MerkMal
MerkMal
Montag bis Freitag • 16:15
10.11.2004
Nach dem Mauerfall
Die DDR an der Jahreswende 1989/90
Von Martin Hartwig

Montagsdemonstration im Leipzig, 17.10.1989 (Bild: AP Archiv)
Montagsdemonstration im Leipzig, 17.10.1989 (Bild: AP Archiv)
Nach dem Mauerfall ging die Entwicklung in der DDR in atemberaubendem Tempo weiter, bald wurde der Ruf "Wir sind das Volk" übertönt durch den Ruf "Wir sind ein Volk". Und gegen Ende des Jahres wurde schon über die Frage einer Wiedervereinigung gestritten. Im MerkMal haben wir in den letzten Wochen an die Entwicklung vor dem Mauerfall erinnert. Nun erinnern wir an den Jahreswechsel 1989/90. Die Silvesteransprachen dokumentieren die rasante Entwicklung damals.

Manfred Gerlach: Es ist in der Geschichte unseres Landes ein ganz entscheidendes Jahr. Es fing nicht gut an. Es wurde dann im Laufe des Jahres schlechter. Wenn ich an vieles denke, zum Beispiel an das massenweise Verlassen der DDR durch die Bürger und die Resignation, die viele überfallen hatte, den wirtschaftlichen Niedergang, die schlechter werdende Moral und vieles mehr, Machtmißbrauch. Und dann kam die Revolution, die das Volk erzwungen hat und die wir weiter gemeinsam durchführen und das ist natürlich ein Anlaß zu Hoffnung und zu Optimismus ,denn so widersprüchlich jetzt vieles ist, so unklar manches ist in der Zukunft, aber die Konturen zeichnen sich schon ab.

Richard von Weizsäcker: Weihnachten 1989 steht für uns Deutsche im Zeichen tiefer Freude und Dankbarkeit. Jahr für Jahr haben meine Vorgänger und ich in den Feiertagen unsere Landsleute drüben nur über den Äther hinweg grüßen können. Heute sind Familien und Freunde selbst zusammen. Für eine ganze Generation war dies unvorstellbar geworden. Nun ist es Wirklichkeit und es bewegt unsere Herzen.

Zwei Bilanzen am Ende des Jahres 1989. Die eine stammt von Manfred Gerlach, dem seit dem 6. Dezember 1989 amtierenden Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, die andere von Richard von Weizsäcker, seit 1984 Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Auch 1989 wurde die Zeit "zwischen Jahren", wurden die Tage von Weihnachten bis Neujahr von vielen dazu genutzt, öffentlich Resümee zu ziehen und Perspektiven für die Zukunft aufzuzeigen. Dies in einer Zeit, in der sich die Verhältnisse täglich änderten.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich jemals so wenig auf Weihnachten vorbereiten konnte und noch nie war ich des besonderen Friedens der Weihnacht so bedürftig. Atemlos verfolge ich die Nachrichten aus Rumänien und ich kann weiterzählen an diesen Tagen. Panama denke ich, Guatemala, Südafrika. Und doch ist mir das meine, mein Land noch näher.

Friedrich Schorlemmer im DDR-Rundfunk. Das Staunen über das Tempo der Veränderungen, denen die DDR seit dem Herbst unterworfen war, zieht sich durch alle Betrachtungen, vor allem bei den Bilanzen Ost. Die Schriftstellerin Gisela Karau:

Ein paar Wochen ist es her, dass ich mich auf diesem Wege an Sie gewandt habe und was alles ist inzwischen geschehen. Die Geschichte hat einen Schnellgang eingelegt, nachdem es Jahre lang schien, die würde die liebe kleine DDR von all den Erschütterungen, mit denen sich andere Länder schon lange herumschlagen, fernhalten.

Selbst die sonst eher ruhige und besinnliche letzte Dezemberwoche war durch eine Fülle von Ereignissen gekennzeichnet.

Am 10.11.1989 tanzen Menschen auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor (Bild: AP)
Am 10.11.1989 tanzen Menschen auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor (Bild: AP)
Am 24 Dezember um 0.00 Uhr entfiel der Visumszwang und der Mindestumtausch für Besucher aus der Bundesrepublik.
Der "Runde Tisch" forderte ein Vetorecht bei Gesetzesvorhaben.
Der DDR Außenhandelsbetrieb Limex Bau Export-Import kündigte an, dass er mit Segmenten der Berliner Mauer handeln werde.
Der DDR Fußballer Andreas Thom gab bekannt, dass er für 2 Millionen Mark von Dynamo Berlin zu Bayer Leverkusen wechseln werde.
Die Kriminalpolizei der DDR räumte ein, dass sie immer mehr Probleme mit rechtsradikalen Jugendlichen habe, und in Schwerin demonstrierten 1500 Einwohner freiwillig für eine souveräne DDR.

Vor allem jedoch riss die Kette der Enthüllungen über Machtmissbrauch, Korruption und Mißwirtschaft unter den Funktionären nicht ab. Auch deshalb waren viele Jahresrückblicke im DDR Rundfunk nicht sehr versöhnlich. Gisela Karau:

Nun stellt sich heraus, dass das kein historischer Schongang war, sondern eine existenzgefährdende Stagnation, die durch Täuschungsmanöver egozentrischer machtgieriger Politiker lange, unbegreiflich lange hinter einem Lügengespinst verborgen blieb. Ein ganzes Volk in Sicherheit zu wiegen, um selbst vor dem Volk sicher zu sein. Den Teufel an die Wand zu malen, um selbst als Engel vergöttert zu werden, öffentlich Wasser zu predigen und intern nicht nur irgendeinen Wein, sondern sie edelsten Gesöffe dieser Welt zu trinken, das haben sie als werdenden Kommunismus ausgegeben, als die, erinnern wir uns, weitere Ausgestaltung des entwickelten gesellschaftlichen Systems des Sozialismus. Was weiter ausgestaltet wurde, das waren Jagdpaläste, Feudalheime, Luxusobjekte im ganzen Land.

Kritik und Selbstkritik war das Gebot der Stunde, allerdings in anderer Form, als man sie in den Jahren zuvor kannte.

Wir vegetierten in der jakobinischen Phase einer nicht zu Ende geführten Revolution, die zu uns exportiert worden war, aber wir wussten es nicht, wollten es nicht wissen. Wir hatten uns eingerichtet in einer romantischen Identifikation. Mit einem Gemeinschaftsgefühl, das wir als Wert an sich nahmen, aus dem wir so etwas wie Zugehörigkeit und Geborgenheit zogen. Keinesfalls waren wir bereit, dies alles in Frage stellen zu lassen.

So die Schriftstellerin Helga Königsdorf, die am 30.12.in Radio DDR II aus ihrem Essay "1989 oder ein Moment der Schönheit" vorlas.

Wir machen die Erfahrung der Freiheit. Zuerst auf der großen Straße in Leipzig, nun auf den östlichen Plätzen Berlins erleben wir sie, in unserer angstlosen Entschlossenheit, und selbst der aufgeschreckte Staat begreift durch den öffentlichen Unterricht, was der Stoff dieser Tage ist.

Volker Braun, ebenfalls Schriftsteller, der wenige Stunden später auf demselben Sender seinen Essay "Die Erfahrung der Freiheit" vorlas.

Wir erleben die größte demokratische Bewegung in Deutschland seit 1918 - und die Richtung geht wieder von unten nach oben. Das ist keine Gewähr, dass diese Bewegung anders verläuft als alle Kämpfe der deutschen Geschichte. Aber wir sehen die unaufgeregte Kraft der Massen, die das notwendige Bedürfnis haben, ihr unergiebiges Leben zu ändern.

Bärbel Bohley und Jens Reich vom "Neuen Forum", 26.10.1989 (Bild: AP Archiv)
Bärbel Bohley und Jens Reich vom "Neuen Forum", 26.10.1989 (Bild: AP Archiv)
Noch schien es, als könnten diejenigen, die als "DDR - Oppositionelle" in den Jahren zuvor in West und Ost stets Beachtung fanden, entscheidenden Einfluss auf die zukünftige Entwicklung nehmen: die Intellektuellen, die Schriftsteller und Theologen. Tatsächlich wurden ihnen Zeitungsseiten und lange Sendezeiten eingeräumt, was allerdings auch daran lag, dass der ostdeutsche Staat zu dieser Zeit keine Repräsentanten hatte, die sich einer allgemeinen Akzeptanz erfreuen konnten. Das war in der Bundesrepublik anders.

Wir haben allen Grund, den Deutschen in der DDR mit wahrer Achtung zu begegnen. Dazu gehört es, ihnen nicht ungebeten dreinzureden, sondern ihre Sorgen ernst zu nehmen und ihnen den Raum und die Zeit zu lassen, die sie brauchen, um ihren Weg zu erkennen. Nach jahrzehntelangem erzwungenem Schweigen muss sich der freie Wille des Volkes selbst finden.

Richard von Weizsäcker in seiner Weihnachtsansprache 1989. Trotz der manchmal etwas vagen Besinnlichkeit, die solchen Reden eigen ist, hatte die Ansprache Weizsäckers durchaus auch politischen Charakter. Auffällig war, dass er nicht ein einziges Mal das Wort Wiedervereinigung benutzte, sondern sich vor allem bemühte, die Ängste der europäischen Nachbarn zu entkräften.

Wir suchen keinen deutschen Sonderweg in eine isolierte Zukunft. Naturgemäß sind wir Deutschen hüben und drüben einander näher als andere Europäer. Wir Deutschen sind ein Volk. Aber es geht zugleich um einen gemeinsamen großen Aufbruch nach Europa, in dem einer dem anderen weiterhelfen kann.

Bemerkenswert war die Tatsache dass sich Weizsäcker lange vor den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen unmissverständlich zur möglichen Ausdehnung eines zukünftigen Deutschlands äußerte.

Auch wenn keiner von uns für einen gesamtdeutschen Souverän zu sprechen vermag, so können, müssen und wollen wir doch für uns selbst klar und eindeutig reden: Und das heißt, an der heutigen polnischen Westgrenze wird sich nach dem Willen von uns Deutschen jetzt und in der Zukunft nichts ändern.

Seit 1970 ist es in der Bundesrepublik üblich, dass der Bundespräsident zu Weihnachten das Wort an die Bürger richtet und der Bundeskanzler zu Neujahr. Zuvor war es umgekehrt. Da der Kanzler die politischen Leitlinien aufzeigt und der Bundespräsident eher für das symbolische Handeln zuständig ist, tauschten Gustav Heinemann und Willy Brandt die Termine, damit der Blick in die Zukunft am Ende des Jahres steht. So redete Bundeskanzler Helmut Kohl zur Jahreswende 1989/90:

Das vergangene Jahr hat uns der Einheit unseres Vaterlandes ein gutes Stück näher gebracht. Aber ohne die grundlegenden Veränderungen in der Sowjetunion, in Ungarn und in Polen wäre die friedliche Revolution in der DDR nicht möglich gewesen. Dies wollen wir in Dankbarkeit anerkennen.

Kohl hatte einen Monat zuvor sein "Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas" vorgelegt, stieß damit, unter anderem wegen der fehlenden Anerkennung der polnischen Westgrenze, auf Kritik bei SPD und FDP. In seiner Ansprache beharrte der Kanzler auf seiner Linie:

In meinem Zehn-Punkte-Programm zur deutschen Einheit habe ich den Weg aufgezeigt, wie das deutsche Volk in freier Selbstbestimmung seine Einheit wiedererlangen kann. Die Zulassung unabhängiger Parteien und freie Wahlen in der DDR sind wichtige Schritte auf diesem Weg.

Kohl betonte wie Weizsäcker, dass die deutsche und die europäische Einigung zusammen erstrebt werden müssten.

Das vor uns liegende Jahrzehnt kann für unser Volk das glücklichste dieses Jahrhunderts werden. Es bietet die Chance auf ein freies und geeintes Deutschland in einem freien und geeinten Europa. Es kommt dabei entscheidend auf unseren Beitrag an.

Der frisch gewählte Vorsitzende der Ost-CDU, Lothar de Maizière, sagte in seiner Neujahrsansprache:

Jugendliche beim Mauerfall 1989 (Bild: AP)
Jugendliche beim Mauerfall 1989 (Bild: AP)
Wohl uns allen stecken die Jahrzehnte mit eben dieser Erfahrung noch in den Knochen. Sich auch innerlich zu befreien, verlangt mehr als das Aufdecken von Korruption, von Machtmissbrauch, von Luxusvillen und privaten Yachtrevieren. Es verlangt das gründliche Aufdecken, das Offenlegen eines Systems.

Zur Frage der Einheit äußerte sich der Repräsentant der Ost-CDU vorsichtiger als der Vorsitzende ihrer Schwesterpartei im Westen.

Selbstverständlich haben in einem solchen Europa unsere deutschen Wünsche einen Ort. Die Vereinigung unserer Nation in einem Staat kann nur im Frieden heranreifen. Wir haben Erfahrungen und Leistungen einzubringen, wenn die deutschen Staaten Schritte aufeinander zumachen, es geht nicht um Anschluss der DDR an die Bundesrepublik, sondern es geht um Gemeinsamkeit zunächst in konföderativen Strukturen…

Während sich in Leipzig schon vor Wochen der Ruf "Wir sind ein Volk" durchgesetzt hatte, meldeten sich jetzt auch verstärkt Leute zu Wort, die vor einer Vereinnahmung der DDR und einer zu schnellen Entwicklung warnten. Friedrich Schorlemmer:

Wird uns eine schnelle Vereinigung mit den reichen Deutschen im Westen jetzt wichtiger als die Sorge um die gebeutelte Natur, wichtiger als die Sorge europäischer Nachbarn um den politischen Frieden und wirtschaftliche Gerechtigkeit für alle auf diesem Kontinent. 50 Jahre nach dem furchtbaren Krieg, den wir Deutsche ausgelöst haben, muss ich die Sorgen der Nachbarn hören.

Die Jahreswende 1989/90. Noch hatten manche die Hoffnung, dass die DDR zu ganz neuen Ufern aufbrechen könne. Volker Braun:

Volkseigentum plus Demokratie, das ist nicht probiert, noch nirgends in der Welt. Das wird man meinen, wenn man sagt: made in GDR. Die Verfügungsgewalt der Produzenten.

Die pragmatischsten Wünsche für das neue Jahr hatte der Staatsratsvorsitzende der DDR, Manfred Gerlach. Sie sollten sich nicht erfüllen.

Ich wünsche mit, dass die Versorgung stabil bleibt, einschließlich jetzt gerade im Winter die Energieversorgung, Kohleversorgung, sonstige Versorgung. Dass die Dienstleistungsbereiche funktionieren. Aber ich wünsche mir natürlich auch, dass die DDR-Wirtschaft stabil bleibt. Dass es keinen Ausverkauf der DDR gibt. Dass unsere Bürger vernünftig sind. Aber dass wir auch sonst notwendige Maßnahmen abschließen können, um in enger Wirtschaftskooperation mit anderen Ländern, anderen Unternehmen zu stabilisieren, aber ohne Vereinnahmung der DDR und sei es auch nur - was heißt nur, das ist der wichtigste Bereich - im wirtschaftlichen Bereich. Und insofern glaube ich, müsste das Jahr 1990, das ist mein größter Wunsch, ein Jahr der Stabilisierung sein. Stabilisierung auf diesem neuen Kurs, den wir im Oktober eingeschlagen haben.



-> MerkMal
-> weitere Beiträge