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8.11.2004
Zeit der Träume
Die DDR Anfang November 1989
Von Matthias Eckoldt

Ostberliner Grenzbeamte schauen Demonstranten zu, die einen Teil der Berliner Mauer einreißen, November 1989 (Bild: AP Archiv)
Ostberliner Grenzbeamte schauen Demonstranten zu, die einen Teil der Berliner Mauer einreißen, November 1989 (Bild: AP Archiv)
Jutta Wachowiak: Damals waren ja alle total wuselig und ununterbrochen unterwegs. Man wusste ja überhaupt nicht, wo oben und unten ist und wo zuerst anfangen und als Letztes aufhören. Das war ja wirklich äußerst intensiv und turbulent. Man begriff, das ist hier Geschichte, und dann fühlte es sich aber doch irgendwie so normal an. Also das war ein seltsames Gemisch damals.

Honecker: Den Sozialismus, so sagt man bei uns immer, in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf.

Sprechchöre: 'Stasi raus', 'Auf die Straße', 'Freiheit'

7. Oktober 1989. 40. Jahrestag des SED-Staates. Die Kluft zwischen der DDR-Regierung und dem Volk ist nicht mehr zu übersehen. Während die SED-Führung mit den Führern der Ostblockstaaten im Palast der Republik Champagner trinkt, versammeln sich etwa zwei- bis dreitausend Menschen davor. Es wird die größte Demonstration seit dem 17. Juni 1953. In den Nachtstunden wird sie brutal niedergeknüppelt. Doch die Tage von Honecker & Co sind gezählt.

Christoph Links: Der eigentliche Machtwechsel fand am 9. Oktober auf der Straße in Leipzig statt, als die Macht von den Herrschenden und ihren Polizei- und Sicherheitskräften zu den Demonstranten überging.

Der Verleger Christoph Links ist damals dabei gewesen, als sich Polizei und Militär angesichts der wachsenden Masse von Demonstranten zurückziehen mussten.

Christoph Links: Nach dieser Entscheidung war es nur noch eine Frage der Tage, wann die Verantwortlichen für dieses militante Vorgehen gegen die Opposition zurücktreten müssten. Und das geschah dann am 17. während der Politbürositzung und dann am 18. offiziell in der ZK-Sitzung, so dass am 18. abends dann neben Erich Honecker auch sein verhasster Medienchef Joachim Herrmann zurücktrat, der ja für die Propaganda gegen die "Aufwiegler und Unruhestifter" verantwortlich war, sowie Wirtschaftsminister Günter Mittag. Und da war klar: Das ist der Anfang der Erosion. Und nun gilt es, weiter Druck zu machen, um die Veränderungen voranzutreiben."

Aktuelle Kamera: Erich Honecker hatte seinen Rücktritt mit den Worten begründet, er habe infolge seiner Erkrankung und seiner Operation nicht mehr genügend Kraft und Energie, wie es die Geschicke der Partei und des Volkes heute und künftig verlangen.

Honecker schlägt seinen politischen Ziehsohn Egon Krenz als Nachfolger vor. Damit ist klar, dass an der Führungsspitze der SED kein wirklicher Machtwechsel stattfindet, sondern nur die alte Politik mit einer personellen Rochade als neuer Kurs verkauft werden soll.

Christoph Links: Krenz war absolut unbeliebt, ja geradezu verhasst in der Bevölkerung, weil er nicht nur der ewig lächelnde servile Kronprinz Honeckers war und als Einpeitscher und FDJ-Chef schon auf sich aufmerksam gemacht hatte, sondern der vor allen Dingen verantwortlich war für den Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen am 6. Mai 1989 und der öffentlich das brutale Vorgehen gegen die chinesischen Demonstranten Anfang August auf dem Tiananmen-Platz in Peking gerechtfertigt und begrüßt hatte.

Krenz: Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Bürger der Deutschen Demokratischen Republik! Das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands hat mich heute zum Generalsekretär berufen.

Christoph Links: Er hat sich gleich bei seinem ersten Auftritt völlig diskreditiert, indem er seine Redeansprache aus der ZK-Tagung vom Vormittag als Manuskript für die Fernsehansprache benutzte und dann die Bevölkerung mit "Liebe Genossinnen und Genossen" ansprach.

Krenz: Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wieder erlangen.

Jens Reich: Die große Wende! Das Wort 'Wende' stammt ja von ihm und ist dort also mit Emphase und Pathos ausgesprochen worden. Das hat er durchgesetzt. Von der Wende redet heute noch ganz Deutschland. Diesen sprachlichen Sieg hat Krenz errungen. Aber auf allen anderen Gebieten ist er gescheitert schon vom Ansatz her.

Jens Reich verfolgt die Ansprache von Egon Krenz während einer konspirativen Tagung des Neuen Forums. Bereits im September stellte die erste politische Organisation der Bürgerbewegung einen Antrag auf Genehmigung. Sie wurde umgehend verboten. Denn die Forderungen des Neuen Forums zielten auf die konsequente Demokratisierung der Gesellschaft. Und das bedeutete auch: die Abschaffung der führenden Rolle der SED.

Krenz: Gleichzeitig übersehen wir nicht, dass die Gegner des Sozialismus, die äußeren wie die inneren, verstärkt versuchen, daraus Vorteile für sich zu ziehen. Sie wittern Morgenluft und setzen darauf, ohne das Risiko offener Aggression die Deutsche Demokratische Republik in kapitalistische Verhältnisse zurück zu reformieren. Das aber wird niemandem gelingen.

Während die SED- und Staatsführung um Schadensbegrenzung bemüht ist, blühen auf der Straße die Träume. Das Selbstbewusstsein der DDR-Bürger wächst mit jedem Tag. Auf einem überregionalen Treffen der Bühnenschaffenden im Deutschen Theater schlägt Jutta Wachowiak die Organisation einer Großdemonstration auf dem Alexanderplatz vor, der für das Volk zur Bühne werden soll.

Jutta Wachowiak: Wir haben ja auch hier im Theater nach den Vorstellungen das Foyer zum Gespräch angeboten. Da sind auch sehr heftige Diskussionen in Gang gekommen, die schmerzhaft waren zum Teil und manche Leute in Verzweiflung gestürzt haben und mir trotzdem bewiesen haben, zu dieser Zeit jedenfalls, die waren unglaublich demokratiefähig die Leute, die konnten das sehr gut aushalten, dass neben ihnen jemand steht, der sich jetzt gerade als Stasi geoutet hat, der versuchte zu erklären, warum er das getan hat. Dass da dann so die Fetzen flogen, das war dann erst später. (…) Aber diese paar Wochen, ja, diese paar Wochen beinahe der Gerechtigkeit, das war schon schön.

Am 29. Oktober stellen sich DDR-Politiker der Bevölkerung zur Diskussion. 20.000 Zuschauer haben sich vor dem Roten Rathaus versammelt, um ihren Frust, ihren Unmut und ihre Empörung den Verantwortlichen ins Gesicht zu sagen oder zu brüllen.

Bürger: Alle die Genossen habt ihr nicht gehört, und jetzt sprecht ihr von der Vertrauenskrise. Herr Schabowski, Sie haben auch gelernt, dass also Lenin sagte: Eine revolutionäre Situation ist dann, wenn das Volk nicht mehr will und die Regierung nicht kann. Sie haben das nicht erkannt. Deswegen sind die Leute auf der Straße.

Empörte DDR-Bürger wollen sich nicht mehr mit Ausflüchten zufrieden geben. Sie trotzen den Regierenden das Versprechen zu Demonstrations- und Versammlungsfreiheit ab und verlangen vom Polizeipräsidenten eine Entschuldigung für die brutalen Übergriffe am 7. und 8. Oktober.

Polizeipräsident: Ich spreche erneut ein tiefes Bedauern aus und die Entschuldigung, dass es an diesen Tagen zu Härten, zu Übergriffen gekommen ist, die menschliches Leid und seelisches Leid hervorgebracht haben.

Klaus Schickhelm: Was wir wollen, ist die schnelle, wahrheitsgetreue Information über das, was Sie, uns alle, beschäftigt, hier bei uns und überall in der Welt.

"In eigener Sache" meldet sich am Abend der Chefredakteur der Aktuellen Kamera zu Wort, um einen medienpolitischen Kurswechsel zu verkünden. Die unkritische Berichterstattung soll von nun an passé sein. Meinungsvielfalt wird versprochen. Doch wie wird man vom Hofberichterstatter über Nacht zum kritischen Journalisten?

Christoph Links: Im Rundfunk haben sich eigens Redakteursräte gegründet, die die Intendanten kontrolliert und entmachtet haben und die Programmhoheit in eigene Hände nahmen. In einzelnen Bezirkszeitungen geschah Ähnliches. (…) Da begann an manchen Stellen eine spürbare Offenheit, aber andernorts, und das betrifft auch das Fernsehen, wo 1199 eine kleine Ausnahme war, war es eher so, dass die alten Chefs noch in ihren Funktionen saßen, versuchten, einen gemäßigten Dialogkurs zu fahren, aber nicht tatsächlich konsequent eine demokratische Erneuerung der Gesellschaft unterstützt haben.

Für Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit gehen am 4. November fast eine Million Menschen auf die Straße. Aus Angst vor erneuten Übergriffen haben die Künstler und Theaterleute, die zu der Demonstration aufriefen, einen Sicherheitspakt mit der Polizei geschlossen. Die Demonstration verläuft friedlich.

Jutta Wachowiak: Also dieser 4. war wirklich ein unheimlich schöner Tag. Auch Bitteres war da natürlich dabei. Ich stand ja direkt vor diesem LKW-Podium, wo die alle ihre Reden gehalten haben, und man war ja permanent umzingelt von Stasi.

Schriftsteller wie Stefan Heym und Christa Wolf sprechen aus, was vielen in diesen Tagen durch den Kopf geht.

Stefan Heym: Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, der geistigen, wirtschaftlichen, politischen, den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengewäsch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit. Welche Wandlung. Noch vor wenigen Wochen die schön gezimmerte Tribüne hier um die Ecke.

Christa Wolf: Ein Vorschlag für den 1. Mai: Die Führung zieht am Volk vorbei.

Christoph Links: Wenn man dabei war, am 4. November, hat man sehr gut in Erinnerung, wer ausgepfiffen wurde und wer Zuspruch fand. Christa Wolf, Stefan Heym haben großen langen Applaus bekommen. Ausgepfiffen wurde Schabowski, der SED-Bezirkssekretär von Berlin, der dort reden wollte.

Günter Schabowski: Die SED bekennt sich zur Umgestaltung. Das kam spät, aber es ist unwiderruflich.

Was die Demonstranten von den Umgestaltungsplänen der Genossen halten, bringt die Schauspielerin Steffi Spira am Schluss der Kundgebung auf den Punkt:

Steffi Spira: Ich habe noch einen Vorschlag. Aus Wandlitz machen wir ein Altersheim. Die über Sechzig- und Fünfundsechzigjährigen können jetzt schon dort wohnen bleiben, wenn sie das tun, was ich jetzt tue: abtreten!

Mit dieser größten Demonstration in der Geschichte der DDR wird mit der Versammlungsfreiheit auf beeindruckende Weise Ernst gemacht. Das glückliche Staunen darüber spiegelt sich in den Gesichtern der auf Veränderung drängenden Menschen wider. Das Neue Forum wird genehmigt und weitere unabhängige Organisationen gründen sich. Doch die kurze Zeit, in der vor allem von einer Erneuerung des Landes geträumt wird und nicht von der Wiedervereinigung, endet wenige Tage später mit dem Fall der Mauer.

Jutta Wachowiak: Überhaupt, muss ich sagen, war die Zeit, deren Bedeutung man nur immer irgendwie begriff, also nicht konkret, sondern oben drüber hatte man immer das Gefühl, dass es eine bedeutende Zeit ist, und man fühlte es sich nur, dass die Stunden zu wenig sind, dass die Nächte zu kurz sind und dass die Straßenbahn wieder weg ist, weil man ununterbrochen auf irgendwelchen Meetings sein wollte oder musste. Und es permanent Aufregung gab und Austausch und Streitereien und Versöhnungen. Alles war so intensiv und toll.

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