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15.11.2004
Wettlauf um Afrika
Die Berliner Konferenz 1884/85
Von Anselm Weidner

Zur Zeit findet in Berlin die "Anticolonial Africa Conference" statt, die von der Berliner Forschungsgesellschaft für Flucht und Migration veranstaltet wird. Gast wird auch das Oberhaupt der Herero in Namibia, Alphonse Maharero, sein. Der Völkermord an den Hereros und Namas vor 100 Jahren und die Berliner-Afrikakonferenz, die heute vor 120 Jahren auf Initiative Bismarcks begann, sind der Anlass. Mit ihr begann der Run auf Afrika, die Gründung von Kolonien mit ihren willkürlichen Grenzziehungen, aus denen sich politische Krisen, Konflikte und Kriege ergaben - bis auf den heutigen Tag.

Auf dem Gendarmenmarkt in Berlin vor den weiten Treppen des Schinkelschen Schauspielhauses: Eine junge schwarze Frau kauert eingehüllt in ein schwarzes Tuch, das sie in weitem Kreis umgibt; ein Schwarzer tritt in den schwarzen Kreis, klemmt den Nacken der Frau in eine Astgabel und bindet ihn mit einem Seil fest. Von einem anderen wird sie losgebunden und erhebt sich würdevoll. Slavenbefreiung, getanzt von Ismael Ivo und seiner Compagnie auf einer der Stationen der Black Berlin City Bus Tour, einer vom Haus der Kulturen der Welt arrangierten Busfahrt auf den Spuren des schwarzen Berlin und der vergessenen kolonialen Vergangenheit der deutschen Hauptstadt.

Nächste Station: Vor einem Hotel auf dem Kudamm legen schwarze Tänzer zum Charleston eine kesse Sohle hin und erinnern an die 24.000 Schwarzen, die in den 20er Jahren mit ihren heißen Rhythmen die Unterhaltungsindustrie v. a. in Berlin in Schwung hielten.

'Viele deutsche Schwarze waren Nachkommen von Soldaten, die in den deutschen Kolonien in Afrika rekrutiert worden waren. 15.000 von ihnen waren im 1. Weltkrieg für Kaiser Wilhelm gefallen', ist von einem Video während der Black Berlin City Bus Tour zu erfahren.

Mit Blues-Klassikern, gesungen von einer schwarzen US-Amerikanerin, vorbei am ehemaligen Reichskolonialamt, Wilhelmstraße 62, auf dem Weg zur Wilhelmstraße 77, dem Ort der Berliner Konferenz von 1884/85. Einst stand da das Palais Radziwill, das Reichskanzlerpalais; jetzt wuchert dort stachliges Immergrün, stehen Autos auf Parkplätzen vor DDR-Plattenbauten der gehobenen Klasse.

In der Absicht, die für die Entwicklung des Handels und die Civilisation in gewissen Gegenden Afrikas günstigsten Bedingungen im Geiste guten Einvernehmens zu regeln und allen Völkern die Vortheile der freien Schiffahrt auf den beiden hauptsächlichsten, in den atlantischen Ozean mündenden Strömen zu sichern, andererseits von dem Wunsche geleitet, Mißverständnissen und Streitigkeiten vorzubeugen, welche in Zukunft durch neue Besitzergreifungen an den afrikanischen Küsten entstehen könnten und zugleich auf Mittel der Hebung der sittlichen und materiellen Wohlfahrt der eingeborenen Völkerschaften bedacht',

hat, so heißt es im Schlussdokument der Berliner Konferenz, der so genannten Generalakte vom 26. Februar 1885, die Kaiserlich deutsche Regierung im Einverständnis mit der Regierung der Französischen Republik die Vertreter 11 weiterer europäischer Staaten, der Vereinigten Staaten und des Osmanischen Reiches zum 15. November 1884 nach Berlin eingeladen. Verhandelt wurde über drei Monate lang, mit dem Ergebnis: der Kongo-Freistaat, eine private Kolonie des belgischen Königs Leopoll II., wird anerkannt, die Region um den Unterlauf des Niger, das heutige Nigeria wird den Engländern, die Regionen um den Oberlauf des Niger in Westafrika und Äquatorialafrika werden den Franzosen zuerkannt und man einigt sich darauf, dass zwischen den Kolonialgebieten Handelsfreiheit herrschen, also keine Zölle erhoben werden sollten und die Schiffahrt auf dem Kongo, Sambesi und dem Niger ebenso wie die christliche Mission frei und unbehindert sein soll. Und vor allem verständigten sich Europa samt den USA und dem Osmanischen Reich über die Formalien der Besitzergreifung afrikanischen Landes.

Man hatte die Anzeigepflicht man musst das also den anderen Europäern kundtun erstens und zweitens es musste eine effektive Besitzergreifung sein,
will heißen, es musste eine militärische und verwaltungstechnische Präsenz vor Ort installiert werden. Die Europäer konnten nicht nur ihre Oberhoheit erklären, sondern sie mussten tatsächlich dann auch vor Ort präsent sein. Deswegen ist ja auch die Kongokonferenz nicht eigentlich eine Teilungskonferenz wie sie z. B. die Konferenz von Jalta 1945 war. Denn ein Großteil der Grenzen ist ja erst durch multilaterale Abkommen in den nachfolgenden Jahren der Konferenz, also bis zur Jahrhundertwende, also bis 1900, sind dann diese Kolonien, so wie wir sie in den Grenzen kennen, entstanden.


Und es dauerte keine 20 Jahre, bis der ganze afrikanische Kontinent kolonialer europäischer Besitz war, mit Ausnahme Äthiopiens und Liberias, erklärt der Berliner Historiker Joachim Zeller; sein Spezialgebiet ist die deutsche Kolonialgeschichte. Der plötzliche koloniale Run auf Afrika hatte eine Vorgeschichte:

Es kommt zu verschiedenen Konfliktsituationen, das Eine ist die Auseinandersetzung zwischen England und Frankreich in der Ägyptenfrage. Es sind andere Punkte zu nennen, wie die Errichtung des Kongo-Freistaats durch den belgischen König Leopold II, der im Januar 1884 den Kongo-Freistaat ausruft, was natürlich wieder die älteren Kolonialmächte, bzw. die, die es noch gar nicht waren, wie Deutschland, auf den Plan ruft.

1884 drohten kriegerische Auseinandersetzungen der alten Kolonialstaaten um Afrika. Da schaltete sich der berühmt-berüchtigte Jongleur des europäischen Machtgleichgewichts, Reichskanzler Bismarck ein. Ihm gelingt es in Absprache mit Frankreich die Rolle des Vermittlers v. a. zwischen Paris und London zu übernehmen und so die Kolonialkonferenz nach Berlin zu holen.

Also, die deutsche Kolonialgeschichte beginnt ja mit dem berühmten Telegramm von Reichskanzler Bismarck an den deutschen Generalkonsul in Kapstadt am 24. April 1884, wo er die Erwerbungen des Adolf Lüderitz in Angera Pequena, dem heutigen Lüderitzbucht, unter den Schutz des Deutschen Reiches stellt. In den nachfolgenden Monaten werden dann auch Togo und Kamerun deutsche Kolonialgebiete und zum anderen, was Deutsch-Ostafrika betrifft, diese Gebiete in Deutsch-Ostafrika sind ja unmittelbar nach Beendigung der Kongo-Konferenz, Ende Februar 1885 unter den Schutz des Deutschen Reiches gekommen.

Reichskanzler Bismarck war ursprünglich aus pragmatisch-ökonomischen Gründen eher skeptisch gegenüber Kolonialerwerbungen. Aber nicht zuletzt durch die stark werdende Sozialdemokratie und durch die zweite wirtschaftliche Depression in seiner Amtszeit seit 1882 innenpolitisch in Schwierigkeiten geraten, machte sich Bismarck plötzlich stark für deutsche Kolonien und nutzte die Berliner Konferenz, um sich als einer feiern zu lassen, der das Deutsche Reich mit dem Erwerb eines überseeischen Kolonialreichs ein zweites Mal gegründet hat, so hieß es damals in den Zeitungen.
Aber die Bedeutung der Berliner-, Kongo- oder auch Westafrika-Konferenz - in der Literatur werden all drei Begriffe gebraucht -, so Kolonialhistoriker Zeller, geht weit darüber hinaus:

Die Konferenz hat vor allen Dingen diesen sramble for Africa, also diesen Wettlauf, diese Balgerei um Afrika ganz stark beschleunigt, indem nun allen Beteiligten klar war, wer jetzt nicht zugreift, der kriegt keinen Fuß mehr in die Tür und auf den afrikanischen Kontinent. Die Westafrika-Konferenz ist vielleicht das, was man eine Institutionalisierung der Europäisierung der Erde nennen könnte.

Auffällig nur, keine Stele, keine Gedenktafel erinnert heute in der Wilhelmstraße in Berlin an diesen, v. a. für die Entwicklung Afrikas und für das, was heute als Verhältnis von 1. und 3.Welt bezeichnet wird, weltgeschichtlich bedeutenden Ort. 1884 gab sich der europäische Imperialismus auf dem diplomatischen Parkett im Reichskanzlerpalais in Berlin menschlich:

Alle Mächte, welche in den gedachten Gebieten Souveränitätsrechte oder einen Einfluß ausüben, verpflichten sich, die Erhaltung der eingeborenen Bevölkerung und die Verbesserung ihrer sittlichen und materiellen Lebenslage zu überwachen und an der Unterdrückung der Sklaverei und insbesondere des Negerhandels mitzuwirken. Sie werden... alle ...Einrichtungen und Unternehmungen schützen und begünstigen, welche ... dahin zielen, die Eingeborenen zu unterrichten und ihnen die Vorthelie der Civilisation verständlich und wert zu machen.

Heißt es im Artikel 6 des 1. Kapitels über die Handelsfreiheit in der Generalakte der Berliner Konferenz von 1884 - heuchlerisch, wie sich bald herausstellte.

Ein 'patriotisches Hörbild' - 'Kampf mit den Hereros' 20 Jahre später. Die Niederschlagung des Herero-Aufstandes zwischen 1904 und 1907 in Deutsch-Südwest kostete nach jüngsten Forschungen zwischen 35-80% der ca. 40.000-100.000 Herero und die Hälfte der etwa 22.000 Nama das Leben.

Ein Jahr nach dem Beginn des Massakers an den Herero wurden beim Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika nach deutschen Schätzungen 75.000, nach Angaben des afrikanischen Historikers Gwassa 250.000-300.000 Afrikaner von deutschen Kolonialtruppen umgebracht. Zwar war's mit dem deutschen Kolonialreich mit dem Ende des 1. Weltkriegs vorbei, aber die Kontinuitäten und Folgen des Kolonialismus, auch in seiner deutschen Ausprägung waren und sind nachhaltig.

Erst einmal führte die Berliner Konferenz zum Tod vieler Afrikaner, wie der Herero und Nama ín Namibia, zweitens zerstörte die Berliner Konferenz die politischen Strukturen Afrikas und ersetzte sie durch ganz andere europäische und seitdem beruhen die Grenzen der afrikanischen Staaten auf den halb zufälligen Grenzziehungen, die sich aus der Berliner Konferenz ergaben; z. B. all die politischen Krisen, ob in Kamerun, im Tschad oder in Ostafrika haben auch damit zu tun, daß man sich nicht um gut definierte Grenzen bemühte. Man zog sie unüberlegt und eilig. Deshalb gibt es bis heute Kriege.

Christopher Nsoh kommt aus Kamerun. Dort, so sagt er, verbindet man mit der einstigen deutschen Kolonialherrschaft noch heute 'körperliche Strafen', demütigende Peitschenhiebe und Stockschläge. Als ein auf Völkerrecht spezialisierter Jurist weiß er natürlich von der 'Berliner Konferenz' von 1884, und er hat eine aktuelle Antwort darauf zusammen mit verschiedenen migrationspolitischen Gruppen organisiert: die 'Anticolonial Africa Conference' Mitte November in Berlin.

Wissen Sie, angesichts all dessen, was so passiert, wie Afrikaner in Deutschland und Europa normalerweise behandelt werden, wie viele Leute über Afrika denken, die nur Krankheiten und Armut in Afrika sehen, so als sei das unsere Bestimmung, all das hat uns dazu gebracht, diese Konferenz gegen den Kolonialismus zu machen, damit die Leute verstehen lernen, wo all diese Probleme herkommen. Afrikaner sind nicht so minderwertig, wie die Europäer behaupten. Damit begründen sie ja auch ihren Kolonialismus.

"Jede Kolonisierung ist eine Verbrechen gegen die Menschheit" ist die Auftaktveranstaltung zum Gedenken der Opfer der deutschen Kolonialkriege in Afrika, Asien und Ozeanien überschrieben. Vielerorts beginnt man sich in den letzten Jahren in Berlin wieder der Vergangenheit der Stadt als Kolonialmetropole zu erinnern; so auch im Haus der Kulturen der Welt mit einer Veranstaltungsreihe 'Black Atlantic' in diesem Herbst. 'Black Atlantic' ist die jüngste Antwort auf die Berliner Konferenz und auf den fortdauernden Kolonialismus und Rassismus im Zeitalter globalisierter weißer Hegemonie.

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