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12.11.2004
Engel der Arbeiter
Die Schriftstellerin und Frühsozialistin Flora Tristan
Von Jürgen Bräunlein

Mit ihrem kommunistischen Manifest gelten Karl Marx und Friedrich Engels als die wichtigsten Vorkämpfer für die Rechte der Arbeiterklasse. Weniger bekannt ist, das bereits vier Jahre vorher, nämlich 1843, in Paris eine Kampfschrift erschien, welche Arbeiter und Arbeiterinnen eindringlich zum politischen Zusammenschluss aufrief: "L' union ouvrière" - die Arbeiterunion. Verfasserin war Flora Tristan, eine Frau peruanischer Abstammung, die auch als Feministin für Aufsehen sorgte. Vor 160 Jahren - am 14. November 1844 - ist Flora Tristan im Alter von erst 41 Jahren gestorben.

Sie war von zierlichem Wuchs, trug den Kopf auf stolze und lebhafte Art. Schwarze Locken umrahmten ihr Gesicht. Sie sah aus wie die Tochter der Sonne und des Schattens, ein im Norden verlorenes Kind südlicher Länder. (Zeitgenosse Floras)

Gerhard Leo: Sie hat niemals ihre Kindheit in Armut vergessen. Aber sie hatte auch ein großes gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein. Sie wollte für andere eintreten. Denn sie selbst hatte ja ihr Leben gemeistert. Ihre Sachen wurden gedruckt, sie gehörte zum Kreis der gut verdienenden Schriftsteller. Und da hat sie sich entschlossen, ihr Leben ganz der Verteidigung der Arbeiterklasse zu widmen. Damals ein ganz neuer Gedanke. Die Arbeiter waren damals eine verachtete Kategorie in der Gesellschaft.

Geboren wird sie am 7. April 1803 in Paris. Taufname: Flora Célestine Thérèse Henriette Tristan Moscoso.

Die Mutter ist Französin, der Vater ein peruanischer Adeliger. Die Familie lebt in einem schlossartigen Anwesen in Vaugirard bei Paris. Eine mondäne Idylle, die zerbricht, als Flora vier Jahre alt ist und der Vater plötzlich stirbt. Da die Ehe der Eltern nur kirchlich geschlossen wurde, gilt Floras Mutter nach französischem Gesetz als Geliebte ihres Mannes, nicht aber als Ehefrau. Mutter und Tochter stürzen in die Armut ab. Sie verbringen bittere Jahre auf dem Land, später in einer schäbigen Mansardenwohnung in Paris. Mit 17 macht Flora eine Lehre als Koloristin bei André Chazal, einem Lithografen. Flora heiratet ihn, gebiert zwei Söhne. Doch ihr Mann frönt dem Glücksspiel, trinkt, wird gewalttätig. Noch mehr aber leidet Flora an seiner intellektuellen Anspruchslosigkeit. Nach vier Jahren Ehe verlässt sie ihren Mann. Dass sie erneut schwanger ist, weiß sie da noch nicht.

Flora Tristan: Überall zurückgestoßen, ohne Familie, Vermögen, Beruf, ja selbst ohne eigenen Namen,

schreibt sie später

ging ich aufs Geratewohl hinaus, dem Ballon in der Luft gleich, der niederfällt, wo ihn der Wind hintreibt.

Floras Tochter Aline wird geboren. Die Mutter arbeitet als Kassiererin und Zimmermädchen. Als Gesellschaftsdame begleitet sie Familien des Großbürgertums auf Auslandsreisen. Ihre eigenen Kinder gibt sie in Pensionen ab. Ständig wird sie dabei von ihrem Mann verfolgt. Da in Frankreich keine Ehescheidung möglich ist, hat er auch weiterhin rechtlich die Gewalt über seine Frau und die Kinder. Mehrfach entführt er die Tochter. Eine Anklage wegen Inzest übersteht er. Sehr viel später wird er sogar einen Mordanschlag verüben, bei dem seine verhasste Frau beinahe stirbt. Doch Flora ist längst schon zu neuen Ufern aufgebrochen. Sie liest viel, bildet sich weiter und fasst einen abenteuerlichen Plan: Nach Peru zu reisen, um von der Familie ihres verstorbenen Vaters finanzielle Unterstützung zu erbitten.

Am 7. April 1833 legt die "Mexicain" in Pauillac bei Bordeaux ab, fünf Monate später erreicht das Schiff den südamerikanischen Kontinent.

Zehn Monate bleibt Flora in Peru. Sie lernt die unbarmherzige Verwandtschaft ihres Vaters kennen, erlebt politische Unruhen und einen Bürgerkrieg. Die Reise bedeutet vor allem eines: das Ende ihrer weiblichen Sprachlosigkeit. Gerhard Leo, der eine Biografie über Flora Tristan geschrieben hat:

Sie hat gesehen, dass sich ihr als Schriftstellerin da ein weites Feld eröffnet. Zu diesem Zeitpunkt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielten diese Reisebeschreibungen eine Riesenrolle. In Reisebeschreibungen wurden oft auch gesellschaftliche Probleme behandelt, die es in der Lyrik im eigenen Land oder in der Romanliteratur nicht gab. Das war ja ein unentdecktes Gebiet. Lateinamerika. Außer Alexander von Humboldt gab es sehr wenige Schriften über dieses unbekannte Gebiet. Sie hat die Chance gesehen, sich um die gesellschaftlichen Dinge dort zu kümmern und darüber zu schreiben.

1837 erscheint das Buch "Fahrten einer Paria", Flora Tristans bekanntestes Werk.

Sie beschreibt darin den herben Reiz Perus: Wüsten, Seen, Vulkangebirge und die Atmosphäre in den Kolonialstädten. Ungeschönt schildert sie die Gegensätze im Land. Bittere Armut und inhumane Sklaverei einerseits, mit Gold geschmückte Kirchen und das verschwenderische Leben der Oberschicht andererseits. Nichts aber liegt ihr so sehr am Herzen wie das Schicksal der Frauen.

Es gibt keinen Ort auf der Erde, wo die Frauen freier wären und größerer Macht hätten als in Lima. Sie herrschen da ohne Einschränkung; überall geht von ihnen die Initiative aus.

Flora Tristan idealisiert die Frauen Perus, doch ihr Urteil ist verständlich in Anbetracht der Unfreiheit, die sie in Frankreich erlebt hat:

In unserer unglücklichen Gesellschaft ist die Frau von Geburt her eine Paria, sie hat die Stellung einer Dienerin und fast immer kann sie nur wählen zwischen Heuchelei und Schmach.

Nach Paris zurückgekehrt entwickelt Flora Tristan eine rege publizistische Tätigkeit. Noch bevor ihr Peru-Buch erscheint, veröffentlicht sie Werke zu Frauenfragen. Leidenschaftlich fordert sie Unterstützung für alleinreisende Frauen, plädiert für mehr Freiheit in der Ehe und für ein Recht auf Scheidung. Flora Tristan ist eine Feministin, die aus der Praxis kommt: All das, was sie bekämpft, hat sie selbst erlitten. Gleichzeitig sucht sie nach einem theoretischen Überbau. Sie nimmt Kontakt auf zu Charles Fourier. Einem Sozialreformer, der ähnlich wie die Anhänger von Saint-Simon, mit radikalen Ideen zur Emanzipation provoziert.

Gerhard Leo:
Diese ersten Sozialisten - auch wenn sie sich selbst oft noch nicht so nannten - haben sofort ihr Engagement für die Arbeiterklasse verbunden mit der Verteidigung der Rechte der Frauen: Sie sagten sogar: 'Am Wesen der Frau wird die Welt genesen.' Das hat Flora Tristan außerordentlich gefallen, und sie hat das voll übernommen, hat aber etwas neues hinzugefügt. Sie sagte: Die Proletarier, die gar keine Rechte haben, die am Rande der Gesellschaft stehen, die müssen die Rechte der Frau verwirklichen. Das wird die ganze Menschheit voranbringen.

Flora Tristans scharfer Intellekt ist ebenso berüchtigt wie ihr Jähzorn. Sie lernt Verleger und Arbeiter kennen, streitet mit Bürgerlichen ebenso wie mit dem Klerus. Und sie macht die Bekanntschaft von Georges Sand, Schriftstellerin und Feministin, wie sie.

Gerhard Leo:
Sie waren Konkurrentinnen auf dem Gebiet der Publizistik, auf dem Büchermarkt in Paris. Beide mochten sich nicht. Flora Tristan warf George Sand vor, dass sie sich mit einem Pseudonym, mit einem Männernamen als Frau versteckte hinter ihrem Werk - ungerecht sicherlich - und George Sand warf Flora Tristan vor: ihre Exaltiertheit und dass sie sich ganz und gar konzentrierte auf die Organisierung der Arbeiterklasse und ihre literarischen Fähigkeiten mehr oder weniger ruhen ließ.

Mehrfach reist Flora Tristan nach London, mit zwei Millionen Einwohnern damals eine der größten Städte der Welt. Licht und Schattenseiten der Industrialisierung zeigen sich hier wie unter einem Brennglas. Flora Tristan besichtigt Arbeitersiedlungen, Fabriken und Bordelle. Sie schreibt darüber und findet zudem viele Anregungen für ihr Lebenswerk, die Kampfschrift "L' Union ouvrière".

Die Arbeiterunion.

Ein sozialistisches Frühwerk, das 1843 und damit fünf Jahre vor dem Kommunistischen Manifest erscheint, und wesentliche Ideen von Marx und Engels vorweg nimmt. Flora Tristan fordert einen Zusammenschluss aller Arbeiter - auch auf internationaler Ebene. Und verknüpft damit eine besondere Vision:

Euch Arbeitern, den Opfern der tatsächlichen Ungleichheit und der Ungerechtigkeit, kommt es zu, endlich auf Erden der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen und die absolute Gleichheit zwischen der Frau und dem Mann zu verwirklichen.

Um die Arbeiterklasse für ihre Ideen begeistern zu können, muss Flora Tristan zu ihnen sprechen: Viele von ihnen sind Analphabeten. Im Frühjahr 1844 macht sie deshalb eine Propagandatournee durch Frankreich. Unter strapaziösen Bedingungen - mit dem Schiff und der Postkutsche - absolviert sie eine Kräfte zehrende Tour: Dijon, Macon, Lyon, Saint-Etienne, Avignon.

Während der Komponist Franz Liszt zeitgleich in denselben Städten vor Bürgerlichen Konzerte gibt, spricht Flora Tristan in Werkhallen zu erschöpften, oft auch gesundheitlich angeschlagenen Arbeitern. Manchmal stößt sie auf Ablehnung, oft genug auf Gleichgültigkeit, und nur selten auf wilde Begeisterung wie in Lyon. Hier, wo die Seidenweber sich gegen die Fabrikherren erhoben haben, kommt es zu bewegenden Szenen. Flora Tristan wird bejubelt als "Engel der Arbeiter".

Im September 1844 kehrt Flora Tristan nach Bourdeaux zurück, überarbeitet und bereits todkrank, zwei Monate später am 14. November stirbt sie im Alter von erst 41 Jahren. Später errichtet man ihr auf dem Friedhof in Bordeaux ein Denkmal.

Gerhard Leo:
Einiges von dem, was sie geleistet hat, erscheint uns heute hochaktuell. Sie hat sich sehr damit auseinander gesetzt, wenn die Arbeiterklasse die Macht erringen sollte, muss sie dann die demokratischen Freiheiten, die in der französischen Revolution 1789 errungen wurden, aufgeben? Sie hat sich ganz deutlich dafür entscheiden. Sie hat gesagt: Kein sozialistisches Experiment kann glücken, wenn nicht die Freiheit und Gleichheit und die Brüderlichkeit der französischen Revolution, wenn das nicht erhalten bleibt in der Gesellschaft und das finde ich, ist eine sehr prophetische Sicht gewesen auf die Ereignisse des Zusammenbruchs des sozialistischen Lagers mehr als 150 Jahre später.//

Postskriptum.

Kurz nach Flora Tristans Tod heiratet ihre Tochter Alina den Journalisten und ehemaligen Seemann Clovis Gauguin. Im Juni 1848 kommt Sohn Paul zur Welt. Es ist der Maler Paul Gauguin, der später mit seinen Südseebildern weltberühmt wurde.

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