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19.11.2004
Bestatter
Geschichte eines Berufs
Von Stefanie Pütz

Übermorgen ist Totensonntag. Seit einem Erlass des preußischen Königs Wilhelm III. aus dem Jahr 1816 wird am letzten Sonntag des Kirchenjahres dieser Toten-Gedenktag begangen. Gräber werden besonders geschmückt, viele Menschen besuchen die Friedhöfe, auf denen Freunde oder Verwandte begraben sind. Auch wenn sich die Gesetzgebung inzwischen ändert, ist der Friedhof nach wie vor die Ruhestätte der Verstorbenen. Und das Begräbnis wird in der Regel von einem Bestattungsunternehmen organisiert. Das war früher, vor der Industrialisierung, noch nicht so. Begräbnisse wurden innerhalb der Familie oder der dörflichen Gemeinschaft organisiert.

Margit: Plötzlich steht man halt in so einer Sarghalle und muss den Sarg für die eigene Mutter aussuchen, und dann war der Bestattungsunternehmer eben auch dabei, und der gibt einem dann noch Ratschläge und preist den besonders an, und er war einfach wie ein Verkäufer, der halt seine Ware da darbietet.

Kurt: Sie werden jetzt vielleicht staunen, aber ich habe schon mal so aus Jux gesagt, wenn es mal so weit ist, tiefgefrieren, vier Griffe ranschrauben, und dann müssen die schnell laufen und dann weg. Ich finde das ein Unding, was an dieser Sache in der Branche verdient wird. Die haben da Spannen, Verdienstspannen, die liegen dort drin in Bereichen, wie man das den Apotheken nachsagt.

Bestatter verdienen Geld am Tod anderer Menschen. Das macht sie heute bei vielen unbeliebt. In früheren Zeiten hatten Beerdigungsunternehmer weniger Akzeptanzprobleme. Man nahm ihnen ihr Geschäft nicht übel, und entsprechend unbefangen präsentierten sie ihre Waren und Leistungen der Öffentlichkeit. Im Jahre 1919 klang die Zeitungsanzeige eines Bestatters zum Beispiel so:

Dortmunder Beerdigungsinstitut [...] Bau- und Möbelschreinerei. Anfertigung und großes Lager von Holz- und Metallsärgen. Versand- und Verbrennungssärge. Sargversand auch nach auswärts. Leichenwäsche in großer Auswahl. Uebernahme sämtlicher Beerdigungsangelegenheiten unter eigener Führung. Aufbahrung kostenlos.

Hänel: Bestatter haben sich sehr stark wirtschaftlich definiert, als Kaufleute, als Verkäufer, als Sargverkäufer, und haben ganz entsprechend auch Werbung gemacht. Das heißt, ganzseitige Zeitungsanzeigen mit Riesenbildern von Särgen, von Aufbahrungen sonst wie, also für unser Verständnis ein bisschen makaber, aber auf der anderen Seite auch total eindrucksvoll irgendwo, was die da alles angeboten haben. Und das ist total gekippt in den fünfziger Jahren. Und ich denke, das hat etwas damit zu tun, dass die beiden Weltkriege halt eine sehr traumatische Erfahrung für die gesamte Gesellschaft gewesen sind, der Umgang mit dem Tod sich ganz rapide verändert hat durch diese Erlebnisse, und die Bestatter einfach darauf reagiert haben.

Die Bonner Volkskundlerin Dagmar Hänel hat die Geschichte und Gegenwart des Bestatterberufes untersucht - ein Beruf, der noch nicht einmal zweihundert Jahre alt ist. Offiziell existiert er seit Einführung der Gewerbefreiheit, beginnend in Preußen im Jahre 1810. Eines der ersten Bestattungsinstitute wurde 1825 in Berlin gegründet. Doch es dauerte noch einige Jahrzehnte, bis sich das professionelle Bestatterwesen flächendeckend durchsetzte. Zunächst hielten die Menschen an den alten Traditionen fest. Das heißt, die Beerdigung eines Menschen oblag seiner Familie, die sich je nach Bedarf von weiteren Personengruppen unterstützen ließ: Die so genannte Lichtmutter oder die Gemeindeschwester versorgte den Leichnam, der Schreiner fertigte den Sarg, der Totengräber hob die Grabstelle aus. In ländlichen Gebieten kam den Nachbarn eine zentrale Bedeutung zu. So verpflichtete etwa eine Ordnung von 1818 die Marktnachbarschaft Bocholt, dass sie sich untereinander Beistand leiste

bei allen Gefällen, in Specie bey Geburthen, Sterbefällen, auch sonstigen aufstoßenden Unglücken und beerdigt die Verstorbenen.

Im einzelnen bedeutete dies: Die Nachbarn mussten den Todesfall bekannt geben, den Verstorbenen kleiden, in den Sarg legen, den Sarg zum Kirchhof tragen und die Glocken läuten. Dafür bezahlten die Angehörigen ihnen eine Gebühr, und zwar entweder in Geld oder in Bier.

Im Zuge der Industrialisierung vergrößerten sich die Städte, und gewachsene Gemeinschaften lösten sich immer weiter auf. Der aufkommende Hygienediskurs im Bürgertum führte dazu, dass viele Friedhöfe aus dem Bereich der Kirche heraus an die Stadtränder verlegt wurden. Gleichzeitig übernahm der Staat die Verantwortung für das Bestattungswesen und stellte neue Regelungen auf. Jeder Verstorbene musste nun von einem Arzt auf den Eintritt des Todes und die Todesursache hin untersucht werden. Außerdem wurde es wegen der vermuteten Infektionsgefahr Pflicht, die Toten in Leichenhäusern aufzubewahren. Da viele Gemeinden die traditionellen Leichenzüge verboten, wurden immer häufiger Fuhrunternehmer in Anspruch genommen. Angesichts dieses Organisationsaufwands wünschten sich viele Hinterbliebene eine zentrale Abwicklung aller Bestattungsangelegenheiten. So etablierten sich ab etwa 1870 zahlreiche professionelle Bestattungsinstitute. Ihre Gründer waren zum Teil Fuhrunternehmer, die den Leichentransport zuvor nebenberuflich betrieben hatten.

Hänel: Eine zweite traditionelle Ausbildung ist eine Ausbildung zum Schreiner, weil eigentlich bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts war es ja auch so, dass zum Teil Schreiner die Särge gefertigt haben, und im Grunde automatisch dieser Beruf ja prädestiniert war sozusagen, dann den Sprung zum Bestattungsunternehmen zu machen, es ist auch sehr häufig gemacht worden. Aber prinzipiell kann jeder Bestatter werden, man besorgt sich einen Gewerbeschein und meldet dieses Gewerbe an und ist dann Bestatter.

Wer Bestattungen durchführen kann oder soll, ist seit Herausbildung des Gewerbes stark umstritten. Am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts bekam der noch junge Berufsstand Konkurrenz von lokalen Feuerbestattungsvereinen. Deren Mitglieder waren vor allem sozialistisch und sozialdemokratisch orientierte Arbeiter, die in der Vorsorge für die preiswertere Einäscherung auch eine Möglichkeit sahen, ihrer politischen Haltung Ausdruck zu verleihen. Zudem förderten sozialistische Stadtverwaltungen massiv die Kommunalisierung des Bestattungswesens. Sie zählten die Bestattung zur Grundversorgung der Bevölkerung und richteten eigene Bestattungsämter ein. Um ihre Interessen besser vertreten zu können, schlossen sich die gewerblichen Bestatter im Jahre 1908 zu einer Standesorganisation zusammen.

Was wir wollen! Der Verband der Sargtischlermeister und Inhaber von Bestattungs-Instituten im Deutschen Reiche will [...] das Standesbewußtsein heben und die Kollegen [...] zur Förderung aller gemeinsamer Interessen vereinigen. Der Verband bekämpft Bestrebungen, welche auf die Beschränkung des freien Gewerbebetriebes hinauslaufen, d.h. die Verstadtlichung des Bestattungswesens durch die Synoden und Stadtverwaltungen. Der Verband bekämpft das organisierte Anreissertum und die Schmutzkonkurrenz. Der Verband will durch Aufstellung von Minimal-Verkaufstarifen den Kollegen wieder einen angemessenen Verdienst verschaffen.

Während des Ersten Weltkriegs setzte der Verband durch, dass das Bestattungswesen als kriegswichtiges Gewerbe definiert wurde und sicherte somit die weitere Existenzgrundlage der Bestatter. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete sich in der Bundesrepublik mit Unterstützung der britischen Besatzer schnell ein neuer Fachverband des Bestattungsgewerbes. In seiner Selbstdarstellung schlug er einen völlig anderen Ton an als seine Vorgängerorganisation. Wirtschaftliche Interessen wurden der Öffentlichkeit gegenüber nicht mehr thematisiert. Stattdessen stellte der Verband sein Bestreben in den Vordergrund, Qualitätsstandards zu setzen und das Bestattergewerbe durch eine eigene Berufsordnung nach dem Vorbild des Handwerks aufzuwerten. Auf politischer Ebene ließ sich dieses Ansinnen allerdings nicht durchsetzen. Deshalb führte der Verband 1951 ein internes Fachzeichen als eine Art Gütesiegel ein, nach eigener Auskunft "zum Schutze der Allgemeinheit".

Das Verbands-Fachzeichen kennzeichnet den Inhaber: 1. als frei von Machenschaften in der Geschäftsführung, insbesondere der Werbung, die gegen Anstand und gute Sitten verstoßen, 2. als in der Kalkulation und Preisauszeichnung verantwortungsbewusst, 3. als charakterlich geeignet, eine Geschäftsführung zu gewährleisten, bei der die Bevölkerung das Vertrauen und die Gewißheit hat, fachmännisch und reell bedient zu werden.

Als weiteres Mittel der Qualitätssicherung etablierte der Verband 1957 eine freiwillige Prüfung, deren Absolventen den bis heute üblichen Titel "fachgeprüfter Bestatter" tragen. Doch diese beiden Auszeichnungen führten nur bedingt zu einer Steigerung ihres Ansehens in der Bevölkerung. Nach dem traumatischen Erlebnis des Zweiten Weltkriegs hatten Bestatter ein grundsätzliches Problem, ihre Arbeit zu legitimieren. Sie reagierten darauf mit einer starken Zurückhaltung in der Öffentlichkeit und verzichteten weitgehend auf Werbung. Erst seit den 1980er Jahren treten sie wieder selbstbewusster in Erscheinung. Zu dieser Zeit vollzog sich ein deutlicher Wandel in ihrem Selbstverständnis. Angeregt von wissenschaftlichen Theorien zum Trauerprozess weiteten viele Bestatter ihre Tätigkeit auf den Bereich der Lebenden aus.

Hänel: Ihre wichtigste Aufgabe sehen Bestatter selber darin, den Angehörigen zu helfen. Auch wirklich auf so einer ja quasi schon emotionalen Ebene, das ist ja auch im Grunde alles ganz komprimiert, in kurzer Zeit müssen ganz viele Dinge erledigt werden, dann muss das Grab organisiert werden und der Sarg ausgesucht und dann müssen mit Versicherungen irgendwelche Sachen gemacht werden, das kann man eigentlich überhaupt nicht absehen, wenn man sich vorher nicht damit beschäftigt. Und da geben die Bestatter eine ganz wichtige Hilfe, und in dieser Hilfefunktion definieren sie eigentlich auch den Sinn ihres Berufs. Sie bieten eine Dienstleistung, eine Rundumdienstleistung, die den Trauernden helfen soll, in der ersten Zeit nach dem Trauerfall halt im Grunde klar zu kommen, über diese Krise dann hinweg zu kommen.

Die Angebote reichen von individuell gestalteten Trauerfeiern über Selbsthilfegruppen bis hin zum Trauerchat im Internet. Auch die alte Tradition, Verstorbene aufzubahren, wird von einigen Bestattern als sinnvoll für den Trauerprozess erachtet. Kritiker werfen den Bestattern freilich vor, mit den zusätzlichen Leistungen nur ihren Umsatz steigern zu wollen.

Das Gewerbe hat sich auf jeden Fall von seinen Anfängen weit entfernt, als vor allem Fuhrleute und Schreiner Bestatter wurden. Mittlerweile sind - neben gelernten Schreinern - auch Theologen und Psychologen als Bestatter tätig, oder Erben von Bestattungsunternehmen mit kaufmännischem Hintergrund. Hinzu kommen Quereinsteiger, oftmals Frauen, die einen Bestatter geheiratet haben. Nach über fünfzigjährigem Ringen um eine Berufsordnung wurde im Jahr 2003 endlich die Lücke der Erstausbildung geschlossen, wie der Bundesverband stolz vermeldete:

Mit der neuen Ausbildungsordnung zur Bestattungsfachkraft ist im Bestattungsgewerbe eine neue Zeitrechnung angebrochen. Mit der zum 1.8.2003 in Kraft getretenen Verordnung haben die Bestattungsunternehmen in Deutschland erstmals eine eigenständige, qualitativ hochwertige, moderne und den gesamten Tätigkeitsbereich des Bestatters umfassende Ausbildungsordnung erhalten. Diese Verordnung steht am Ende einer Entwicklung, die durch das Bestreben gekennzeichnet war, den Berufsnachwuchs gezielt zu fördern und 'Qualität' als oberste Maxime in der Aus- und Fortbildung des Bestattungsgewerbes zu definieren.


Dazu gehören laut Ausbildungsplan unter anderem Kenntnisse im Umweltschutz sowie der Umgang mit Kommunikationstechniken. Die Versorgung von Verstorbenen und das Durchführen von Bestattungen steht an zwölfter Stelle und wird erst im dritten Lehrjahr behandelt. Vermutlich will man jungen Bewerbern den Einstieg in den Beruf erleichtern. Angehende Bestatter müssen sich allerdings auf einiges gefasst machen, denn die Vorbehalte in der Bevölkerung werden heute offener artikuliert als früher.

Kurt: Ich finde das ganze Drumherum bei dem Bestattungsgewerbe so unehrlich. Also wir haben das ja nun erlebt mit den Eltern, wenn es dann immer hieß, na ja, nehmen Sie mal ein teureres Hemd mit Rüschen, na dem lieben Verstorbenen noch was Gutes zukommen lassen, und das ist auch ein guter Sarg, ich weiß nicht, wie lange der da überhaupt in der Erde war, ein Jahr, dann brach das schon ein dort, also da wird so geschummelt, das muss nicht sein.

Literatur:
Dagmar Hänel:

Bestatter im 20. Jahrhundert. Zur kulturellen Bedeutung eines tabuisierten Berufes
Waxmann Verlag, Münster / New York / Berlin / München 2003
400 Seiten, 29,90 Euro, ISBN 3-8309-1281-1

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