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17.11.2004
Werk einer poetischen Promenadenmischung
Joachim Ringelnatz zum 70. Todestag
Von Holmar Attila Mück

Joachim Ringelnatz: Im Park

Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
Still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
Morgens wieder vorbei,
Und da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise - ich atmete kaum -
Gegen den Wind an den Baum,
Und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips,
Und da war es aus Gips.


In dem Abteil 2. Klasse des Zuges Zürich-München-Berlin sitzt nur ein Herr. Nein, er kauert auf seinem Platz am Fenster, hustet wieder und wieder und blickt auf die vorübereilende Landschaft. Plötzlich wird ihm gewahr, dass er sein Spiegelbild betrachtet Was ist das für ein Gesicht? Kopf eines Vogels, krumm die Nase, die Augen liegen tiefer als sonst …und eingefallen sind die Wangen … diese Wind gegerbte Maske schwebt wie ein Geist über eine milde Weite ...

Vor ihm liegt ein Bogen Papier. Auf ihm steht nur die Anrede: Muschelkalk, meine Liebe! Das Datum fehlt …es könnte der 3. oder 4. März 1934 sein. Einerlei. Aber schreiben wollte er von dem Erfolg in Basel und Zürich, von den vollen Häusern, dem großen Applaus … alles, so wie es früher war … Nein, man hatte ihn nicht vergessen, und er war in Form, die Pointen saßen. Ach, das war wie ein Galadiner …ein Rausch …

Stimme: Passkontrolle!

Ringelnatz: Bitte? Ja … Moment!

Stimme: Hans Bötticher?

Ringelnatz: Leibhaftig!

Stimme: Geboren?

Ringelnatz: Ja wohl! Ich meine … sozusagen am 7. August 1883 zu Wurzen/ Leipzig!

Stimme: Komiker, was?

Ringelnatz: Korrekt, mein Herr! Aber auch Maler, reisender Artist, Archivar … Fremdenführer, Schaufensterdekorateur … und … ach ja, Leutnant der Reserve! Marine!

Stimme: Verzeihung, Herr Leutnant! Reiseziel München?

Ringelnatz: Berlin-Charlottenburg ! Sachsenplatz! Visitation des Reisegepäcks nötig?

Stimme: Nicht nötig! Herr Leutnant werden wohl nichts Verdächtiges einzuführen haben.

Ringelnatz: Was ist denn, pardon, heute verdächtig?

Stimme: Bitte, die Papiere. Gute Weiterreise in die Reichshauptstadt!

Herr Bötticher wirft einen Blick auf das weiße Papier: "Muschelkalk, meine Liebe!" Vor dem Fenster patrouillieren Soldaten mit Hunden … zwei neue deutsche Fahnen mit dem zerbrochenen Kreuz flattern am Bahnwärterhäuschen …

Acht, neun Sunden - und er wird wieder in Berlin sein, bei den Farben, den Leinwänden, der Mandoline …und "Muschelkalk". Vielleicht, denkt er, traut sich der Rowohlt doch noch einen Band mit Gedichten herauszugeben …

Ringelnatz: Sehnsucht nach Berlin

"Berlin wird immer mehr Berlin.
Humorgemüt ins Große.
Das wär´ mein Wunsch: Es anzuziehn
Wie eine schöne Hose …."


Vielleicht ist das alles, die Sache mit dem Hitler, nur ein Spuk, ein böser Traum?

Nein, der 10. Mai im letzten Jahr, das Verbrennen der Bücher, seiner Bücher - das war kein Traum …das war der Anfang von etwas Bösem …

Ringelnatz: Wie hätte der Kontrolleur reagiert, wüsste er davon: Ich übergebe den Flammen die Bücher von Joachim Ringelnatz ! München?

Schon ein Jahr hat er dort Auftrittsverbot! 1909 stand er in der Künstlerkneipe "Simplicissimus" als Hans Bötticher zum ersten Mal auf der Bühne, wurde zum "Hausdichter" befördert und hatte nebenan seinen schlecht gehenden Tabakladen.1930 verließ er die Stadt endgültig in Richtung Berlin als "Joachim Ringelnatz" - und war berühmt. Alles perdu! Wozu also aussteigen? Und da sind wieder die Bilder von Zürich und Basel, die Bühnen vom "Gambrinus" und dem "Hirschen", der letzte Abend. Warum er denn nicht bliebe? Ja warum …warum …? Es sind wohl die "Deutschen Sommernächte", die Wälder, die heilige Sprache. Der Mensch hängt immer an was… und manchmal sich auf.

Ringelnatz: Der Briefmark

Ein männlicher Briefmark erlebte
Was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm erweckt.


Er wollte sie wiederküssen,
Da hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens.
Das ist die Tragik seines Lebens!


Ging es ihm nicht auch immer so wie dem " traurigen Briefmark"? War nicht auch er immer unterwegs? Ja, das ist wohl wahr; aber er fand das andere, das ihn liebende, rettende Herz:

Ringelnatz: "Muschelkalk, meine Liebe!" Wenn der Zug über Leipzig fährt, dann könnte man vielleicht Station machen … zu den Gräbern der Eltern gehen …

Er hatte den Vater enttäuscht. Er ist ein unordentlicher, liederlicher Mensch geworden, eine verbummelte Gestalt. Ein Jongleur der Gefühle, ein Hasardeur, ein verträumter Vagabund, ein heimatloser Landstreicher, der aus den Geschichten, Schicksalen, die er überall auf der Welt sah und erlebte Kapital zu schlagen versuchte. Seine spindeldürre Figur war zudem die unversiegbare Quelle gröbsten Unfugs, Nonsens, grotesker Eskapaden und Schnurren.
Aber man schrieb schon in München über den torkelnden Dichter im schlotternden Matrosenanzug:

Er hat nicht nur neue Stoffe in die deutsche Dichtung eingebracht, sondern auch die Sprache mit Neuschöpfungen köstlich-bizarrster Klänge bereichert. Oder hat jemand vor ihm schon: Das Leid eines einsamen Briefmarks, die Übungen deutscher Turner rhythmisch besungen? Die Alltagssprache zog in die Lyrik ein: alles gibt sich einfach, kauzig, unbeholfen, spielerisch, verwegen, albern, grotesk, schief - kurz genial, weil auf den Punkt gebracht. Der Mann ist der größte Lachanfall des Zeitgeistes!

Ob nun "genialster Lachanfall des Zeitgeistes", ein "sächsischer Eulenspiegel", "Wurzner Don Quichotte" oder wie Paul Claudel sagt: Schöpfer "von Versen von goethischer Größe", auf jeden Fall aber war er das Sorgenkind von Vater Georg Bötticher - gutsituierter Tapeten-Designer und Jugendschriftsteller mit regionalem Ruhm. Und dieser Hans, sein Jüngster, ließ an sich nie herum biegen.

Ringelnatz: Ja, zugegeben: Irgendwie "war ich schief ins Leben gebaut!"

Die pädagogische Prognose: Bürgerschreck! Doch der geduldige Vater versucht es noch einmal mit einer Privatschule.

Nein, an Mühen und gutem Willen hat´s wohl nicht gemangelt. Seine Biographen haben sie gezählt, die wirklich ernst gemeinten Anläufe, dem Leben die Stirn zu bieten, irgendwie unbeschädigt durchzukommen. Man kam auf fast vierzig Berufe!

Ringelnatz: Was war das eben für ein Ortsschild? Schongau oder Starnberg? Es riecht schon nach München.

Seine "Simpl- Kollegen" Frank Wedekind und Erich Mühsam, die Freunde Ludwig Thoma, Roda Roda, Bruno Frank, Max Dauthendey und die Emmy Hennings wären nach einem Vortrag seiner Startversuche in ein bürgerliches Leben fast an ihren Weißwürsten erstickt:

Ringelnatz, der Schlangenbeschwörer, Postgehilfe, Hausmeister, Archivar beim Grafen von Wartenburg, Katalogisator der Bibliothek des Philosophen Wilhelm Dilthey, Straßenmusikant, Kammerherr beim Freiherrn von Münchhausen und und !

Dann die Landung im "Simpl." Er war gerade 25 - aber schleppte schon einen prallen Seesack voller Leben und Abenteuer mit sich herum. Vier Jahre lang hatte er auf den übelsten Seelenverkäufern den Globus umschippert, sah mehr als 20 Länder, versackte in Hafenkneipen und Bordellen, wurde verprügelt und beklaut, desertierte, wurde wieder eingefangen. Hatte fast nie Geld und immer Hunger. Seine Lektion "Schattenseiten des Lebens" hatte er gründlich gelernt; er wusste, wovon er sang und worüber er schrieb.

Mit 18 heuerte er in Hamburg auf dem Schoner "Elli" als Schiffsjunge an. Seine Erinnerungen sind kein Hymnus auf die Seemanns-Romantik.
Sie erscheinen 1911 in dem Buch "Was ein Schiffsjungen-Tagebuch erzählt". Es sind die Jahre, in denen sein Freund, der kauzige Seemann Kuddel Daddeldu in ihm heranwächst. 1920, der Krieg, in den er mit vor "Begeisterung geschwollener Brust" zog, ist längst aus und er Marine-Leutnant a. D., lässt er ihn das Licht der Welt erblicken. Da hieß er schon "Ringelnatz". Die Seeleute sollen so das Glück bringende Seepferdchen nennen.

Ringelnatz

Wie Daddeldu so durch die Welten schifft,
Geschieht es wohl, dass er hie und da
Eins oder das andre von seinen Kindern trifft,
Die grüßten dann den Europapa:
Gud mornig! Sdrastwuide! - Bon Jur,
Daddeldü!
Bon tscherno! Ok phosphor! Tsching -tscheng!
Bablabü!"
Und Daddeldü dankt erstaunt und gerührt
Und senkt die Hand in die Hosentasche
Und schenkt ihnen, was er so bei sich führt.


Aber Ringelnatz soll die Erfahrung machen: Das Leben an Land ist weitaus lebensgefährlicher!

Das wohl Beste, was diesem schüchternen, spröden, überzarten und neben Peter Hille vielleicht liebenswürdigsten und uneigennützigsten Poeten, von dem Erich Kästner sagte, "dass das Banalste und Niedrigste durch ihn zum Wunder wird", passieren konnte, war seine Frau "Muschelkalk " und Berlin.

Der Zug nähert sich Berlin. Schornsteine picken in die Wolken. Der Zug hält an. Ein Herr steigt zu in einer Uniform wie Elefantendresseure sie tragen und reißt den Arm grüßend in die Luft.

Ringelnatz: War das schon Berlin-Wannsee? Man sollte dem armen Kleist mal wieder eine Blume bringen. Die Tage waren zu allen Zeiten lausig. Pistolen sollte man verbieten. Zumal den Dichtern. Da ruht er nun neben seinem Henriettchen …Und mir tut´s auch schon weh in der Brust … "Muschelkalk, meine Liebe".

Das Blatt ist weiß geblieben.

Ringelnatz: Mein schreibt ja wohl auch in Zügen keine Testamente und Werkverzeichnisse - oder? Wozu gibt es Biographen, die so gern an fremdem Nektar naschen und gerne mit am Sockel kleben.

Die Sprache und die Malerei, Klang und Farbton. Zwischen diesen Polen bewegte er sich zeitlebens wie ein Seiltänzer. Ungemein fleißig um Perfektion ringend.

Dass man beides dann als "entartet" klassifizierte, berührte ihn nicht. Vielleicht war dieses so uneitle Genie nur hier - das einzige Mal! - stolz, neben Dix, Grosz, Feininger, Barlach, Stefan Zweig, Hesse, Tucholsky, Kästner und …und stehen zu dürfen. Hätte man ihm eine größere Ehre erweisen können?

Vor seinem Fenster entlauben sich die Bäume, "Muschelkalk" schiebt Kohlen in den Ofen. Ringelnatz sitzt vor seiner Staffelei; das Auge des "Dichters des Großen im Kleinen und Kleinsten, des beseelten Alltags, des Ewigkeitsglanzes auf den Scherben unserer irdischen Tage" blickte reglos auf die wartende Leinwand.

"Muschelkalk" hat ihn aus dem Sanatorium nach Hause geholt. Mit den Spenden der Freunde hätte man es noch ein gutes halbes Jahr geschafft, aber die Tuberkulose stand als Sieger fest.

Am 20. November 1934, drei Tage nach seinem Tod - begleiten auf dem Waldfriedhof an der Heerstrasse nur neun Menschen seinen kleinen Sarg. Freunde: Asta Nielsen, Paul Wegener, Ernst Rowohlt … Wo aber war die gewaltige Masse seiner Leser- und Verehrergemeinde? Man wagte keinen Abschiedsgruß!

Ringelnatz: So sind die Zeiten, so sind die Menschen. Man ändert über die Jahrhunderte die Mode, die Garderobe, aber was da drinnen steckt, bleibt unverbesserlich….
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