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22.11.2004
Pantoffelkino
Deutsches Fernsehen in Ost und West

"Tatort" im Fernsehen (Bild: dradio.de)
"Tatort" im Fernsehen (Bild: dradio.de)
Fernsehen bestimmt heute beträchtliche Teile unseres Alltags. Ein Leben ohne Fernsehen können sich viele gar nicht mehr vorstellen. Vor 50 Jahren war es umgekehrt: nur wenige hatten einen Fernseher, und das Programm (es gab ja nur eines!) war noch nicht sehr umfangreich. Aber - das Fernsehen erlebte vor 50 Jahren den ersten großen Aufschwung. Die Fußballweltmeisterschaft 1954 hatte vielen im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen geführt, wie reizvoll es ist, eine "Flimmerkiste" zu haben. Hinzu kam, dass sich in Westdeutschland im Zuge des Wirtschaftswunders immer mehr Menschen einen Fernseher leisten konnten.

Jetzt sitzt man in aller Ruhe vor Frau Haskas Fernsehtruhe und kann Kunz und Weltgeschehen einwandfrei im Bildschirm sehen.

Das Fernsehen fasziniert: Zeit und Raum scheinen aufgehoben. Es ist eine Sensation, zu Hause im Sessel zu sitzen und dennoch an Ereignissen teilnehmen zu können, die zur gleichen Zeit an einem weit entfernten Ort stattfinden. 1953 schreibt die Süddeutsche Zeitung:

Die Linsen der Kameras sehen für 100.000 Augenpaare, die sich gleichsam vom Körper loslösen und wie die Augen des Fabeltieres den Raum nach Schaubarem abtasten. Das hat heute noch etwas Gespenstisches. Dennoch wird das Fernsehen in wenigen Jahren so selbstverständlich sein wie Rundfunk und Film.

Eine Spitzenleistung ist der Telefunken Fernseher 'Terzola', kombiniert mit Telefunken Rundfunk-Empfänger und Plattenwechsler.

Wie sah es damals aus vor zwölf Jahren? Wir krochen aus den Trümmern raus, die einstmals unsere Häuser waren. Die ersten Jahre waren schwer, voll Not und voll Entbehrung. Wir hungerten und froren sehr. Dann gab's ne neue Währung. Nun fing der Wiederaufbau an, erst langsam und dann schneller. Es packte jeder frisch mit an, allmählich wird es heller. Gewiss, wir dürfen noch nicht ruhn, es muss noch viel geschehn. Oh ja, es bleibt noch viel zu tun, bis alle Häuser stehen.

Das Lebensgefühl der Deutschen in Ost und West zu Beginn der 50er Jahre ist paradox: Die Menschen sind mit dem Wiederaufbau beschäftigt - also vor allem mit sich selbst. Doch das Bedürfnis nach Rückzug kollidiert mit der Notwendigkeit, sich nach der Befreiung wieder der Welt zu öffnen, von der sich die Deutschen durch Krieg und Nationalsozialismus völlig isoliert haben. Wie maßgeschneidert passt in diese Lage das Versprechen, mit dem die ersten Nachkriegs-Fernseher um Kunden werben:

Die Welt in Deinem Heim!

Fernsehexperimente gibt es bereits seit Ende der zwanziger Jahre. Im Dritten Reich werden sie mit Verve weitergeführt, verspricht dieses neue Medium doch ungeahnte propagandistische Möglichkeiten. Noch steckt die Technik in den Kinderschuhen, und der Zweite Weltkrieg setzt der Weiterentwicklung ein vorläufiges Ende. Nach 1945 untersagen die Alliierten den Deutschen zunächst jede Beschäftigung mit dem Fernsehen - wegen ihrer Nähe zur Radartechnik. Mit Aufhebung der Verbote fallen in beiden deutschen Staaten die Startschüsse.

In der Bundesrepublik beginnt Ende 1950 in einem Hochbunker auf dem Hamburger Heiligengeistfeld das Versuchsfernsehen; in der DDR arbeitet man im Fernsehzentrum Berlin-Adlershof auf Hochtouren an Probesendungen. Der Osten ist schneller: Am 21. Dezember 1952, es ist Stalins 73. Geburtstag, wendet sich um 20 Uhr eine hübsche junge Frau an das ostdeutsche Fernsehvolk:

Verehrte Fernsehfreunde! Das Staatliche Rundfunkkomitee, Fernsehzentrum Berlin, eröffnet sein offizielles Programm. Von heute ab wird Abend für Abend der Bildschirm Ihres Empfängers aufleuchten. Für zwei Stunden kommt das Leben unserer Republik, aber auch das Leben ferner Länder, über den Äther in Ihr Heim und in den Kulturraum Ihres Betriebes.

Als Ouvertüre trägt der Chefregisseur ein Goethe-Gedicht vor, der Intendant hält eine Ansprache, danach werden Stalin zu Ehren die Filme 'Für ewige Freundschaft' und 'Stalingrad' gezeigt, es folgt die erste 'Aktuelle Kamera', bei der ein Schauspieler zu ein paar Dias die Nachrichten spricht. Um 22 Uhr ist Sendeschluss. Das Premierenpublikum an den 57 im Raum Berlin aufgestellten Fernsehempfängern - Typ 'Leningrad T2' - besteht fast nur aus Regierungsvertretern. Ihre Erwartungen an das neue Medium sind groß. Denn, so steht es 1955 in einer Programmschrift des DDR-Fernsehens:

In der Deutschen Demokratischen Republik ist das Fernsehen ein bedeutendes Mittel der sozialistischen Bewusstseinsbildung. Es dient als politische Institution wie die Presse und der Rundfunk der Festigung der Arbeiter- und Bauernmacht und damit der Erhaltung des Friedens und der Schaffung eines einheitlichen demokratischen Vaterlandes.

Haufenweise Standfotos verdienter Bauern und Traktoristen, Filme wie 'Erbauer des besseren Morgen' oder 'Kampf gegen den Schweinerotlauf' - es liegt gewiss nicht nur am fehlenden eigenen Apparat, dass Fernsehen in der DDR anfangs fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Nur die Unerhaltungssendung 'Da lacht der Bär' lockt die Leute an die in den Kulturräumen aufgestellten Geräte. Erst in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre können sich DDR-Bürger einen eigenen Flimmerkasten leisten. 1959 besitzt bereits jeder sechste Haushalt einen Fernsehapparat. Die boomende Nachfrage führt sogar zu Wartezeiten. Bis zu einem Jahr kann es dauern, bis der Fernseher - Modell Rubens, Rembrandt oder Dürer - ins heimische Wohnzimmer einzieht.

RFT-Radiotelevision meldet: RFT-Fernsehgeräte - Mit gutem Bild Kontakt zur Welt.

Hier ist das deutsche Fernsehen mit Tagesschau und Wetterkarte.

Die Tagesschau ist dabei, als am Weihnachten 1952, wenige Tage später als in der DDR, die Westdeutschen ihr eigenes Fernsehprogramm bekommen. Pünktlich um 20 Uhr geht es los: Nach der Tagesschau gibt es ein paar warme Worte vom Intendanten, es folgt ein Film über Entstehung des Liedes 'Stille Nacht' und nach dem Tanzspiel 'Max und Moritz' verabschiedet die Ansagerin Irene Koss die Zuschauer in die Weihnachtsnacht mit dem Sinnspruch:

Eines nur ist Glück hienieden, eins: des Innern stiller Frieden.

Hörzu gehört in jedes Haus, man kennt sich dann im Rundfunk aus.
Was im Fernsehn heut passiert, in Hörzu ist's illustriert.


Nur die 'Hörzu' druckt unter der Rubrik 'Zauberspiegel' das Fernsehprogramm ab. Ansonsten boykottieren Zeitungsverleger und Filmwirtschaft den neuen Konkurrenten. Man wünscht sich nichts sehnlicher, als dass dieser ganze Fernsehspuk in ein, zwei Jahren vorbei sein möge. Nicht verstummen wollen anfangs Gerüchte über mysteriöse Vorfälle in Fernsehhaushalten. Ist es die TV-Röntgenstrahlung, die Zimmerpflanzen verwelken und Wellensittiche tot von der Stange fallen lässt? Andere befürchten geistig-moralische Schäden. Von Dauerberieselung und Fernsehsucht ist die Rede, von einer drohenden Verkümmerung des gesellschaftlichen Lebens. Wer soll noch in die Kneipe gehen, wenn zu Hause die Flimmerkiste lockt? fragen die besorgten Bierbrauer und fordern ein Gesetz, dass die Ausstrahlung des Fernsehprogramms auf zwei Abende in der Woche beschränkt. Doch schon bald können sie sich beruhigt zurücklehnen. Der Mann genießt sein Bier fortan daheim zur Tagesschau, die Frau garniert den Fernsehabend mit einem Gläschen Eierlikör.

Ach, sieh mal, den haben wir ja auch: Verpoorten Eierlikör
Ja, genau das Richtige für den gemütlichen Fernsehabend.


Ob als Zauberspiegel bewundert oder als Pantoffelkino belächelt, Fernsehen wird schnell zum beliebtesten Freizeitvergnügen der Bundesbürger. Anfangs stehen die meisten Apparate in Kneipen oder Elektroläden, an deren Schaufenstern sich die Menschen die Nase plattdrücken.

Das war die Fußball-WM in Bern. Tor für Ungarn. Es sah gar nicht nach einem deutschen Sieg aus. Die abgekämpften ...

Mit dem Gewinn der Fußball-WM von 1954 ist den Westdeutschen klar: Ein Fernseher muss her. Bis Ende der 50er Jahre zählen über drei Millionen Bundesbürger zu den glücklichen Besitzern einer Fernsehtruhe im Edelholzlook - Modell Lohengrin, Landgraf oder Jamaica. Statt zwei Stunden Sendezeit am Abend bieten die zur ARD zusammengefassten Landessender nun bereits fünf Stunden tägliches Programm an.

Das Fernsehen versetzt den Betrachter in den Zustand einer leichten Hypnose. Wunderbar befreit von den Sorgen und Anspannungen des Alltags versinkt der Betrachter in eine Welt des Traums.

Die Bundesbürger bekommen das Fernsehen zu einer Zeit, in der sie fest an das Wirtschaftswunder glauben und sich zwischen Nierentisch und Gummibaum nur eines wünschen: Die Welt möge heil sein. Nach einem langen Arbeitstag will man einfach die Tür hinter sich zumachen und den wachsenden Wohlstand genießen - in einer aufgeräumten Neubauwohnung, mit wohlerzogenen Kindern und einer treusorgenden Frau, die das Glück der Familie zusammenhält. Adolf Grimme, der erste Generaldirektor des NWDR, proklamiert 1953:

Das Fernsehen vermag den Menschen besser zu machen. Es ist sogar sein Soll, dass die Kraft von Bild und Wort das Gute wirke. Wenn dies neue Instrument sein Soll erfüllen will, dann muss es Freude schenken.

Und sich freuen, das heißt: Die Weltpolitik der weinseligen Journalistenrunde in Werner Höfers 'Frühschoppen' zu überlassen und sich von den Anstrengungen eines harten Arbeitstages entspannen bei Robert Lembkes heiterem Beruferaten, bei den 'Schölermanns', der ersten TV-Familienserie, bei den Quizsendungen 'Wer gegen wen?' oder '1:0 für Sie' mit Peter Frankenfeld und Hans Joachim Kulenkampff. Alles live, versteht sich. Und so kann auch nicht verhindert werden, dass 1959 ein Verstoß gegen die offizielle Sprachregelung die Nation in Wallung bringt, als Kulenkampff ...

... auch die lieben Fernsehfreunde in der DDR ...

... begrüßt. Schließlich hält die Wetterkarte der Tagesschau bis 1960 stoisch an Deutschland in den Grenzen von 1937 fest, und es gilt: Die Brüder und Schwestern von 'drüben' leben in der 'Ostzone'; für die Bundesrepublik gibt es keine 'DDR'.

Einen recht schönen Guten Abend, meine Damen und Herren, zur Aktuellen Kamera.

Die Aktuelle Kamera ist Teil des krampfhaften Bemühens der jungen DDR, den Staat nach innen und außen zu festigen. Ihr Rezept: Viel lautes Blech und Weihevolles zum Wohle der Partei:

Im Paradeschritt vor der Ehrentribüne Führer der Militärakademie Friedrich Engels, höchste Bildungsstätte der NVA, an der auch Waffenbrüder UdSSR, aus Polen und der CSSR studieren. Lenins Worte, dass eine Revolution nur dann etwas wert ist, wenn sie sich auch zu verteidigen weiß …

Ausgiebigst werden die Politbüro-Mitglieder gefeiert, Ernteschlachten triumphal geschlagen und Pläne übererfüllt. Immer dienstags holt sich der Intendant vom ZK-Sekretär für Agitation die neueste 'Argu' - die neuesten Sprachregelungen und Argumentationsanweisungen. Kein Wunder, dass die Zuschauer reihenweise zur Tagesschau fliehen.

Und im Bilde sein zu jeder Zeit, Neckermann macht's möglich. Und der technische Kundendienst von Neckermann übernimmt selbst die Montage der Fernsehantenne. Er schließt das Gerät an und sorgt stets für guten Empfang.

Auch im Osten werden die Antennen nach Westen ausgerichtet, Republikflucht via Fernsehen ist in der DDR ein Massensport. Der Himmel lässt sich nicht teilen, und der Kampf gegen die ungehindert einfallenden Westwellen wird bald aufgegeben. Zu stark sind die Sender, die die Bundesrepublik mit Vorliebe in deutsch-deutscher Grenznähe aufstellen lässt. 'ARD' steht in der DDR für 'Außer Region Dresden'. In diesem 'Tal der Ahnungslosen', leben die Menschen frei von den Anfechtungen des Klassenfeindes. Dankbar für jede Minute Westfernsehen haben hier Sendungen wie 'Telestudio West' oder, seit 1960, der 'Schwarze Kanal' die höchsten Quoten, die mit Ausschnitten aus dem Westprogramm das 'reaktionäre Adenauer-Deutschland' bloßstellen wollen. Doch die Mühe ist vertan.

Müllers sehen abends gern möglichst lang und möglichst fern. Die Familienharmonie blüht durchs Fernsehen wie noch nie. Doch das Bild wird noch viel milder durch den neuen Fernsehfilter
Ja, Pastella macht es plastisch und dazu noch bunt
Phantastisch!


Ob Ost oder West, die Deutschen lieben das trügerische Hochglanz-Bild, das das Fernsehen der fünfziger Jahre ihnen vom Leben westlich des Eisernen Vorhangs vermittelt. Nur wenigen stößt das Heile-Welt-Getue auf. 1953 telegrafiert Bundestagspräsident Hermann Ehlers an den Intendanten des Nordwestdeutschen Rundfunks:

Sah eben Fernsehprogramm. Bedaure, dass Technik uns kein Mittel gibt, darauf zu schießen.
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