land gefunden werden sollte. Davon war jedoch jetzt keine Rede mehr, so dass es zu einer absurden Situation kam:

Während im Hafen von Algier das siebte algerische Schützenregiment lag, das noch wenige Wochen zuvor an der Seite der Alliierten im Elsass gefochten hatte, belegte das in der benachbarten Bucht liegende französische Flagschiff die Umgebung mit dem mörderischen Feuer seiner Geschütze. Über 40.000 Algerier fanden in dem mehrere Tage dauernden Gemetzel den Tod.

Das war der Anfang vom Ende der französischen Herrschaft in Algerien, die 1830 unter dubiosen Umständen begonnen hatte.

Algerien gehörte damals zum Machtbereich des Osmanischen Reiches. Der osmanische Regent in Algier, der Dey Hussein, hatte den französischen Konsul Deval einbestellen lassen, um wieder einmal finanzielle Probleme zu diskutieren. Als der Konsul dem Dey gegenüber den politisch starken Mann markierte, geriet der osmanische Regent außer sich und versetzte dem Franzosen drei leichte Schläge mit einem Fliegenwedel.

Nun hatte Frankreich den Anlass, auf den es schon lange gewartet hatte. Es wollte die militärische und wirtschaftliche Herrschaft über den Mittelmeerraum. Was wiederum den Interessen des Osmanischen Reiches und seiner Statthalter in den Ländern des Maghreb entgegen stand. Der französische König Karl X. erklärte:

Nicht länger kann ich die Beleidigung ungestraft lassen, die unserem Konsul und damit meiner Fahne zugefügt worden ist.

Französische Fremdenlegionäre in Algerien, 1960 (Bild: AP Archiv)
Französische Fremdenlegionäre in Algerien, 1960 (Bild: AP Archiv)
Der König ließ Algier bombardieren. Obwohl es den algerischen Stämmen gelang, rund 40.000 Kämpfer zu mobilisieren, war die militärische Operation nach einer Woche beendet. Der osmanische Regent floh, die geschlagenen Araber und Berber zogen sich in die Sahara zurück. Frankreich übernahm mit 8.000 Siedlern aus Europa die ersten 115.000 Hektar fruchtbares Land und die Macht in allen größeren Städten.

Mit dem arabischen Freiheitskämpfer Abdelkader begann bereits wenige Jahre nach der französischen Annexion eine Kette von immer wieder gescheiterten Versuchen, die Franzosen aus dem Land zu jagen. Und ebenso setzte eine Kette kolonialer Maßnahmen ein, die Einheimischen mit brutaler Gewalt zu unterdrücken und durch Versprechungen ruhig zu stellen.

An politische Versprechen und juristisches Papier waren die Araber und Berber Algeriens von Anfang an gewöhnt. Bereits wenige Jahre, nachdem 1830 das französische Militär im Bündnis mit Kapital und Bourgeoisie dem osmanischen Reich und seinen Regenten in Algier den Garaus gemacht hatte, wollten die französischen Kolonialisten die Einheimischen kultivieren und zivilisieren. Doch kamen bei den Dekreten und Maßnahmen immer mehr Rechte und Privilegien für die weißen Siedler heraus, während die bodenständige Bevölkerung ein Leben unter den Bedingungen von Arbeitssklaven führen musste.

Dagegen hatten algerische Unabhängigkeitspolitiker schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts protestiert und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg von der Kolonialmacht sogar Kompensationen für die toten und verwundeten Algerier gefordert. So unter anderem:

Gleiche parlamentarische Vertretung für Einheimische und Siedler. Keine koloniale Rechtsbeugung mehr. Gleiche Rechte und Pflichten bezüglich des Militärdienstes. Aufstiegsmöglichkeiten der Einheimischen in der Verwaltung nur nach Verdienst und Fähigkeiten. Allgemeine Schulbildung auch für alle Einheimische. Presse- und Versammlungsfreiheit. Anwendung der französischen Sozial- und Arbeitsgesetzgebung. Absolute Freiheit für einheimische Arbeiter, jederzeit nach Frankreich gehen zu können. Und schließlich Anwendung der französischen Gesetze zur Trennung von Kirche und Staat auch auf den islamischen Kultus.

Als schließlich solche und schärfere Forderungen auch nach dem Zweiten Weltkrieg eingeklagt wurden, reagierten vor allem das Militär und die extreme Rechte Frankreichs mit härtesten Repressalien. Den antikolonialistischen Kräften Algeriens blieb nichts anderes übrig, als gegen Unterdrückung und Folter die Unabhängigkeit zu erkämpfen.

Am 1. November 1954 rief die algerische Befreiungsfront FLN zum nationalen Unabhängigkeitskampf auf.

Zur nationalen Unabhängigkeit gehört für uns
• die Wiedererrichtung des souveränen, demokratischen und sozialen algerischen Staates im Rahmen der Prinzipien des Islam,
• die Respektierung aller Grundfreiheiten ohne Unterschied der Rassen und Konfession,
• die Anerkennung der algerischen Nationalität...
• und ... der unteilbaren algerischen Souveränität.


Damit war auch jeder liberale Traum erledigt, die algerischen Departements könnten zu einem den europäischen Grenzen vorgelagerten Frankreich gemacht werden. Während zum Beispiel in der Karibik oder im Pazifik aus französischen "Besitzungen" relativ reibungslos französisches "Territorium" wurde, krallten sich die hohen französischen Kolonialoffiziere an Algerien fest, als handele es sich um französisches Kernland.

Und was dabei mit legalen Mitteln nicht zu erreichen war, das versuchte man mit Folter und Vergewaltigung zu erreichen.

Und es schlug die Stunde der rechtsradikalen OAS, der Organisation Geheimarmee, deren politisierende Generäle noch ein letztes Mal versuchten, ein Frankreich zu verteidigen, das von Dünkirchen an der Kanalküste bis nach Tamanrasset in der südlichen Sahara reichen sollte. Ein Zeitgenosse erzählt:

Am 31. März 1961 sprengte die OAS "zur Warnung" - wie es hieß - den linksliberalen Bürgermeister von Evian in seinem Auto in die Luft, und am Abend des 22. April griff sie in Algerien endgültig nach der Macht: Zur selben Zeit, da Präsident de Gaulle mit dem senegalesischen Präsidenten Senghor einer Theateraufführung beiwohnte, putschten in Algier vier Generäle. Die Verschwörer konnten sich auf die Fallschirmjäger verlassen, die mit ihren Offizieren nach dem Fall des vietnamesischen Dien Bien Phu direkt nach Algier "versetzt" worden waren und weiterhin an den französischen Kolonialismus glaubten. General Salan und seine Mitverschwörer setzten ihre eigenen, von Paris ernannten Nachfolger fest und drohten mit einem Marsch auf Paris. Der Spuk dauerte jedoch nur drei Tage. Nach einem Generalstreik im Mutterland und Gegenaktionen regierungstreuer Truppen in Algerien ergriffen die Putschisten die Flucht.

Einen Monat später wurden in Evian nach fast einjähriger Pause die algerisch-französischen Friedensverhandlungen wieder aufgenommen, die auf Druck de Gaulles letztlich zum Waffenstillstand und der Unabhängigkeit führten.

Nach ihrem Sieg im Kolonialkrieg 1962 reihte sich die algerische Republik in die militante arabische und die sozialistische ideologische Front ein. Erst durch den Staatsbesuch von Giscard d'Estaing im März 2003 in Algier fühlten sich beide Seiten endlich frei, auf gleicher Augenhöhe politisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich und kulturell miteinander umzugehen.

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